Rüstung von Ferdinand Cortes (Madrid, Waffenmuseum).
Cortes war von hoher kräftiger Gestalt, der Ausdruck seines bleichen Gesichtes war gewöhnlich ernst; er trug einen dünnen, schwarzen Bart, den er in späteren Jahren, als er ergraute, zu färben liebte. Er war ein vorzüglicher Reiter und in jeder Kampfesart, zu Fuß oder zu Roß, sehr gewandt. Als junger Mann soll er auf Hispaniola manchen Liebeshandel mit Frauen und manchen Degenkampf mit Männern bestanden haben. Bei einer solchen Gelegenheit war er im Gesicht verwundet und trug davon am Kinn eine Narbe, welche der Bart nicht ganz verdeckte. Karten- und Würfelspiel liebte er auch noch im Lager, aber er blieb dabei stets, auch wenn er verlor, guter Laune. Seine äußere Erscheinung, seine Haltung, sein Gang, sein Benehmen verriethen den Mann von hohem Stande. Er kleidete sich einfach und trug als einzigen Schmuck immer dieselbe zierliche Goldkette mit dem Bilde der Mutter Gottes. Auf der Universität hatte er sich den Grad eines Baccalaureus der Rechte erworben, und durch diese seine wissenschaftliche Bildung überragte er alle seine Kriegsgenossen und sämmtliche Conquistadoren, welche sich in der neuen Welt als Heerführer einen Namen erwarben. Mit gelehrten Leuten verstand er Lateinisch zu reden. Er schrieb fließend und gewandt und pflegte seine Briefe mit lateinischen Citaten zu schmücken. Seine ausführlichen Berichte an den König Karl, in denen er eine klare Darstellung seiner Kriegsthaten gegeben, gehören zu den werthvollsten Urkunden der Geschichte der spanischen Eroberungen, sie fesseln durch die Schlichtheit und Natürlichkeit, welche den Stempel der Wahrheit an sich trägt. Sie zeigen uns den ganzen Mann, klar und entschieden in seinem Wollen, umsichtig in seinen Plänen, rastlos thätig, immer bemüht zu schaffen, zu ordnen. Denn er war Feldherr und Staatsmann zugleich und besaß einen weiten politischen Blick.
Als Heerführer im Kampfe war er kühn, fast tollkühn. In der Schlacht zeigte er sich stets allen voran und gerieth dabei mehrfach in höchste Lebensgefahr. Bei seinen kriegerischen Unternehmungen war er unbeugsam, es mochte kosten was es wollte, und er ließ trotz aller gutgemeinten, aber ängstlichen Rathschläge nicht ab, bis er sein Ziel erreicht. Manches Beispiel seiner treffenden Reden, mit denen er in gefährlicher Lage sein Kriegsvolk zu ermuntern pflegte, hat uns Bernal Diaz aufbewahrt. Wenn seine Soldaten unruhig und mismuthig wurden und ihn durch ihre Reden in Zorn brachten, dann schwoll ihm eine Ader am Hals und an der Stirn, er warf wohl auch in der Aufregung den Mantel von sich, aber nie ließ er ein Schimpfwort hören. Redete ihn jemand ungebührlich an, so rief er, ohne heftig zu werden. „Schweigt!“ oder „Geht in Gottes Namen und besinnt Euch eines Besseren, daß Eure Rede Euch nicht bösen Lohn bringt.“ Sein gewöhnlicher Schwur war: „Auf mein Gewissen!“ Schlagfertig in seinen Antworten, setzte er unter die Spottverse, welche man nach der Eroberung Mexiko’s, enttäuscht über die geringe Beute an Gold, in der Nähe von Cortes’ Wohnung an die Wand geschrieben hatte, sofort seine Erwiderung in Versen und brachte dadurch die Murrenden zum Schweigen. Im Dienste war er sehr pünktlich und inspicirte die Wachen selbst bei Nacht persönlich. Wo er Unordnung fand, nannte er die Leute räudige Schafe, denen die eigne Wolle zur Last sei.
