Bald aber trat Olid mit seinen Plänen hervor und fand bei den meisten seiner Leute Zustimmung. Als die erste Kunde davon nach Mexiko gelangte, und zwar über Cuba, entsandte Cortes seinen Schwager Francisco de las Casas mit vier Schiffen und 150 Mann nach Honduras,[397] wo Olid ihm die Landung verwehren wollte. Casas nahm die beiden Schiffe Olid’s mit Gewalt, während die Mannschaft ans Ufer entfloh. Unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Uebergabe der Colonie zu treffen, bat Olid um Waffenstillstand, benutzte aber die Zeit, um seinen im Innern befindlichen Hauptmann Pedro de Briones mit seiner Schar herbeizurufen. Dieser erhielt aber zu gleicher Zeit eine Warnung durch Las Casas und zog es vor, dem Befehl seines Vorgesetzten nicht zu folgen und ihn im Stich zu lassen. So zog sich eine Kette des Verraths von S. Domingo, der Hauptstadt Indiens, über Mexiko bis zu den Wildnissen Centroamerika’s: Velasquez empört sich gegen Diego Colon, Cortes gegen Velasquez, Olid gegen Cortes, Briones gegen Olid.[398] In der nächsten Nacht warf ein Sturm die ganze Flotille des Las Casas an den Strand, 40 Mann ertranken dabei und der Capitän selbst gerieth in Olid’s Gefangenschaft. Dann nahm dieser auch den von Süden hergekommenen Gil Gonzalez, der mit seiner zusammengeschmolzenen Mannschaft ziellos umherschweifte, gefangen, behandelte aber beide Gegner mit äußerster Milde, zog sie ins Haus und an seinen Tisch, als ob er sie dadurch gewinnen wollte, gab ihnen aber dadurch die bequemste Gelegenheit, sich zu verständigen, wie man sich am sichersten des Usurpators entledigen könne. Sie fielen eines Mittags über Olid her, welcher, da er unbewaffnet war und sich nicht vertheidigen konnte, flüchten mußte, um das Leben zu retten, und sich im nahen Walde verbarg. Sein Versteck wurde durch einen Geistlichen verrathen. Seine Leute hatten ebenso leicht seine Partei verlassen, wie früher ergriffen; den Verschworenen der königlichen Partei wurde es dadurch leicht gemacht, sich seiner Person zu bemächtigen und ihm den Proceß zu machen. Er büßte seinen Verrath mit dem Leben. Dann gründete Las Casas die Stadt Trujillo[399] und entließ sämmtliche Spanier, welche sich der neuen Niederlassung nicht anschließen wollten, nach Mexiko oder Spanien.

24. Cortes’ Feldzug nach Honduras.

Dem Statthalter von Neuspanien lag seine Colonie in Honduras sehr am Herzen; mit großer Sorge hatte er die Nachricht von dem Verrathe seines Waffengefährten Olid erhalten, mit Spannung erwartete er günstigere Kunde über den Verlauf der Sendung seines Schwagers. Da aber jede Botschaft ausblieb, weil derselbe seine Schiffe verloren und selbst in Gefangenschaft gerathen war, so fürchtete er schon, sein Rivale Velasquez möchte in Gemeinschaft mit Olid in Honduras festen Fuß gefaßt haben und könnte ihn von dieser Seite her bedrohen oder seinem Pflanzlande Schwierigkeiten bereiten. Ehe er also von dem für ihn glücklichen Ausgang der Sendung des Las Casas vernommen, beschloß er selbst zu Lande nach Honduras zu ziehen und seinen ungehorsamen Vasallen zu bändigen.

