Unter den Wissenschaften, welche von den Priestern gepflegt wurden, hatte die Eintheilung des Sonnenjahres in 18 Monate zu 20 Tagen, wozu am Ende des Jahres noch fünf Ergänzungstage kamen, religiöse Bedeutung, weil danach die Opfer- und Feiertage geregelt wurden. Eine farbige Bilderschrift wurde auf die Faserstoffe der Agave, auf baumwollene Tücher oder sorgfältig bereitete Häute aufgetragen. Auch verstand man auf dem gleichen Material große Karten des Reichs, der Provinzen und der Küsten zu zeichnen. Cortes zog eine solche Karte auf seinem Feldzuge nach Honduras zu Rathe.
Seit 1502 regierte der König Montezuma (Cortes schrieb Muteczuma). Ehrgeizig, wie alle aztekischen Fürsten auf die Ausbreitung ihres Reiches und ihres Cultus bedacht, denn er hatte die Stelle eines Oberpriesters bekleidet, hatte er, allzueifrig und unbesonnen, den Krieg in zu entfernte Landstriche getragen, bevor er alle seine Feinde in der Nähe vollständig bezwungen hatte. So war er mit seinem Heere bis Guatemala und Honduras (Vera-Paz), vielleicht sogar bis Nicaragua vorgedrungen und hatte doch die Tlascalaner, in der östlichen Nachbarschaft seiner Hauptstadt, nicht unterworfen. Ernst, zurückhaltend, stolz, hatte er sich die Gemüther des Volkes entfremdet und schlich mistrauisch, wie man es ähnlich von Harun al Raschid erzählt, des Nachts vermummt durch die Gassen seiner Residenz, um die Stimmung zu belauschen, angeblich um den ihm etwa verheimlichten Misbräuchen in der Verwaltung auf die Spur zu kommen. Aus Mistrauen hatte er seine Verwandten beseitigt, um des Thrones sicherer zu sein und ließ sich den Spaniern gegenüber dann doch durch seinen Aberglauben entwaffnen.[360]
Dieser Aberglaube bezog sich auf die bereits berührte Sage von der Wiederkunft des Quetzalcoatl. Allerlei Zeichen deutete das Volk auf die baldige Erfüllung dieser Prophezeihung. Der Thurm des Haupttempels war abgebrannt, im Osten war ein seltsames Licht aufgegangen, drei Kometen waren am Himmel erschienen u. dgl. mehr.
Im Jahre 1516 starb der Fürst von Tezcuco; in dem nun ausbrechenden Thronstreite begünstigte Montezuma den Cacama und wußte ihm das Haupterbtheil nebst der Hauptstadt zuzuwenden, während die nördliche Hälfte an den zweiten Sohn Ixtlixochitl fiel, den sich der aztekische König dadurch zum Feinde machte.
Unter diesen Ereignissen kam die Kunde von der Landung der Spanier. Das Volk sah in ihnen die Erben des vertriebenen Gottes. Montezuma berief seine Räthe. Die muthigen verlangten energischen Kampf, die bedächtigen riethen zum Frieden. Montezuma wollte selbständig scheinen und schlug einen gefährlichen Mittelweg ein. Auf die Botschaft des Cortes antwortete er mit reichen Geschenken und mit der Bitte, den beabsichtigten Besuch in der Hauptstadt zu unterlassen. Aber diese wunderbaren Geschenke reizten die Spanier nur noch mehr.[361]
Den Wunsch Montezuma’s, die Spanier möchten mit diesen reichen Geschenken heimkehren, befolgte Cortes nicht, er erwiderte vielmehr: er habe den Auftrag erhalten, den König selbst zu sprechen. Eine zweite mexikanische Gesandtschaft erschien mit neuen Gaben und wiederholte das frühere Gesuch. Umsonst. Die Spanier blieben, aber sie mußten bald empfinden, daß die Beziehungen zu dem aztekischen Fürstenhofe kühler wurden. Die Indianer verließen die Nähe des spanischen Lagers, sie lieferten keine Lebensmittel mehr und brachten dadurch die Fremden in eine schwierige Lage. Da erschienen glücklicherweise mehrere Totomaken, ein von den Azteken physisch und sprachlich verschiedener Volksstamm, welcher