Diese Thatsachen bestimmten sodann den Vicekönig, ein ansehnliches Heer unter Coronado[421] zur Erweiterung seiner Herrschaft nach Norden zu entsenden. Dieser brach im Frühjahr 1540 mit einem Heere, welches an Spaniern und Indianern über 1000 Mann zählte, von Mexiko auf und ging über Compostella nach Culiacan. Da von hier aus der Weg beschwerlicher wurde, so mußte eine kleine Schar immer vorausgesandt werden, um die Gegend zu erforschen. Auch begleiteten zwei Schiffe unter Pedro de Alarcon die Expedition, indem sie möglichst nahe sich an der Küste hielten. Der Marsch ging von Culiacan im allgemeinen nach Nordwesten bis etwa zum 30° n. Br. und richtete sich dann nach Norden und später nach Nordosten. Man durchschnitt das Thal von Sonora und wandte sich vom Rio de S. Ignacio nordöstlich ins Gebirge, um den oberen Lauf des Rio Sa. Cruz (Nexpa) zu erreichen, an dessen Ufer man zwei Tage abwärts und später über die öden Flächen zum Rio Gila gelangte, welcher, weil man auf Flößen übersetzte, den Namen Rio de las balsas erhielt. Dem südwestlichen Steilabfall des Coloradoplateaus ausweichend, führte der Weg in östlicher Richtung über einen mit Fichten bestandenen Berg. Ueber grasige Ebenen, Schluchten und ödes Bergland ging es weiter nach Nordosten, bis man Cibola erreichte. Die Truppen hatten den Weg sämmtlich zu Fuß gemacht, jeder Mann trug seinen Bedarf an Lebensmitteln selbst, auch die Pferde waren beladen. Vierzehn Tage nach Ankunft der Vortruppen langte auch das Hauptcorps an; aber das erreichte Ziel, Cibola, brachte große Enttäuschungen, man verwünschte die übertriebenen, lockenden Schilderungen des Marcos de Niza und erklärte spöttisch, manche Farm in Neuspanien mache einen stattlicheren Eindruck als dieser Ort, der aus Stein und Lehm auf einen Felsen gebaut, höchstens 200 Krieger bergen könne. Mit leichter Mühe wurde der Ort gestürmt und die Indianer verjagt. Das Land war kalt und hoch gelegen, der Boden sandig und nur spärlich mit Grün bedeckt. Die Indianer waren in baumwollne Tücher oder in Thierfelle ärmlich gekleidet. Schätze durfte man hier nicht erwarten und die herrlichen sieben Städte, von denen gefabelt war, bestanden in kleinen Ortschaften (pueblozuelos), die in einem Umkreise von etwa sechs Meilen den Hauptplatz umgaben.
Wo lag Cibola, dessen Namen wir auf modernen Karten vergeblich suchen? Zahlreiche nordamerikanische Gelehrte und Reisende haben sich mit der Frage beschäftigt.[422] Cibola ist das heutige Zuñi am Zuñiriver, welcher sich durch den kleinen Colorado in den Colorado del Occidente ergießt. Es liegt im Territorium von Neu-Mexiko nahe der Grenze von Arizona unter 35° n. Br. Nach der Angabe von Simpson (p. 324) erscheint Zuñi aus einer Entfernung von drei Meilen als ein niedriger brauner Felsrücken in baumloser Umgebung. Das Flußbette ist 150 Yards breit, aber das Wasser nur sechs Fuß breit und einige Zoll tief. Die Stadt ist terrassenartig gebaut, jedes Stockwerk der Häuser — in der Regel sind es drei — tritt nach oben weiter zurück und läßt für eine Plattform Raum. Die aufsteigenden Gassen sind sehr enge. In der Umgebung von Zuñi finden sich noch, am Rio Vermejo, die Ruinen von sechs Pueblos, alle dicht zusammen. Daß Zuñi und Cibola identisch sind, geht auch aus dem Ausspruche Antonio’s de Espejo hervor, welcher 1583 das Gebiet besuchte und erklärt, die Spanier unter Coronado hätten dem von den Indianern Zuñi benannten Orte den Namen Cibola gegeben.[423]
