Unter den Sehenswürdigkeiten auf dem Königstein verdiente natürlich der unter Kurfürst August vollendete tiefe, wasserreiche Brunnen, von dem schon berichtet ist, vor allem einen Besuch. Man zeigte den staunenden Fremden aber nicht bloß die Tiefe dadurch, daß man von oben Wasser hineingoß und darauf aufmerksam machte, wie viel Zeit vergehe, ehe das Wasser den Spiegel unten im Grunde erreiche, aufschlage und der Schall des Geräusches wieder herauftöne, sondern man ließ auch Lichter an der Brunnenkette hinab, um an dem Immerkleinerwerden der Lichter die ungeheuere Tiefe sehen zu können. Zu einer weiteren Ergötzlichkeit war aber auch ein Gedicht verfaßt, das als eine Anrede des Brunnengeistes an den Besucher gedacht war.
Vergänglicher als dieser für eine Festung unentbehrliche Wasserspender war das andere Bauwunder der Felsenfeste, das große Weinfaß. Es ist merkwürdig, wie seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts zwei Kurfürsten des heiligen römischen Reiches sich wetteifernd zu überbieten suchten, wer das größte Weinfaß zu bauen im stande sei, und doch war keiner von beiden des Reiches Mundschenk. Es waren dies die Fürsten von der Pfalz und von Sachsen. Der Pfälzer begann und ließ im Schloß zu Heidelberg 1586 ein Weinfaß bauen, das 1185 Hektoliter faßte. Darauf entstand 1624 auf dem Königstein ein solcher Weinhälter für 1450 Hektoliter. Das neue Heidelberger Faß von 1664 war auf 1651 Hektoliter berechnet; aber das neue Königsteiner vom Jahre 1680 faßte 2235 Hektoliter und kostete 20000 Mark zu bauen. Da aber dieses bald baufällig wurde, so mußte der berühmte Erbauer des Zwingers in Dresden, Daniel Pöppelmann, auf Befehl Augusts des Starken den Entwurf zu einem noch größeren Weinfasse anfertigen, das dann 1725 fertig gestellt wurde, 23000 Mark Baukosten verursachte und 2428 Hektoliter faßte. Dieses neue Riesenfaß verlangte aber auch ein neues Haus und so belief sich der Gesamtaufwand für diese Spielerei auf 40000 Mark. Im Jahre 1819 beschloß dieses Weingebäude sein fast hundertjähriges Leben und wurde wegen Baufälligkeit abgetragen; auch sollten die Räumlichkeiten der Magdalenenburg, in der sich das Faß befand, zu einem bombenfesten Provianthause umgebaut werden.
Von der ganzen Herrlichkeit sind nur die Schnitzwerke, ein riesiger Bacchus und allerhand Embleme und Zierat, übriggeblieben, die noch gezeigt werden. Der Königstein hatte durch die wachsende Größe seiner Fässer mehremal über Heidelberg gesiegt; aber der dichterische Ruhm ist am Rhein geblieben. Das Heidelberger Faß wird in lustigen und durstigen Liedern verherrlicht, vom Königsteiner „meldet kein Lied, kein Heldenbuch“. Die Sänger sahen gewiß mehr auf den Inhalt als die Form des Behälters.
Abb. 140. Stadt und Festung Königstein.
Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmanns Nachfolger R. Tamme in Dresden. (Zu [Seite 150].)
Daß aber die Besichtigung aller Herrlichkeiten auf dem Königsteine in früheren Zeiten kein billiges Vergnügen war, das hat uns Carl Julius Weber, der bekannte Verfasser des immer noch gern gelesenen „Demokrit“ verraten und zwar in seinen „Briefen eines in Deutschland reisenden Deutschen“ (Stuttgart 1834, 2. Auflage. III. 68–70). Er nennt den Königstein das Wunder Sachsens und meint: „Es gibt hier allerlei Merkwürdigkeiten — sehr unmerkwürdige Merkwürdigkeiten um des Trinkgeldes willen — höchst interessant aber bleibt die Runde um den Felsen, in Begleitung eines Invaliden, wie der meinige, der mit im Lager von Pirna war (1756) und Friedrich (dem Großen) ins Auge gesehen haben wollte.“ (Weber hat zweimal die Festung besucht: 1802 und 1823 — hier kann natürlich nur der erste Besuch gemeint sein.)
„Recht gern,“ erzählt unser Reisender weiter, „gab ich ihm den verdienten sächsischen Konventions-Taler — aber nun begannen beispiellose Prellereien! Der Kerl muß geglaubt haben, meine Achtgroschenstückchen seien Steinchen, die ich in der Sächsischen Schweiz aufgelesen hätte. Ich mußte das Zeughaus sehen, ob ich gleich versichert, daß ich von Berlin käme, und gab 8 gr. ‚Ja Herr! unter 16 gr. nicht!‘ Stolz gab ich noch zwei Achtgroschenstücke. ‚Nun haben Sie einen Taler, und mehr kostet mich das Berliner Zeughaus nicht.‘ Am Brunnen wurde mir ein Glas Wasser gereicht — 4 gr. Das große Faß mußte ich auch sehen — 4 gr. Ich mußte in die neuen Kasematten, und da man hier nichts forderte, so glaubte ich, sie gehörten in das Departement meines Führers, irrte mich aber sehr. Wir kamen an einen Opferstock: ‚Legen Sie doch einen Groschen ein!‘ Gut! Wir kamen zu einigen Arbeitern: ‚Geben Sie einige Groschen, wenn Sie nicht geschnürt sein wollen!‘ Gut. Aber bin ich nicht schon genug geschnürt? Ein Soldat, der den Schlüssel geholt hatte, erwartete seine 4 gr. — Die Wache, die meinen Namen hinaufgerufen, auf- und zugeschlossen und das ‚Kann passieren!‘ gerufen hatte, erwartete Gleiches. Aber nun kam mein Meister Prellhans mit einer Nachforderung, als ich ihm ohne Dank den Konventions-Taler in die Hand drückte. ‚Für die Kasematten, mein Herr!‘ Wie? Nun, hier sind noch 4 gr. ‚Wenigstens 8 gr., mein Herr.‘“
„So unverschämt geplündert, wie nirgendwo vor und nach, eilte ich vom Königstein hinab und kam schneller als es sonst geschehen wäre, nach Pirna — kaum, daß mich die schöne Natur mit der Menschheit versöhnte!“ —
Derartige Szenen, wie sie Weber auf der Feste erlebt haben will, gehören gegenwärtig natürlich der „guten alten Zeit“ an. Aber man darf nicht vergessen, daß der Besuch derartiger Merkwürdigkeit, ebenso wie der Besuch einer jeden Kunstsammlung in Dresden ähnliche Kosten verursachte. In jedem Museum zahlte man dem Leiter der Sammlung, mochte es ein Hofrat oder ein Professor sein, einen Dukaten und dem Aufwärter einen Gulden. Der Begriff der Öffentlichkeit fehlte noch und die Liberalität, die bereits in Paris oder Wien geübt wurde, war in Sachsen noch nicht eingeführt.