Am nächsten Morgen erwiderte Cortes in Begleitung von vier Hauptleuten, Pedro de Alvarado, Juan Velasquez de Leon, Diego de Ordaz und Gonzalo de Sandoval, den Besuch. Der königliche Palast umschloß mehrere Höfe, in einem derselben spielte ein Springbrunnen. Der ganze Bau war aus behauenen Steinen ausgeführt. Die Wände der Gemächer waren mit Marmor, Jaspis und Porphyr belegt, in dessen glattpolirten Flächen man sich spiegeln konnte, oder sie waren mit kostbaren Webstoffen oder Federteppichen behängt, auf denen Vögel und Blumen eingestickt waren. Im Laufe des Gesprächs ließ Cortes durch den Dolmetscher erklären, er habe von seinem Herrn den Auftrag erhalten, Montezuma zum Christenthum zu bekehren und begann daher ihm die Grundlehren des Glaubens auseinanderzusetzen. Allein der König, welcher früher selbst das Amt eines Oberpriesters bekleidet hatte, wich einer weiteren Erörterung über die Vorzüge der beiden Religionen aus; doch wiederholte er auch hier seine Bereitwilligkeit, dem spanischen Könige als seinem Oberherrn Tribut zu bezahlen. Bernal Diaz, welcher im Gefolge des Cortes dieser Audienz beiwohnte, gibt bei dieser Gelegenheit folgende Beschreibung von der Person Montezuma’s.[368]
„Der große Montezuma mochte um diese Zeit in seinem vierzigsten Jahre stehen. Er hatte eine ansehnliche Statur, war von schlankem Wuchs, etwas mager von Gliedern, aber in den besten Verhältnissen gebaut. Seine Farbe fiel nicht sehr ins Braune, sondern streifte blos an das Colorit der Indianer. Die Haare trug er nur über den Ohren stark, welche ganz von den Locken bedeckt wurden. Er hatte einen schwachen, aber wohlaussehenden, schwarzen Bart. Sein Gesicht war länglich und heiter, und seine wohlgeformten Augen drückten, je nachdem es paßte, Liebe und Ernst aus.“
Die Spanier richteten sich dann, mit Genehmigung des Königs, in ihrem Palaste eine christliche Kapelle ein, entdeckten dabei eine vermauerte Thür und dahinter den verborgenen Privatschatz des Königs. Nachdem eine Woche verstrichen war, entschloß sich Cortes, den aztekischen Herrscher gefangen zu nehmen. Den Vorwand dazu boten die Ereignisse in seiner Station an der Küste, wo Juan de Escalante mit 150 Mann als Besatzung zurückgeblieben war. Ein benachbarter Cazike hatte dieselbe verrätherisch überfallen, mehrere Spanier getödtet und den Befehlshaber tödtlich verwundet. Mit mehreren zuverlässigen Leuten ging Cortes zu Montezuma, sowie er von diesen Vorfällen benachrichtigt war, und beschuldigte denselben als geheimen Urheber des Verraths, auch verlangte er die Bestrafung des Caziken. Montezuma sagte dieses bereitwillig zu und ließ den Frevler sofort nach der Hauptstadt zur Verantwortung rufen. Damit noch nicht zufrieden, forderte Cortes, der König solle solange, bis die Sache entschieden sei, in dem Palaste der Spanier seine Wohnung nehmen. Montezuma bot seinen Sohn und seine Töchter als Geißeln an; aber Cortes ging nicht darauf ein, sondern bestand darauf, daß nur die eigne Person des Königs den Spaniern in der Hauptstadt die nöthige Sicherheit gewähren könne. Als dieser Wortwechsel schon eine gute halbe Stunde gedauert hatte, verloren die Officiere des Cortes die Geduld und Velasquez de Leon rief erregt: „Wozu noch viele Worte! Entweder geht er freiwillig mit uns, oder wir stoßen ihn nieder. Denn hier kömmt es darauf an, unser eignes Leben zu retten; und geschieht es nicht auf diese Weise, so sind wir unfehlbar verloren.“[369]
Durch diese Drohung erschreckt, gab Montezuma nach und ging mit. Dem Volke, das sich zusammenrottete, gab er die Erklärung, er gehe freiwillig. Man behandelte ihn ehrfurchtsvoll, wie den Herrn eines großen Reichs und ließ ihm seinen ganzen Hofstaat sammt dem ceremoniellen Gepränge. Er ertheilte in gewohnter Weise Audienzen und stand mit seinem Volke ununterbrochen in Verkehr.[370] Es schien fast keine Veränderung eingetreten, aber Montezuma selbst empfand sie tief.
