Die Bewaffnung aller fünf Figuren ist lediglich die Lanze, an den Schäften mit großen kreuzförmigen Aufsätzen versehen, welche vielleicht als streitkolbenartige schwere Keulen zu betrachten sind. Als Schutzwaffen tragen die Krieger hohe, spitze, unter dem Kinn mit Bändern befestigte Helme mit einem halbmondförmigen aufgesetzten Zierrath und einem über den Nacken herabhängenden Tuche. Einen Schild führt nur die äußerste Figur rechts. Mit Ausnahme des mittleren tragen die Krieger alle große Taschen. Die Körperbekleidung besteht aus einem bis fast auf die Knie herabfallenden Untergewand mit verziertem Rande und darüber eine bis zur Hüfte reichende Jacke aus verschiedenartig ornamentirtem Gewebe. Die Gewänder sind ganz in der Form des Ponchos der heutigen Südamerikaner gearbeitet und lassen die Arme unbekleidet. Auch die Beine sind nackt, auf unserem Vasenbilde aber, wie auch die Gesichter und Hände, bemalt. Die mittlere Figur trägt einen Nasenring, die beiden neben ihr ansehnliche Pflöcke in den Ohren. Vier von den Kriegern haben auf der linken Schulter eine Schleife, der fünfte trägt den Kopf eines phantastischen Thieres als Helmschmuck. Die Gesichter sind von dem charakteristischen Indianer-Typus. — Die Form des Gefäßes ist durchaus ungewöhnlich und deshalb auf der Tafel „Altperuanische Geräthschaften“ mit abgebildet (s. d.). Das Gefäß befindet sich in Privatbesitz zu Lima und soll aus der Gegend von Trujillo stammen.

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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Nach einem Marsche von sieben Tagen langte Pizarro in dem wohlangebauten Thale von Cajamarca an, welches sich bei einer Höhenlage von 2860 Meter eines angenehmen, kühlen Klimas erfreut. Fruchtbare Ackerfelder und blühende Gärten zogen sich das Thal entlang. In der Ferne sah man die Dampfsäulen der warmen Bäder von Pultamarca, Schwefelquellen von 55° R., aufsteigen, welche noch heute den Namen der Inkabäder führen und wo Atahuallpa zu baden pflegte. Am Bergabhange davor breitete sich die Zeltstadt des peruanischen Lagers, welches 40,000 Mann zählte, aus. Pizarro zog in die kleine, menschenleere Stadt ein, welche mit einer festen und hohen Mauer umschlossen war, und besetzte am 15. November den Marktplatz. Dann untersuchte er die Verhältnisse der Stadt, um eine feste Stellung für sein Lager zu ermitteln, damit er nicht unerwartet überfallen werden könnte. Soto, welcher schon vorher einen kühnen Kundschafterritt ausgeführt hatte, ritt darauf mit 20 andern Reitern als Gesandtschaft in das Lager des Inka hinüber und jagte die letzte Strecke bis an den Bach, welcher sie noch vom Lagerplatze trennte, im Galopp vor, um seine Reiterkünste zu zeigen und die Indianer durch die Erscheinung der schnaubenden Rosse zu erschrecken. Der Inka befand sich im Hofe des Palastes, von seinem Gefolge umgeben. Von einem Thronsessel aus sah er hinter einem zarten durchsichtigen Schleier, den zwei Frauen vor ihm hielten, damit er nach Landessitte nicht von jedem unberufenen Auge beobachtet werde, die Spanier sich nähern. Als Soto heransprengte, befahl Atahuallpa den Schleier zu senken.[441] Dann trat Hernando Pizarro vor und hielt durch den Mund des Dolmetschers eine Ansprache an den König, worin er sich als Abgesandten eines mächtigen Monarchen bezeichnete und sich erbot, die Peruaner im wahren Glauben zu unterrichten.

Der Inka schwieg auf diese Worte, nur einer seiner ersten Beamten erwiderte: „Es ist gut.“ Pizarro begann von neuem und bat den Fürsten, die Spanier in ihrem Lager zu besuchen. Atahuallpa sagte für den nächsten Tag, nach Beendigung der Fastenzeit, den Besuch zu. Inzwischen möchten die Spanier sich in den Staatsgebäuden von Cajamarca einrichten. Dann verabschiedete er die fremden Gäste.

Die glänzende Erscheinung des Inka mit seinem Hofstaat, die fast göttliche Verehrung, die seine Umgebung dem Herrscher zollte, der Eindruck der Machtfülle und unumschränkten Gewalt über bedeutende Heereskräfte, die den Spaniern bei dieser Audienz fühlbar wurden — alles das ließ die Absichten derselben höchst gewagt erscheinen. Man konnte sich unmöglich auf einen vorbereiteten, regelrechten Kampf mit dem peruanischen Heere einlassen, welches die kleine Schar der verwegenen Abenteurer mühelos schien erdrücken zu können. Das einzige Mittel, sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen und den Widerstand zu lähmen, schien sich in der unerwarteten Gefangennehmung des Inka zu bieten. Und zu diesem Handstreich erklärte sich auf Pizarro’s Vorschlag der zusammenberufene Rath seiner Officiere bereit. Am nächsten Abend erschien Atahuallpa, von Edelleuten auf einem Sessel getragen, mit großem Gefolge und 5000 Mann erlesener Truppen vor der Stadt, wo er sein Lager aufschlagen wollte. Auf die Einladung Pizarro’s, daß alles zu seinem Empfang bereit sei, rückte er arglos und auf seine Macht vertrauend bis auf den großen Platz von Cajamarca. Kein Spanier war zu sehen, man wollte den Muth der Indianer nicht durch den Anblick der kleinen Anzahl der Fremdlinge steigern. Aber im Geheimen war jeder auf den Schlag vorbereitet und in Waffen, die Pferde standen gesattelt in den Höfen; die beiden Feldgeschütze waren auf den Platz gerichtet. Zwanzig entschlossene Soldaten hatten den Auftrag, den Inka im Auge zu behalten und sich seiner Person zu bemächtigen.

