Hinter einem mehrere Meilen breiten, flachen Küstenstriche, der durch seine Fieber verrufen ist, und an dem es keinen einzigen guten, natürlichen Hafen gibt, erhebt sich das mittlere Land zu einem mächtigen Plateau von durchschnittlich 2000 Meter Höhe. Der östliche Steilrand des Hochlands wird von einzelnen Bergriesen, die über 5000 Meter emporsteigen, überragt. Hier besitzt Mexiko keinen schiffbaren Strom; von der Küste führen nur schwierige Landwege und Gebirgspässe auf das innere Hochland von Anahuac, das Centrum des alten Reichs, welches sich nordwärts etwa bis zum Wendekreise erstreckte. Das Hochthal von Mexiko, der Hauptstadt, erhebt sich bis über 2200 Meter und erscheint als ein Oval von 73 Kil. Länge und 35 Kil. Breite. Von einem thurmartigen Walle von Porphyrfelsen umschlossen, war dieses Thal früher grün und dicht mit Bäumen bewachsen, erscheint aber gegenwärtig an manchen Stellen weißlich von den Salzefflorescenzen und macht von den Höhen aus fast den Eindruck einer Steppe in folge der Abnahme des Sees, welcher ehedem, die Stadt umgebend, eine weit größere Ausdehnung hatte. Trotzdem ist die ganze Landschaft von großer, eigenartigen Schönheit, erhöht durch den Kranz von Bergen, über welche die beiden Schneegipfel, der Popocatepetl (5400 Meter) und der Ixtaccihuatl (5200 Meter) mit breitem Rücken mächtig emporragen.
Nördlich von dem Thale von Mexiko liegt Tula, die erste Ansiedlung der Tolteken, jenes räthselhaften Kulturvolkes, welches aus dem unbekannten Norden zu unbekannter Zeit (man nennt in der Regel das 7. Jahrh. n. Chr.) hier einzog. Sie führten den Anbau von Mais, Baumwolle und des sog. spanischen Pfeffers als unentbehrliches Gewürz ein. Sie bearbeiteten die edlen Metalle und entfalteten eine originelle Baukunst. Sie liebten es, ihre Steinhäuser und Tempel auf Anhöhen anzulegen, die verschiedenen Wohnräume lagen in verschiedener Höhe und waren durch kleine Treppen und enge Corridore verbunden.[358] Eigenartig waren auch die Stufenthürme oder Tempelpyramiden.
Nach einem Aufenthalte von mehreren Jahrhunderten verschwanden die Tolteken wieder, wahrscheinlich zogen sie weiter nach Süden und verbreiteten ihre Kultur über Yukatan und Honduras.
Nach ihnen rückten von Nordwesten die Chichimeken ein und wählten die Ostseite des Sees von Mexiko zu ihrer Hauptansiedlung, wo sie die Stadt Tezcuco gründeten. Dort verschmolzen sie mit den Acolhuern oder Acolhuas. Ihre Herrschaft unterlag wieder unter den Angriffen eines verwandten kriegerischen Stammes, der Tepaneken, bis sie sich mit Hilfe der Azteken in Mexiko wieder befreiten und sich mit diesen verbanden. Als letzter Zug der Einwanderer treten die Azteken auf, welche wahrscheinlich erst im Anfang des 14. Jahrhunderts die Stadt Tenochtitlan (Mexiko) auf einer Insel im See gründeten. Allmählich erst gelangten sie zu bedeutenderer Macht, hatten aber zur Zeit der Ankunft der Spanier durch ihre Kriegstüchtigkeit ihre Herrschaft von einem Meere zum andern ausgebreitet, und dabei zahlreiche fremde, nicht verwandte Stämme unterworfen, ohne aber in der verhältnißmäßig kurzen Zeit trotz ihres Gewaltregiments die verschiedenartigen Volkselemente mit einander verschmelzen zu können. Eine blutige Schreckensherrschaft lastete auf dem weiten Länderraume zwischen dem Golf von Mexiko und der Südsee, denn die Azteken verlangten für ihre Götzenaltäre zahllose Menschenleben von den unterworfenen Stämmen. Man gibt die Zahl der Menschenopfer auf jährlich 20,000 an. Die Schädel der Geschlachteten wurden zu Pyramiden aufgethürmt; Spanier aus dem Gefolge des Cortes wollten an einem Orte 136,000 Schädel gezählt haben.