Nachdem er den Schatzmeister Alonso de Estrada zu seinem Stellvertreter in der Statthalterei ernannt hatte, verließ er mit seinen Truppen im October 1524 die Hauptstadt Mexiko. Um etwaigen Aufständen und Unruhen während seiner Abwesenheit vorzubeugen, veranlaßte er den letzten aztekischen Kaiser Guatemotzin und andere mexikanische Fürsten, ihn zu begleiten. Als Dolmetscherin folgte ihm wieder die bewährte Donna Marina. Wenn er den schwierigsten Weg zu Lande wählte, so wurde er dazu zum Theil durch den Besitz einer aztekischen Karte veranlaßt, welche ihm in der ersten Hälfte seines Marsches durch Angabe der hauptsächlichsten Oertlichkeiten wesentliche Dienste leistete; dann trieb ihn aber auch der Drang zu neuen Entdeckungen. Sollte zwischen Mexiko und Honduras eine Meerenge existiren, so mußte sie auf diese Weise sicher gefunden werden. Cortes sagt selbst, er sei mehrere Jahre bereits unthätig gewesen; der Abfall Olid’s bot ihm also die beste Gelegenheit, nicht nur diesen wieder zu unterwerfen, sondern auch sich zu neuen Thaten auszumachen und neue Länder zu entdecken. Niemand hat diesen Feuergeist treffender gezeichnet als sein Waffengefährte Bernal Diaz, wenn er schreibt: „Wie denn Cortes’ Gedanken immer sehr hoch gingen, so gedachte er in allen Dingen den König Alexander von Macedonien nachzuahmen.“[400]

Seine Schar bestand aus 140 Arkebusieren und Armbrustschützen und aus 93 Reitern, dazu kamen noch 3000 Mann indianischer Hilfstruppen. So lang der Weg von dem Plateau von Anahuac nach der Landschaft Tabasco führte, fand er gebahnte Straßen und konnte sich auf der mitgenommenen Karte orientiren. Vom Isthmus von Tehuantepec bis an die Wurzel der Halbinsel Yukatan ist aber das Küstenland von einem Gewirre wasserreicher Flußadern durchzogen. Die Kulturen der Indianer bilden nur Oasen in dem Waldlande und zwischen den ausgedehnten Sümpfen. Der Verkehr der Eingeborenen ist fast ganz auf die zahlreichen Wasserwege angewiesen, und ein Marsch mit Truppen und Heerestroß wird ebenso häufig durch die von Wald umschlossenen Wasserläufe, welche meist erst überbrückt werden mußten, aufgehalten, als die Verpflegung einer größeren Menschenmenge in den Urwaldwildnissen immer mehr erschwert wird.

In Tabasco versanken die Pferde zwischen Chilapan und Tepetitan fast im Sumpfe[401]. Die indianischen Ortschaften waren beinahe alle niedergebrannt und verlassen, man fand nur noch wenig Getreide vor und mußte sich mit unreifen, von den Feldern gepflückten Maiskolben behelfen. Ehe man das ganze Heer der Gefahr aussetzte, in den Wüsteneien zu verhungern, mußte man einige Abtheilungen auf Kundschaft voraussenden. „In Tepetitan,“ berichtet Cortes, „fanden wir einen Indianer. Der Mann kannte den Weg nach Iztapan, dem nächsten Ort auf meiner Karte, nicht. Es gäbe dahin keinen Landweg, doch unternahm er uns zu führen. Mit diesem Indianer sandte ich 30 Reiter und 30 Mann zu Fuß voraus mit dem Befehl Iztapan aufzusuchen und mir dann eine genaue Beschreibung ihres Weges zu machen, der ich folgen könnte. Ich beschloß so lange Rast zu machen, bis ich von ihnen eine Nachricht bekäme. Nach zwei Tagen, als weder ein Brief noch eine Meldung eintraf, beschloß ich, da die Truppen bereits Mangel litten, ihnen zu folgen, ohne Führer, ohne andere Anzeichen als die Spuren der Vorausgesandten in den Schlammsümpfen, welche das ganze Land bedeckten, und ich kann Ew. Majestät versichern, daß selbst auf den höheren Stellen unsere Pferde, die wir am Zügel führten, bis an den Gurt in den Morast sanken. So marschirten wir zwei Tage ohne irgend eine Nachricht zu erhalten, so daß ich fast rathlos wurde. Ich konnte nicht zurück, und vorwärts zu gehen ohne Gewißheit von der Richtung des einzuschlagenden Weges, war eben so gefährlich. In dieser Noth, als wir erschöpft und niedergeschlagen schon fürchteten verhungern zu müssen, kamen zwei Indianer mit Briefen von der vorausgeschickten Schar.