nördlich von Vera Cruz an der Küste wohnte und erst kürzlich von Montezuma unterworfen war, und luden Cortes zu einem Besuch in ihrer Stadt Cempoalla ein. Der spanische Heerführer erkannte daraus, daß das Reich Montezuma’s manche widerstrebende Elemente umfaßte, welche er für sich gewinnen konnte. Ehe er aber diese Einladung annahm, wurde in Vera Cruz eine förmliche Stadt mit spanischen Einrichtungen gegründet. Dieselbe erhielt in glücklicher Verbindung der beiden Hauptziele der Spanier: Gold und Christenthum, den Namen „Die reiche Stadt des wahren Kreuzes“ (Villa rica de la vera cruz). Vor dem aus seinen Getreuen zusammengesetzten Rathe der neuen Stadt legte Cortes dann, indem er sich erlaubte, eine kleine Komödie aufzuführen, das ihm von Velasquez anvertraute Amt feierlich nieder. Der Rath ernannte ihn natürlich sofort „im Namen der spanischen Majestät“ zum obersten Feldherrn und Richter und damit war das Abhängigkeitsverhältniß von der Statthalterschaft Cuba als gelöst zu betrachten. Die neue Colonie stellte sich unmittelbar unter die spanische Krone. Die Anhänger des Velasquez, welche sich dadurch überrumpelt sahen, rotteten sich zusammen; aber Cortes ließ die Rädelsführer in Ketten werfen und beugte einem Aufstande vor. Dann marschirte er nach Cempoalla. Damals zählte der Ort wenigstens 20–30,000 Einwohner, jetzt ist er verfallen. Die Spanier wurden festlich empfangen und die Totomaken begaben sich unter die spanische Botmäßigkeit. An Stelle der Götzentempel wurden christliche Altäre errichtet und die Einwohner ließen sich taufen. Hier erfuhr Cortes auch genauere Nachrichten von der feindlichen Stellung des tlascalanischen Staats zu den Azteken.
Das Zerwürfniß, welches zwischen beiden Stämmen herrschte, bestärkte den kühnen Spanier in seinen Eroberungsplänen. Aber ehe er ins Innere des Landes hineindrang, mußten an der Küste die Verhältnisse geordnet und befestigt werden. Mit Zustimmung der Soldaten wurde der ganze bisher erworbene Schatz an Gold und Schmuck an den König von Spanien gesendet; auch mußte der Rath von Villa rica denselben ersuchen, Cortes als Oberfeldherrn zu bestätigen. Am 26. Juli 1519 ging Alaminos mit einem Schiffe nach Spanien; er hatte zwar die strengste Weisung erhalten, direct nach der Heimat zu steuern, trotzdem lief er in Cuba an, und so erhielt Velasquez die ersten zuverlässigen Nachrichten über den Abfall der Truppen und beschloß die Empörer zu züchtigen. Seine Partei im Heere des Cortes erhob sich von neuem, sie wollten sich von Cortes trennen und heimlich nach Cuba zurückkehren. Dadurch wäre dessen Macht zersplittert, sein großer Plan erschwert. Die Hauptanstifter wurden mit dem Tode bestraft, und um ähnlichen Verschwörungen für alle Zeiten ein Ende zu machen, griff der Feldherr zu dem verzweifelten Mittel und ließ die Flotte, mit Ausnahme eines einzigen kleinen Schiffes, auf den Strand laufen, nachdem ein ihm willkommenes Gutachten dieselbe für nicht mehr seetüchtig erklärt hatte. Alles brauchbare Geräth, alles Eisen wurde ans Land geschafft. Bernal Diaz (I, 52), indem er die Erzählung des Historikers Gomara corrigirt, welcher behauptete, Cortes habe die Fahrzeuge heimlich versenken lassen, schreibt dagegen: „Es ist weltkundig, daß Cortes die Schiffe mit Zustimmung der ganzen Mannschaft und vor aller Augen auf den Strand laufen ließ, damit auch die Seeleute an unserem Feldzuge theilnehmen könnten.“ So war also der Rückzug abgeschnitten; es gab fortan nur noch ein Ziel: die feindliche Hauptstadt zu erobern, zu siegen oder zu fallen.