Als der Inka auf dem Platze hielt, trat zuerst der Dominicaner Vincente de Valverde (später Bischof von Cuzco) mit Kreuz und Brevier hervor und trug in kurzen Worten dem Könige den Inhalt der christlichen Glaubenslehre vor, von der Schöpfung und dem Sündenfall bis auf Christus, welcher alle Macht auf Erden seinem Apostel Petrus und dessen Nachfolgern, den Päpsten übergeben habe. Der Papst in Rom habe alle Länder unter die christlichen Fürsten vertheilt und dem Könige Karl die neue Welt überwiesen, damit alle Völker zum christlichen Glauben bekehrt und getauft würden. Atahuallpa verstand, daß in diesen letzten Aeußerungen ein bestimmter Angriff auf seine Hoheitsrechte enthalten sei und erklärte ruhig: Er wisse von Christus und Sanct Peter nichts, die Sonne gelte als höchste Gottheit, und er habe sein Land von seinen Vätern ererbt. Als der Geistliche darauf erwiderte: alles, was er gesagt, sei in der Heiligen Schrift von Gott selbst verkündet, nahm der Inka das Buch, blätterte darin und warf es mit den Worten: „Das Buch sagt nichts“, verächtlich auf den Boden. Ob, durch diese Schändung des göttlichen Wortes empört, der Geistliche die Spanier mit dem Rufe: „Auf sie!“ zum Losbrechen ermuntert und ihnen für den Verrath sogar Absolution ertheilt habe, ist nicht sicher festzustellen, da die Augenzeugen und ältesten Geschichtsschreiber über den raschen Verlauf des Gesprächs verschieden berichten. Doch gab Pizarro, da der Ueberfall geplant war, unmittelbar darauf das Signal zum Angriff, welcher durch die verächtliche Behandlung des Priesters und der Heiligen Schrift am einfachsten sich entschuldigen ließ. So wie die Trompeten erklangen und die Geschütze von der Festung erdröhnten, brachen die Spanier, Fußvolk und Reiter, aus dem Versteck hervor und fielen über die Indianer her. Ein heftiger Kampf entbrannte um den Inka, welcher von seinem Sessel zu Boden gestürzt und gefangen genommen wurde. 2000 Peruaner wurden auf dem Platze niedergehauen, die übrigen flüchteten.

Am nächsten Tage wurde das große Heer des Königs ohne Mühe zerstreut, da sie keinen Widerstand leisteten; viele Vornehme wurden zu Gefangenen gemacht und die Inkabäder geplündert. Dann schickte Pizarro Eilboten nach San Miguel, um Verstärkungen heranzuziehen, denn ohne dieselben wagte er doch nicht gegen die Hauptstadt aufzubrechen. Um seine Freiheit wieder zu erlangen und um zu verhindern, daß nicht Huascar von den Spaniern wieder auf den Thron gehoben würde, erbot sich Atahuallpa zu einem hohen Lösegelde. Er wollte das Zimmer, in welchem er gefangen gehalten wurde — dasselbe war 22 Fuß lang und 17 Fuß breit — mit Gold füllen lassen, so hoch ein Mann mit der Hand reichen könne. Pizarro nahm dieses Gebot begierig an, der weiße Strich wurde 9 Fuß hoch an der Wand ringsum gezogen. Der Inka verlangte zur Erfüllung seines Versprechens eine Frist von zwei Monaten.

Das Haus Atahuallpa’s bei Cajamarca, in welchem der Inka von Pizarro gefangen gehalten wurde.

Die Schätze der Sonnentempel von Cuzco, Huaylas (9° s. Br.), Huamachuco (östlich von Trujillo) und Pachacamac (südöstlich von Lima) wurden zu dem Zwecke herbeigetragen. Der Inka wurde indessen bewacht, aber nicht gefesselt, er war von seinem Gefolge umgeben und bedient und konnte mit dem Volke verkehren. Er erfuhr, daß sein Bruder Huascar sich ebenfalls an Pizarro gewendet, und daß dieser eine Zusammenkunft mit demselben beabsichtigte, um dessen Ansprüche kennen zu lernen und danach den Thronstreit zu entscheiden. Da gab Atahuallpa den Befehl, seinen Bruder zu beseitigen. Derselbe wurde entweder im Fluß von Andramarca ertränkt oder erst erdrosselt und der Leichnam dann ins Wasser geworfen. Wenn nun auch der gefangene Inka die Schuld an dem Brudermorde ableugnete, so wurde ihm derselbe doch zur Last gelegt und bildete ein wichtiges Motiv für seine spätere Hinrichtung.