Es war im Frühling des Jahres 1241, gerade während des heftigen Streites zwischen Kaiser und Papst, als der große Mongolensturm von Asien her über Westeuropa hereinbrach und auch Deutschland zu verwüsten drohte, wie schon Rußland und Polen verheert waren. Von den Ufern des Kaspischen Meeres wälzte sich die Mongolenflut mit ihren wilden Reiterscharen erst über Rußland. Die moskowitischen Zaren wurden von dem Chan der Goldenen Horde „zum Dienste seines Bartes und seines Bügels“ erniedrigt. Der Polenkönig suchte Schutz in Ungarn, seine Hauptstadt Krakau ging in Flammen auf. Der König Wenzel von Böhmen sah den Sturm kommen. Er ermahnte schriftlich feine Nachbarn, den Herzog Otto von Bayern und den Landgrafen Heinrich von Thüringen, zu schleunigster Hilfeleistung. Im Lande selbst ließ er alle nur irgend haltbaren Städte und Burgen so eilig befestigen, daß selbst Geistliche und Mönche mit Hand anlegen mußten. Dann bereiste er die Grenzen, um überall in den Böhmen umgebenden Waldgebirgen die Pässe durch Verhaue zu sperren, damit die asiatischen Reiterscharen nicht eindringen könnten. Bei dieser Gelegenheit wird auch der Felsen an der Elbe als sehr geeignet gefunden sein, um als Grenzwächter zu dienen und hat dabei höchst wahrscheinlich seinen Namen bekommen; denn der „Stein“ wird zwar schon vorher genannt, aber noch nicht als Königstein bezeichnet. Nach Beendigung dieser Schutzarbeiten brach Wenzel mit einem Teile seines Heeres von Nordböhmen auf und zog über Zittau nach Schlesien, um seinem Schwager, dem Herzog Heinrich von Schlesien, Hilfe zu bringen, der sich bei Liegnitz mit seinen Panzerreitern den Mongolen entgegengestellt hatte. Leider kam Wenzel zu spät. Die heldenmütige Schlacht war schon am 9. April 1241 geschlagen, Heinrich selbst fand im Kampfe den Tod; aber die Verluste der Asiaten waren so groß gewesen, daß sie von einem Weitervordringen nach Westen absahen und vor Wenzel zurückwichen, um auf einem anderen Wege in Böhmen einzubrechen. Allein es gelang ihnen nicht, und Wenzel kehrte auf dem Wege über Zittau zurück. Die Ostgrenze glaubte er genug gesichert zu haben; aber wenn die Mongolen eine Kriegslist gebrauchten, war es nicht undenkbar, daß sie von Norden her, von der Lausitz, in Böhmen einzudringen versuchten. Daher verweilte im Mai 1241 Wenzel noch länger an den nördlichen Grenzen seines Reiches, und hier war es, wo er am 7. Mai die erwähnte Urkunde auf dem Königsteine ausstellte. Es besteht demnach die größte Wahrscheinlichkeit, daß von dem wiederholten Aufenthalte des Königs der Königstein seinen Namen erhielt und daß die Benennung eine geschichtliche Beziehung zu dem Mongolensturme hat. Unter böhmischer Oberhoheit saßen dann Burggrafen auf der Feste, die im fünfzehnten Jahrhundert an Sachsen kam. Nachdem im sechzehnten Jahrhundert nur für kurze Zeit die Felsenhöhe als Kloster gedient hatte, wurde unter den Kurfürsten August und Christian die Festung in umfassender Weise ausgebaut, daß sie dann als uneinnehmbar galt und in unruhigen Zeiten eine sichere Zuflucht für die kurfürstliche Familie bot. Kurfürst August ließ auch den 152 m tiefen Brunnen anlegen, der keineswegs bis zum Elbspiegel hinunter reicht, aber wahrscheinlich sein Wasser aus einem Lehmlager erhält, das in einer Tiefe von 139 m im Quadersandstein eingebettet liegt. Der Pläner liegt hier viel tiefer, also stammt das Brunnenwasser weder aus dem Pläner, noch aus dem noch tiefer liegenden Urgestein.
Der Königstein bildete seit dem ausgehenden siebzehnten Jahrhundert das einzige Ziel fremder Reisenden, zu einer Zeit als man die Naturschönheiten der Sächsischen Schweiz noch wenig beachtete. Den modernen Schußwaffen gegenüber hat der Königstein seine frühere Bedeutung nicht behaupten können und gilt nur noch als Sperrfort. Aber die durch hohe Mauern gesicherte und mit mancherlei Gebäuden besetzte Felsenhöhe zieht inmitten der Schar der „Steine“ den Blick beständig auf sich und von dem Elbgestade her ist die Ansicht der Feste imposant.
Die Bärensteine.
Nördlich vom Königstein erheben sich die Bärensteine, die man, nicht nach der Höhe, sondern nach der Flächenausdehnung, den Großen und den Kleinen Bärenstein nennt; jener im Norden, dieser im Süden, jener 328 m, dieser 338 m hoch, also ist der Kleine Bärenstein 10 m höher als der Große und wird seiner hübschen Aussicht wegen und weil er von der Eisenbahnstation Pötscha aus auf angenehmen Wegen leicht zu erreichen ist, viel besucht, um so mehr als sich auch ein Bergwirtshaus oben befindet. Zum Kleinen Bärenstein kann man auch die Götzinger-Höhle rechnen. Die eigentümlichen Formen oberflächlicher Verwitterungen sind schon erwähnt, ebenso auch die beachtenswerte schräge Schichtung am Großen Bärensteine.
