Eine sehr merkwürdige Vereinigung der verschieden gerichteten Schichtung trifft man im Hochtal oberhalb des Großen Domes ([Abb. 110]). Unten erblicken wir in der Mitte des Bildes die wagerechten Bänke der Sandsteinablagerungen, durch Verwitterung unterhöhlt, weil Wasser aus dem Gestein sickert. Darüber die etwa unter einem Winkel von 45° aufsteigende schräge Kluftbildung und linker Hand die Anfänge von Schluchtenbildung bei senkrechter Zerklüftung der hier wieder wagerecht liegenden Bänke. Gerade die Mannigfaltigkeit dieser verschiedenen Kluftbildungen mußte zur Zerstörung größerer Steinmassen wesentlich beitragen und dadurch die unglaubliche Abwechselung in der Gestaltung der erhaltenen Trümmer erzeugen, die immer von neuem die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und die Menschen reizte, je nach der Leistungsfähigkeit ihrer Phantasie, den abenteuerlichen Steingebilden passende und unpassende Namen zu erteilen, die einmal gegeben, von Mund zu Mund weiter gingen und sich einbürgerten. Hier könnten vor allem die Verfasser von Führern und Wegweisern durch die Sächsische Schweiz zur Beseitigung zunächst der ganz unpassenden oder zwecklosen Namen beitragen, indem sie dieselben grundsätzlich nicht mehr erwähnen.
Die Zerklüftung und Schichtung schafft eckige Formen, die Verwitterung in der Regel rundliche.
Abb. 100. Die Herkulessäulen bei Bad Schweizermühle.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden.
(Zu [Seite 98].)
Die Verwitterung greift die Steilwände zuerst und zwar von oben her an. Die Abrundung der Felsmassen geht von oben nach unten vor sich. Eingedrungener Regen, Schnee, Frost und Wiederauftauen des Eises in den Klüften arbeiten beständig an der Erweiterung der Spalten; auch eingedrungene Baumwurzeln können dazu beitragen; aber dieser Zerstörungsprozeß geht sehr langsam vor sich. Vor allem aber fällt ins Gewicht, daß das tonige Bindemittel, das den Sand der alten Meerablagerung zu festen Steinbänken verkittet hat, sehr leicht durch Wasser aufgeweicht wird und damit das Gefüge gelockert wird. Dagegen widersteht das kieselig tonige Bindemittel, wie es in den meisten feinkörnigen Sandsteinen vorhanden ist, weit besser der Zerstörung. Wie stark diese Auflockerung und Auflösung des Gesteins gewesen ist, sieht man an allen den unzähligen senkrechten Wänden. Wenn nicht am Fuß derselben ein Rinnsal oder gelegentlich ein Bächlein entlang fließt und den herabgefallenen Sand mitnimmt und fortspült, findet man überall an den Felsenwänden einen Schuttkegel von Sand und Blöcken mit einer bedeutenden Böschung aufgehäuft, die namentlich an den alleinstehenden Steinmassen auffällt und eine typische Erscheinung aller „Steine“ bildet. Die Verwitterung greift vor allem die Schichtenfugen und die Klüfte an. An kahlen Felstürmen verwittern die Gipfel dermaßen zu rundlichen Köpfen, daß man ihnen Namen gegeben hat, wie Mehlsäcke und die Hafersäcke am „Brand“. Derartig abgeschliffene Formen finden sich auch in den Schrammsteinen und am Großen Zschand ([Abb. 111], [112], [113]). Wenn aber vollends die oberen Bänke aus besonders weichem Gestein bestehen und sich daher völlig in Schutt und Sand auflösen, der auf den unteren festeren Schichten zum Teil liegen bleibt, dann entstehen großartige Felsterrassen wie am Teichstein in der Nähe des Zeughauses oder an den Wänden nordöstlich vom Prebischtor. Hier erscheinen die Steilwände der unteren Bänke schon fast ganz in dem Schuttkegel begraben.
Abb. 101. Die Barbarine beim Pfaffenstein.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu [Seite 103].)
Felsformen am Gorisch.
Nur wo das Gestein der Verwitterung trotzt, zeigen auch die Felsplatten und Felstürme wunderlich eckige oder höckerige Oberflächen ([Abb. 114]), auf denen der Fuß nur schwierig einen festen Stand gewinnen kann; oder es zeigen die Felstürme nicht eine abgerundete, abgeschliffene Kopfform, wie sie bei den Mehlsäcken beschrieben sind, sondern es bleiben Zacken, Widerhaken und abenteuerliche Spitzen stehen. Für diese Gestaltung ist vor allem der Gorisch charakteristisch. „Die Oberfläche der Felsenpfeiler ist nach Theiles Beschreibung in Über Berg und Tal, 1887, S. 157, meist sehr uneben, an vielen Stellen mit kegelförmig zugespitzten Höckern versehen oder zeigt Nachbildungen von ganzen Gebirgslandschaften.“ Eine höchst seltsame, wohl einzig in der Sächsischen Schweiz dastehende Bildung zeigt ein isolierter Steinkegel (unterhalb der eigentlichen Tafel des Berges) in der Nähe des westlichen Endes. Dieser Turm läuft oben in eine stumpfe Spitze aus, die mit allerhand wunderlichen Felszacken und Spitzen besetzt ist.