Als der aztekische Statthalter Quauhpopoca (Cortes schreibt Qualpopoca), welcher die Spanier an der Küste überfallen hatte, auf Befehl Montezuma’s mit seinem Sohne und 15 Hauptleuten in der Hauptstadt erschien, wurde er Cortes zur Verurtheilung übergeben. Sie gestanden alle, daß Montezuma sie zu dem Ueberfall veranlaßt habe, und wurden dann auf dem großen Platze vor dem Palaste verbrannt. Während der Hinrichtung ließ Cortes den König als Urheber des Verraths in Fesseln legen. Wenn es nun auch nach dieser Demüthigung Montezuma freigestellt wurde, in seinen eignen Palast zurückzukehren, so wagte er es doch nicht mehr aus Furcht, die Azteken möchten sich dann gegen die Fremden erheben und er könne dem Ingrimm seines Volks keinen Einhalt gebieten. Er zog es also vor, unter dem Schutze der Spanier zu bleiben. Da beschloß der Neffe des Königs, Cacama, Fürst von Tezcuco, einer großen Stadt am östlichen Seeufer, welche etwa 150,000 Einwohner zählte, der unwürdigen Behandlung des Landesherrn mit Gewalt ein Ende zu machen. Aber da der Adel ohne Zustimmung Montezuma’s nichts unternehmen wollte, so erfuhr auch Cortes von dem Plan, ließ Cacama mit Hilfe von tezcucanischen Edelleuten, die im Dienste Montezuma’s standen, gefangen nehmen und durch seinen Oberherrn für abgesetzt erklären. Auch die übrigen Verschworenen wurden auf Montezuma’s Befehl verhaftet. Dann leistete dieser in öffentlicher Versammlung der Caziken und Vornehmen den Huldigungseid dem Könige von Spanien, wobei er darauf hinwies, daß die Prophezeihung Quetzalcoatl’s nun in Erfüllung gegangen sei. Er schloß seine Ansprache an die Häuptlinge des Landes mit den Worten: „Gehorchet also von nun an dem großen König Karl als eurem natürlichen Oberherrn, und dem General, der ihn vertritt. Bezahlt ihm die Abgaben, die ihr mir entrichtet habt und dienet ihm, wie ihr mir gedient habt.“[371] Montezuma sprach unter Thränen und Seufzern, er fügte sich fatalistisch ergeben in sein Geschick. Cortes ließ die Akte der Unterwerfung von einem Notar aufsetzen und von beiden Parteien unterzeichnen.
Von eingebornen Beamten begleitet, zogen dann die Spanier weit und breit durchs Land, um Steuern zu erheben und den Tribut für den König von Spanien in Empfang zu nehmen. Sie drangen bis zu 100 Meilen Entfernung von der Hauptstadt ohne Schwierigkeit vor und kehrten mit Gold und Silber beladen zurück. Montezuma fügte dem aus seinem Privatschatze noch andere Kostbarkeiten hinzu. „Die Kleinodien,“ schrieb Cortes, „sind, abgesehen von ihrem Metallwerth, wegen ihrer Neuheit und eigenartigen Form unschätzbar. Kein Fürst der Welt kann dergleichen haben. Alles, was Montezuma auf der Erde gesehen, oder aus der Tiefe des Meeres gezogen, wurde auf seinen Befehl in Gold, Silber, Edelsteinen und bunten Federn aufs vollkommenste nachgebildet. Er hat auch nach meinen Zeichnungen Crucifixe, Medaillen, Kleinodien und Halsbänder nach europäischem Geschmack anfertigen lassen. Außerdem hat mir Montezuma eine große Menge baumwollner Stoffe von der größten Schönheit, sowohl wegen der Farbe als der Arbeit, ferner Tapeten für Kirchen und Wohnhäuser, baumwollne und aus Kaninchenwolle gefertigte Decken, sowie zwölf prächtig verzierte und gemalte Blasrohre geschenkt.“[372] Ungerechnet die feinern Kunstarbeiten, die nicht eingeschmolzen wurden, betrug von den übrigen Tributen und Geschenken der königliche Quint 32,400 pesos d’oro.
