Francisco Pizarro, welchem vor allem daran gelegen war, seinen noch gefangenen Bruder dem siegreichen Gegner zu entreißen, zeigte sich sehr friedlich gesinnt und knüpfte Unterhandlungen an. Beide Parteien kamen am 13. November in Mala, südlich von Lima, zusammen und Almagro verstand sich dazu, gegen die vorläufige Anerkennung seiner Ansprüche auf Cuzco, Hernando Pizarro freizugeben. Die endgiltige Entscheidung des Streits wurde der spanischen Regierung überlassen.
Kaum war Hernando frei, so erklärte bereits Francisco Pizarro den Vertrag für ungiltig, und der Streit begann von neuem. Almagro ging nach Cuzco zurück, wohin ihm sein erbitterter Gegner Hernando im Frühling des nächsten Jahres folgte. Am 26. April 1538 kam es zum Kampfe bei Las Salinas, eine kleine Meile von der Hauptstadt. Keine der beiden Parteien verfügte über mehr als 700 oder 800 Mann, aber das Gefecht war sehr heftig und dauerte den ganzen Tag. Almagro konnte, weil er krank war, nicht unmittelbar in den Streit eingreifen, aber er befand sich ganz in der Nähe. Während des Gefechtes fielen nur 15 bis 20 Mann, aber bei der Verfolgung der geschlagenen Truppen Almagro’s, welcher selbst gefangen genommen wurde, sollen noch 150 Mann niedergemacht worden sein. Hernando hatte für den überwundenen Gegner, den frühern Waffengefährten, der ihm großmüthig die Freiheit geschenkt, kein Mitgefühl, kein Erbarmen; er sann auf Rache für die angethane Schmach. Almagro wurde nach Cuzco gebracht und ihm dort der Proceß gemacht. Unter Aufbietung einer ansehnlichen Truppenmacht wurde ihm öffentlich am 8. Juli der Urtheilsspruch verkündet. Dann ließ Hernando ihn im Gefängniß erdrosseln.
Almagro war eine offne, rohe Natur, welche sich nie mit heuchlerischen Hintergedanken oder mit Racheplänen trug. Er besaß einen empfindlichen Ehrgeiz und liebte es, durch verschwenderische Geschenke seine Truppen zu belohnen. Tapfer und in allen Strapazen ausharrend, machte ihn seine durch und durch soldatische Natur bei seinem Heere beliebt. Seine Verbindung mit dem herz- und gewissenlosen Pizarro stürzte ihn ins Verderben.
32. Die Ermordung Pizarro’s und das Ende der peruanischen Parteikämpfe.
Der junge Diego Almagro befand sich inzwischen in Lima, aber die Statthalterschaft seines Vaters erhielt er nicht; auch wurden seine Anhänger, die „Chilenen“, durch Verachtung gekränkt. Man wandte sich um Recht nach Spanien. Um diesen Bemühungen der Partei Almagro’s, besonders des eifrigen Diego de Alvarado entgegenzuwirken, ging Hernando Pizarro 1539 selbst nach dem Mutterlande. Kurz nach seiner Ankunft in Valladolid am Hofe starb dort Alvarado ganz plötzlich, man sagte: durch Gift, welches Pizarro ihm beigebracht. Der Henker Almagro’s fand keinen freundlichen Empfang, man beschuldigte ihn mit Recht, daß er einen von der Krone eingesetzten Statthalter — ob aus eignem Antriebe oder durch seinen Bruder bestimmt, blieb dabei unerörtert — habe hinrichten lassen. Er wurde daher gefangen genommen und blieb auf der Festung Medina del Campo bis 1560 eingesperrt, so daß er alle seine Verwandten und auch — seinen Ruhm überlebte.
