Es bleibt uns nur noch übrig, zwei vielbesuchte Aussichtspunkte zu erwähnen, die sich nicht auf einem einzeln hervorragenden Gipfel darbieten, sondern am Rande einer steilen Felswand; es sind dies der Brand und die Bastei. Der Brand (323 m) liegt auf dem linken Ufer der Polenz und bietet, obwohl nur nach Süden und Westen, infolge der für den Beschauer höchst glücklichen Gruppierung der Berge, bebauten Hochflächen und Wälder das anmutigste Landschaftsbild in der ganzen Sächsischen Schweiz. Die Bastei (305 m) ist ein Felsenvorsprung, der sich von einer zwischen dem Wehlgrunde und der Elbe aufsteigenden Felsenkette abtrennt und gerade gegen die Elbe vortritt, so daß der Basteifelsen etwa 200 m senkrecht über der Elbe emporzusteigen scheint ([Abb. 130] u. [131]). So nahe tritt kein anderer Aussichtspunkt an den Strom vor; darin liegt seine Eigenart und darin liegt auch der mächtige Eindruck, den der Besucher der Bastei empfängt, wenn er auf der ziemlich wagerecht über die Hochfläche der bewaldeten Wehle verlaufenden großen Fahrstraße, an den Gasthäusern vorbei sich dem Platze nähert und nun auf die durch Eisengitter gesicherte, senkrecht abstürzende Felsplatte tritt. Der Blick hinab in die Elbe ist einzig in ihrer Art, auch die Aussicht auf Lilienstein und Königstein, sowie elbaufwärts gegen den Winterberg ist recht schön, aber keineswegs die schönste in dem ganzen Gebirge. Einheitlicher, geschlossener und nur die wilde Gebirgsnatur zeigend, bietet sich ganz in der Nähe die Aussicht in den Wehlgrund: zwei Aussichten von ganz verschiedenem Charakter. Aber daß von der Bastei im weiteren Sinne beide Landschaftsbilder in ihren gewaltigen Gegensätzen sich darbieten, erhöht den Genuß. Nimmt man dazu, daß der Aufstieg von Wehlen und dem Uttewalder Grunde aus ebenso reich an landschaftlichen Bildern ist, wie der Abstieg über die kunstvolle Steinbrücke und das Felsentor hinab nach Rathen ([Abb. 132]) wiederum eine Fülle von grotesken Felsgebilden und Ausblicke in die umgebenden und tief unter uns liegenden Landschaften vorführt, so wird daraus erklärlich, warum die Bastei der besuchteste Punkt in der Sächsischen Schweiz ist, und, obwohl unter allen die niedrigste Aussichtshöhe, doch gleichsam in der Außenwelt die ganze Sächsische Schweiz vertritt, daß beide Begriffe sich zu decken scheinen.

Abb. 121. Der Gorisch.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu [Seite 118].)

Jedenfalls gehört die Sächsische Schweiz zu den besuchtesten Gebirgslandschaften, und dieser Besuch ist in fortwährendem Wachsen begriffen, ein Beweis, daß ein durch falsche Kunsttheorien noch nicht verdorbener Geschmack und offener Natursinn hier, namentlich in den einsameren Teilen, noch immer volles Genüge und reichen Genuß finden wird. Und wenn neuerdings sogar behauptet ist, die Sächsische Schweiz liege von dem modernen Landschaftsideal weit abseits, so möchte man wohl eher den Maler als die Sächsische Schweiz bedauern, denn wer hier Studien machen will, muß nicht bloß, wie Lessing sagt, Farben verquisten, sondern auch zeichnen können, was die „Moderne“ vielfach nicht mehr kann.

Abb. 122. Auf dem Gipfel des Gorisch.
Nach einer Aufnahme von Paul Heine in Dresden. (Zu [Seite 118].)

IX.
Volksverteilung und Städte.

Volksverteilung und Städte.

Die Bevölkerung der Sächsischen Schweiz ist desselben Stammes und derselben Herkunft wie im Elbtalkessel. Es sind Franken, Thüringer und Niedersachsen, in einzelnen Fällen auch Friesen, die nach der Eroberung im Mittelalter von den Herren des Landes zur Kolonisation herbeigerufen wurden. Da aber das Gebirgsland bis nach Pirna lange zwischen Böhmen und Meißen streitig war, so hat die Besiedelung nicht so rasch erfolgen können; außerdem trat auch der vielfach schlechte Boden und die Unsicherheit des Landes hemmend dazwischen. So sehen wir denn, ähnlich wie im Elbtalkessel die Siedelungen, so hier die slavischen Ortsnamen vor allem an der Stromrinne haften. Herrnskretschen (d. h. Grenzwirtshaus), Schmilka, Schandau, Krippen, Prossen, Rathen, Pötscha, Wehlen, Poste, Copitz, Pirna sind keine deutschen Namen. Gelegentlich sind aber die Slaven auch auf die Höhe gestiegen, wie die Namen Gorisch, Weißig, Dorf Wehlen, Krietzschwitz und Struppen beweisen. Die untere Ebenheit rechts der Elbe, von Wehlen abwärts, weist fast nur slavische Namen auf: Lohmen, Doberzeit, Daube und Zatzschka. Ja selbst die deutsch klingenden Namen Mockethal und Liebethal möchten kaum aus deutscher Wurzel stammen, um so mehr, wenn man sieht, daß der Vorort von Dresden Löbtau urkundlich Liubitawa heißt und auf einer alten handschriftlichen Karte des sechzehnten Jahrhunderts sogar Liebethal geschrieben ist. Dazu muß man erwägen, daß das Liebethal in der Sächsischen Schweiz nicht im Tal der Wesnitz, sondern oben, über dem Grunde, auf der Ebenheit liegt. An der Elbe liegen nur drei unzweifelhaft deutsch benannte Orte: Wendischfähre, Königstein und Vogelgesang. Die deutschen Dörfer im Gebirge endigen, ziemlich eintönig, fast alle auf -dorf, wie Naundorf, Hennersdorf, Hermsdorf etc.; außerdem sind noch die Bestimmungswörter -walde, -hain und -hübel verwendet; verhältnismäßig junge Bezeichnungen für spät erfolgte Besiedelung. Auch im böhmischen Gebiet herrscht das „Dorf“ in den Ortsnamen vor, daneben erscheint auch -bach. Dagegen fällt auf, daß die deutschen und slavischen Namen scheinbar planlos gemischt sind.