Man muß also auf anderem Wege die Lage der zuerst entdeckten Insel zu ermitteln suchen. Es liegt nahe, vor allem die ältesten Karten jener Inselwelt zu Rathe zu ziehen. Allein wir vermissen auf allen Darstellungen bis weit ins 17. Jahrhundert den Namen Salvador, sowie die folgenden von Columbus weiterhin ertheilten neuen Inselbenennungen. Schon die erste, von einem Begleiter des Entdeckers, um 1500 von dem Basken Juan de la Cosa entworfene Karte Amerikas (siehe die Beilage) führt nur die einheimischen Inselnamen und darunter auch Guanahani auf. Aber diese Karte ist hier so ungenau, daß Capitän Becher sie als ein altes Document bezeichnet, das den Namen einer „Karte“ nicht verdiene.[200] In gleichem Sinne haben auch die späteren Kartographen die Bahama-Inseln sehr ungenau dargestellt, weil man sie für ziemlich werthlos hielt. War doch auch Peter Martyr der Ansicht, nachdem er die Antillen genau beschrieben, es sei überflüssig, diese Koralleninseln einer eingehenden Darstellung zu würdigen, weil die Spanier diese armen Inseln, wo man höchstens Fischfang und etwas Landbau treiben könne, aufgegeben hätten.[201]
Es scheint zwar noch einen andern Ausweg zu geben, das fragliche Guanahani zu ermitteln, indem man unter den Bewohnern des Archipels selbst sich erkundigte; denn da der Name von den Eingebornen ertheilt ist und die Sprache der Insulaner vermuthlich wenig Aenderung erlitten haben könnte, so müßte, sollte man meinen, auch der Name der Insel entweder sich noch erhalten haben oder doch noch in Erinnerung geblieben sein. Allein auch dieser Ausweg ist seit mehr als drittehalbhundert Jahren vollständig versperrt: die Urbevölkerung ist ausgestorben oder deutlicher gesagt, durch die Spanier vernichtet, und man darf nicht verhehlen, daß Columbus selbst den Anlaß dazu gegeben. Schon am 13. October schreibt er: „Diese gutartigen Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben.“ Bei seiner Abfahrt entführt er von Salvador mehrere Insulaner mit Gewalt, „damit sie unsere Sprache lernen und uns Auskunft geben können über ihr Gebiet“. Als nun die Königin Isabella durch ein Edikt vom 30. October 1503[202] gestattete, die dem Christenthum und ihren neuen Unterthanen in Westindien feindlichen Canibalen wegzufangen und zu verkaufen, war damit dem Sklavenfang der Stempel der Berechtigung aufgedrückt; und fünf Jahre später erhielt eine spanische Gesellschaft die Erlaubniß, auch die Bahama-Insulaner einzufangen, angeblich um sie so leichter zum Christenthum bekehren zu können. Die ohnehin spärlich bewohnten Inseln waren bereits um 1525 dermaßen entvölkert, daß der fromme Pedro de Isla die letzten Bewohner, nur noch 11 Personen, zusammensuchen und nach Haiti bringen ließ, um sie vor seinen Landsleuten zu retten.[203] Damit war der Urstamm der dortigen Insulaner erloschen, und folglich aus ihrem Munde auch die Lage von Guanahani nicht mehr zu ermitteln.
Die neuern Historiker haben darum den einzigen noch möglichen Weg eingeschlagen, indem sie der von Columbus in seinem Tagebuche gegebenen Beschreibung seiner Fahrt, der Coursrichtung, den abgeschätzten Entfernungen von einer Insel zur andern, und der Schilderung einzelner Oertlichkeiten nachgingen. Die mancherlei Lücken des Berichts, die offenbaren Ungenauigkeiten, die aus falscher Schätzung der Verhältnisse entstanden, die Unklarheiten im Ausdruck haben diese kritische Spürarbeit erschwert und die abweichenden Ansichten verursacht. Die hauptsächlichen Meinungsverschiedenheiten sind auf der, einer englischen Admiralitätskarte entlehnten Darstellung jenes Inselgebiets, welche unserem Werke beigegeben ist ([S. 249]), zu ersehen.
Wenn wir diese Ansichten nicht historisch, sondern geographisch ordnen, so sehen wir, daß muthmaßlich der Schiffscours auf vier verschiedene Inseln gerichtet ist, welche von Nordwest nach Südost in folgender Ordnung sich aneinanderreihen: Cat Island, Watling Island, Mariguana (oder Mayaguana), Turk Islands.
