Nachdem man, wenn auch in kurzen Tagemärschen, einen Monat lang nach Nordosten gezogen war, erreichte man einen großen Fluß, dem man nach dem Tage der Entdeckung den Namen Rio de San Pedro y San Pablo (Arkansas) beilegte. Jenseits desselben stieß man wieder auf jagende Indianer, deren Wohnungen drei oder vier Tagereisen weiter hinab ins Land gegen Osten lagen. Diese Ortschaften gehörten bereits zu Quivira. Ziemlich einstimmig erklären die ältern Geschichtsschreiber, Coronado sei etwa bis zum 40° n. Br. vorgedrungen. Wenn nun Theilnehmer des Zuges, wie Jaramillo, erfreut über das frischgrüne Ansehen der Landschaft, Quivira ein prachtvolles Land nennen, wie es nicht besser in Spanien, Frankreich oder Italien zu finden, und meinen, es sei für alle Arten von Kulturen geeignet, denn man finde an einigen Bächen sogar Trauben von ziemlich gutem Geschmack, und wenn ferner dieses Land nicht mehr als gebirgig, sondern nur als hügelig und eben, von Strömen getränkt, geschildert wird, und wenn der Zug über den Peter-Paulsfluß hinaus zu einem noch größeren Strome gelangte, an welchem die Ortschaften sich mehrten und die einheimische, in Strohhütten lebende Bevölkerung wuchs; so darf aus allen diesen Angaben mit ziemlicher Sicherheit geschlossen werden, daß Coronado im nordöstlichen Kansas bis an den Missouri gelangte. Den Marsch noch weiter auszudehnen, versprach wenig Erfolg, denn von den edlen Metallen hatten die Indianer gar keine Kenntniß; selbst die Häuptlinge trugen nur Kupfer als Schmuck. Man nannte zwar den nachforschenden Fremdlingen noch eine fernere Landschaft Harahey; aber auch diese bot nichts Verlockendes. Dazu war bereits der Augustmonat herangekommen, man sah sich also, um nicht etwa von dem einbrechenden Winter auf den öden Hochsteppen überrascht zu werden, genöthigt, den Rückmarsch anzutreten.[430] Zum Zeichen, wie weit man gekommen sei, errichteten die Soldaten ein Kreuz und schnitten den Namen ihres Feldherrn Francisco Vasquez de Coronado in das Holz des Stammes. Den Rückweg nahm man in mehr südlicher Richtung und gerieth in noch sterilere Regionen, in denen auf den Salzsümpfen 4–5 Zoll starke Salzplatten schwammen. Nachdem man den nördlichen Theil des Llano estacado passirt, erreichte man den Pecosfluß etwa 30 Meilen südlich von der Stelle, wo man ihn auf dem Hinwege überschritten hatte. Während Coronado in Quivira weilte, waren von der Landschaft Tiguex aus Streifzüge nach Norden und Süden, flußauf und flußab gemacht. Immer traf man wieder auf die nämliche Form der Oasendörfer. Am weitesten drang man am Rio grande abwärts und fand, nachdem man vier größere Ortschaften entdeckt, schließlich eine Stelle, wo der Strom im Boden zu verschwinden schien. Vermuthlich ist damit die Gegend bezeichnet, wo unter 31° 39′ n. Br. der „große Fluß“ in seinen tiefen und unpassirbaren Cañon eintritt. Hier entzog sich derselbe ihren Blicken; doch sollte er, nach Angabe der Indianer, weiter unten im Lande noch wasserreicher wieder hervorbrechen.

Coronado hatte die Absicht, nach der Ueberwinterung in Tiguex im nächsten Frühling zeitiger einen zweiten Zug nach Quivira zu unternehmen, um womöglich noch weiter in das fruchtbare Land vorzudringen. Allein ein Unfall, welcher ihn im Turnier mit Pedro Maldonado traf — er wurde im Ringrennen aus dem Sattel geworfen und schwer verletzt — nöthigte ihn, von weiteren Plänen abzustehen. So brach er im April 1542 auf und kehrte über Cibola nach Culiacan zurück. Die theure Expedition war ohne Gewinn verlaufen, ohne Schuld Coronado’s; aber der Vicekönig empfing den berichterstattenden Heerführer in der Hauptstadt sehr ungnädig und nahm ihm die Oberleitung in dem nördlichen Theil seines Vicekönigreichs, welches man mit dem Namen Neu-Galicien bezeichnete.

