Der Große Dom.
Von der Wasserarmut in diesem Gebiet noch ein bemerkenswertes Beispiel. Westlich vom Kleinen Winterberge liegt der Große Dom, ein Felsenkessel, der von hohen Sandsteinklippen und -Türmen ([Abb. 97]) auf drei Seiten umschlossen ist. Die Talseite ist außerdem noch durch riesig große Blöcke, die von den Seiten hineingestürzt sind, dergestalt abgesperrt, daß ein innerer, rundlicher Platz entsteht, auf dem mächtig hohe alte Tannen emporsteigen. An der Westseite kann man auf einer Flucht von kühn angelegten Stein- und Holzstufen zur Höhe des Felsengrundes gelangen und bemerkt nun, daß man sich in einem Hochtale befindet, das in der Mitte die natürliche Tiefenlinie eines Rinnsals hat und auf den Seiten wieder von einer Reihe niedriger Klippen eingefaßt ist. Der Dom bildet also den mittleren Teil eines Erosionstales, aber liegt um 80 m niedriger als das obere Hochtal. Nun wird uns erst verständlich, woher im Dom an der hinteren Felswand aus einer Spalte der dünne Wasserfaden rinnt, um unter Moos und Steinen bald zu versickern. Bei der Seltenheit des Wassers in der ganzen Umgebung hat man diesen Quell zu fassen vermocht, daß er auf einer dünnen Holzrinne aus dem Felsen abfließt und in feuchteren Jahren von den Besuchern des Domes als eine Erfrischung aufgesucht wird, während in trockenen Jahren das Wasser völlig versiegt. Ob gegenwärtig dieser Wasserfaden noch im Boden sich eingraben kann und überhaupt auf die Bodengestalt eine und sei es auch die geringste Wirkung ausüben kann, möchte ich bezweifeln. Übrigens können in engen Schluchten und Grotten, wohin kein Sonnenstrahl dringen kann, die Sickerwässer im Winter gelegentlich märchenhaft schimmernde Eisgebilde schaffen, wie in der Eishöhle in der Weberschlüchte ([Abb. 98]).
Abb. 85. Lichtenhainer Wasserfall.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 82].)
Die Biela.
Das Sandsteingebiet auf der linken Seite der Elbe ist bedeutend wasserreicher, daher hier die Bodengestalt eine andere. Die Ursache des größeren Quellenreichtums ist, wie schon mehrfach ausgesprochen, in der zu Tage tretenden Plänerschicht zu suchen, auf der fast sämtliche Quellen ihren Ursprung haben. Dazu gehören in erster Linie die Quellen, die nach allen Seiten aus der Umgebung des Schneeberges abfließen und größere Bäche bilden, vor allem die Biela mit dem Cunnersdorfer Bache und der Krippenbach. Ferner müssen, wie von Gutbier hervorhebt, die prächtigen Quellen erwähnt werden, die in der Umgebung der Schweizermühle ([Abb. 99]) hervortreten und zur Begründung der dortigen Wasserheilanstalt Veranlassung gaben. Sodann die Quellen in der Umgebung von Hermsdorf und diejenigen, die das versumpfte Terrain am Dorfe Leupoldishain bilden; sie entspringen jedenfalls auf den Plänerlagen. Dann die reichen Quellen der Wasserheilanstalt Königsbrunn im Hüttental, ein am südlichen Abhange der Festung Königstein vorbrechender starker Quell, ein eisenhaltiger Brunnen im Städtchen Königstein am Fuße des Pfaffenberges, die Quellen bei Naundorf und Kleinstruppen, die Quellen bei Pirna, aus denen die Stadt mit Wasser versorgt wird.
Die erwähnten Bäche dieses Gebietes führen beständig Wasser und haben einen drei- bis viermal so langen Lauf als die sandgeborenen Bächlein östlich von der Elbe. Der längste Bach, die Biela, die oberhalb Eiland entspringt, hat eine Länge von 17 km. Von Eiland, wo der Talboden noch 440,6 m hoch liegt, bis zur Mündung in Königstein (118,8 m über Meer) sinkt der Bachspiegel um mehr als 300 m und daher beträgt das Gefälle 1 : 53, ist also noch einmal so bedeutend als bei der Kirnitzsch und Polenz. Betrachtet man das Quellental der Biela oberhalb Eiland, wie es mit einemmale tief zwischen Felsen eingesenkt erscheint, so möchte man meinen, es fehle das eigentliche Quellgebiet, das wir auf der Hochebene suchen müßten. Dazu zeigt die gleiche Richtung des Oberlaufes der Biela, des Cunnersdorfer- und Krippenbaches, daß dieselbe durch die Bodengestalt vorgeschrieben ist. Zugleich erinnern wir uns, daß die Sandsteinbänke dieser Seite bei der Hebung des Erzgebirges mit gehoben sind und sich nach Nordnordost senken. Größerer Wasserreichtum und schräggeneigter Boden mußten die Erosion kräftiger gestalten und das nachfließende Wasser mußte die Kraft haben, einen Teil des verwitterten und aufgelösten Gesteins mit fortzuführen. Daher mußte auf dieser Seite die Zerstörung des Gebirges viel weiter vorgeschritten sein; es mußten vor allem die der Dürre zugeschriebenen Cañons der rechten Elbseite wenn auch nicht ganz fehlen, aber doch viel seltener erhalten sein: kurz das Wildgroteske der Landschaft östlich von der Elbe mußte hier zurücktreten, folglich mußte aber diese Seite weniger besuchenswert erscheinen. Und so kann es uns nicht mehr befremden, zu sehen, daß der Begriff der Sächsischen Schweiz ursprünglich nur dem östlichen Teile des Sandsteingebietes galt, wo wilde, klippenreiche, enge Gründe, Felsenkessel und Felstürme häufiger anzutreffen waren. Westlich der Elbe sind statt der Klippenreihen nur einzelne Felsmassen als „Steine“, die aus den Hochflächen hervorragen, erhalten geblieben; und dies trotz alledem, daß links der Elbe, dank der Hebung des Erzgebirges, die Sandsteinbänke höher emporgehoben, also auch die höchsten Punkte des Gebirges, den Hohen Schneeberg und Großen Zschirnstein umfassen.
Abb. 86. Der Hockstein.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 84].)