Nur Furcht und Schrecken hielt das große Reich zusammen; ein Angriff von außen mußte viele nach Befreiung seufzende Völkerstämme in das Lager der Feinde treiben. So fiel nach diesem Gesichtspunkte die Ankunft des Cortes in eine ihm günstige Zeit, und es stand zu erwarten, daß er nach den ersten bedeutenden Waffenerfolgen den aztekischen Staatsverband lockern und manche der unterworfenen Völker auf seine Seite ziehen werde.
Aus einer ursprünglich aristokratischen Regierung hatte sich bei den Azteken ein fast unumschränktes Königthum entwickelt. Wenn die Könige auch nur durch Wahl, welche von den vier vornehmsten Adligen vollzogen wurde, auf den Thron gelangten, so blieb doch die höchste Würde stets in derselben Familie. Bei Hofe war ein ängstliches Ceremoniell und morgenländisches Gepränge eingeführt, den unmittelbaren Dienst bei der Person des Monarchen versah der zahlreiche Lehnsadel.
Der Nationalgott der Azteken (man zählte an 2000 Localgötter), Huitzilopochtli[359], war der zur Gottheit erhobene erste Anführer gewesen, der das Volk nach Anahuac geführt. Er verlangte die meisten Menschenopfer. Dagegen war Quetzalcoatl, ursprünglich ein Priester und Reformator der Tolteken in Tula, aus dem Lande vertrieben, weil er die Menschenopfer abschaffen wollte, und sollte der Sage nach an der östlichen Meeresküste im niedrigen Waldlande am Goatzocoalco verschwunden sein. Später verehrte man ihn als einen Gott der Luft, als den Wohlthäter des Volkes, welches ihm die Kunst des Landbaues und der Metallbearbeitung verdankte. Man dachte ihn sich von hoher Gestalt, mit weißer Hautfarbe und wallendem Barte. An das östliche Meer vertrieben, schiffte er sich dort auf einem aus Schlangenhaut gefertigten Zauberschiffe ein, nachdem er feierlich erklärt, er werde dereinst zurückkehren und sein Reich wieder in Besitz nehmen. An seine baldige Wiederkunft glaubte das ganze Volk. Die Unterdrückten und selbst der König sahen in Cortes die Prophezeihung verwirklicht.
Die von den Tolteken geschaffene materielle Kultur hatten die Azteken weiter entwickelt. Der Landbau stand in hoher Blüte; außer Mais, Baumwolle und Pfeffer baute man die Aloe (Magnay) an, deren Blattfasern Papier, deren Saft den berauschenden Pulquewein lieferte, erntete Cacao, deren Bohnen als kleinste Münze cursirten, oder zur Bereitung des Chocolatl (Chokolade) verwendet wurden, und Vanille. Bananen boten die beliebteste Frucht, den Tabak rauchte man aus Pfeifen oder in Form von Cigarren. Der Bergbau wurde eifrig betrieben, doch verstand man die Gewinnung des Eisens nicht und bediente sich zu Messern und Schwertern der scharfen Splitter des glasartigen Obsidians. Die Töpferei war allgemein verbreitet, Trinkschalen schnitzte man aus Holz, bemalte sie und überzog sie mit Firniß. Sehr geschickt waren die Handwerker in der Herstellung buntfarbig gestickter Baumwollgewänder, wie in den zum Schmuck dienenden prächtigen Federarbeiten. Ein lebhafter Marktverkehr fand zu bestimmten Zeiten in den Städten statt, und durch das ganze Land zog sich ein Netz von mit Posthäusern besetzten Straßen. Eilboten beförderten die Befehle der Regierung. Die militärische Einrichtung war durch Bildung von Kriegerorden und Abzeichen am Kleide darauf berechnet, den Ehrgeiz anzustacheln. Die Soldaten trugen ein dichtes Baumwollkleid, welches die leichten Wurfgeschosse nicht durchdringen ließ. Die Brust der Führer war außerdem durch goldene oder silberne Platten gedeckt. Man trug hölzerne, zuweilen mit Silber belegte und mit Federn geschmückte Helme, außerdem auch Arm- und Beinschienen. Das Heer war in Armeecorps von 8000 Mann und diese wieder in Compagnien zu 3–400 Mann abgetheilt. Die Waffen bestanden aus Schwertern, Lanzen, Keulen, Bogen und Pfeilen und Schleudern. Wenn es zur Schlacht ging, trug der Feldherr die Standarte. Im Kampfe war man vor allem darauf bedacht, Gefangene zu machen, um sie den Götzen zu opfern.