Der Widerstand des Volks war vorläufig ganz gebrochen, so daß die Spanier ohne Schwierigkeit das Land bereisen konnten. So zog Hernando Pizarro mit Fußvolk und Reitern nach dem Tempel von Pachacamac. Der Marsch ging anfangs auf der Reichsstraße und dann von Pachicoto ab nach der Küste hinunter. Das Fußvolk setzte auf Balsas über die Flüsse, die Pferde schwammen hinüber. Die Indianer waren ihnen dabei behülflich. Dann marschirten sie weiter über die Stätte von Ancon und von dem später erbauten Lima, überall gastlich aufgenommen, bis sie im Februar 1533 nach Pachacamac[442] kamen, wo Pizarro mit Gewalt in den Tempel drang, das Götzenbild zerstörte und ein Kreuz an seine Stelle setzte. Dann ging Hernando Pizarro im Anfang März auf demselben Wege bis Huara zurück, wandte sich von hier ins Innere, erreichte in Cajatambo die große Straße und marschirte über Tarma nach Janja (östlich von Lima), wo damals Chalcuchima mit ansehnlicher Truppenmacht stand. Dem Beispiel seines Bruders folgend, faßte er den Plan, den peruanischen Feldherrn inmitten seines Heeres gefangen zu nehmen und gab dazu den beiden Hauptleuten Soto und Pedro del Barco den Befehl; aber der Peruaner ging freiwillig mit nach Cajamarca.
Noch weiter nach Süden drangen die beiden Spanier Martin Bueno und Pedro Martin de Moguer, die mit Geleitsbriefen des Inka und unter der Führung eines peruanischen Edelmanns, von indianischen Trägern auf das bequemste befördert, nach Cuzco reisten. Nach ihrer Rückkehr, im Sommer 1533, berichteten sie von dem buchstäblich mit Goldplatten belegten Sonnentempel, einem quadratischen Gebäude, dessen Seiten je 350 Schritt lang waren. Siebenhundert Goldplatten, dazu Gefäße und Schmuck in den verschiedensten Formen nahmen die Spanier mit sich fort und erschienen, indem sie auch auf dem Rückweg die zum Lösegeld für den gefangenen Fürsten dienende Beute noch vermehrten, endlich mit 200 Ladungen Gold, 25 Ladungen Silber und 60 Ladungen geringeren Goldes in Cajamarca. Hier wurde der unermeßliche Schatz, wie er bisher in den neuen Ländern noch nicht gesehen war, getheilt, der königliche Antheil (ein Fünftel), darunter die kostbarsten Goldarbeiten, ausgesondert und durch Hernando Pizarro persönlich nach Spanien überbracht. Der königliche Quint betrug 262,259 Pesos in Gold und 10,121 Mark Silber. Jeder Reiter erhielt 8880 Pesos in Gold und 262 Mark Silber.[443] Etwa fünf Wochen nach der Gefangennahme Atahuallpa’s kamen Boten von San Miguel mit der erfreulichen Meldung an Pizarro, daß sechs Schiffe mit Mannschaften angelangt seien und zwar drei große Schiffe unter Almagro und Ruiz mit 120 Mann und drei kleine Caravelen von Nicaragua mit 30 Mann und dazu mit 84 Pferden. Am Abend vor Ostern, am 14. April 1533, rückten diese Truppen, welche die Macht Pizarro’s verdoppelten, unter der Führung Almagro’s in Cajamarca ein. Der Inka forderte nun, nachdem das Lösegeld gezahlt und angenommen war, seine Freiheit; aber Pizarro gab sie nicht, angeblich, weil allerlei dunkle Gerüchte von Erhebungen und Heeresansammlungen der peruanischen Partei einliefen. De Soto wurde auf Kundschaft ausgeschickt, fand aber das ganze Volk ruhig. Trotzdem sollte Atahuallpa als Verräther gerichtet werden. Umsonst protestirten Soto und zwölf andere Spanier gegen die Verurtheilung des Inka, nur der König von Spanien könne über einen Fürsten zu Gericht sitzen, alles Gerede von Aufständen der Indianer sei falsch und grundlos. Trotzdem setzte Pizarro das Bluturtheil durch. Am 29. August 1533 wurde Atahuallpa gefesselt auf den Marktplatz geführt, um als Thronräuber, Brudermörder, Gotteslästerer verbrannt zu werden. Da er sich vorher zur Annahme der Taufe bequemte, wurde er zum Erdrosseln begnadigt und dann auf dem Friedhofe der Stadt beerdigt. Dieser Schandfleck in der Geschichte der Eroberung Peru’s, der sich nur aus der unersättlichen Goldgier erklären läßt, bildete den Anfang des großen Räuberdramas, in welchem alle Hauptpersonen gewaltsam ums Leben kamen. Atahuallpa war ein schöner stattlicher Mann; aber aus seinen feurigen Augen leuchtete eine Wildheit, vor welcher die Seinen erbebten. Als der Häuptling von Guailas ihn in seiner Gefangenschaft besuchte, um ihm Geschenke darzubringen, zitterte derselbe, wie Pedro Pizarro berichtet, der dabei stand, am ganzen Leib so gewaltig, daß er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Der Inka hob den Kopf ein wenig, lächelte und gab dem Häuptling ein Zeichen, daß er sich entfernen könne. „Ich habe in ganz Peru,“ schließt Pizarro seine Schilderung des Fürsten, „keinen Indianer gesehen, der dem Atahuallpa an Wildheit und Ansehen gleich käme.“[444]
Francisco Pizarro ernannte nun einen Nachfolger des Inka in der Person des Toparca (oder Tubalipa), eines Bruders des Huascar, um in dessen Namen bequemer die Indianer beherrschen zu können; aber derselbe starb schon nach einigen Monaten, vielleicht, wie von einem Historiker berichtet wird, von Chalcuchima vergiftet.