Die weite, scheinbar unbegrenzte Erstreckung der Landschaften, welche man betreten hatte, gegen Norden, der Abschluß des californischen Golfes, hinter welchem das Land ins Unendliche nach Nordwesten verlief, gab zu eigenthümlichen Vorstellungen von der Vertheilung und Gruppirung der Landmassen, sowie zu seltsamen Vermuthungen über die Bewohner Anlaß. So vermuthete der Capitän Castañeda, die Indianer von Quivira müßten aus Großindien stammen, weil ihre Sitten und Lebensformen so gänzlich von den bisher beobachteten Erscheinungen indianischen Lebens abwichen. Nach Uebersteigung der Gebirge, meinte er, seien sie dem Laufe der Flüsse, wie z. B. des Rio grande, nach Süden gefolgt. Es müsse in dem Lande, von wo die Indianer eingewandert seien, große Reichthümer geben; dieses Land müsse theils im äußersten Gebiete von Ostindien liegen, theils in jenem weiten Binnenlande zu suchen sein, welches sich fast von China bis Norwegen erstrecke.

Nach diesen Vorstellungen setzte sich also die Westküste Amerika’s mit Asien in Verbindung, während der Ostrand der neuen Welt über Florida und Grönland nach Norwegen liefe. Uebrigens waren derartige Anschauungen nicht etwa dem müssigen Kopfe eines ungebildeten Kriegsmannes entsprungen, sie wurden auch in Europa getheilt, und so findet sich ein klares Bild dieser tellurischen Träume auch in der 1562 zu Venedig erschienenen Geographia Claudii Ptolemaei auf der Carta marina nuova tavola.

Wie lange solche trügerische Vorstellungen selbst unter den Gebildeten sich noch erhalten konnten, dafür gibt den sichersten Beleg ein Ausspruch Lorenzana’s, des Erzbischofs von Mexiko, welcher noch 1770 darüber im Dunkeln ist, ob nicht Mexiko einerseits mit China, andererseits mit Grönland zusammenhänge.[431]


Ueber die Beziehungen zur asiatischen Küste brachte auch die Expedition Juan Rodriguez Cabrillo’s keine weitere Aufklärung. Derselbe wurde bald nach der Rückkehr Coronado’s mit mehreren Schiffen auf die Westseite der Halbinsel Californien gesendet, und kam im Sommer 1542 an der Cedros-Insel (28° n. Br.) vorbei, wahrscheinlich bis zu den südlichen Ausläufern der Sierra nevada, denn er sah, angeblich unter 40° n. Br., hohe schneebedeckte Gebirge. Nachdem Cabrillo während der Ueberwinterung im Hafen bei der Insel Posesion an den Folgen eines unglücklichen Sturzes das Leben verloren hatte, versuchte sein Nachfolger, der Pilot mayor Bartolomé Ferrel, noch einige Breitengrade weiter vorzudringen und behauptete, bis zum 43° n. Br. gekommen zu sein. Doch sind diese Angaben sehr zweifelhaft und die Configuration der Festlandsküste blieb in jenen Breiten durchaus unklar.

Man suchte hier im Norden nach einer Straße, welche zum atlantischen Ocean hinüberführen und etwa bei Neufundland ausmünden sollte. Denn es war eine weitverbreitete Ansicht, daß, der eingebildeten Gleichförmigkeit wegen, im Norden eine ähnliche Wasserverbindung bestehen müsse, wie sie im Süden durch Magalhães aufgefunden sei. Dieser postulirten Straße, welche zwischen 1560 und 1570 den Namen Anianstraße erhielt, schrieb man militärische Wichtigkeit für Spanien zu und noch im Jahre 1602 schickte Philipp III. von Spanien Schiffe aus, um dieselbe zu besetzen, damit nicht ungebetene Gäste, Engländer oder Franzosen, auf diesem Wege den Westküsten der neuen Welt unliebsame Besuche abstatten könnten; aber die Straße wurde nicht gefunden und der spanische Entdeckungseifer erlahmte an den Küsten Californiens etwa unter dem 43° n. Br. Den weitern Verlauf der Küsten aufzuhellen, blieb einer späteren Zeit und anderen Seemächten überlassen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich schon nach dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts fast ausschließlich den Entdeckungen und Vorgängen in Südamerika zugewandt.

28. Das Goldland Peru und seine alte Kultur.