In Tlascala erfuhr Cortes Genaueres über die Streitkräfte des Beherrschers von Mexiko. Montezuma, so erzählten die Tlascalaner, habe eine so große Kriegsmacht, daß er, wenn er einen großen Ort erobern, oder in eine Provinz einfallen wolle, jedesmal 100,000 Mann ins Feld rücken lasse. Die Mexikaner seien aber in allen Provinzen und bei allen Völkerschaften, welche Montezuma ausgeplündert und unterjocht habe, äußerst verhaßt und die mit Gewalt ausgehobenen Truppen schlügen sich nur mit Widerwillen und ohne Tapferkeit. Dann berichteten sie weiter von der Bewaffnung und Kriegsführung der Mexikaner und brachten zur Erklärung alles dessen große Stücke Nequen herbei, worauf ihre Schlachten abgebildet waren.[365] Es war also eine Militärherrschaft, welche nur aus Furcht vor einem noch schlimmeren Regiment ertragen wurde.

Nach einer Rast von drei Wochen rückte Cortes weiter nach Cholula, einer der größten Städte, welche unter mexikanischer Botmäßigkeit stand, denn sie zählte 20,000 Häuser, war ein Haupthandelsplatz und besaß ein blühendes Gewerbe. Hier hatte Quetzalcoatl auf seinem Marsch an die Küste 20 Jahre geweilt. Ihm war ein gewaltiger Tempelbau geweiht, dessen Stufenabsätze im ganzen 177 Fuß hoch sich erhoben. Oben in dem Tempel befand sich das riesige Bild des Gottes. Außerdem gab es noch 400 andere Opferthürme in der Stadt. Die Scheußlichkeit der Menschenopfer trat immer greller hervor, jemehr man sich der Hauptstadt näherte. Aus mächtigen Balken waren große Käfige gezimmert, in welchen Männer und Knaben zum Opfer gemästet wurden. Diese Menschenställe wurden von den Spaniern zerstört und die Gefangenen in ihre Heimat entlassen. Schon in Tlascala hatte man Cortes vor dem hinterlistigen, heuchlerischen Charakter der Cholulaner gewarnt; aber 6000 tlascalanische Krieger, welche mit ihm zogen, um an dem Feldzuge gegen Montezuma theilzunehmen, meldeten ihm alles, was auf eine gegen ihn geplante Verrätherei hindeutete. So erfuhr er denn, daß ein Theil der Stadt verbarrikadirt sei, und daß viele Einwohner den Ort bereits verlassen hätten. Donna Marina erfuhr ferner, daß man die Spanier bei ihrem Abzuge aus der Stadt überfallen wolle. Deshalb kam Cortes ihnen zuvor und ließ einen Theil der versammelten Caziken und Soldaten niederhauen. Dann drangen auch die tlascalanischen Hilfstruppen aus ihrem Lager vor der Stadt ein und setzten, aus Haß gegen Cholula, das Plündern und Morden fort, bis Cortes ihnen Einhalt gebot. In diesem Straßenkampfe kamen gegen 3000 Menschen um. Der große Tempel wurde erstürmt und verbrannt. Diese rasche Züchtigung eines Verrathes, welcher, wie sich nachher herausstellte, auf Montezuma’s Befehl geplant war, übte einen gewaltigen Eindruck, so daß die Nachbarstädte sich, um einem ähnlichen Geschick zu entgehen, schleunig unterwarfen.

