Cortes entsandte darauf den klugen Pater Olmedo mit einem versöhnlichen Briefe an Narvaez, in welchem er ihm Waffenbrüderschaft und Theilung der Macht anbot. Außerdem waren für die Officiere des gelandeten Heeres reichliche Goldgeschenke beigelegt. Die Erzählungen und Berichte Guevara’s und Olmedo’s gewannen die Soldaten bald für Cortes, aber Narvaez wollte von einem Vergleiche nichts wissen. Ohne die Antwort abzuwarten, deren Inhalt ihm nicht zweifelhaft sein konnte, beschloß Cortes, seinem Rivalen entgegenzurücken, ehe er Zeit gewinnen könne, ins Innere vorzudringen. Nachdem er den König Montezuma unter der Obhut des tapferen und zuverlässigen Pedro de Alvarado mit 140 Mann und allem Geschütz zurückgelassen hatte, brach er selbst mit nur 70 seiner tapfersten Leute und 2000 Indianern, welche gegen die Reiter des Narvaez mit langen Lanzen bewaffnet waren, im Mai 1520 von der Hauptstadt auf, traf in Cholula mit einer Abtheilung seines Heeres, welche, 120 Mann stark, unter Velasquez de Leon südlich von Vera Cruz einen Hafen hatte aufsuchen sollen, aber auf die Nachricht von der Landung des Narvaez zurückgerufen war, zusammen, begegnete in der Nähe von Tlascala seinem zurückkehrenden Gesandten Olmedo und verfügte nun, nachdem in der Nähe des Pico de Perote noch Sandoval von Villa rica mit 60 Mann zu ihm gestoßen war, über eine Streitmacht von etwa 260 Spaniern. Mit diesen rückte er dem Narvaez, welcher bei Cempoalla lagerte, kühn entgegen. In einer regnerischen, dunkeln Nacht, am Abend vor Pfingsten, überfiel er seinen Gegner, dessen Stellung er genau ausgekundschaftet hatte. Er benutzte die Nacht, damit seine Gegner nicht durch die geringe Zahl seiner Mannschaft zu stärkerem Widerstande gereizt würden. „Als wir eindrangen,“ erzählt Bernal Diaz, „war es stockfinster und es regnete stark, und erst später ging der Mond auf; aber auch die Finsterniß war uns von großem Nutzen, denn in der dunklen Nacht flogen eine Menge Leuchtkäfer umher, die von Narvaez’ Leuten für Lunten zum Losbrennen der Musketen gehalten wurden und ihnen daher einen ganz besonderen Begriff von der großen Zahl unserer Feuergewehre beibrachten.“[374] Cortes wußte genau das Quartier des feindlichen Heerführers und kam unbemerkt bis in den Hof des Hauses, wo erst die Gegner allarmirt wurden. Sandoval drang in das Thurmzimmer ein, wo Narvaez wohnte. Im nächtlichen Getümmel verlor dieser durch einen Lanzenstich ein Auge und wurde gefangen genommen. Der Kampf gegen seine Truppen dauerte nur kurze Zeit, ihr Widerstand hörte mit der Gefangennahme des Feldherrn auf. Nur zwei Spanier waren gefallen. Die Soldaten huldigten Cortes, welcher den verwundeten Gegner und seine entschiedensten Anhänger nach Villa rica bringen ließ. Erst am nächsten Morgen kamen die 2000 indianischen Hilfstruppen an, welche Cortes am Kampfe gegen seine Landsleute nicht hatte theilnehmen lassen, damit sie sich nicht eines Sieges über die Weißen rühmen könnten. Es war ein leicht errungener Erfolg gewesen. „Ich kann Euch versichern,“ hatte Cortes zu dem gefangenen Narvaez gesagt, „daß dieser Sieg eine der geringsten Waffenthaten ist, die wir in Neu-Spanien verrichtet.“ Aber der Sieg war trotzdem von höchster Bedeutung, weil ohne ihn die begonnene Unterwerfung des aztekischen Reichs unmöglich gewesen wäre.
