Das Stürzen einer Wand.
Zuerst wird mit einer kurzgestielten Hacke, deren flachgebogenes Eisen in der Mitte durchlocht ist und nach jeder Seite in eine Spitze ausläuft, hohlgemacht. Bei weiterem Vordringen unter der Wand wird auch mit Pulver, seltener mit Dynamit gesprengt, das Unterhöhlen muß an der Seite der Wand beginnen, wohin diese fallen soll. Ist nun die Verlosung (Kluftbildung) normal, dann ist die Arbeit leicht; ist aber die Wand mit der daranstoßenden verwachsen, dann löst sie sich nicht in gewöhnlicher Weise, sondern muß abbrechen und das geschieht oft unerwartet und wird gefährlich, weil die gewöhnlichen Warnungszeichen, die dem Fallen der Wand vorausgehen, nicht Zeit lassen zu fliehen. So ging am 18. Oktober 1887 eine regelrecht unterhöhlte Wand bei Posta unerwartet nieder und drückte einem noch unter derselben befindlichen Hohlmacher die Brust ein, so daß er nach wenigen Stunden starb. Ein großes Aufsehen erregte am 25. Januar 1862 die Kunde, daß bei Wehlen 21 Steinbrecher von einer fallenden Wand verschüttet seien; aber noch größere Verwunderung und Freude sprach sich aus, als man vernahm, daß sämtliche Arbeiter nach 30stündiger ununterbrochener Anstrengung aus ihrem steinernen Grabe unversehrt wieder ans Tageslicht gebracht werden konnten. Die fallende Wand hatte sich, wie wir es bei Höhlenbildungen, z. B. beim Eingang der Götzinger-Höhle, gesehen haben, schräg angelehnt und so den Verschütteten Raum und Luft genug gelassen, um 30 Stunden auszuharren.
Die zu fällende Wand in den Teichsteinbrüchen oberhalb Schöna, von der unser Gewährsmann spricht, war 45 m hoch, 40 m lang und unten 20 m, oben 15 m breit. Die Höhe der Unterhöhlung wurde, im Verlauf der Arbeit, immer niedriger, so daß die Hohlmacher zuletzt liegend „schroten“ (hohlmachen) mußten. Dann wurden die Steifen aufgestellt. Das sind Hölzer, Stützen von kerngesundem Holz in der Stärke von 30–45 cm und 2½-4 m Höhe. Es wurden 24 solcher Steifen unter die schwebende Wand gesetzt, wobei jeder, auch der geringste Zwischenraum, zwischen der Steife und dem Stein durch harte Holzkeile fest ausgeschlagen wird. Nur an einer kleinen Stelle wird so viel leerer Raum gelassen, um ein kleines Glasfläschchen anzubringen, dessen Zerspringen den geringsten Druck der Wand von oben anzeigt. Diese Steifen werden nur ganz vorn, höchstens 1–2 m zurück gestellt. Unter diesen Verhältnissen war die Wand bis 30 m hinein unterhöhlt. Die Gläser waren gesprungen, die Steifen zum Teil geborsten, loses Gestein fiel aus der Verlosung ab: alles Anzeichen, daß man nun durch Wegschießen der Steifen die Wand zu Falle bringen könne.
Allein vergebens. Die Wand fiel trotzdem nicht, und man mußte nicht nur neue Steifen setzen, sondern auch mit dem Hohlmachen noch weiter vordringen. Nur drei Arbeiter wagten es für einen Lohn von 5–6 Mark weiter zu schroten. Nun endlich, aber erst nach 14 Tagen, fiel die Wand. Aus ihrem Innern kamen starke, dumpfe Schläge wie von verhallenden Kanonenschüssen, zuerst in tagelangen Pausen, dann aber am Tage vor dem Fall stärker und häufiger. Dann begann die Bewegung der Wand. Loses Gestein rollte aus der Verlosung nach außen, dazu ertönte im Inneren lautes Krachen. Das dauerte noch vier Stunden. Dann neigte sich die kolossale, weit über eine Million Zentner enthaltende Wand langsam unter donnerähnlichem Getöse, begleitet von hellen Flammen, die durch die riesige Reibung abgleitender Teile entstanden, und fiel. Große, dicke Staubwolken verhüllten minutenlang vorerst jeden Ausblick; dann sah man den günstigen Ausgang, daß das Material für mehrere Jahre genügte, um die weitestgehenden Ansprüche zu befriedigen. Den Schluß bildete natürlich ein heiteres Arbeiterfest mit Bier, Zigarren und schönen Reden.
Abb. 132. Rathen.
Nach einer Aufnahme von Römmler & Jonas in Dresden. (Zu [Seite 133].)
Aus diesen Teichsteinbrüchen stammen unter anderen die zwölf Säulen zu dem neuen Gebäude der Kunstakademie auf der Terrasse, jede dieser Säulen hat eine Höhe von 8 m. Zu dem Neubau am Königlichen Schlosse zu Dresden wurden aus denselben Brüchen auch zwei Blöcke geliefert, die jeder 638 Zentner wogen. Aus den Postelwitzer Steinbrüchen stammt der weiße Stein zu den Schillingschen Figurengruppen an der Terrassentreppe. Überhaupt sind alle monumentalen Bauten in Dresden: die Augustusbrücke, die Frauenkirche, katholische Hofkirche und Kreuzkirche, nicht minder der Zwinger und das Hoftheater aus Sandstein gebaut. Der Stein von Cotta eignet sich wegen seiner Feinheit und Weiche besonders zu größeren Luxusbauten und hat daher ein Absatzgebiet, das weit über Deutschlands Grenzen hinausgeht. So wurde 1738–1742 auch das königliche Schloß in Kopenhagen aus solchem Sandstein errichtet. Der Cottaer Bildhauersandstein, mit gleichmäßig feinem Korn, läßt sich leichter bearbeiten, ist aber auch leicht zerstörbar. Im Gottleubatal von Goës bis Klein-Cotta und Dohna werden in Steinsägewerken die Blöcke in Platten und Säulen zerschnitten und finden ihren Absatz über ganz Norddeutschland bis Schleswig-Holstein und Ostpreußen. Ihre Abfuhr erleichtern die beiden in Pirna einmündenden Zweigbahnen von Berggießhübel und Groß-Cotta. Der Poster Stein und der Teichstein werden wegen ihrer großen Härte und ihrer Widerstandsfähigkeit besonders zu Wasser- und Bahnbauten geschätzt. Härteres Material, gröberes Korn und größere Tragfähigkeit rühmt man an dem Liebethaler Stein, er wird daher zu Mühlsteinen verwandt. Der Stein aus den Kirchleiten bei Königstein ist dagegen wegen seiner großen Dichte zu Trögen in den chemischen Fabriken beliebt. So sieht man auch an der verschiedenen Verwendung des Quadersandsteines, wie verschiedenartig das Gestein in den einzelnen Teilen des Gebirges ist.