Abb. 118. Rostfarbige Auswitterungen am Thürmsdorfer Diebeskeller
(Götzinger-Höhle).
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel. (Zu [Seite 113].)
Die Lichtenhainer Steinfelsen.
Eine ganz andere Landschaft umgibt uns, sowie wir aus dem menschenarmen Felsenlande den ersten Schritt über die Kirnitzsch nach Norden tun. Parallel mit der Kirnitzsch fließt die Sebnitz. Beide fließen nach Westen und biegen erst im unteren Laufe nach Süden um, wo sie bei Schandau und Wendischfähre die Elbe erreichen. Dieser Landstrich bildet bei einer durchschnittlichen Breite von 1 km einen breitgewölbten Rücken, der nach Osten allmählich um 100 m ansteigt, ohne der Anlegung einer Hochstraße, die sich der Länge nach über den Rücken hinanzieht, Schwierigkeiten zu bereiten. Übrigens ist die Straße wieder ein Beleg für die Warnung, Gebirgsstraßen nicht in den Tälern zu suchen und auf diese Lehrmeinung allerhand hübsche Schlüsse zu bauen. Vor allem ist auffällig, daß das ganze Land unter der Wirkung des Pfluges licht und grün aussieht und daß vier ansehnliche Dörfer: Lichtenhain (880 Ew.), Mittelndorf (440 Ew.), Altendorf (500 Ew.) und Rathmannsdorf (1050 Ew.) in ziemlich gleicher Entfernung voneinander sich auf dem Landrücken ausbreiten. Von wilden Klippenzügen und tiefen Felsgründen keine Spur, denn der ganze Rücken bis nahe an Rathmannsdorf gehört dem Lausitzer Granit. Hier ist also tatsächlich die Sächsische Schweiz in ihrem Zusammenhange unterbrochen, eine Lücke trennt die obere und die untere Gebirgslandschaft, und aus dieser Beobachtung heraus wird uns auch die alte Benennung der Sächsischen Schweiz als „die Heide über Schandau“, womit also namentlich das Winterberggebiet gemeint ist, verständlich und erscheint durchaus berechtigt. Bei alledem bleibt es merkwürdig, daß eine der ältesten Erwähnungen der wunderbaren Felsgebirge in der Sächsischen Schweiz 1743 betitelt ist: „Nachricht von denen Lichtenhaynischen Steinfelsen.“ Es heißt da: „Lichtenhayn ist um und um mit Bergen, Felsen und Wäldern umgeben. Und zwar so sind die aus denen hohen Bergen von Natur gewachsene Felsen sehr weit zu observieren: Sie präsentieren von ferne den Prospekt derer zierlichst mit Türmen, Mauern und Spitzen erbauten Bergschlösser, weshalben sie auch weit und breit bekannt und berühmt und von vielen Fremden mit Vergnügen besucht und mit Verwunderung betrachtet werden. Weil sich nun in diesen Steinklüften vor alten Zeiten entweder viel Räuberrotten, oder die in der Gegend wohnende Leute in Verfolgung sicher aufgehalten, so nennt man solche in genere Raubschlösser, z. B. Rabstein (Hinteres Raubschloß), Spögenhörner (Speichenhörner = Vorderes Raubschloß), der Große und Kleine Winterberg, der Hausberg (Wildenstein = Kuhstall) u. s. w. Dasjenige Raubschloß, welches man den Hausberg nennt, ist das erste von Lichtenhayn, mitten im Walde... Dieser Felsen hat unten eine große und sehr lichte Höle von Natur, als wie die Tore einer Stadt gewölbt, in welchen verschiedene Klippen, gleich denen Feuerherden, Tischen und Bänken zu finden.... Man nennt diese Höle den Kuhstall“ u. s. w. — Aus der ganzen Darstellung geht hervor, daß der Verfasser dieses etwas altfränkisch anmutenden Berichtes, aus dem hier nur eine Probe gegeben ist, den Blick nur nach Süden, also in die Heide über Schandau gerichtet hat, daß unter allen Merkwürdigkeiten der Kuhstall am ausführlichsten beschrieben wird; und wenn wir hinzufügen, daß von allen Dörfern jener Gegend Lichtenhain dem Kuhstall am nächsten liegt, so leuchtet ein, daß der Titel „Lichtenhainer Steinfelsen“ eine gewisse Berechtigung hat. Von Lichtenhain nordwärts gab’s weder merkwürdige Felsen noch unheimliche Raubschlösser.