Um die verwirrten und unerquicklichen Verhältnisse in Peru zu ordnen, wurde der Rechtsgelehrte Vaca de Castro entsendet als „königlicher Richter“, oder, für den Fall, daß Francisco Pizarro bereits gestorben, als königlicher Statthalter. Im Sommer 1541, während er noch auf der Reise begriffen war und sich in Popoyan, nördlich von Quito (2½° n. Br.), aufhielt, erreichte ihn schon die Nachricht, Francisco Pizarro sei von seinen Gegnern ermordet. Die chilenische Partei hatte unter Anführung des Juan de Herrada mit einer Anzahl von Verschworenen am Sonntage den 26. Juni 1541, da Pizarro nicht zur Messe gegangen, den Zugang zu seinem Palaste in Lima erzwungen und, wie der junge Almagro behauptete, den Statthalter gefangen nehmen wollen, weil dieser in gleicher Weise wie seinem Vater, auch ihm, nach dem Leben getrachtet habe. Bei seiner Vertheidigung wurde Pizarro sammt seinem Bruder Francisco Martin und seinem Pagen Tordoya getödtet, während das übrige Gefolge floh. Er war 63 Jahre alt, als er zur Sühne für den an seinem Genossen Almagro verübten Mord unter den Streichen der Verschworenen fiel.[448] Wenn er auch Jahre lang sein Ziel, Peru zu erobern, kühn und unbeugsam im Auge behielt und dabei eine erstaunliche Thatkraft entfaltete, so läßt sich seinem Charakter doch keine sympathische Seite abgewinnen. Ungebildet und gefühllos trat er Freund und Feind nieder. Er hatte Cortes mehrfach als Vorbild genommen, so namentlich in der Gefangennahme des Fürsten; auch war ihm die Eroberung des Landes leichter geworden, als jenem, welcher zuerst mit einem amerikanischen Kulturvolke rang, die Besiegung von Mexiko. Aber verglichen mit einem Feldherrn und gebildeten Staatsmann wie Cortes erscheint Pizarro nur als ein gemeiner Abenteurer, und zwar als der grausamste von allen, welcher das eroberte Land ausplünderte und mit Blut überschwemmte und den spanischen Namen für immer in Südamerika verhaßt machte.
Als Cristoval Vaca de Castro in Popayan das Schicksal Pizarro’s erfuhr, nahm er, seiner Instruction gemäß, den Titel eines Statthalters an. Zwar suchte der junge Almagro einen Vergleich herbeizuführen, wonach ihm die seinem Vater zugewiesene südliche Hälfte des eroberten Reiches überlassen werde; allein Vaca de Castro konnte, nach den Vorfällen in Lima, darauf nicht eingehen. Er verlangte vielmehr, daß Almagro sich unterwerfe, das Heer, welches er um sich gesammelt hatte, entlasse und ihm, dem rechtmäßigen Statthalter, alle am Morde Pizarro’s betheiligten Personen zur Bestrafung ausliefere. Almagro weigerte sich, und so kam es am 16. September 1542 auf der Ebene von Chupas bei Guamango (jetzt Ayacucho) zwischen Lima und Cuzco zum Entscheidungskampfe. Castro’s Heer zählte 328 Reiter und 420 Fußgänger, Almagro stellte dagegen 220 Reiter und 280 Fußgänger ins Feld.[449] Die chilenische Partei wurde aufs Haupt geschlagen, Almagro floh nach Cuzco, wurde aber bald ausgeliefert und enthauptet. Damit war auch das Loos seiner Anhänger entschieden. Der Widerstand hörte auf, und die Parteigänger Almagro’s unterwarfen sich. Der königlichen Autorität stand, als Castro im Jahre 1544 durch den Vicekönig Blasco Nuñez Vela ersetzt wurde, nur noch der letzte Bruder Pizarro’s, Gonzalo, gegenüber, welcher sich im nördlichen Theil des Reichs festgesetzt hatte und sich nicht beugen wollte. Er war schon im Jahre 1540 zum Statthalter von Quito gemacht und hatte mit einem Heere von 350 Spaniern und 4000 Indianern das Land besetzt. Von hier war er dann, angelockt