Um eine genauere Vorstellung von der Größe des Landes und seiner Küsten zu bekommen, namentlich, um die Ankerplätze ausfindig zu machen, ließ sich Cortes vom Kaiser eine auf Nequenstoff gemalte Karte geben.[373] Durch die dadurch gewonnene Kenntniß wuchs der Einfluß der Spanier im Lande immer mehr, und es schien, als ob sich der Uebergang der Herrschaft allmählich und auf friedlichem Wege vollziehen sollte. Da trat aber ein Ereigniß ein, durch welches Cortes genöthigt wurde, die Hauptstadt zu verlassen und die bereits gewonnene Machtstellung gegen die eignen Landsleute zu vertheidigen.
21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez.
Der Statthalter von Cuba, Velasquez, hatte, nachdem sich Cortes mit seinem Heere von ihm losgesagt, die Hoffnung noch nicht aufgegeben, den abtrünnigen Befehlshaber zu bezwingen und das Goldland Mexiko für sich zu gewinnen. Seine in Spanien angebrachte Beschwerde hatte bei Fonseca Gehör gefunden, welcher in folge dessen die Abgesandten des Cortes nicht, wie sie erwartet hatten, empfing, sondern ihr Anliegen verschob. Velasquez rüstete inzwischen ein neues Heer in der Stärke von wenigstens 800 Mann, darunter 80 Musketiere und 120 Armbrustschützen, ferner 80 Reiter und 17 bis 18 Kanonen und übergab das Commando dem Panfilo de Narvaez, mit dem Befehl, Cortes abzusetzen und gefangen nach Cuba abzuführen. Sobald der Vicekönig von Haiti, Diego Colon, von diesen Rüstungen hörte, sandte er einen gewandten Mann, den Licentiaten Lucas Vasquez de Ayllon nach Cuba, um dem dortigen Statthalter zu bedeuten, daß er unter keinen Umständen gegen Cortes feindlich auftreten dürfe, um den Erfolg des so glänzend begonnenen Unternehmens nicht in Frage zu stellen. Als Velasquez auf diese Vorstellungen nicht eingehen wollte, hielt sich Ayllon für verpflichtet, die bereits segelfertige Flotte von 18 Schiffen nach Mexiko zu begleiten. Narvaez kam am 23. April 1520 an dieselbe Stelle der mexikanischen Küste, bei der heutigen Stadt Vera Cruz, wo auch Cortes gelandet war. Als auch hier Ayllon seinen Protest gegen ein feindliches Vorgehen wiederholte, ließ Narvaez ihn auf ein Schiff bringen und nach Haiti zurückschaffen, wo er dem Vicekönige über die Verhältnisse Bericht erstattete. Da dieser sich durch die seinem Gesandten angethane Beleidigung in seiner Autorität verletzt sah, führte er beim königlichen Gerichtshof in Spanien gegen Velasquez und Narvaez Beschwerde. Er nahm also für Cortes Partei, was für diesen in der Folgezeit von Wichtigkeit wurde und eine ihm selbst günstige Entscheidung herbeiführte.
Nachdem Narvaez mit seinem Heere gelandet war, forderte er den Befehlshaber von Villa Rica, Gonzalo de Sandoval, auf, sich ihm zu ergeben und den Platz zu überliefern. Dieser aber schickte die Gesandten, den Priester Guevara und fünf andere Spanier, gebunden auf dem Rücken indianischer Lastträger direct nach Mexiko, welches sie in vier Tagen erreichten, um ihren Auftrag persönlich an Cortes auszurichten. Dieser ließ die unfreiwilligen Gesandten vor der Stadt beritten machen, damit sie würdig einziehen könnten, und empfing sie sehr höflich. Nachdem er ihnen die Verhältnisse in der Hauptstadt auseinandergesetzt hatte, gewann er sie bald alle für sich und schöpfte auch aus den Mittheilungen der Gesandten die Hoffnung, das gegen ihn ausgeschickte Heer zu gewinnen. Man fürchte, sagte man ihm, nur den Feldherrn Narvaez; allein sein Einfluß sei nicht groß, da er sich durch seine Anmaßung und seinen Geiz viele entfremdet habe.