Nachdem in Villa rica 150 Mann und 2 Reiter als Besatzung zurückgelassen waren, brach Cortes am 16. August mit 300 Spaniern, 1300 totomakischen Kriegern, 1000 Trägern, 15 Reitern und 7 Geschützen auf und marschirte ins Bergland nach Westen. Durch das tropische Küstenland kam der Zug in zwei Tagen nach Jalapa, wo in einer Höhe von 1300 Metern die Palmen verschwinden. Je höher man stieg, desto kühler wurde das Klima; die Pflanzenwelt änderte sich, und ehe man die Gebirgspässe erreichte, hatte man auch die Region der Eichenwälder bereits hinter sich gelassen. Drei Tage marschirten sie durch rauhes, unbewohntes Land, wo mehrere von den cubanischen Indianern der Kälte erlagen. Dann erreichten sie, an dem mehr als 4000 Meter hohen Cofre de Perote vorbei, der südlich von ihnen lag, das Plateau von Anahuac. Als Cortes hier einen Dorfhäuptling fragte, ob er auch ein Unterthan Montezuma’s sei, antwortete dieser: „Wer wäre es denn nicht? Er ist der Herr der Welt.“[362] Obwohl das Landvolk sich friedlich verhielt, zog Cortes doch stets in fester Schlachtordnung weiter auf Tlascala. Auf der Hochebene wurde bedeutender Maisbau getrieben, Tlascala bedeutet „Brotland“. Das Volk der Tlascalaner war im 12. Jahrhundert eingewandert und hatte sich nach mancherlei Kämpfen in dem Gebiete niedergelassen. Sie standen nicht unter einem Könige, sondern sie bildeten eine Art Bundesstaat, dessen vier Fürsten sämmtlich in der Hauptstadt wohnten. In heftigen Kämpfen mit den Azteken hatten sie sich auf ihrem Gebiet behauptet und ihre Freiheit bewahrt. Den eindringenden Spaniern setzten sie den heftigsten Widerstand entgegen. Die Anzahl ihrer Krieger schätzte Cortes auf 100,000. Nach mehrtägigem, verzweifeltem Ringen, in welchem auch zwei Pferde getödtet wurden, gewannen die Spanier, besonders durch ihre Kanonen, am 5. September einen entscheidenden Sieg. Als dann auch noch der Versuch eines nächtlichen Ueberfalls durch die Wachsamkeit des Cortes vereitelt worden, welcher das Geständniß von der beabsichtigten Ueberrumpelung von einem gefangenen Indianer herausgelockt hatte, nahmen die Tlascalaner das Freundschaftsanerbieten des Siegers an und schlossen Frieden. Der tapfere Fürst Xicotencatl erschien persönlich im Lager der Spanier. Zum Abschluß eines Bündnisses trug besonders die Erklärung der Leute von Cempoalla bei, daß die Fremden Feinde des Montezuma seien. Ohne den Bund mit Tlascala wäre das Unternehmen des Cortes schwerlich gelungen. Sehr richtig befolgte dieser überall das Princip sich Freunde zu erwerben und Frieden zu schließen. Der römische Wahlspruch: Divide et impera verhalf auch ihm zum endlichen Siege.
Als die Nachricht von den wiederholten Siegen über die Tlascalaner zu Montezuma drang, welcher trotz seiner großen Machtmittel den kleinen Freistaat nicht hatte bezwingen können, befestigte sich in ihm der Glaube immer mehr, die Spanier seien jene längst erwarteten Erben Quetzalcoatls. Seine Boten suchten unter Ueberreichung wiederholter Geschenke dem Heerführer der Weißen den Marsch in die Hauptstadt des mexikanischen Reiches als ein höchst gefährliches Unterfangen hinzustellen. Montezuma erklärte sich sogar zu einem Tribut an den König Karl von Spanien bereit und ließ Cortes ersuchen, die Höhe und den Umfang an Gold, Silber, edlen Steinen, Sklaven und bunten Baumwolltüchern nach seinem Gutdünken zu bestimmen;[363] allein dieser beharrte um so mehr bei seiner einmal abgegebenen Erklärung: er habe von seinem königlichen Herrn den ganz bestimmten Befehl erhalten, Mexiko selbst zu besuchen.
Am 23. September 1519 zog Cortes in Tlascala ein, die Stadt schien ihm größer als Granada zu sein.[364] Vor einer großen Zahl von neugierigen Zuschauern wurde täglich Messe gelesen. Mehrere vornehme Indianerinnen, darunter die Tochter Xicotencatls ließen sich taufen und gingen mit spanischen Officieren ein Ehebündniß ein.