Dürrkamnitz und Kamnitz.

Der erste Bach, der von der rechten Seite in die Elbe einmündet, ist der Dürrkamnitzbach, der zwar eine tiefe, wenig begangene Schlucht in die Ebenheiten gegen den Rosenberg eingerissen hat, aber doch, wie schon der Name andeutet, oft fast ganz versiegt, sodaß eine alte malerische Mühle aus Mangel an Wasserkraft eingehen mußte und endlich vollständig verfiel. Sie hatte in der Kunstgeschichte der Sächsischen Schweiz insofern eine gewisse Bedeutung, als L. Richter eine seiner frühesten selbständigen Radierungen nach diesem Vorwurfe gearbeitet hatte. Nahe dem Ausgange des Grundes nach der Elbe zu liegt noch ein einziges größeres Haus, ein altes Gasthaus, eine Schankwirtschaft unter den steilen Wänden ([Abb. 74]).

Abb. 72. Die Elbe bei Niedergrund.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu [Seite 77].)

Die Edmundsklamm.

Die Kamnitz entspringt nördlich von Hayda auf der Wasserscheide des vulkanischen Mittelgebirges. Der Unterlauf bildet ein enges, erst in der neuesten Zeit zum Teil gangbar gemachtes Felsental, einen amerikanischen Cañon, der zwischen steilen Felswänden fast ganz von Wasser eingenommen wird. Dieser untere Teil des Tales bildet den merkwürdigsten und sehenswertesten Abschnitt in der verschiedenartigen Bildung eines Erosionstales. Unterhalb Böhmisch-Kamnitz tritt der Fluß zuerst in ein von Sandsteinfelsen eingeengtes Tal in westlicher Richtung. Dann aber beginnt bei nördlicher Richtung des Wasserlaufes der Grund wieder offener zu werden und läßt Raum für das langgestreckte Dorf Windisch-Kamnitz. Erst von der Einmündung des Kreibitzbaches an, der oberhalb Dittersbach ebenfalls schon einen gewundenen engen Grund, den Paulinengrund, gebildet hat, schneidet nun der verstärkte Kamnitzbach mit beträchtlichem Gefälle und raschem Lauf kräftiger in die Sandsteinmassen ein und bildet die Ferdinandsklamm, die man in einem Kahne auf dem ungebändigten Wasser bis zur Grundmühle durcheilen kann. Aber auch hier wechseln Stromschnellen mit ruhigem Wasser ab. Das Gefälle ist also noch nicht ausgeglichen. Bald treten steile Felsen ans Wasser, bald erscheinen kleine Talbuchten mit einem Wiesenrande. Unterhalb der Grundmühle ([Abb. 75]) wendet sich die Kamnitz mehr in westlicher Richtung und hier ist für Fußgänger der malerische Grund zugänglich. Dann folgen die Wilde ([Abb. 76] und [77]) und die Edmundsklamm, von denen die erste 1898 eröffnet worden ist und auch zum Teil eine Kahnfahrt bietet; die Edmundsklamm ([Abb. 78] u. [79]) dagegen ist schon seit 1890 durch die Forstverwaltung des Fürsten Clary zugänglich gemacht und zu Ehren des Fürsten benannt. Wenn auch der den Alpen entlehnte Ausdruck „Klamm“ leicht zu falschen Vorstellungen oder zu hochgespannten Erwartungen Anlaß geben könnte, so muß man immerhin diesem Teil des Felsengrundes, der unmittelbar oberhalb Herrnskretschen ([Abb. 80] u. [81]) endigt, unter allen Szenerien in dem Sandsteingebirge die Palme reichen. Der obere Teil der Klamm bildet einen schmalen, von steilen, aber mit Nadelholz bewachsenen Felsen begrenzten See mit stillem Wasser, da der Bach durch Dämme gespannt ist. Über diesen See gleitet man mit dem Kahne langsam dahin, nach allen Seiten von stets wechselnden Landschaftsbildern umgeben. Der untere Teil des Tales, am längsten zugänglich und mit bequemen Fußwegen versehen, zeigt uns wieder den natürlich dahinrauschenden Bach, hie und da von mächtigen Felsblöcken, die in ihn hineingestürzt sind, eingeengt, zwischen denen das schäumende Wasser sich Bahn bricht. Aber zur malerischen Schönheit dieses Grundes tragen namentlich auch die herrlichen Buchen bei, die auf und zwischen den Felsmassen im Grunde wurzeln und ihre Zweige weit über das Wasser hinaussenden. Weil die Klamm bereits etwas weiter geworden, die Felswände mehr auseinander treten und das Sonnenlicht bis auf den Boden dringen kann, ist auch der Pflanzenwuchs üppiger und reicher und bildet den angenehmsten Gegensatz gegen die mit Fichten und Kiefern besetzten Felswände.

Abb. 73. Die Elbe bei Wehlen, flußaufwärts gesehen.
Liebhaberaufnahme von Hofgoldschmied P. Eckert in Dresden. (Zu [Seite 78].)

Das Gefälle — das geht schon aus dieser allgemeinen Schilderung des Flußtales hervor — ist ungleich, wie das aus folgenden Angaben ersichtlich wird. Von Falkenau bis mitten in die Stadt Kamnitz beträgt das Gefälle auf 12 km 160 m, d. h. 1 : 75. Von Kamnitz bis Schemel, vor dem Eintritt in die Klamm, ist es auf 10 km wie 1 : 106 und von da zur Mündung in die Elbe auf 12 km wie 1 : 140. Das Gefälle von Falkenau bis zur Mündung beläuft sich auf rund 1 : 100.