“ Dieselbe hatte Iztapan erreicht. Der Ort lag, von Sümpfen umgeben, an einem großen Flusse und war voll Indianer, welche sich durch die Natur der Oertlichkeit sicher glaubten. Als sie aber sahen, daß die spanischen Reiter durch den Fluß schwammen, wollten sie das Dorf in Brand stecken. Hieran wurden sie zwar durch die Spanier gehindert; doch begann eine allgemeine Flucht auf Böten, oder schwimmend, wobei viele ertranken. In Iztapan fand man ausreichende Lebensmittel, und die Truppen konnten sich erholen, auch gelang es ihnen die Einwohner zu beruhigen und zur Rückkehr ins Dorf zu bewegen. Der Beschreibung nach lag dasselbe am Usumaçinta, dem größten Flusse Mittelamerika’s, dessen Gebiet den ganzen Norden der gegenwärtigen Republik Guatemala umfaßt, und der sich nach einem Lauf von über 100 Meilen in die Laguna de Terminos ergießt.

Beim Weitermarsch gegen Südosten gerieth das Heer in den dichtesten Urwald, wo die indianischen Führer den Weg verloren. Der Wald war undurchdringlich und hemmte jeden weitern Blick, selbst von dem Gipfel der mächtigen Bäume, zu welchen die Späher hinaufkletterten, konnte man höchstens einen Steinwurf weit sehen. Man mußte umkehren, um den Pferden, die seit 18 Stunden nichts zu fressen bekommen hatten, Futter zu verschaffen. Die Menschen waren vor Erschöpfung und Hunger halb todt. Da ließ sich Cortes seinen Schiffscompaß bringen, welcher ihm schon oft große Dienste geleistet hatte, aber nie mehr als in dieser gefährlichen Lage,[402] er erkundigte sich bei den begleitenden Eingebornen nach der Lage des Dorfes, wohin sie sie hatten führen wollen, und schloß daraus, daß ein Marsch in nordöstlicher Richtung sie dahin bringen werde. Der Weg wurde nach der angegebenen Himmelsgegend gebahnt und das Dorf glücklich gefunden. Die freudige Aufregung über die Entdeckung des Ortes war so groß, daß die meisten Leute, ohne auf die weiten Sümpfe vor ihnen zu achten, gerade auf die in der Ferne sichtbare Ansiedlung zueilten, wobei manche Pferde so tief in den Morast einsanken, daß man sie erst am nächsten Tage herausbringen konnte, denn in ihrem Hunger hatten die Reiter sie im Stich gelassen. Glücklicherweise ging kein Thier dabei verloren. Auch dieser, am Usumaçinta gelegene Ort war niedergebrannt und verlassen, bot aber für alle Mannschaften genug Vorräthe, so daß man sich eine Rast von acht Tagen gönnte. Der directe Weg nach Honduras hatte sich als unmöglich erwiesen, Cortes mußte in einem nördlichen Bogen ausweichend, durch Yukatan sein Ziel zu erreichen suchen. Er setzte über den Fluß und zog nach der Landschaft Acalan, welche an die Laguna de Terminos stößt. Nach einem dreitägigen Marsch durch die Bergwälder wurde der Zug durch einen weiten Sumpfsee aufgehalten. Die Führer meinten, man brauche 20 Tage, um ihn zu umgehen. Mittelst eines kleinen Kahns, den man fand, wurde das Wasser untersucht, es war vier Klafter tief und an den zusammengebundenen Speeren, die man hinabsenkte, zeigte es sich, daß eine zwei Klafter dicke Schlammschicht den Boden bedeckte. Der Sumpf war nicht zu durchwaten und wegen der vielen Bäume und verschlungenen Wurzeln in demselben konnten auch die Pferde nicht hindurchschwimmen. Da die Lagune nur etwa 500 Schritt breit schien, entschloß sich Cortes, eine Brücke zu bauen. Man fertigte mehrere Flöße an und trieb von ihnen aus eine Reihe von 9 bis 10 Klafter langen Pfosten senkrecht