Dann ging der Marsch weiter nach Mexiko, dessen Thalbecken von Cholula durch eine kurze von Süden nach Norden streichende Gebirgskette, über welche einige Vulkankegel emporsteigen, getrennt wird. Der Gebirgspaß, welchen die Spanier überschritten, führt zwischen den beiden Hochgipfeln des Popocatépetl („rauchender Berg“) und dem nördlich davon gelegenen Iztaccihuatl („weiße Frau“) hindurch. Von der Höhe des Passes aus ließ Cortes durch den spanischen Hauptmann Diego Ordaz eine Besteigung des Popocatépetl versuchen; aber es war wegen der Menge Schnee, der großen Kälte und der Wirbelstürme in der Höhe nicht möglich, den höchsten Gipfel zu erreichen. Von der Höhe des Gebirgskammes genoß man eine herrliche Ansicht des schönen Thals von Mexiko mit der Hauptstadt, welche, gleich Venedig, in einem See erbaut war. Der See war damals größer als jetzt und verlängerte sich gegen Südosten in das schmale Wasserbecken von Xochimilco und weiter gegen Osten in den rundlichen See von Chalco, welcher von den ersteren durch einen künstlichen Damm getrennt war. Nach der Hauptstadt selbst führten von verschiedenen Seiten drei Dammstraßen, jede mit mehreren Durchschnitten, über welche Holzbrücken gelegt waren. Unter denselben konnten die Kähne von einem See-Abschnitt in den andern gelangen. Wurden aber die Brücken abgenommen, so bestand die Dammstraße aus mehreren inselartig von Wasser umgebenen Stücken, und es war nicht möglich in die Stadt einzudringen. Diese war auch im Innern von zahlreichen Canälen durchschnitten, über welche Zugbrücken führten. Die Häuser waren mit einer Art von Brustwehr versehen und dienten jedes als eine kleine Festung für sich.

Außer der Hauptstadt lagen noch zahlreiche Städte und Dörfer am See, welcher zum Theil auch noch schwimmende Gärten trug, die den Reiz der eigenthümlichen Scenerie erhöhten. Derartige Gärten haben sich noch bis in die Gegenwart erhalten. Die Stadt Mexiko selbst zählte damals wenigstens 60,000 Häuser, woraus man auf eine Bevölkerung von über 300,000 Einwohnern schließen kann, besaß aber auch große Marktplätze, von denen einer so groß wie die Stadt Salamanca gewesen sein soll; der große Opfertempel, von dessen hoher Plattform, zu welcher 114 Stufen hinanführten, man die ganze Stadt überschauen konnte, ragte mächtig über alle Gebäude empor. Der Haupttempel hatte 40 Thürme, alle sehr stark von behauenen Steinen gebaut, das Gebälk wohl zusammengefügt und bemalt. Die vornehmsten Herren in der Stadt hatten in diesen Thürmen ihre Götzen und Familiengrüfte. Auf der Höhe der Plattform befanden sich in einer Tempelhalle zwei Götzenbilder, welche von Gold und Edelgestein strotzten. Hier war die Hauptopferstätte, wo die Gefangenen auf einem Jaspisblocke geschlachtet wurden. Boden und Wände der Halle waren schwarz von Menschenblut. Die Köpfe der Schlachtopfer wurden auf Gerüsten aufbewahrt. An einem dieser Schädelberge wollte ein Spanier 136,000 Köpfe gezählt haben.

Trotzdem Montezuma immer wieder durch Botschafter seinen schon mehrfach ausgesprochenen Wunsch erneuern ließ, marschirte doch Cortes gerade auf die Stadt zu. Den Eindruck, welchen die Capitale der Azteken auf die Europäer machte, malt Bernal Diaz in einzelnen charakteristischen Zügen aus. „Wir gelangten,“ erzählt er, „auf die breite Heerstraße von Iztallapan, wo uns zu erstenmale die Menge von Städten und Dörfern, welche mitten in den See gebaut waren, die noch größere Zahl von bedeutenden Ortschaften am Ufer und die schöne schnurgrade Straße, welche nach Mexiko führte, ins Auge fiel. Unsere Verwunderung stieg in der That auf das höchste, und wir sprachen unter einander, daß hier alles den Zauberpalästen in Amadis’ Ritterbuche gleiche: so hoch und stolz stiegen Thürme, Tempel und Häuser mitten aus dem Wasser hervor. Ja manche unserer Leute behaupteten gradezu, daß alles, was sie sähen, nur ein Traumgesicht sei. In Iztallapan selbst stiegen unsere Vorstellungen von der Macht und dem Reichthum dieses Landes immer höher. Wir wurden in wahre Paläste einquartirt, die von ansehnlichem Umfange, mit großen Höfen umgeben, aus schön behauenen Quadersteinen, aus Cedern- und anderm wohlriechenden Holze aufgeführt waren. Sämmtliche Gemächer waren mit Tapeten von baumwollenen Zeugen behangen.“

