Sonst muß man leider bekennen, daß das Städtchen nie Gegenstand besonderer Beachtung in der beschreibenden Literatur gewesen ist. Ganz anders stand die Festung Königstein da ([Abb. 139] u. [140]). Sie wurde schon eines Besuchs für wert gehalten, ehe noch die Schönheiten der Sächsischen Schweiz erkannt worden waren und man scheute auch die beschwerlichen Wege nicht, die von Dresden her auf die unbezwingliche Burg hinaufführten. Es gab außer den eigentlichen Festungsanlagen und der kriegerischen Ausrüstung noch mancherlei staunenswerte Werke zu besichtigen; namentlich den tiefen Brunnen und das große Weinfaß. Auch erfuhr man mancherlei über die bemerkenswertesten Gefangenen, die hier, sei es mit Recht oder Unrecht, in den Kerkern geschmachtet hatten. Unter diesen Gefangenen waren mehrere, die durch ihre einflußreiche Stellung im Leben entweder eine beachtenswerte Rolle auf der Bühne der Weltgeschichte gespielt hatten oder durch Schwindeleien und Betrug ihre Freiheit und wohl gar das Leben verwirkt hatten. Zu jenen zuerst genannten gehörte der unglückliche Kanzler Nikolaus Crell, der nach zehnjähriger Gefangenschaft 1601 vom religiösen Fanatismus dem Blutgericht überliefert wurde, und ferner der livländische Edelmann Johann Reinhard von Patkul, der während des Nordischen Krieges eine Zeitlang eine Vertrauensstellung bei August dem Starken innegehabt hatte, aber im Altranstädter Frieden 1706 auf besonderes Verlangen Karls XII. an Schweden ausgeliefert und im folgenden Jahre in Polen gerädert wurde. Zu der zweiten Gruppe gehören der Abenteurer Johann Hektor von Klettenberg und der Geheimsekretär Menzel. Klettenberg war in Frankfurt 1680 geboren, studierte auf mehreren Universitäten und wurde, da er in einem leichtfertig veranlaßten Zweikampf seinen Gegner erstochen hatte, in Frankfurt zum Tode verurteilt, fand aber, indem er seine Wächter mit Opium betäubte, Gelegenheit zu entfliehen und führte nun von 1710–1720 ein Abenteurerleben, das ihn in vielen Städten des alten deutschen Reiches bekannt machte, wo er sich für einen Adepten ausgab. Im Herbst 1713 trat er mit August dem Starken in Verbindung, den er bald durch seine frechen Behauptungen, er verstehe die Kunst, unedle Stoffe in Gold zu verwandeln, derart zu gewinnen und zu bestricken wußte, daß er mit dem damals ungeheueren Gehalte von 1000 Talern monatlich in des Königs Dienste genommen wurde, um durch seine geheime Kunst reichliche Mittel zu schaffen für die mannigfachen kostspieligen Unternehmungen und Feste des prachtliebenden Fürsten. Anfangs „arbeitete“ Klettenberg in Dresden selbst, aber schon 1715 verlegte er sein Laboratorium nach Senftenberg, wo er ganz ungestört sein Wesen treiben konnte. Er kam nur gelegentlich noch nach Dresden. In Senftenberg, wo er sich Exzellenz nennen ließ, wie er früher sich auch schon ganz unberechtigter Weise den Rang und Titel eines russischen Oberst zugelegt hatte, ging nun eine tolle Wirtschaft los. Von den Amtsuntertanen schrieb er eigenmächtig Lieferungen aller Art aus: Schlachtvieh, Hühner, Eier, Fische, Stroh und Holz verlangte er nach ganz geringen, in einer alten Amtstaxe enthaltenen Preisen, die er nicht einmal bezahlte. Die Klagen der bedrückten Untertanen, schreibt von Weber (a. a. O. X. 139), verhallten ungehört. Aus Senftenberg und Umgegend versammelte Klettenberg einen zahlreichen Kreis um sich zu täglichen Schmausereien, bei denen unmäßig getrunken wurde. Wüste Szenen spielten sich an Buß- und Feiertagen auf offener Straße ab, widerliche Unflätereien wurden öffentlich betrieben. Dabei entblödete sich Klettenberg nicht, trotz seines hohen Gehaltes noch Geld zu unterschlagen und Schulden zu machen. Das brach ihm den Hals. Im Januar 1718 wurde er wegen Wechselschulden (18000 Taler) verhaftet. Den König hatte er immer wieder mit Ausflüchten und leeren Versprechungen hingehalten, nachdem für die Goldmacherei bereits 60000 Taler verausgabt waren. Nun kam das Strafgericht. Klettenberg kam in Untersuchungshaft. Sein Gehalt wurde monatlich von 1000 Taler zuerst auf 50 und dann auf 25 Taler herabgesetzt und im Februar 1719 seine Abführung nach dem Königstein befohlen.
Abb. 138. Sebnitz. (Zu [Seite 147].)
Abb. 139. Topographischer Plan der Festung Königstein.
(Zu [Seite 150].)
Der Kommandant vom Königstein war Kyau, ein Mann, der durch seine jovialen Einfälle sich eines gewissen Rufes erfreute, kam aber dem Befehle, den Adepten sorgfältig bewachen zu lassen, nicht in vollem Umfange nach und so konnte denn Klettenberg am 30. April einen Fluchtversuch ausführen, wurde aber schon am nächsten Orte, Gorisch, wieder eingefangen und weil er später einen zweiten Versuch wagte, sich zu befreien, am 1. März 1720 hingerichtet.
Der zweite Sträfling, der sich die langjährige Gefangenschaft auf dem Königstein durch seinen Verrat von Staatsgeheimnissen zugezogen hatte, war der Geheimsekretär Friedrich Wilhelm Menzel, der die Abschriften der Verträge zwischen Rußland und Sachsen und des Briefwechsels, den Graf Brühl mit Rußland und Österreich unterhalten hatte, an Friedrich den Großen in den Jahren kurz vor dem Siebenjährigen Kriege auslieferte und dem preußischen Könige damit die Beweismittel in die Hand gab von dem Vorhandensein eines geheimen gegen ihn gerichteten Bündnisses. Friedrich der Große rechtfertigte seinen Einbruch in Sachsen 1756 damit, daß er diese Schriften veröffentlichte. Der Verräter wurde aber später entdeckt und büßte seine Tat durch eine dreiunddreißigjährige Gefangenschaft von 1763–1796.
Der Brunnen und das große Weinfaß auf Königstein.