Nach Cat Island führen den Entdecker W. Irving[204] und Alex. v. Humboldt,[205] nach Watling der treffliche spanische Geschichtsschreiber Muñoz[206] und Capitän Becher,[207] nach Mariguana läßt ihn Varnhagen[208] gelangen, nach den Turk-Inseln Navarrete.[209] Von diesen Erklärungsversuchen ist derjenige Navarretes mit Recht von den Neueren ganz aufgegeben, weil er dem Texte des Reiseberichtes weder nach der Beschreibung der zuerst betretenen Insel, noch in Bezug auf die später eingeschlagenen Course entspricht. Gegen Irving und Humboldt ist in erster Linie beizuwenden, daß Columbus nach dem Wortlaut seines Tagebuches die Insel Guanahani thatsächlich auf der Nordseite umsegelt hat, während nach der Vorstellung der beiden genannten Forscher San Salvador nur an seinem Südende berührt wurde. Ferner aber hat auch die im weitern Verlauf der Fahrt bis zur Nordküste Cubas gedachte Courslinie ihre großen Bedenken, weil dieselbe auf der Westküste von Long Island durch die ganze Breite der Bahamabank führen müßte, wo an manchen Stellen die Wassertiefe wenig über einen Faden mißt. Da Muñoz weiterhin bei der Erzählung der Fahrt zu den andern Inseln in der Bahamagruppe nur allgemein gehaltene Vermuthungen ausspricht über die Identität der von Columbus berührten Inseln, ohne sich eingehend mit der Prüfung der eingeschlagenen Richtungen und der berührten Oertlichkeiten einzulassen, so bleiben nur noch die Hypothesen Bechers und Varnhagens zu vergleichen. Beide haben auf das sorgsamste das Tagebuch des Columbus zu Rathe gezogen und alle darin enthaltenen Angaben für ihre Idee zu verwerthen gesucht. Es läßt sich nicht leugnen, daß für Varnhagen manche wichtige Momente sprechen, daß namentlich die fast rathlos erscheinenden Kreuzfahrten zwischen den nächst San Salvador besuchten Koralleninseln nach den Aufzeichnungen sehr geschickt erklärt sind und zu den angegebenen Courslinien der Schiffe passen. Allein zwei Momente von Bedeutung gestatten nicht, daß wir uns für Varnhagen erklären. Varnhagen hält nämlich Mariguana oder Mayaguana für San Salvador, und grade Mayaguana ist auf allen älteren Karten, von Juan de la Cosa an, neben, d. h. südöstlich von Guanahani eingetragen. Mögen nun auch die früheren Kartographen die Umrisse der einzelnen Inseln noch so ungenau und falsch gezeichnet haben, so ist doch bei allen die klare Ueberzeugung zu erkennen, daß sie Guanahani und Mayaguana als zwei verschiedene Inseln wollen betrachtet wissen. Sodann paßt auch die von Columbus gegebene Beschreibung der Insel nicht recht auf Mariguana. Und in dieser Beziehung trägt Bechers Ansicht entschieden den Sieg davon. Man muß dem englischen Capitän beipflichten, wenn er sagt: „Beides, Lage und Beschreibung dieser Insel (Watling Island) entspricht in jeder Weise dem Journal“ (des Columbus).[210] Man kann sogar behaupten, daß nur Watling auf die Beschreibung paßt, welche der Entdecker gegeben hat. „Diese Insel,“ sagt er, „ist ziemlich groß und ganz flach und hat sehr viel Bäume und viel Wasser und in der Mitte eine sehr große Lagune, aber keine Gebirge.“ Daß die Insel Süßwasserquellen besitzt, ist nicht gesagt.[211] Wir werden uns im Folgenden an die Auffassung von Becher halten, ohne indeß der Ansicht zu sein, daß die Untersuchung schon vollständig abgeschlossen sei.
