Die braunen Insulaner schaarten sich harmlos um die fremden, dem Meere entstiegenen Männer, und Columbus theilte, um sie zutraulich zu machen, kleine Geschenke unter sie aus: Glasperlen, Nadeln und kleine Schellen. Die Leute gingen vollständig nackt, nur einige Weiber trugen eine Art Schürze von Blättern oder Gras oder zu dem Zweck bearbeiteter Baumwolle. Metall war ihnen unbekannt, Waffen trugen sie nicht. Daß sie in der Hautfarbe den Bewohnern der Canarischen Inseln glichen, fand Columbus ganz natürlich, denn die entdeckte Insel lag unter derselben Breite mit Ferro. Und unter denselben Breiteparallelen, so lautete damals ein allgemein gültiger Lehrsatz, haben die Menschen gleiche Farbe, und zwar um so dunkler, je näher dem Aequator. Einige der Insulaner erschienen auch bemalt, schwarz, roth oder mit weißen Streifen im Gesicht oder am ganzen Leibe. Ihr Haar war schwarz und straff.
Facsimile des Titelholzschnittes einer zu Florenz im Jahre 1493 gedruckten italienischen Flugschrift, darstellend die Landung des Columbus. (London, British Museum.)
Bald eröffnete sich ein gewinnbringender Tauschhandel, denn man sah hie und da goldenen Nasenschmuck, den die Spanier für Kleinigkeiten einzuhandeln verstanden. Auf die Frage, woher das Gold stamme, wiesen die Indianer (Indios nannte Columbus sie bereits am vierten Tage) nach Südosten, woraus man also auf das Vorhandensein anderer Länder in der Nachbarschaft schließen konnte; denn wenn die Eingebornen auch Ruderkähne, aus einem Stamme gearbeitet, besaßen, mit denen sie erstaunlich schnell fuhren, so taugten diese Fahrzeuge doch nur zu einem Verkehr zwischen nahegelegenen Inseln oder größeren Landmassen, aber keineswegs zu weiteren Fahrten über den Ocean.
Die Vermuthung, daß noch andere Inseln in der Nähe lägen, wurde durch den weiteren Verkehr mit den Wilden bestätigt, woraus man mittelst der Gebärdensprache soviel verstehen konnte, daß manche unter ihnen im Kampfe mit den über See kommenden feindlichen Stämmen Wunden davongetragen hatten, deren Narben die Spanier an den Insulanern bemerkten.
6. Wo liegt Guanahani?
Bevor wir den weiteren Verlauf der Entdeckungsfahrt schildern, müssen wir die Insel nachzuweisen suchen, welche Columbus zuerst betrat. Sicherlich umwebt ein historischer Glanz jene Stätte, wo die Menschheit der alten und neuen Welt sich zuerst einander entgegen trat, und doch muß man fast mit Beschämung gestehen, daß mit bindender Beweiskraft jene Insel nicht nachzuweisen ist. Nur eine größere oder geringere Wahrscheinlichkeit fällt ins Gewicht und läßt die Schale der Entscheidung sinken. Daß das Geschwader auf eine der flachen Koralleneilande gestoßen, welche als die dritte Gruppe der westindischen Inseln unter dem Namen der Bahama-Inseln am meisten bekannt ist, unterliegt keinem Zweifel; aber welche unter diesen den Ehrennamen S. Salvador verdient, ist streitig.