Kurze Zeit darauf erhielt Cortes eine Nachricht, welche ihn veranlaßte, so rasch als möglich nach Mexiko zu eilen. Alvarado hatte bei einem großen Opferfeste in der Stadt, welches angeblich von den Mexikanern hatte benutzt werden sollen, um ihren König wieder zu befreien, allzurasch zu Gewaltmaßregeln sich hinreißen lassen, auf die versammelte Menge einzuhauen befohlen und ein Blutbad angerichtet, wobei viele vom aztekischen Adel niedergestoßen waren. In folge dessen erhob sich die ganze Stadt und griff die spanische Besatzung in ihrem Palaste so energisch an, daß Alvarado Boten entsenden und den Oberfeldherrn um schleunige Hilfe bitten mußte. Die Kranken und Verwundeten in Cempoalla zurücklassend, eilte Cortes mit seiner ganzen Macht auf das Tafelland zurück. In Tlascala hielt er kurze Rast und musterte sein Heer. Er verfügte wieder über eine Streitmacht von 1300 Mann, darunter 90 Reiter, 80 Armbrustschützen und ebensoviel Musketiere. Je näher er der Hauptstadt kam, um so kühler wurde der Empfang von seiten der Bewohner. Alvarado war seit vierzehn Tagen in seiner Festung belagert. Als Cortes am Johannistage 1520 wieder in die Hauptstadt einrückte, empfing ihn nicht mehr eine neugierige Volksmenge, wie das erste Mal. Alle Bewohner hielten sich scheu zurück. Die Stadt schien wie verödet.
22. Der Kampf um Mexiko.
Bald nachdem Cortes sich mit Alvarado vereinigt hatte, erfolgte ein wüthender Angriff auf die Festung, der bis zur Nacht andauerte, aber durch die Kanonen abgeschlagen wurde. Die Brustwehren und Hauswände waren mit Pfeilen dermaßen bedeckt, daß man kaum gehen konnte. Die Menge der Schleudersteine verdeckte fast den ganzen Boden der Palasthöfe. Am nächsten Morgen machten die Spanier einen Ausfall und begannen einen erbitterten Kampf gegen die dichten Massen der Indianer. Sie feuerten Schuß auf Schuß gegen sie, sie rückten dicht an sie heran und stießen in jedem Anlauf 30 bis 40 Indianer nieder; umsonst, die Feinde behaupteten ihre Stelle und ihre Kraft schien eher zu wachsen als abzunehmen. Von den Dächern der Häuser warf man große Steine auf die Weißen. Cortes ließ zwar, um seine Gegner zu vertreiben, die nächsten Häuser anzünden; allein da dieselben durch Wassergräben von einander getrennt waren, so verbreitete sich das Feuer nicht weiter.
Da ein fortgesetzter Kampf aus dem Innern der Stadt für die Spanier völlig nutzlos war, so forderte Cortes den König auf, sich seinem Volk zu zeigen und demselben zu erklären, daß die Fremden bereit seien, die Stadt zu verlassen, wenn man ihnen unbelästigten Abzug gestatte. Nach einigem Zögern erschien Montezuma in vollem königlichen Schmucke auf der Plattform des Thurmes. So wie das Volk seiner ansichtig wurde, trat eine ehrfurchtsvolle Stille ein. Er erklärte laut: er sei kein Gefangener und die Spanier wollten abziehen. Aber das erzürnte Volk nahm die Worte des Herrschers für ein Zeichen von Feigheit und rief ihm zu, sie hätten seinen Vetter, den Fürsten von Iztapalapan, auf den Thron gehoben und geschworen, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis alle Spanier getödtet seien. Ein Hagel von Steinen und Geschossen begleitete diese Worte. Ehe die neben dem Könige stehenden Spanier ihn mit ihren Schilden decken konnten, erhielt er mehrere Wunden und wurde durch einen Steinwurf an den Kopf besinnungslos niedergeworfen.[375] Diese Demüthigung durch sein eignes Volk empfand Montezuma so tief, daß er, als er aus seiner Betäubung erwacht war, alle ärztliche Hilfeleistung von sich wies, den Verband abriß und am dritten Tage starb, am 30. Juni 1520. Mit seinem Tode hörte auch der letzte Rest von Rücksicht auf, welche die Azteken um ihres Königs willen noch an den Tag gelegt. Ihr Ziel war auf die vollständige Vernichtung ihrer gefährlichen Feinde gerichtet, und zu dem Zwecke hatte man auch die Dammbrücken beseitigt, um den Spaniern den Rückzug abzuschneiden. Dazu gingen die Lebensmittel aus. Cortes mußte den Abmarsch vorbereiten und ließ zu dem Vorhaben eine tragbare Brücke zimmern, um damit die Dammbrücken, eine nach der andern, überschreiten zu können. Bei dunkler Nacht, am 1. Juli 1520, brach Cortes mit seinem Heere auf und schlug den Weg über den westlichen Damm ein. Die Töchter des Montezuma und den Fürsten Cacama nahm er als Gefangene mit. Da die Goldschätze wegen ihres bedeutenden Gewichtes nicht auf einmal zu transportiren waren, so ließ er nur den königlichen Antheil aufpacken; von dem übrigen Vorrathe konnte sich jeder Soldat nehmen. Doch warnte der Feldherr, sich nicht zu sehr zu beladen. Mancher wurde durch seine Habgier ins Verderben gezogen, wenn er in dem Gedränge des nächtlichen Kampfes durch seine Goldlast in der Führung seiner Waffen gehemmt wurde. Ebenso kamen alle Tlascalaner ums Leben, denen der Kronschatz anvertraut war.
