Es unterliegt keinem Zweifel, daß, je länger die Fahrt dauerte, die Mannschaft immer lauter ihre Besorgniß aussprach, vielleicht auch sogar allerlei Drohungen gegen den fremden Führer, gegen den Liguren laut werden ließ, wenn auch die dramatische Ausschmückung dieser Stimmung, welche in der Erzählung von einem Vertrage gipfelt, den Columbus sollte eingegangen sein, einer späteren Zeit angehört. Dennoch sollte der Admiral sich dazu verstanden haben, nach drei Tagen umzukehren, wenn bis dahin das gesuchte Land noch nicht aufgefunden sei. Die Zeugnisse Peter Martyrs und des Columbus selbst sprechen zu deutlich von der schwierigen Haltung der Matrosen. „Die spanischen Begleiter,“ erzählt Martyr, „fingen erst heimlich an zu murren und traten dann offen zusammen. Sie drohten ihren Führer ins Meer werfen zu wollen; sie seien von dem ligurischen Menschen betrogen und ins Verderben gebracht.“[195] Diese Angaben über die bedenkliche Stimmung unter dem Schiffsvolke bestätigt Columbus in seinem Tagebuche, wenn er, am 14. Februar 1493, also auf dem Heimwege, berichtet, daß er schon auf der Hinfahrt viel von den Leuten zu leiden gehabt, weil alle einstimmig erklärt hätten, umkehren zu wollen, und daß sie sich zu Drohungen gegen ihn hätten hinreißen lassen.[196] Vom 7. October an beschloß Columbus, einen südwestlichen Cours beizubehalten. Er wurde dazu durch den Flug zahlreicher Vögel veranlaßt, welche nach dieser Richtung zogen; denn er wußte, daß die Portugiesen der Beobachtung des Flugs der Vögel die Entdeckung mancher Inseln verdankten. Auch am 10. October beklagten sich seine Leute wieder über die lange Dauer der Reise, aber der Admiral belebte ihre Hoffnung auf reichen Gewinn, der in sicherer Aussicht stehe. Uebrigens fügte er hinzu, ihre Klagen nützten nichts, da er unter allen Umständen mit Gottes Hilfe seinen Weg fortsetzen werde, bis er Indien erreicht habe.
So hätte er nicht sprechen können, wenn es wirklich zu einem Vertrage gekommen wäre, der ihn verpflichtet hätte, nach drei Tagen umzukehren.
Columbus war zu fest überzeugt, dem Ziel seiner Wünsche nahe zu sein und fand in den Pinzonen eine kräftige Stütze. Ohne Schwankung war er in den ersten Wochen westwärts gesteuert und wich nur in den letzten Tagen mit bewußter Absicht von dieser Richtung ab.
Sie waren bereits mehr als 750 Meilen von den Canarien entfernt.[197] Das Schiffsvolk spähte immer eifriger nach Land aus, denn dem Glücklichen, welcher zuerst dasselbe erblicken sollte, waren reiche Geschenke und eine jährliche Pension von 10,000 Maravedis (etwa 25 Ducaten) verheißen. Da in Folge dessen zu wiederholten Malen der Ruf: Land! erscholl, ohne daß die daran geknüpfte Erwartung sich erfüllte, so wurde bestimmt, daß derjenige, welcher die Gemüther auf solche Weise vergeblich in Aufregung versetzte, in Zukunft keinen Anspruch auf die ausgesetzte Belohnung haben solle.
Christoph Columbus’ Rüstung.
(Madrid, Waffen-Museum im kgl. Palais.)
Aber trotzdem blieben aller Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf den fernen Horizont im Westen geheftet, zumal sich die echten Anzeichen von Land zu mehren schienen. Am Morgen des 7. October gab die Niña, welche vorausgesegelt war, durch einen Kanonenschuß das Signal, daß man Land sehe, aber man mußte wiederum eingestehen, daß man sich getäuscht habe. Die nun folgende Niedergeschlagenheit wurde aber bald wieder gehoben, am 9. October spürte man einen frischen Hauch der Luft, wie wenn er von fernen Blütenbäumen herüberwehe. Am 11. October fischte man bei dem Admiralschiffe einen frischgrünen Zweig, bei der Pinta einen mit Feuer bearbeiteten Stab und einen Zweig mit rothen Beeren aus dem Wasser. Am späten Abend sah Columbus vom hohen Hintercastell seines Schiffes aus einen Lichtschein, der sich vorwärts zu bewegen schien, als ob jemand eine Fackel trage; auch andere, die er herbei rief, glaubten dasselbe zu erkennen. Man befand sich in der That in der Nähe des Landes. Wenige Stunden später, am 12. October, Morgens 2 Uhr, sah der Matrose Rodrigo von Triana auf der Pinta einen flachen, sandigen Strand im Mondschein leuchten; denn man hatte sich dem Lande von der Seite bereits bis auf 2 Seemeilen genähert.
Ein Kanonenschuß verkündete die glückliche Entdeckung den beiden nachfolgenden Schiffen, und so wie es Tag wurde, sahen sie eine anmuthig grüne Insel vor sich liegen. Die Ueberfahrt von den Canarischen Inseln hatte 32 Tage gedauert. Entzückt und mit Freudenthränen im Auge stimmte Columbus den Lobgesang Te deum laudamus an, und alle seine Gefährten stimmten mit ein. Man umringte den noch vor kurzem geschmähten Führer und brachte dem Helden seine Huldigung dar. Leider gönnte der glückliche Entdecker dem Matrosen Rodrigo den verheißenen königlichen Lohn nicht; er erhob selbst Anspruch auf die ausgesetzte Jahresrente, weil er in der Nacht zuvor das Licht in der Ferne gesehen hatte und erhielt wirklich später das Geld ausgezahlt. War es Geiz oder Ehrgeiz? Fast muß man fürchten, daß der schlechtere Beweggrund ihn verleitete.
Die Befehlshaber der Schiffe landeten nun mit bewaffneten Böten. Unter fliegenden Fahnen, welche außer dem grünen Kreuz die Anfangsbuchstaben der katholischen Könige F. und I. zeigten, stiegen sie ans Land und warfen sich nieder, um den Boden zu küssen. Dieses erste Eiland, welches die Entdecker betraten, nannte Columbus San Salvador und weihete es dadurch zu einem Erstlingsopfer dem Heiland der Welt. Bei den Eingebornen hieß es Guanaham oder Guanahani.[198]