Abb. 112. Aussicht vom Hohen Torstein über die Schrammsteine,
Ostertürme, Schrammtürme und Dreifingerturm.
Nach einer Aufnahme von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig. (Zu [Seite 110].)
Der Rosenberg und die Dittersbacher Felsen.
Die Berg- und Felsformen auf dem rechten Elbufer weichen, wie schon kurz angedeutet ist, wesentlich von denen auf der anderen Seite des Stromes ab. Wir haben das Gebiet der „Steine“ fast völlig verlassen, wenigstens herrschen diesen einzelstehenden Steinmassen, die man mit abgesonderten Individuen vergleichen könnte, keineswegs mehr vor. Auf der rechten Elbseite stehen die Berge und Bergmassen mehr miteinander in Zusammenhang, und von diesen Massen strahlen nach verschiedenen Seiten wildzerklüftete Klippenreihen ([Abb. 125]) fast wie unheimliche Fangarme aus. Diese Klippentürme und Klippenwände fassen zwischen sich enge Schluchten oder rundliche Felskessel. Die so geartete Felsenwelt gruppiert sich um die beiden Winterberge und erstreckt sich nach Südosten weit über Sachsens Grenzen hinaus bis in die Gegend des romantisch gelegenen Dorfes Dittersbach. Südlich von dieser Klippenzone erhebt sich nur ein einsamer und zugleich der höchste Berg dieser Seite, der Rosenberg, während nördlich von dem Winterberggebiete sich eine Reihe einzelner Steine von geringem Umfange erhebt, von denen aber keiner als Aussichtspunkt berühmt ist. Abgesehen von den höchsten Gipfeln, die von ihren Türmen aus eine umfassende Rundsicht bieten, stellen die besuchtesten Aussichtspunkte nördlich vom Winterberge sich nicht als einzelne aufragende Felsen, sondern als auf dem Rande einer langhingezogenen Felsenwand gelegen dar, so daß diese Plätze sich in der Silhouette der Landschaft gar nicht hervorheben. Dahin sind Prebischtor, Brand und selbst die Bastei zu rechnen. Nur ein „Stein“ tritt, die ganze Landschaft beherrschend, kräftig hervor, der Lilienstein, der aber eigentlich zu der Zone von Steinen auf dem linken Elbufer gehört. Sonst ist das ganze Gebiet, namentlich in dem oberen Teile, vielmehr durch unzählige Gründe und Schluchten zerschnitten und zerspalten, darum treten hier viel zahlreicher die ausgedehnten Felswände auf. Darum hat sich dies Gebiet auch sehr verkehrsfeindlich bewiesen. Arm an Quellen und fruchtbarem Boden, daher arm an Dörfern, aber voll von Schluchten und Felsspalten, reich an Schlupfwinkeln und Zufluchtstätten auf unzugänglichen Felshöhen ist die ganze Gegend südlich von der Kirnitzsch, das böhmische Grenzland, so lange ein Tummelplatz für Wegelagerer und ritterliche Strolche gewesen, deren Raubnester noch gezeigt werden, bis die Kurfürsten von Sachsen, einer solchen Nachbarschaft unfroh, mit eiserner Hand zugriffen und das räuberische Herrengeschlecht der Birken von der Duba durch erzwungenen Gutstausch vertrieben und unschädlich machten. Später konnten dieselben Zufluchtsstätten und Schlupfwinkel friedliche Bauern mit ihrer Habe in den bösen Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, einzelne Flüchtlinge wohl gar noch im Nordischen Kriege aufnehmen.
Unsere Wanderung geht auch auf dieser Seite der Elbe im allgemeinen von Süden nach Norden, entsprechend der Höhe der Berggipfel. Der Rosenberg (620 m), ein schön geformter Kegelberg, nach seiner Gestalt einzigartig im Sandsteingebiet, weil seine Kuppe ganz aus Basalt besteht, erhebt sich ganz frei aus der ziemlich einförmigen Ebenheit um fast 300 m; er wird daher von allen Seiten gesehen und beherrscht das Landschaftsbild vollständig. Aus den Tälern und den flachen Mulden der Ebenheit lenkt er stets den Blick auf sich und bestimmt das landschaftliche Motiv; allein die Aussicht von seiner Höhe, wo sich seit 1893 ein Aussichtsturm erhebt, entspricht den Erwartungen nicht vollständig, weil die nächste Umgebung in einem Umkreis von 8–10 km Radius ganz flach erscheint und die malerischen und grotesken Felsbildungen namentlich der Steilwände in der Umgebung des Prebischtores schon zu fern liegen, um eine malerische Wirkung hervorzubringen. Das Gesichtsfeld ist groß, aber es fehlt ihm der Vordergrund. Schön ist dagegen auf dem Basaltboden des Gipfels der herrliche Ahorn- und Buchenwald und die üppige Pflanzenwelt auf diesem Boden. Der Basalt sondert sich in Säulen von ansehnlichem Durchmesser und diesem Gestein verdankt der Berg auch nahe unter dem Gipfel eine gute Quelle.