in den Boden. Die schwere Arbeit erschöpfte die Kräfte der Spanier, die zu ihrer Nahrung nur wildwachsende Kräuter und Wurzeln hatten, derart, daß sie sich weigerten, sie weiter zu führen. Da erklärte Cortes, dann werde er mit seinen Indianern, denen er bei seiner Rückkehr nach Mexiko reichliche Belohnung versprach, den Bau allein vollenden. Jenseit des Sumpfes läge das fruchtbare Acalan; man müsse über das Wasser, oder davor verhungern, denn hinter ihnen seien durch die vom Regen angeschwellten Bäche alle ihre Brücken weggerissen. Diese Erwägungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Spanier legten mit Hand an und in vier Tagen wurde die Brücke fertig, zu der man gegen 1000 Stämme gefällt und eingerammt hatte. Aber nachdem der See glücklich überwunden war, gerieth man wieder in Sümpfe, wo die Pferde tief einsanken; man mußte ihnen, da sie, unruhig geworden, immer tiefer zu versinken drohten, Reißigbündel und Buschwerk unter den Bauch schieben, um sie zu erhalten. Glücklicherweise kamen einige vorausgesandte Spanier mit 80 Indianern zurück, welche von Acalan Lebensmittel brachten. Die Hauptstadt Çancanar (Izancanas) lag am Ufer einer Seebucht, die sich bis zur Laguna de Terminos erstreckte. Der Fürst von Acalan unterstützte die Spanier nach Kräften und zeigte ihrem Heerführer auf einer Karte, welchen Weg er einzuschlagen habe.[403] Acalan ist fast ganz von Seen und Sümpfen umgeben, die mit der Bai von Terminos in Verbindung stehen, und da das Land gut bevölkert und reich an Produkten war, so trieben die Bewohner einen lebhaften Handel nach Tabasco. Ob, wie man damals im Lande behauptete, das nordöstlich gelegene Yukatan eine Insel sei, wollte Cortes auf seinem weiteren Zuge zunächst ermitteln. Am ersten Sonntag in den Fasten des Jahres 1525 zog er mit indianischen Führern weiter. Während dieses Marsches durch Acalan erfolgte die Hinrichtung Guatemotzins und des Fürsten von Tacuba, weil sie die Absicht gehabt haben sollten, alle Spanier sammt Cortes niederzumachen, Mexiko zur Befreiung aufzurufen und das Joch der Fremden abzuschütteln. Ob eine solche Verschwörung wirklich stattgefunden, ist nicht erwiesen. Befremdlich bleibt die Eile, mit welcher Cortes, sobald ihm von dem Plan der aztekischen Fürsten eine Mittheilung geworden, Verhör, Verurtheilung und Vollstreckung des Urtheils aufeinander folgen ließ. Aber die rasche Entscheidung war wohl durch die schwierige Lage geboten, in welcher sich die ganze Unternehmung befand. Da Cortes niemals leichtfertige und unnütze Bluturtheile gefällt hat, so müssen auch bei dieser wichtigen Entscheidung die Verdachtsgründe schwerwiegend gewesen sein. „Als ich mich überzeugt hatte,“ schreibt er an Karl V., „daß diese beiden (Guatemotzin und Tacuba) die Hauptschuldigen seien, gab ich Befehl, sie zu hängen, und so wurden sie gehängt.“[404] Sich rasch zu entschließen und ungesäumt zu handeln, lag in seiner Art; aber in diesem Falle kam selbst den begleitenden Spaniern der Verlauf des Processes binnen 24 Stunden so unerwartet und plötzlich, daß sie an der Rechtmäßigkeit des Spruches zweifelten. Bernal Diaz erklärt unumwunden, daß der Tod der aztekischen Fürsten ihn aufs tiefste geschmerzt und daß derselbe in den Augen aller, die den Zug mitmachten, eine Ungerechtigkeit gewesen sei.[405] Jedenfalls verfehlte das summarische Verfahren auf die übrigen Mitwisser des Planes seine Wirkung nicht; sie schrieben dem spanischen Heerführer Zauberkräfte zu und meinten, er bringe alle Geheimnisse durch seine Seekarte und seinen Compaß (carte de marear y un ahuja) heraus. Cortes ließ sie bei dem Wahn, welcher ihn seinen Gegnern so furchtbar machte.