„Am nächsten Morgen zogen wir nach Mexiko. Die Dammstraße war acht Schritt breit, aber gegenwärtig für die Menge von Menschen, welche in die Stadt hineinwollten und aus derselben herausströmten, um uns zu sehen, viel zu enge, so daß wir uns kaum bewegen konnten. Alle Thürme und Opfertempel waren mit Zuschauern bedeckt, der ganze See lag voll von Fahrzeugen, die mit Neugierigen angefüllt waren. Wer wollte sich auch darüber wundern, da man Leute unserer Art und Pferde noch nie hier gesehen hatte. Von Strecke zu Strecke hatten wir eine neue Brücke zu passiren und vor uns dehnte sich die große Stadt Mexiko in all ihrer Herrlichkeit aus. Und wir, die wir durch die zahllosen Menschenmassen hinzogen, waren ein Häufchen von 450 Mann und hatten den Kopf noch voll von den Warnungen der Bewohner von Tlascala und anderer Städte, und von den Vorsichtsmaßregeln, die sie uns empfohlen, um unser Leben gegen die Mexikaner sicher zu stellen. Wenn man unsere Lage erwägt, darf man wohl fragen, ob es je Männer gegeben, welche ein so kühnes Wagestück unternommen haben.“[366]

20. Cortes in Mexiko.

Dieser denkwürdige Einzug in Mexiko geschah am 8. Nov. 1519. In der Hauptstraße der Stadt kam der König dem einrückenden spanischen Feldherrn mit einem glänzenden Gefolge von 200 Personen entgegen, sämmtlich barfuß, mit Ausnahme des Herrschers, welcher von Edelleuten in einem goldverzierten Sessel getragen wurde, über dem sich eine Art Thronhimmel, mit grünen Federn, Gold, Silber und edeln Steinen geschmückt, erhob. Als die Spanier nahten, verließ Montezuma seinen Sitz und schritt über ausgebreitete Decken den Fremden entgegen, angethan mit einer reichen, malerischen Kleidung, auf dem Kopf den Federbusch von grüner Farbe. Grün galt als die königliche Farbe. Seine mit Juwelen besetzten Halbstiefel hatten goldene Sohlen. Wie er durch die Menge daher schritt, durfte keiner zu ihm aufschauen; alle senkten demüthig den Blick. Cortes stieg, als er des Königs ansichtig wurde, vom Pferde, ging dem aztekischen Herrscher entgegen und hing ihm als Geschenk eine Kette von funkelndem Kristallglas um den Hals, er wollte ihn sogar umarmen, wurde daran aber durch die beiden begleitenden Fürsten, welche dem Kaiser zunächst standen, verhindert, damit die Person des Landesherrn nicht entweiht würde. Nachdem dieser dann für Cortes noch ein reiches Geschenk zurückgelassen, zog er sich mit seinem Gefolge zurück.

Mit Musik und fliegenden Fahnen hielten die Spanier ihren Einzug. Sechstausend Tlascalaner folgten ihnen. Inmitten der Stadt lagen an einem geräumigen Marktplatze der hohe Tempel des Kriegsgottes, da wo jetzt die Stiftskirche in Mexiko steht, und die weitläufigen Gebäude des Palastes, welchen der Vater Montezuma’s gebaut. Diesen wies Montezuma seinen Gästen als Wohnung an. Die besten Zimmer waren auch hier mit bunten baumwollenen Vorhängen bedeckt und der Fußboden mit Matten belegt. Cortes ließ den ganzen Gebäudecomplex, der durch die umgebende dicke Mauer und die Mauerthürme an sich schon einer Festung glich, mit Wachen besetzen und vor die Eingänge Kanonen aufpflanzen. Am Abend erschien Montezuma zum Besuch, erzählte dem Cortes ausführlich die Sage von Quetzalcoatl und erklärte schließlich: nach allem, was er bisher von den Spaniern über ihr Land und über ihren König gehört, glaube er ganz fest, dieser sei der rechtmäßige Herr von Mexiko.[367] Cortes möge daher über ihn und über sein Land verfügen.