Während das Hauptheer nach Cibola marschirte, hatte Coronado schon vom Sonoraflusse aus den Capitän Melchior Diaz mit 25 Mann ans Meer hinabgesandt, um die Schiffe Alarcon’s aufzusuchen und ihm, womöglich, Verhaltungsmaßregeln für seine weitere Fahrt zu geben. Diaz zog an dem östlichen Strande des californischen Meerbusens gegen Norden, bis er an das Ende des Golfes kam. Da er aber von den Schiffen nirgends eine Spur fand, ging er an dem dort mündenden Strom weiter, bis er einen mächtigen Baum fand, in dessen Rinde die Nachricht eingegraben war, daß Alarcon bis dahin mit seinen Schiffen gekommen sei und am Fuß des Baumes einen Brief niedergelegt habe. Der Inhalt des Schreibens ergab, daß Alarcon hier längere Zeit gewartet und dann, da er mit seinen Schiffen nicht weiter vordringen, also nicht mehr in der Nähe Coronado’s bleiben konnte, den Rückweg angetreten habe. Alarcon war am 9. Mai 1540 vom Hafen Natividad ausgesegelt, hatte von Jalisco aus noch einen Transport mit Vorräthen für die Truppen mitgenommen und war im August an das Nordende des Meerbusens gelangt. Mit Böten war er noch 85 Meilen weit den Colorado, welchen er Rio de buena guia nannte, hinaufgegangen und hatte alles versucht, um sich mit Coronado in Verbindung zu setzen, aber vergeblich. Er sah sich zur Umkehr genöthigt. Sein Pilot Domingo del Castillo entwarf eine Karte[424] von den Küsten des Golfes und bewies damit, daß das westliche Land, Niedercalifornien, eine Halbinsel sei. Später hat allerdings lange und bis über die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinaus die falsche Vorstellung geherrscht, als sei Californien eine Insel.
In der Nähe des Colorado kam Diaz durch einen unglücklichen Zufall ums Leben und seine Mannschaft kehrte nach Mexiko zurück.
Inzwischen hatte Coronado von Cibola aus, wo er vorläufig sein Standquartier nahm, zunächst die umliegenden Ortschaften unterwerfen lassen und dann nach verschiedenen Richtungen einzelne Truppentheile in entfernte Regionen zur Erforschung der Länder entsendet. In der Landschaft Tuzan oder Tuçaya hörten die Spanier von einem großen Flusse im Norden. Diesen Strom aufzusuchen zog Garcia Lopez de Cardenas aus. Er ging mit seiner kleinen Schar über das Coloradoplateau und trat dann, bestürzt über den wilden Abgrund, an den Rand des großen Colorado-Cañons. Eine Welt in Trümmern, ein von klaffenden Spalten zerrissener Felsboden, auf dessen Grunde allein das spülende und grabende Wasser arbeitet, zeigte sich hier den erstaunten Blicken, wie sie in solcher Großartigkeit in keinem Erdtheil wieder auftritt.[425] Die Spanier unter Cardenas meinten, die Stromschluchten seien drei bis vier Meilen tief, neuere Messungen haben die Tiefe des großen Cañons auf etwa 100 Meter bestimmt. Drei Tage lang irrten sie am Plateaurande umher, nach einem Passe ausspähend, der sie zum Wasser hinunterführe, umsonst. Einige Wagehälse versuchten zwischen dem zerklüfteten Gestein hinabzuklettern, mußten aber unverrichteter Sache zurücksteigen. Sie versicherten, daß einige Felsen, die von oben gesehen etwa Mannesgröße gezeigt hätten, in der That höher als die Cathedrale von Sevilla gewesen seien. Cardenas trat vor dieser unbezwinglichen Naturschranke den Rückweg an. Er hatte zuerst den großartigsten Theil des mittleren Colorado gesehen.