Im Beginn seines Feldzuges gegen Mexiko war es ein staatskluger Schritt von der höchsten Wichtigkeit, daß er nach mehreren Siegen das tapfere Volk der Tlascalaner für seine Partei zu gewinnen wußte. Aber der romantische Zug, welcher der ganzen spanische Ritterschaft jener Zeit im hohen Grade eigen war, ließ ihn auch nach der Eroberung des aztekischen Reiches noch nicht zur Ruhe kommen. Der Gedanke einer mittelamerikanischen Meerenge, welche sein Neuspanien unmittelbar an die Hauptstraße des beginnenden Weltverkehrs verlegen sollte, trieb ihn nach Honduras und Californien. Und erst als ihm die Weiterführung dieser, wie wir jetzt erkennen, fruchtlosen Unternehmungen versagt wurde, zog er sich von dem Schauplatze seiner Thätigkeit zurück. Die Anerkennung aber seiner Verdienste um die spanische Krone findet ihren charakteristischen Ausdruck in dem Wappen, welches ihm Kaiser Karl am 7. März 1525 verlieh. Das Wappenschild (escudo de armas) des Marques de Valle umfaßt vier Mittelfelder, rechts oben den kaiserlichen, doppelköpfigen schwarzen Adler, darunter rechts unten einen goldenen Löwen in rothem Felde, um den Löwenmuth des Cortes anzudeuten. Links oben zeigten sich drei goldene Kronen auf schwarzem Grunde, sie stellten die drei mexikanischen Könige vor. Im letzten Felde, links unten, erschien die Stadt Mexiko. Rings um den vierfeldigen Mittelschild standen die Köpfe der sieben bezwungenen Fürsten im goldenen Felde, durch eine goldene Fessel an einander gekettet. So waren seine Thaten auf dem Wappenschild verherrlicht. Wenn ihm in späteren Jahren die Verwaltung von Neuspanien entzogen wurde und nur das Heer untergeben blieb, so liegt die Ursache dieser für Cortes demüthigenden Maßregel der Regierung wohl weniger in dem Einfluß der Verleumdungen und Intriguen seiner Feinde, als in der Erwägung, daß Cortes sich durch einen ungesetzmäßigen Schritt von dem Statthalter von Cuba losgerissen hatte, und daß man für die Folgezeit den Act der Felonie nicht sanctioniren wollte. Dessen ungeachtet bleibt Cortes eine der anziehendsten Gestalten in der Geschichte der spanischen Eroberungen.
26. Die Unternehmungen gegen Florida und die Küsten von Nordamerika.
Im weiten Umkreise des mexikanischen Golfes hatten die nördlichen Gestade längere Zeit weniger Beachtung gefunden und die Eroberungslust der Spanier nicht gereizt. Nach dem ersten Versuche Juan Ponçe’s (s. [S. 355]) im Jahre 1513 war die Aufmerksamkeit der Eroberer mehr nach den im Südwesten der Antillen gelegenen Regionen gerichtet, als nach Nordosten und Norden, bis in den Jahren 1519 und 1520 kurz nach einander mehrere Expeditionen ausliefen, um in jenen Gebieten festen Fuß zu fassen oder Menschenjagden anzustellen. Juan Ponçe versuchte 1520 noch einmal mit 200 Mann sich auf Florida festzusetzen, wurde aber von den kriegerischen Einwohnern, welche ausgezeichnete Bogenschützen waren, so energisch abgewiesen, daß er, selbst schwer verwundet, seinen Plan aufgeben und nach Cuba zurückweichen mußte, wo er seinen Wunden erlag.
Fast um dieselbe Zeit schickte der Licentiat Lucas Vasquez Ayllon von Haiti aus zwei Schiffe an die Ostküste von Florida, um Indianer einzufangen, welche auf den Antillen als Arbeiter verwendet werden sollten. Der Küstenstrich am atlantischen Ocean etwa zwischen 32 und 34° n. Br. hieß bei den Eingebornen Chicora und Gualdape. Man benannte dort die S. Helenabai[414] und den Jordanfluß, welcher, nach Vergleich der älteren Seekarten, mit dem Flusse von Charleston identisch zu sein scheint. Das Land machte einen so günstigen Eindruck, daß Ayllon, dem Bericht seines ausgesandten Piloten trauend, sich in dem Land festzusetzen beschloß und sich mit dem indischen Amte in Spanien in Verbindung setzte, worauf er von diesem unter dem Titel eines Adelantado die Ermächtigung erhielt, jene Länder zu erobern. Er verpflichtete sich zu gleicher Zeit, die Küsten weiterhin zu erforschen und namentlich nach einer Meeresstraße auszuspähen, welche den östlichen und westlichen Ocean verbinden sollte.