7. Die Fahrt durch das westindische Meer.
Von S. Salvador steuerte Columbus nach Südwesten, berührte die kleine Insel Rum Cay und wandte sich von da nach dem Nordende von Long Island, welche er S. Maria de la Concepcion nannte. Westlich davon fand er die dritte Insel, Groß Exuma und gab ihr den Namen Fernandina, zu Ehren des Königs. Widrige Winde hinderten ihn, dieses Eiland zu umsegeln, er kehrte nach Concepcion zurück und segelte, weil die Indianer Samaot oder Saomet als eine Localität nannten, wo man Gold finde, an der Ostseite von Long Island südwärts bis zum Cap Verde und suchte von hier aus, wobei die Schiffe getrennt ihren eigenen Cours gingen, ostwärts das Land Saomet auf. Nach drei Stunden Fahrt tauchte eine neue Insel auf: es war das gesuchte Saomet, jetzt Crooked Insel, an deren Nordwestende die Schiffe sich wieder vereinigten. Sie erhielt den Namen Isabella, nach der Königin. Im Charakter glich dieselbe den übrigen, war schön bewaldet und etwas hügelig. Während die Schiffe an dieser Insel kreuzten, erhielt Columbus bestimmte Nachrichten von einer großen Insel gegen Süden. Die Indianer nannten sie Colba (Cuba), Columbus vermuthete, es sei Cipangu. So ging er am 24. October dahin unter Segel und wollte von da direct nach Quinsay fahren, um dem Großkaan die königlichen Briefe zu überreichen. Er war um so mehr überzeugt, daß er die Wunderinsel Cipangu vor sich habe, weil dieselbe auf den Globen, die er gesehen, und auf den Weltkarten in dieser Gegend angegeben war.[212]
Zuerst ging die Fahrt nach Südwesten und dann, nachdem man am Abend des 26. October auf den Untiefen der Columbusbank vor Anker gegangen war, am folgenden Morgen südwärts. Bei Einbruch der Nacht wurde Land gesehen; da aber der Regen in Strömen fiel, konnte man sich demselben nur mit Vorsicht nähern. Am 28. October liefen die Schiffe in einen prachtvollen Fluß an der Nordküste Cubas ein, wahrscheinlich in Port Nipe. Columbus strebte unaufhaltsam vorwärts; und wenn er auch in begeisterten Worten die Pracht der entdeckten Inseln schildert, er will doch nicht eher anhalten, als bis er in genügender Menge Gold und Gewürze findet, um seine Schiffe damit zu befrachten, denn das ist der einzige Zweck seiner Unternehmung. Auf Cuba entzückten ihn die majestätischen Palmen, welche er von den afrikanischen verschieden fand. Von den Indianern wurde ihm gesagt, man brauche zwanzig Tage, um Cuba zu umschiffen. Es mußte demnach eine Insel sein. Als aber der Capitän der Pinta die abweichende Ansicht äußerte, unter Cuba müsse man eine Stadt verstehen, das vor ihnen liegende Land gehöre zu Asien und das weiter westlich gelegene Gebiet gehöre bereits zum Reiche des Großkaan, da ließ sich auch Columbus willig zu dieser Auffassung, welche seinen Wünschen und Zielen so sehr entgegen kam, bekehren und erklärte im Tagebuch bereits am 1. November: Cuba ist das feste Land von Asien, wir befinden uns vor Quinsay und Zaiton in einem Abstande von etwa 100 spanischen Meilen.[213] Martin Alonso, der Führer der Pinta, war aber zu seiner irrigen Annahme durch ein Wort der mitgenommenen Indianer verleitet, welche, als sie wiederholt die Fundstätten von Gold nachweisen sollten, den Ausdruck Cuba-nacān gebrauchten, was in ihrer Sprache soviel als die Mitte von Cuba bedeuten sollte, während die Spanier das Wort als „Kaan oder Can von Cuba“ deuteten. Später brachte Columbus auch den Ausdruck Caniba, mit dem die furchtsamen Stämme der kleinen Inseln ihre gefährlichen Nachbarn, welche die erschlagenen Feinde verzehrten, mehrfach bezeichneten, mit dem „Kaan“ in Zusammenhang und meinte, unter Canibalen seien die Unterthanen des Großkaan zu verstehen.
In welchem Theile des indischen Meeres er damals sich zu befinden glaubte, wird auch noch durch die befremdende Bemerkung des Tagebuches genauer bestimmt, daß er noch keine Sirenen gefunden habe. Es findet sich nämlich auf dem Behaim’schen Globus zwischen den Inseln, welche westlich von Cipangu gezeichnet sind, die Inschrift: „Hie findt man vil merwunder von serenen und anderen Fischen.“ Man darf wohl annehmen, daß Behaim manche seiner Inschriften von anderen Karten, die ihm in Portugal bekannt geworden waren, entlehnt hat, und daß dergleichen Bemerkungen auf den Weltkarten zu lesen waren, welche der Entdecker eingesehen hatte oder bei sich führte.
Nach allen diesen merkwürdigen Trugschlüssen scheint es nun ganz natürlich, daß Columbus danach strebte, sich möglichst bald mit dem Großkaan in Verbindung zu setzen. Daher schickte er bereits am 2. November zwei Spanier ans Land: Rodrigo de Jerez und den gelehrten Juden Louis de Torres, der Hebräisch, Chaldäisch und sogar etwas Arabisch verstand. Zugleich sandte er mit ihnen zwei Indianer; gemeinschaftlich sollten sie das Land ausforschen, dem König die Briefe aus Spanien überreichen, und sich unterwegs nach Gewürzen erkundigen, zu welchem Zwecke ihnen sogar Proben der verschiedensten Spezereien mitgegeben wurden. An Stelle des Geldes erhielten sie Perlenschnüre, um sich Lebensmittel dafür einzutauschen.