Von Acalan zog er gegen Südosten zum Peténsee in der Landschaft Taiza, welcher auf allen Seiten von 60 bis 150 Meter hohen, waldbedeckten Kalksteinketten umgeben ist und keinen oberirdischen Abfluß hat. Die Halbinsel, welche von Osten her in den See hineinragt und denselben in ein nördliches und südliches Becken theilt, ist noch mit künstlichen Hügeln bedeckt, auf denen die Spuren alter Gebäude zu sehen sind.[406] Zu Cortes’ Zeit lag die Hauptstadt des Gebiets auf einer Insel am Ende dieser Landzunge und umfaßte eine Menge Tempel und Steinbilder. Von menschenleeren Wildnissen umgeben, behauptete sich hier ein kleiner selbstständiger Staat, welcher erst 1697 von den Spaniern zertrümmert wurde.[407] Denn wenn sich auch bei Cortes’ Ankunft der Fürst des Landes der spanischen Oberhoheit unterwarf und Geschenke brachte, so hatte doch diese Herrschaft nur bis zum Abzuge der Spanier Bestand.

Weiter ging der Zug zuerst über ebenes, nur hier und da waldiges Land; dann gelangte man aber an mehrere Reihen niedriger, sehr steiler Bergzüge, welche dem Vorrücken die größten Schwierigkeiten bereiteten. Ueber die erste Kette konnte man die Pferde am Zügel noch sicher hinüberführen, auf der zweiten verloren die Reitthiere fast alle die Hufeisen, so daß man einen Rasttag machen mußte, um dieselben wieder zu beschlagen. Dann folgte aber der beschwerlichste von allen Paßübergängen. Das Gebirge war von unbeschreiblicher Wildheit[408]. Man brauchte 12 Tage zu einem Wege von 8 Meilen und verlor eine Anzahl von Rossen durch Sturz von jähen Felsen, oder durch Erschöpfung. Alle Thiere waren beschädigt und blieben drei Monate zum Reiten untauglich. Dabei regnete es Tag und Nacht unaufhörlich und trotzdem litten Roß und Mann Durst, weil zwischen den schneidigen Felskämmen sich nirgend Wasser ansammelte und das, was man in Gefäßen zur Nachtzeit auffing, für das Heer nur auf kurze Zeit ausreichte. Ein Neffe des Cortes erlitt durch den Sturz seines Pferdes mehrfachen Beinbruch in schwerer Rüstung und konnte nur mit Mühe fortgebracht werden. Am Fuß dieses Gebirges, dem die Spanier den Namen Feuersteingebirge beilegten, mußten wieder gegen 20 Bergschluchten, in denen das Regenwasser über Klippen brauste, überbrückt werden. Erst am 15. April, am Tage vor Ostern, waren die bedeutendsten Schwierigkeiten überwunden und erfuhr Cortes hoch erfreut, daß er nur noch einige Tagereisen von der durch Gil Gonzalez in Nito gegründeten Niederlassung entfernt sei. Man war also endlich bis in die Nähe des Golfs von Honduras vorgedrungen und hatte den Polochic erreicht, der sich in den Golfo dulce ergießt und aus diesem, nach einer zweiten seenartigen Erweiterung als Rio dulce in die Bucht von Amatique, den innern Theil des Golfes von Honduras, fällt. Die spanische Colonie konnte allerdings den heranziehenden Truppen keine Unterstützung gewähren, denn fast alle Ansiedler lagen fieberkrank darnieder und litten Mangel, so daß ohne Cortes’ Dazwischenkunft ihr Schicksal besiegelt schien. Statt also mit dem Reste seiner noch kriegstüchtigen Mannschaft sofort weiter auf Olid’s Niederlassung marschiren zu können, mußten zunächst für die Truppen und Colonisten neue Vorräthe vom Golfo dulce herbeigeschafft werden. Uebrigens hoffte Cortes bei dieser Gelegenheit