Die erste Dammlücke wurde mittelst der tragbaren Brücke glücklich überschritten, obwohl die Azteken zu Lande lebhaft nachdrängten und von zahlreichen Kähnen aus die Abziehenden mit Wurfgeschossen überschütteten. Schon bei der zweiten Lücke wurde die Lage der Spanier höchst bedenklich. Da es regnete, waren die Brückenbalken glatt geworden; zwei Pferde glitten aus, wurden scheu, überschlugen sich in den See und auch die Brücke schlug um. Nun entstand ein verzweifeltes Gedränge, die vorderen Reihen wurden ins Wasser gestoßen, wo sich Kampf und Gemetzel fortsetzte. Wer sich durch Schwimmen zu retten suchte, wurde von den Kähnen eingeholt und gefangen fortgeschleppt. Die Dammlücke füllte sich mit todten Rossen und Menschenleibern, mit Kanonen und Karren und darüber ging der Strom der dichten, wogenden, kämpfenden Menschenmenge. Jeder war nur noch auf die Rettung des eignen Lebens bedacht, es galt kein Commando, es gab keinen Zusammenhalt mehr. Alles drängte nach dem festen Lande hinüber. Von den 1300 Soldaten, welche mit Cortes in die Stadt gezogen waren, kamen nicht mehr als 440 mit dem Leben davon, und auch sie waren alle verwundet. Ueber 860 Mann wurden getödtet oder fielen den Azteken in die Hände, welche sie ihren Göttern opferten.[376] Verloren gingen ferner alle Kanonen, aller Schießbedarf, alle Büchsen und 46 Pferde, so daß die Reiterei nur noch aus 23 Mann bestand. Dieser Rückzug ist unter dem Namen der traurigen Nacht (la noche triste) bekannt. In Popotla zeigt man noch den Cederbaum, um welchen Cortes mit dem Reste seiner Truppen in jener Nacht lagerte.[377] Am nächsten Morgen zog der Feldherr der Spanier nordwärts und um den See herum gegen Osten, unter steter Verfolgung des Feindes die Schwerverwundeten in der Mitte führend und mit seiner Reiterschar die Flanken deckend. Am 7. Juli gelangte er zu den noch vorhandenen, vielleicht ältesten Baudenkmälern des Landes, den beiden Pyramiden von Teotihuacan (d. h. „Wohnung der Götter“), von denen die größere an der Basis 208 Meter lang ist und eine senkrechte Höhe von 55 Metern hat. Beide waren genau nach den Himmelsgegenden orientirt. Oestlich davon in der Ebene von Otumba suchte ihnen ein mexikanisches Heer den Rückzug zu verlegen. Die große Uebermacht — ihre Zahl wird auf 200,000 angegeben — schloß die kleine spanische Schar völlig ein. Sie stand da wie eine Insel in stürmisch brandender See[378], aber Cortes wußte seine Leute durch ermunternden Zuspruch zu beleben: „Heute ist noch nicht der Tag, an dem wir besiegt werden sollen.“ Trotzdem erkannte er den ganzen Umfang der Gefahr. Er schrieb später an den König: „Wir fochten, so zu sagen, unter einander gemischt, und wir hielten dies für unser letztes Gefecht in unserem Leben: so schwach waren wir, so mächtig und stark waren hingegen die Feinde.“[379] Cortes wurde durch zwei Steinwürfe empfindlich am Kopfe verwundet und mußte sich verbinden lassen. Da rettete der Ritter Juan Salamanca seine Genossen durch eine kühne That. Er sah mitten im Getümmel den feindlichen Anführer, der das Feldzeichen trug, drang mit wenig Reitern auf ihn ein, indem er alles vor sich niederritt, tödtete den Gegner und nahm die Standarte.[380] Der Fall des Führers gab das Signal zur Flucht. Nachdem die erschöpften Truppen drei Tage in der Stadt Huejotlipan gerastet, zogen sie nach Tlascala, wo sie freundlich empfangen wurden und in Ruhe die Heilung ihrer Wunden abwarten konnten. Cortes selbst bedurfte vor allem der Pflege. Seine Kopfwunden hatten sich verschlimmert, er hatte außerdem zwei Finger der linken Hand eingebüßt und war durch die gewaltige Aufregung und Ueberanstrengung nicht unbedenklich erkrankt. Kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen auch den Soldaten der Muth sank, und daß ein großer Theil nach der Küste zurückzukehren wünschte. Dazu wurde ihre Lage höchst unsicher, weil eine Gesandtschaft der Mexikaner die Tlascalaner zum Bündniß gegen die Spanier aufforderte und der Häuptling Xicotencatl nicht abgeneigt schien, sich auf die Seite der Azteken zu stellen. Glücklicherweise hielt sein eigner Vater fest an dem Bunde mit Cortes.