Abb. 119. Schwammartige Auswitterungen oberhalb des Großen Domes.
Liebhaberaufnahme von Marine-Oberstabsarzt Dr. Ruge in Kiel. (Zu [Seite 113].)
Der Lilienstein.
Erst jenseits, westlich des Tiefen Grundes und der Lachsbach gelangen wir wieder in den Sandsteinboden. Und hier bildet die Elbe die große Schlangenwindung, wodurch zwei Flußhalbinseln entstehen, auf deren oberer der Lilienstein, und auf deren unterer die Bärensteine hervorragen. Die Landschaft um den Lilienstein mutet uns ganz westelbisch an: Eine fruchtbare Ebenheit mit darüber aufsteigender Felsmasse. So hat der Lilienstein eine ganz eigenartige Lage und gewährt, inmitten des Sandsteingebietes liegend, die schönste Umsicht unter allen Felshöhen, wobei besonders der Blick aufwärts den Elblauf bis über Schandau und zum Winterberg immer von neuem fesselt. Der Lilienstein, über 400 m lang und in der Mitte 120 m breit, erstreckt sich ziemlich in der Richtung des Elbtales von Schandau abwärts und erhebt sich 411 m ü. M., überragt also den gegenüberliegenden Königstein um 50 m. Sein Name, in Urkunden gelegentlich Ylgenstein geschrieben, hat nichts mit dem Namen Aegidius zu tun, wie mehrfach behauptet ist; vielmehr ist Ilge mundartlich die Lilie. Die Felsmasse, gerade in der Stromrichtung der Elbe gelegen, hat gewaltig unter der Wirkung der abspülenden Gewässer gelitten und darum viel an Flächenraum verloren. Jedenfalls hat auch die starke Zerklüftung dazu beigetragen, daß die Felsmasse den unterspülenden Fluten wenig Widerstand entgegensetzen konnte. Im Südosten und Nordosten läuft der Stein in ganz schmale, schon halb zertrümmerte Felsgrate aus. Eine Kluft trennt das Westende vollständig von der übrigen Felsmasse und dieser abgetrennte Teil ist wieder durch neue Klüfte in einzelne Felsenpfeiler zerteilt. Am Ostende erhebt sich ein kleiner Obelisk zur Erinnerung an die Besteigung des Felsens durch August den Starken. An dieser Stelle hat man die schönste Aussicht; später hat der Kurfürst Friedrich August 1771 den Besuch wiederholt und bei diesen Gelegenheiten wurde der Lilienstein von der Südseite her bequemer zugänglich gemacht. Ruinen von Mauerwerk zeigen aber nebst einer Zisterne, daß schon in früheren Zeiten der Felsen zugänglich war und vielleicht dauernd bewohnt war, weil gelegentlich in Urkunden ein Fortalitium, also eine Befestigung erwähnt wird, wobei aber nicht gleich an eine Burg gedacht zu werden braucht. Ein Raubnest, wie in der Heide über Schandau noch manche nachzuweisen sind, war der Lilienstein jedenfalls nicht. Im Jahre 1902 ist auch von der Nordseite her der Felsen zugänglich gemacht; auf dieser Seite wurden 1813 von den Franzosen Schanzen angelegt. Die Ebenheit am Fuße des Liliensteines hat dadurch eine traurige Berühmtheit erlangt, daß hier die sächsischen Truppen am 15. Oktober 1756 vor Friedrich dem Großen die Waffen strecken mußten.
Abb. 120. Auf dem Hohen Schneeberg. (Zu [Seite 115].)
Der Brand und die Bastei.