von dem fabelhaften Goldreichthum, welcher sich nach den Erzählungen der Indianer in den östlichen Waldgebieten finden sollte, in der Nähe des Aequators über die östlichen Anden gestiegen und an dem Rio Napo abwärts vielleicht bis zu dem Katarakt del Cando in die Urwälder eingedrungen, wo ihn die unwegsame Wildniß und Mangel an Lebensmitteln in die äußerste Noth brachten. Hier beschloß er ein Fahrzeug zu bauen, um die Truppen, wenigstens zum Theil, namentlich die Kranken, und außerdem das Geschütz, zu Wasser weiter stromabwärts befördern zu können. Zum Schiffscapitän wurde Francisco de Orellana aus Trujillo gemacht. Landheer und Schiff rückten noch eine Zeitlang neben einander den Strom hinunter, bis die zu Lande marschirenden Soldaten durch den verschlungenen Urwald nicht mehr weiter konnten. Dazu trat die Regenzeit ein, die Vorräthe waren erschöpft, alle Pferde mußten geschlachtet werden. Das Heer machte Halt, Orellana erhielt den Auftrag, mit dem Schiffe allein weiter zu gehen, um Lebensmittel aufzutreiben; aber er kehrte nicht wieder zurück. Ueber sein Schicksal wird das nächste Capitel berichten. Nachdem Pizarro wochenlang vergebens gewartet hatte, mußte er endlich erfahren, daß Orellana ihn im Stich gelassen und weiter gesegelt sei. Er mußte sich daher entschließen, den Rückmarsch nach Quito anzutreten. Hunger und Fieber hatten seine Mannschaft bereits decimirt. Unter den beständigen Regengüssen war der Waldboden in Sümpfe verwandelt. Mit zerrissenen Kleidern, abgezehrt, zum Tode erschöpft erreichten nur 80 Spanier das Hochthal von Quito. Hier erfuhr Gonzalo, daß sein Bruder Francisco vor Jahresfrist von Mörderhand gefallen und der junge Almagro die Gewalt an sich gerissen hatte, daß aber Vaca de Castro bereits über Quito nach dem Süden gezogen sei. Aus Haß gegen Almagro bot er dem königlichen Statthalter seine Unterstützung gegen den Mörder seines Bruders an; aber Castro lehnte dieselbe ab, um sich nicht, wenn die chilenische Partei von der Anwesenheit eines Pizarro in seinem Lager erfahre, jede Aussicht auf einen friedlichen Ausgleich mit den Almagristen zu versperren. Aber diese Ablehnung seiner Hilfe verletzte Gonzalo aufs tiefste, trotzdem begab er sich später, nach der Hinrichtung des jungen Almagro mit einer Reiterschar zuerst nach Lima und dann auf den Befehl Castro’s nach Cuzco, wo sich der königliche Statthalter befand. Er hoffte noch, daß ihm, nach dem Tode seines Bruders und der Bewältigung des Aufstandes der chilenischen Partei, die Statthalterwürde zufallen werde. Das kluge Benehmen Castro’s bei dieser Zusammenkunft raubte ihm aber jeden Grund zu einer Schilderhebung, und da dieser ihm empfahl, seine Besitzungen im Charcasgebiete[450] in Frieden auszubeuten, so begab er sich nach dem Süden, wo er die schon den Inkas bekannten Silberminen mit großem Erfolg abbaute. Erst als Castro in der Person des Blasco Nuñez einen Nachfolger empfing, und dieser die vermeintlichen Rechte der Spanier über die Indianer, welche sie als ihre Hörigen behandelten, antastete, ging Gonzalo nach Cuzco, wo man ihn an die Spitze der gegen den neuen Vicekönig gerichteten Bewegung stellte und ihn ermächtigte, Truppen zusammenzuziehen. Dann rückte er mit seiner Schar gegen Lima, wo Vasco Nuñez, der sich nirgend Freunde zu gewinnen verstand, in einer Revolte der Stadtbevölkerung mit seinen wenigen Getreuen ohne Blutvergießen gefangen genommen und von den gegen ihn gesinnten königlichen Richtern bald darauf nach Panama