mancherlei nützliche Entdeckungen im Binnenlande machen zu können. Er unternahm diese Fahrt mit einer Brigantine, zwei Böten und vier Canoes. In dem tiefen Fahrwasser des Rio dulce, der zwischen 100 Meter hohen malerischen Felswänden in den See mündet, gelangte die kleine Flotille, gegen den Strom rudernd, in einer anstrengenden Fahrt von zwei Nächten und einem Tage zu der ersten nur zwei Leguas vom Meere entfernten Flußerweiterung, einem von sumpfigen Ufern umgebenen Flußsee, und von hier nach 24 stündiger Arbeit durch die zweite Flußenge in den Golfo dulce oder den See von Izabal, wie er nach einem neuerdings an der Südseite angelegten Orte benannt wird. Dieser See, welcher etwa 30 engl. Meilen lang und 12 Meilen breit ist, wird von hohen Bergketten umrahmt. Am südlichen Ufer ging Cortes ans Land, fand aber das erste Dorf verlassen; denn offenbar hatten die Indianer die Fahrzeuge ankommen sehen und sich geflüchtet. Nur ein einziger rauher Bergpfad führte südlich vom See an den Micobergen entlang nach Westen. Unter Führung von zwei eingefangenen Indianern folgte man dem Pfade, mußte auf dem Steilgehänge theilweise auf Händen und Füßen weiter klettern, mehrere Bergströme durchwaten und endlich, von Moskitos gepeinigt, unter Sturm und Regen die Nacht zubringen. In der Morgendämmerung wurde das nächste Dorf überfallen; da es aber wenig Lebensmittel bot, erkundigte sich Cortes nach größeren Ortschaften und gelangte endlich nach Chacujal.[409] Eine Stadt von dieser Ausdehnung mit Tempeln, Steingebäuden und großem Platze hatte man seit Acalan nicht mehr angetroffen. Es schien daher zweifelhaft, ob man mit der geringen Mannschaft den volkreichen Ort werde bezwingen können. Einige riethen zur Umkehr, aber Cortes hoffte durch Verwegenheit die Einwohner zu entwaffnen. Er überfiel den Ort bei Nacht, vertrieb die Bewohner und bemächtigte sich der reichen Vorräthe an trocknem Mais, Cacao, Bohnen, Pfeffer, Salz, Hühnern und einer Art Fasanen, die man in Käfigen hielt; außerdem fand man hübsche Webstoffe und rohe Baumwolle. Hier blieb die kleine Schar 18 Tage, ging dann nordwärts ins Thal des Polochic hinab und holte, da sich der Fluß schiffbar erwies, ein Boot und ein Canoe vom Golfo dulce herauf, um bei dem Transporte von Lebensmitteln Hilfe zu leisten. Cortes ließ dann vier Flöße bauen, um die Lebensmittel, namentlich Mais, auf dem Fluß herunter zu schaffen. Da man während der Fahrt auf dem Wasser erwartete von den Indianern angegriffen zu werden, so wurde die Mannschaft getheilt und begleitete entweder die Schiffsfracht oder ging zu Lande an den See (Golfo dulce) hinunter, wo ein Sammelplatz bestimmt war. Cortes selbst überwachte die Beförderung der Vorräthe auf den Flößen. Das Canoe wurde vorausgesandt, um nach etwaigen Hinterhalten der Indianer auszuspähen, dann folgten die Flöße und zuletzt das Boot, in welchem Cortes mit zwei Armbrustschützen sich befand, um, wenn nöthig, den Flößen beispringen zu können. Die Flußfahrt war gefährlich, sowohl wegen der bedeutenden Strömung, als auch wegen der Angriffe der Indianer. Gegen Abend stieß ein Floß so heftig gegen einen im Flußbett festsitzenden Baumstamm, daß es ganz untertauchte und die Hälfte der Ladung verlor. Bei einer Wendung des Stroms, wo die Fahrzeuge durch den