Die ENTDECKUNGEN des COLUMBUS
auf seiner ersten Reise.

Karte eine Theiles von Westindien, nach der englischen Admiralitätskarte No 761.

Gez. v. C. Riemer.

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:


Die Gruppe der Bahama besteht aus 12 größeren Inseln und über 600 Inselchen, ungerechnet die nach Tausenden zu zählenden Seeklippen. Dieselben sind auf einer Strecke von 150 deutschen Meilen in der Richtung von Südost nach Nordwest den großen Antillen vorgelagert und erstrecken sich von dem Norden Haitis bis gegen die Halbinsel Florida. Obwohl über einen so weiten Raum ausgedehnt, umfassen die meist in der Richtung des ganzen Zuges sich hinlagernden schmalen Inseln doch nur einen Flächenraum, welcher nicht ganz die Größe des Königreichs Sachsen erreicht. Sämmtliche Inseln bestehen aus Korallenbauten, welche sich auf submarinen Plateaus von Sandbänken oder Korallenkalk aufgesetzt haben. Ihre Höhe übersteigt nirgend 60 m. Es sind also flache Eilande, meistens auch noch von Korallenriffen umschlossen und mit untiefen Korallenbänken untermischt, zwischen denen die Schifffahrt mit größter Vorsicht betrieben werden muß. Hie und da erheben sich am Strande niedere Kalkklippen. Viele der Inseln sind frisch grün, sogar bewaldet, aber es fehlt an frischen Quellen; die Teiche und Lagunen auf manchen dieser Eilande haben salziges oder brakisches Wasser, weil sie unterirdisch mit der See in Verbindung stehen. Wenn nun auch der Reichthum an Nutzhölzern immerhin erwähnenswerth ist, so konnte doch das Verlangen der Spanier nach Gold und Gewürzen auf den der See entstiegenen flachen Eilanden nicht befriedigt werden. Columbus hielt sich darum auch nur einige Tage an jeder der größeren Inseln auf und tastete an den Korallenbänken und Riffen hin, seinen Weg nach Südwesten, wohin ihn alle Indianer auf seine Fragen nach Gold wiesen. Denn alles Sinnen und Trachten des Entdeckers war auf das edle Metall gerichtet, sein Schiffstagebuch schreibt davon am 15. 16. 19. 22. und 27. October, am 4. 5. 6. 12. u. s. w. November; und grade diesem Verlangen konnten die Bahama-Inseln nicht entsprechen. Darum sind auch die späteren Entdeckungsfahrten nie wieder auf diese Korallengebilde gerichtet, dieselben wurden als gefährlich gemieden und höchstens aufgesucht, um Menschen zu fangen. Hierin haben wir auch einen Grund zu suchen, daß S. Salvador eigentlich verschollen ist. Der Hauptgrund aber, warum man die Insel nicht wieder findet, liegt in der mangelhaften astronomischen Bildung des Admirals. Er hatte sich zwar beim Beginn der Fahrt vorgenommen, neben einer genauen Segelanweisung auch eine Karte von den entdeckten Gebieten zu entwerfen, aber von einer Ausführung dieses Vorhabens ist nirgend mehr die Rede. „Im Tagebuche des Columbus findet sich während der ganzen Fahrt über den Ocean auch nicht eine einzige Breitenbestimmung, und die, welche er in Westindien angestellt haben will, sind so ungeheuerlich, daß sie schon seinerzeit Verdacht erregten; er gibt zum Beispiel an der Küste von Cuba eine Breite von 42° statt 21°. Es läßt sich nun einmal nicht abstreiten, daß Columbus einen sehr geringen Grad wissenschaftlich-nautischer Kenntnisse besaß.“[199] Und allein von diesen Thatsachen ausgehend, darf man behaupten, daß die von der Vida del Almirante zuerst verbreitete Nachricht, Columbus habe in Pavia studirt (s. oben [S. 220]) auf Unwahrheit beruht; denn auf einer Universität wird man schwerlich gelehrt haben, was die roheste Empirie verräth, daß man die geographische Breite eines Ortes aus der Dauer des Tages abzuleiten habe. Und doch scheint aus dem Tagebuch hervorzugehen, daß Columbus auf diese Weise am 13. December 1492 rechnete. Es fehlt also in Beziehung auf die Lage von San Salvador jedweder Anhalt einer astronomischen Bestimmung; daher konnten die späteren Historiker bei ihren Vermuthungen drei volle Breitengrade von einander abweichen.