Im Jahre 1526 segelte er mit sechs Schiffen und 500 Mann nach dem Jordanflusse; bei der Einfahrt in denselben ging sein Hauptschiff sammt allen Vorräthen unter. Die indianischen Dolmetscher, welche man zur Verständigung mit den Eingeborenen mitgebracht hatte, entflohen und ließen die Spanier rathlos am Strande, dessen niedriger, unfruchtbarer Boden ihren Erwartungen keineswegs entsprach. Man versuchte etwa 40 Meilen weiter nordwärts bessere, günstigere Verhältnisse zu finden, ging dahin unter Segel und lief in einen seichten Fluß ein, dessen Barre nur mittelst der Flut zu passiren war. Das Land war fruchtbarer, aber auch ungesund. Viele der neuen Ankömmlinge starben noch in demselben Sommer; im Herbst (18. October) 1526 erlag auch Ayllon, und nun hielt sich die auf 150 Mann zusammengeschmolzene Schar nicht weiter verpflichtet, sondern verließ den ungastlichen Strand und kehrte nach Westindien zurück. Lange Zeit noch heißt diese Gegend auf den Karten Ayllon’s Land, aber weitere Colonisationsversuche wurden nicht gemacht.
Die Nordküste des mexikanischen Golfes enthüllt zu haben, ist das Verdienst des Statthalters von Jamaica, Francisco de Garay, welcher bereits die zweite Fahrt des Columbus mitgemacht hatte und nun von dessen Sohne mit der Verwaltung von Jamaica betraut war. Garay entsandte den tüchtigen Capitän Alonso Alvarez de Pineda mit vier Schiffen, um einen größeren Golf oder eine Meeresstraße in dem Festlande zu entdecken.[415] Pineda begann seine Küstenaufnahme am Nordende der Halbinsel Florida bei der Apallacheebucht und verwendete, alle Krümmen der Küste genau vermessend, 8 bis 9 Monate darauf, ehe er an die Grenzdistrikte von Mexiko gelangte. Das Land war anmuthig, die Indianer, welche mit den Seefahrern friedlich verkehrten, nannten es Amichel. Man berührte eine größere Anzahl indianischer Ortschaften, glaubte auch in den Flüssen Spuren von Gold zu entdecken, war entzückt, dieses Metall bei den Eingeborenen vielfach als Schmuck verwendet zu finden und lief auch mehrere Meilen weit in einen mächtigen Strom hinein, dem der Name Rio del Espiritu santo ertheilt wurde. Ohne Zweifel haben wir in diesem „Heiligengeist-Flusse“ den Mississippi vor uns. Dort blieb die Flotille 40 Tage. Daß die Entdecker in der Freude über ihren Fund die Natur des Landes zu günstig beurtheilten, oder in Bezug auf das Vorkommen von Gold sich angenehmen Selbsttäuschungen hingaben, hat sich zu oft wiederholt, um besonders aufzufallen; allein wenn sogar auch die einheimischen Menschenstämme in Giganten und Zwerge zerfallen sollten, so wären solche Berichte wohl geeignet gewesen, besonneneres Urtheil und ruhige Erwägung zu veranlassen, sofern es sich um weitere Ausdehnung der Eroberungspläne handelte; allein grade das Wunderbare in diesen Berichten lockte an und reizte die Habgier der Spanier.
Pineda fuhr vom Mississippi bis in die Gegend von Vera Cruz, wo bei einer Landung ein Theil seiner Leute dem Cortes in die Hände fiel. Hier mußte bald eine bestimmte Grenze zwischen dem Garay-Lande und Cortes-Lande (Mexiko) gezogen werden. Die Krone Spaniens entschied, daß der Rio Panuco (Tampico) die Gebiete der beiden Eroberer scheiden solle. Im Jahre 1523 ging nun Garay selbst mit elf Schiffen und bedeutender Mannschaft nach dem Palmenflusse, nördlich von Panuco, um dort eine Niederlassung in der Nähe von Mexiko zu gründen. Aber kaum waren die Truppen gelandet, so lief bereits ein Theil zu Cortes über, unter dessen Fahnen mehr Beute in Aussicht stand. Garay selbst mußte sich seinem glücklichen Rivalen ebenfalls ergeben, blieb im Lande und starb in Mexiko. Nach seinem Tode verlieh der König von Spanien die nördliche Golfküste an Narvaez.