Strudel hart an den einen Uferrand getrieben wurden, erwarteten sie die Indianer und überschütteten sie mit einem Hagel von Geschossen, so daß fast alle Spanier verwundet wurden. Cortes selbst, der seinen Helm abgenommen, erhielt einen Steinwurf an den Kopf. Glücklicherweise war das Wasser an jener Stelle tief, die Ufer hoch, so daß die Fahrzeuge in wenigen Minuten an dem Hinterhalte vorbeigetrieben wurden. Auch war die Nacht zu dunkel, um den Angreifern deutliche Zielpunkte für ihre Geschosse zu zeigen. Am nächsten Tage erreichte man den Golfo dulce und fand die Brigantine zur Stelle. Die von den Flößen hinübergeschafften Vorräthe wurden aus den Maisfeldern am See, wo inzwischen das Getreide zur Reife gelangt war, noch vervollständigt, und als die von Chacujal zu Lande kommende Schar ebenfalls eingetroffen war, kehrte die Expedition, nach Verlauf von 25 Tagen, befriedigt zur Niederlassung an der Bai St. Andres zurück. Der Platz der bisherigen Ansiedlung wurde wegen seiner ungesunden Lage aufgegeben und weiter ostwärts eine neue Stadt gegründet, welche den Namen Natividad de nuestra señora erhielt. Dann erst brach Cortes nach dem letzten Ziel seines mühevollen Zuges, nach Triumfo de la Cruz, der Niederlassung Olid’s, auf. Hier erfuhr er den Tod seines ungetreuen Vasallen; das ganze Unternehmen erwies sich somit eigentlich als unnöthig. Aber unermüdlich, und trotz aller Strapazen immer noch mit weiter gehenden Plänen beschäftigt, hoffte er die Küste von Honduras zum Ausgangspunkt weiterer Eroberungen zu machen. Die Indianer der Umgebung von Trujillo, dessen Hafen sich besonders günstig erwies, wußte er zu beruhigen, so daß sie den Platz wieder mit Lebensmitteln versorgten, und befuhr die weiter nach Osten streichenden Küsten, um auch Nicaragua seinem Colonialreiche einzuverleiben. Allein diese Unternehmung fand einen vorzeitigen Abschluß, weil in Mexiko Unruhen ausgebrochen waren, da sich das Gerücht verbreitet hatte, Cortes sei in den Sümpfen von Chiapas, südlich von Tabasco, mit seinem ganzen Heere umgekommen. Er wollte rasch zu Schiffe die Rhede von Vera Cruz zu erreichen suchen, aber zweimal trieb der Sturm das Fahrzeug mit gebrochenem Maste an die Küste zurück. Cortes lag am Fieber schwer krank darnieder. Erst am 25. April 1526 konnte er Honduras verlassen, erreichte Ende Mai Vera Cruz und hielt im Juni seinen festlichen Einzug in Mexiko.

Vier Wochen später langte Luis Ponçe de Leon als Bevollmächtigter der spanischen Regierung dort an, um die von den Widersachern des Cortes vorgebrachten Klagen über Verschwendung der Staatsgelder zu unnützen Unternehmungen zu untersuchen und die Civilverwaltung von Neuspanien zu übernehmen. Man hatte in Europa sogar das verleumderische Gerücht verbreitet, Cortes wolle sich ganz unabhängig machen. Da aber Ponçe de Leon, dessen trefflicher, unparteiischer Charakter gerühmt wird, leider bald starb, so folgte ihm zuerst Marcos de Aguilar und nach dessen Tode der Schatzmeister Estrada, welcher, voll feindlicher Gesinnung, danach trachtete, den Eroberer von Mexiko zu demüthigen; er verbannte ihn aus der Hauptstadt, und wenn er auch bald darauf diesen Befehl zurücknahm und sich mit Cortes zu versöhnen suchte, so vermied dieser doch absichtlich, die Stadt Mexiko zu betreten.[410]