zurückgeschafft wurde. Am 28. October 1544 zog Gonzalo in Lima ein und wurde zum Statthalter von Peru proclamirt. Der Vicekönig war indes nicht nach Panama gelangt, sondern hatte Mittel gefunden, in Tumbez wieder ans Land zu gehen, von wo er sich nach Quito begab, um von hier aus sich mit Gewalt wieder in Besitz der ihm durch königliches Mandat übertragenen Macht zu setzen. Gonzalo Pizarro verfolgte ihn bis über Pastos hinaus, ohne ihn zu erreichen, wußte ihn dann aber durch eine List bis in die Nähe von Quito zu locken, wo er ihn bei Añaquito am 18. Januar 1546 besiegte. Vasco Nuñez fiel selbst im Kampfe. Dann kehrte Pizarro nach Lima zurück und führte die unbestrittene Obergewalt in Peru, bis König Karl den Geistlichen Pedro de Gasca mit den weitgehendsten Vollmachten nach Peru sandte. Ohne Heer und großes Gefolge, in einfachem Priestergewande wußte sich der gewandte Mann zunächst die Landung im Nombre de Dios und dann den Eintritt in Panama zu ermöglichen, obwohl Pizarro beide Plätze durch seine Untergebenen besetzt hielt und eine starke Flotte von mehr als 20 Schiffen im Hafen von Panama lag. Er bezeichnete seine Sendung als eine friedliche und richtete auch in diesem Sinne ein Schreiben an Pizarro, um ihn zu bewegen, die Befehle seines Königs anzuerkennen. Dann gelang es ihm, den Befehlshaber der Flotte, Hinojosa, einen eifrigen Parteigänger Pizarro’s, zu gewinnen, die königliche Vollmacht anzuerkennen und sich seinem Befehl zu unterwerfen. Im Besitz der Flotte begann de Gasca nun Truppen auszuheben, um mit bewaffneter Macht in Peru zu erscheinen. Vier Schiffe wurden voraufgeschickt, um allen Spaniern in Peru, die zu ihrer Pflicht zurückkehrten, volle Verzeihung und Sicherheit ihres Besitzes anzukündigen. Diese Proclamation lichtete die Reihen der Anhänger Pizarro’s rasch, die Bewohner von Cuzco erklärten sich für den König, und die wichtige Provinz Charcas ging gleichfalls verloren. Gasca ging mit der Flotte nach Tumbez, während die vier vorausgesendeten Schiffe in dem Hafen von Lima landeten und, da Pizarro gegen Cuzco gezogen war, auch die neue Hauptstadt ohne Schwierigkeit besetzten.
Zwar leuchtete dem letzten Pizarro noch einmal das Glück, da er in dem blutigen Gefecht bei Huarina am Titicacasee am 26. October 1547 über seine Gegner den Sieg gewann und noch einmal in Cuzco einzog, wo er sich zum Entscheidungskampf rüstete, denn das Hauptheer Gasca’s befand sich zu jener Zeit in Jauja und rückte erst im Frühjahr 1548, 2000 Mann stark, gegen die altnationale Hauptstadt vor.
Vier Meilen von Cuzco in dem Thale von Xaquixaguana standen sich beide Heere kampfbereit am 9. April 1548 gegenüber. Gasca hatte bis zuletzt den Gegner aufgefordert, sich zu unterwerfen und die Gnade des Königs anzunehmen; aber Pizarro hatte auf sein Glück bauend, das ihn aus allen Kämpfen und Gefahren siegreich hatte hervorgehen lassen, den Frieden abgewiesen, obwohl die Heeresmacht Gasca’s stärker war. Allein in diesen Tagen verließ ihn das Glück, verließen ihn seine Freunde. Vor Beginn der Schlacht gab der Anführer seines Fußvolks das Zeichen zum Abfall, indem er zur königlichen Partei hinüberjagte. Ihm folgten die Truppen zu Fuß und zu Roß, so daß Pizarro sich gefangen geben mußte. Ihm und seinen entschiedensten Anhängern Francisco de Caravajal und Juan de Costa wurde der Proceß gemacht, und sie büßten alle ihre Rebellion mit dem Tode.[451] Gasca ordnete die Verhältnisse des Landes einsichtsvoll und kehrte 1550 nach Spanien zurück.