Nachdem sich das Heer genügend erholt hatte, und Cortes wieder genesen war, kehrte auch der alte Unternehmungsgeist der Truppen wieder zurück. In glücklichen Kämpfen unterwarfen sie mit Hilfe der Tlascalaner das Land zwischen dem Popocatépetl und dem Citlaltépetl. Neue Scharen, welche Velasquez gesendet, in dem Glauben, Narvaez sei Herr des Landes, traten sofort zu Cortes über. Dann schrieb dieser von der Stadt Tepeaca aus, welche er Segura de la frontera nannte, seinen berühmten Brief, vom 30. October 1520 datirt, an den König von Spanien, in welchem er über die bisherigen Vorgänge genau Bericht erstattete, und schloß mit den Worten: „Wegen aller Aehnlichkeiten, welche ich zwischen diesen Ländern (Mexiko und Spanien) gefunden, in Bezug auf Fruchtbarkeit, Größe, Klima u. a. habe ich für passend gehalten, ihnen den Namen „Neuspanien des Oceans“ (la nueva España del Mar Oceano) zu geben und wage, Ew. Maj. zu ersuchen, diese Benennung zu bestätigen.[381] Aus diesem Berichte ersah man zuerst in Spanien, daß Cortes im Begriff stand, ein mächtiges Reich, das eine Fülle der geschätztesten Produkte besaß, der spanischen Krone zu unterwerfen, und Peter Martyr beeilte sich seinen Gönnern und Freunden die Pracht der Hauptstadt „Tenustitan alias Mexiko“ und die Reichthümer des Landes zu schildern.[382]
Cortes hatte beschlossen, die feindliche Hauptstadt von neuem anzugreifen. Aber um von dem See aus nicht wieder durch die Kriegsböte der Azteken belästigt zu werden, wollte er sich vor allem zum Herrn der die Stadt umgebenden Gewässer machen, um derselben die Verbindung mit dem Lande abzuschneiden. Zu dem Zwecke ließ er eine Anzahl von Brigantinen bauen, wozu er das Takelwerk und Eisen von Vera Cruz heraufschaffen ließ. Die Schiffstheile wurden in Tlascala angefertigt und von da an den See geschafft, wo sie zusammengesetzt wurden. Als er in der Mitte des December von Tepeaca aufbrach, bestand sein Heer aus 550 Mann zu Fuß, 40 Reitern und 8 oder 9 Kanonen. Das Heer der mit ihm verbündeten Indianer, welche mit der Eroberung der aztekischen Hauptstadt ihre Unabhängigkeit von dem drückenden Joche zu gewinnen hofften, zählte über 100,000 Mann.
Auf einem schwierigen Gebirgspasse nördlich vom Iztaccihuatl zog er nach Tezcuco, dessen Bewohner sich theils zu Boot über den See, theils zu Fuß über das Gebirge geflüchtet hatten.
In Mexiko war der Bruder und Nachfolger Montezuma’s nach viermonatiger Regierung gestorben und an seine Stelle der Neffe der beiden letzten Regenten, der 25jährige Quauhtemotzin[383] oder Guatemotzin gewählt worden. Dieser ließ die Stadt gegen den beabsichtigten Angriff der Spanier von allen Seiten befestigen. Nachdem Cortes sich in Tezcuco festgesetzt hatte, ließ er einen Graben, welcher zu dem eine halbe Legua entfernten See führte, so weit vertiefen, daß seine 13 neuerbauten Schiffe in den See einlaufen konnten. Dann unternahm er einen Recognoscirungszug rings um den See, um die Zugänge zur Hauptstadt kennen zu lernen, unterwarf die Städte, welche am Seeufer lagen und griff, nachdem er von Haiti noch eine erbetene Verstärkung an Truppen, 200 Mann zu Fuß und 70 bis 80 Pferde, erhalten hatte, die Stadt Xochimilco (d. h. Blumenfeld, nach den schwimmenden Gärten so genannt) an, welche theilweise im See lag. Bei der Erstürmung wäre Cortes fast in Gefangenschaft gerathen. Im Getümmel des Kampfes that sein Roß einen Fehltritt und stürzte nieder. Augenblicklich war er von Feinden umringt, gegen die er sich mit seiner Lanze vertheidigte. Er wäre fortgeschleppt worden, wenn nicht ein treuer Diener und ein Tlascalaner ihn aus der drohenden Gefahr befreit hätten. Kurz darauf hatte er einen Angriff Guatemotzins abzuschlagen, der mit 2000 Kähnen und 12,000 Mann der Stadt zu Hilfe eilte.