Im September brach Pizarro mit einem Heere von 500 Mann nach Cuzco auf. Die nach dem Tode Atahuallpa’s unruhig gewordenen Peruaner hatten die Dörfer an der Straße verbrannt, die Brücken zerstört und schienen entschlossen, den fremden Eindringlingen den Weg zu ihrer Hauptstadt versperren zu wollen. Soto ging wieder mit 60 Reitern voraus, wurde aber in einem Gebirgspasse in einen ungleichen Kampf verwickelt, aus welchem ihn der nacheilende Almagro befreien mußte. Der Feldherr Chalcuchima, den man des Einverständnisses mit den Feinden beschuldigte, wurde vor Cuzco verbrannt. Dann hielt Pizarro im November seinen Einzug in die Hauptstadt, welche damals 200,000 Einwohner zählte und viele herrliche Gebäude umfaßte. Indes wurden die alten Paläste und Tempel bald zerstört und aus ihren Trümmern neue Gebäude in europäischer Art aufgeführt. Auf den Grundmauern des Tempels der Sonnenjungfrauen steht jetzt das Kloster Santa Catalina. Was sich an Gold und Edelsteinen noch vorfand, wurde unter die Eroberer getheilt, selbst die Inkamumien wurden ihres Schmuckes und ihrer Juwelen beraubt.
Ein neuer Inka aus königlichem Stamme, Namens Manco, wurde gewählt und erhielt die königliche Kopfbinde aus der Hand Pizarro’s, er erkannte damit die Oberherrlichkeit Spaniens an. Manche der Gefährten Pizarro’s ließen sich in Cuzco nieder und wurden mit Häusern und Staatsländereien beschenkt.
Während Pizarro sich in Cuzco aufhielt, hatte sich im Norden ein Rivale eingefunden, Pedro de Alvarado, der Eroberer Guatemala’s, welcher, nachdem er von den Erfolgen Pizarro’s gehört, das Königreich Quito zu erobern beschloß in dem Glauben, dasselbe gehöre nicht zum peruanischen Staate, also auch nicht zu dem Pizarro überwiesenen Bereiche. Eine nach den Molukken bestimmte Flotte brachte ihn im März 1534 mit 500 Mann nach der Bucht von Caracas, westlich von Quito. Von der Küste marschirte er über die beschneiten Hochpässe, verlor aber dabei viel Mannschaft, ehe er Riobamba erreichte. Hier mußte er leider aus deutlich sichtbaren Pferdespuren schließen, daß ihm ein anderer Spanier in der Besetzung des Landes zuvorgekommen war. Es war Benalcazar, welchen Pizarro zum Commandanten von San Miguel eingesetzt hatte. Als man ihm von den vermeintlichen Schätzen Quito’s erzählte, brach er auf eigne Verantwortung mit 140 Mann dahin auf und erreichte, weil er bequemere Wege fand als Alvarado, auf der Straße über Riobamba eher das Ziel.
Unterdessen war aber die Kunde von dem Einbruche Alvarado’s auch nach Cuzco gedrungen, und Almagro machte sich sofort mit Truppen auf den Marsch, um den Eindringling zurückzuweisen. Nachdem er sich mit Benalcazar vereinigt hatte, stellte er sich bei Riobamba dem Statthalter von Guatemala entgegen, welcher sich, um dem unerwarteten Kampfe auszuweichen, zu einem Vertrage herbeiließ, für eine Summe von 100,000 Pesos Flotte und Heer sammt allen Vorräthen und Kriegsmaterial seinen Gegnern überließ und nach Guatemala zurückkehrte, während seine Truppen bereitwillig unter die Fahnen Almagro’s traten.
Sacsahuaman: Ruinen der alten Inkafestung bei Cuzco.