Ansicht des großen Colorado-Cañon.
Eine andere Schar ging unter Hernando d’Alvarado von Cibola nach Osten; jenseits der Zuñigebirge trafen sie wieder auf mehrere indianische Ortschaften, welche in ähnlicher Weise, wie Cibola angelegt waren. Unter diesen war namentlich Acuco (jetzt Acoma)[426] durch seine Lage auf einem zerklüfteten Sandsteinfelsen merkwürdig. Auf der Nordseite hat der Wind den Sand so hoch angehäuft, daß man auf demselben fast bis zur Höhe hinaufsteigen kann. Dann bleibt aber noch der nackte Fels zu erklimmen; in einer engen Spalte windet sich der Pfad hinauf, den die Indianer durch eingezwängte Holzstufen bequemer gemacht haben. Alvarado mußte mit seinen Leuten auf Händen und Füßen den Felsen erklettern. Diese Felsendörfer lagen in der Nähe eines Flusses, der gegen Südosten floß und sich bald mit einem größeren nach Süden ziehenden Strome vereinigte. Bis nach Cibola hin hatten alle Stromrinnen vorwiegend eine westliche Richtung gezeigt. Die Bedeutung dieser hydrographischen Verhältnisse entging dem Scharfblick des Capitän Jaramillo nicht. Treffend bemerkt er in seinem Bericht: „Alle Gewässer, Flüsse und Bäche, welche wir bis Cibola oder noch ein paar Tagereisen weiter antrafen, laufen zum Südmeere (d. h. zum großen Ocean), von da ab aber zum Nordmeere (d. h. zum mexikanischen Golfe).“[427] Mit der größten Sicherheit erkennen wir daraus, daß die Expedition die Wasserscheide zwischen dem Colorado del Occidente und dem Rio grande del Norte überschritten hatte und sich nun im Gebiet des letzteren befand. Auch dieser Strom wurde überschritten und in der Landschaft Tiguex vereinigte sich Coronado wieder mit dem vorausgegangenen Alvarado. Weiterhin wurde der östliche Nebenfluß des Rio grande, der Rio Pecos, erreicht; denn der Häuptling, welcher hier in einer festen Stadt, Namens Cicuyé, hauste, sollte begehrenswerthe Schätze besitzen. Auf diesen waren die Spanier durch einen Indianer aufmerksam gemacht, welcher viel von gold- und silberreichen Städten zu erzählen wußte. Dort, berichtete er, halte ein Fürst seine Siesta unter einem mächtigen, großen Baume, dessen Zweige mit goldenen Glöckchen behängt seien, damit sie, wenn er entschlummere, im Luftzuge leise erklängen. Er selbst habe einige von diesen Schellen besessen, aber der Fürst von Cicuyé[428] habe sie ihm abgenommen. Alvarado rückte nach Cicuyé, um die Glocken zu holen, fand aber keine Spur von Gold, und die Einwohner erklärten jenen Indianer für einen unverschämten Lügner. Dann nahm er zwar den Häuptling gefangen und brachte ihn zu Coronado, der ihn sechs Monate in Haft hielt, aber damit nur erzielte, daß die Indianer allenthalben sich gegen die Spanier erhoben, welche sich unter steter Unruhe den Winter über in Tiguex behaupteten. Im Mai des Jahres 1541 sollte das vielversprechende Quivira aufgesucht werden; über den Pecosfluß nach Nordosten, und am Gebirge hin über die Steppen ziehend, traf man hier mit Jagdindianern zusammen, welche ohne feste Wohnsitze (sin casas) in Lederzelten lebten und alle wichtigen Lebensbedürfnisse von der Beute an erlegten Büffeln bestritten, Nahrung, Kleidung und Schuhwerk.[429] Weiterhin begegnete man einem Indianer, welcher durch Zeichen zu verstehen gab, daß er schon Spanier gesehen habe. Offenbar bezog sich diese Andeutung auf Cabeça de Vaca und seine Genossen.