Oben können Blöcke eingeklemmt bleiben und erreichen, wenn sie auch niederbrechen, doch nicht den Boden, sondern zeigen uns das Bild des Uttewalder Tores ([Abb. 106]), das nicht einzig in seiner Art dasteht und sich mehrfach, wenn auch in bescheideneren Verhältnissen, wiederholt.

Auf dem genannten Bilde sind die wagerechten Bänke mit der an den Schichtenfugen deutlich sichtbaren Verwitterung durch gesellige Klüfte von oben nach unten gespalten, aber die dadurch entstandenen kleineren Quader in den vorderen Lagen bereits niedergebrochen. Es ist also der Anfang einer Schlucht gemacht.

Abb. 96. Der Amselfall.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 90].)

Kluftrichtung im Zscherregrunde.


Die Klüfte brauchen aber nicht, wie auf dem Grundriß, immer rechtwinklig gleichsam in die Felswände einzudringen. Die vorliegende Erscheinung ist durch die Richtung des Uttewalder Tales bedingt. Wo die Gründe in anderer Richtung streichen, wie im Zscherregrunde, kann die Klüftung parallel der dem Grunde zugekehrten Wandfläche erfolgen und dann löst sich eine große Tafel dermaßen von dem dahinter liegenden Bergmassiv ab, daß man hinter der Tafel durchschlüpfen kann, besonders wenn die Tafel sich noch etwas nach vorn geneigt hat infolge des ehemals den Grund unterwaschenden Baches. Dieses schöne Beispiel im Zscherregrunde hat leider den geistlosen Namen „Die Schiefertafel“ erhalten. Viel häufiger aber kommt es vor, daß geneigte Felspfeiler niederbrechen, aber ihren Zusammenhang behalten und unten am Boden sich schräg an die unerschütterlich feststehende Felswand anlehnen, oder daß mehrere Felsmassen bei ihrem Sturze schräg gegeneinander geneigt bleiben und unechte Höhlen bilden, wie es dergleichen viele in der Sächsischen Schweiz gibt. Dieses schräge Anlehnen größerer Felsmassen und Gegeneinanderfallen von Steinwänden ist nirgends so häufig und so dicht nebeneinander eingetreten als bei Tyssa ([Abb. 107]); man möchte sagen, eine ganze Felsenwelt sei hier zusammengebrochen und habe so ein Labyrinth von Felsen, Wänden und Steintürmen geschaffen, daß man sich in diesen Höhlen und Felsengen nur mit dem Kompaß zurecht finden kann. Ähnlich liegen auch im „Labyrinth“ bei Hermsdorf, ebenfalls in der Nähe des Bielatales, die Felsmassen durch- und übereinander, daß man unter und zwischen ihnen hindurchschlüpfen kann und sich nur mittels der zahlreich an den Felswänden angebrachten Wegemarken aus diesem Wirrsal wieder heraus zu finden vermag. Auch die Kamine, Spalten und Pfeiler am Pfaffenstein zeigen ähnliche Bildungen. Die Schwedenlöcher an der Bastei und der Teufelsgrund bei Wehlen gehören auch hierher. Ein historisch noch besonders merkwürdiges Beispiel bildet die Götzinger-Höhle (Diebeskeller, [Abb. 108]) am Abhange des Kleinen Bärensteins. Hier ist durch das Zusammenstürzen oder Gegeneinanderfallen der Wände eine größere, in der Mitte höher gewölbte Höhle gebildet, in der der Gebirgsverein eine Gedenktafel mit folgender Inschrift hat anbringen lassen: „Dem Andenken | Wilhelm Leberecht Götzingers | der hier die erste Anregung empfing | zur Erforschung | der Naturschönheit der sächs. Schweiz | weihte diesen Ort |am 12. Sept. 1886 | der Gebirgsverein für die sächs.-böhm. Schweiz.“ — Der Tag wurde gewählt, weil hundert Jahre vorher Götzinger die Vorrede zu seinem ersten Werke, in dem er die Schönheiten des Gebirges pries, am 12. September unterschrieben hatte und der Ort für besonders geeignet gefunden, für Götzinger eine ehrende Gedächtnistafel anzubringen, weil in seinem Werke „Schandau“ gerade der Besuch dieser Höhle als die besondere Veranlassung bezeichnet ist, wodurch vor allem in Götzinger die Bewunderung und Liebe für sein schönes Heimatland erregt wurde. Er schreibt darüber: „Einige zusammengestürzte, sehr große Felsenbänke bilden hier eine große hohe Höhle, durch welche man ganz hindurch gehen kann und welche so geräumig ist, daß sie oft zum Notstall der Thürmsdorfer Schäferei gebraucht wird... Die Außenseite der anlehnenden Wand zeigt ganz besondere eingefressene Figuren (Auswitterungen), welche auf der einen Seite viele Ähnlichkeit mit einem großen Wespenneste haben, und auf der anderen Seite wie die in Holz eingefressenen Fahrten des Holzwurmes aussehen, die in Menge übereinander laufen und welche inwendig viel weiter sind als ihre Öffnungen ...“

Abb. 97. Der Talwächter am Großen Dom.
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel.
(Zu [Seite 93].)