Wir wollen nun einen kurzen Blick auf das Wachstum der Stadt werfen und werden daraus ersehen, daß wie fast alle deutschen Städte, die Zunahme der Bevölkerung in früheren Jahrhunderten sehr langsam vor sich ging, teils weil es damals weit schwieriger war, einen festen Wohnsitz in der Stadt zu erlangen, teils weil der Mauerring eine Vermehrung der Wohnungen erschwerte und die Vorstädte außerhalb der Mauern sich nur in bescheidener Weise ausdehnten, da die Bewohner in unruhigen Zeiten, in Kriegen stets des Verlustes ihrer Häuser gewärtig sein mußten. Das hatte sich von den Hussitenzeiten bis zum Siebenjährigen Kriege bestätigt gefunden. Erst als seit 1811 die Stadtmauern niedergelegt, die Wallgräben ausgefüllt wurden und Dresden aufhörte eine feste Stadt zu sein, trat allmählich eine raschere Zunahme der Bevölkerung ein. Doch unterscheidet sich das Wachstum nach 1860 wieder auffällig von der vorhergehenden Zeit. Zwischen 1860 und 1890 wuchs die Einwohnerzahl in je zehn Jahren um je 50000; auch 1890 ward die jährliche Zunahme noch bedeutender, wozu auch die immer noch andauernde Einverleibung der Vororte wesentlich beitrug.
Abb. 51. Der Zinsgroschen.
Gemälde von Tizian in der Dresdener Galerie. (Zu [Seite 49].)
Die Schulen Dresdens.
Im ganzen Mittelalter erreichte die Stadt noch nicht die Zahl von 10000 Bewohnern, für 1699, also in den ersten Regierungsjahren Augusts des Starken, wird sie auf 21000, 1727 auf 46000 und 1752 auf 63000 Einwohner angegeben. Damit sind wir am Ende der ruhigen Entwickelung des achtzehnten Jahrhunderts angelangt. Die verhängnisvollen Zeiten von 1756–1815 verminderten die Bevölkerung und erst 1834 konnte wieder ein sichtliches Wachstum auf 74000 Einwohner wahrgenommen werden. Im Jahre 1855 wurde die Zahl von 100000 überschritten und damit trat Dresden in die Zahl der Großstädte ein. 1861 zählte die Stadt 128000, 1871: 177000, 1880: 221000, 1890: 277000, 1900: 295000. Nach der Einverleibung der nächsten Vororte Strehlen, Striesen, Gruna und Pieschen folgten die Dörfer Räcknitz, Zschertnitz und Seidnitz links der Elbe und am 1. Januar 1903 Mickten, Übigau, Kaditz und Trachau rechts der Elbe, sowie Plauen, Löbtau, Cotta, Naußlitz und Wölfnitz auf dem linken Ufer. Dadurch hat die Stadtgemeinde von Dresden nahezu die Bevölkerung von einer halben Million Einwohner erreicht. Das Stadtgebiet umfaßt nunmehr einen Flächenraum von 6230,31 ha, also über 62 Quadratkilometer. Wenn aber neben der immer wachsenden Zahl der einheimischen Bevölkerung auch eine große Anzahl von Fremden zeitweilig ihren Wohnsitz in Dresden nimmt, so sind neben den Kunstsammlungen, die im achtzehnten Jahrhundert allein eine große Anziehungskraft ausübten, im neunzehnten Jahrhundert noch andere Gründe hinzugetreten. Zunächst die vorzüglichen Leistungen der Königlichen Theater, namentlich der Oper mit dem festbegründeten Ruf der Königlichen Kapelle unter der Leitung von Komponisten wie Reissiger, Weber ([Abb. 60]) und Wagner oder Dirigenten wie Rietz, Wüllner und Schuch. Dann aber ist Dresden auch durch seine Schulen berühmt. Wenn Herder die Stadt Dresden noch eine Schule der Artigkeit nannte, dann ist es im neunzehnten Jahrhundert auch für viele Fremde eine Schule der Bildung geworden. Die wissenschaftlichen Arbeiten werden wesentlich durch die schon von Kurfürst August im sechzehnten Jahrhundert begründete Bibliothek im Japanischen Palais ([Abb. 61]) gefördert, die über 400000 Bände zählt. Unter den Schulen sind in erster Reihe die drei Hochschulen zu nennen: die Technische Hochschule, die Kunstakademie und die Tierärztliche Hochschule, ferner vier Gymnasien, unter ihnen als ältestes die Kreuzschule ([Abb. 62]), zwei Realgymnasien, ein Reformgymnasium, zwei Schullehrerseminare, ein Lehrerinnenseminar, Kunstgewerbeschule, Taubstummen- und Blindenanstalt, zahlreiche gewerbliche Fachschulen, Baugewerkenschule sowie viele Bürger- und Volksschulen, außerdem aber noch mehrere private Realschulen, Mädchenschulen und Pensionate. Von diesen Bildungsanstalten verdient wegen ihrer Beziehung zur Pflege der bildenden Künste die Kunstgewerbeschule noch eine besondere Erwähnung. Diese Bildungsanstalt zweigte sich von dem Polytechnikum 1865 als Königliche Schule für Modellieren, Ornament- und Musterzeichnen ab. Einen Aufschwung nahm diese Schule erst 1875 als Königlich Sächsische Kunstgewerbeschule. Mit dieser Schule ist ein Kunstgewerbemuseum verbunden. Einzig in ihrer Art ist die Gehe-Stiftung durch unentgeltlichen Besuch ihrer Vorträge und Benutzung der reichhaltigen Bibliothek.
Endlich hat sich im neunzehnten Jahrhundert auch die Industrie in verschiedenen Zweigen mächtig entwickelt und in manchen Zweigen eine führende Rolle eingenommen. Weltberühmt sind die Drogen von Gehe & Cie., ferner Schokoladen, Nähmaschinen und Fahrräder, Mineralwässer, künstliche Blumen, photographische Apparate und Papiere, Lichtdrucke, Zigaretten, Gummiwaren, Hohlglas- und Steingutwaren und bedeutende Bierbrauereien; dazu kommen noch in den Vororten zahlreiche Kunst- und Handelsgärtnereien.
Abb. 52. Die Sixtinische Madonna.
Gemälde von Raffael in der Dresdener Galerie. (Zu [Seite 50].)
Industrie und Handel Dresdens.
Diesen blühenden und sehr mannigfachen Gewerben entsprechend, hat sich auch der Handel entwickelt, der wiederum durch zwei größere Banken, die Sächsische und Dresdener Bank und mehrere Privatbanken eine gewichtige Förderung findet.