Es ist bereits im vorigen Capitel erwähnt, daß Francisco Orellana von Gonzalo Pizarro auf seinem abenteuerlichen Zuge in das Waldland des Amazonengebiets am Rio Napo mit einem Schiffe entsendet worden war, um für das bedürftige Heer nach Lebensmitteln zu suchen. Orellana hatte 50 Mann an Bord und 2 Geistliche.[452] In der Strömung des mächtig flutenden Wassers legte Orellana täglich 20 bis 25 Meilen zurück, ohne Ansiedlungen am Ufer anzutreffen. Statt für das zurückgelassene Heer sorgen zu können, wurden sie selbst vom Gespenst des Hungers verfolgt und verspeisten das Leder der Sättel. Erst in der Nähe des Amazonenstroms, wohin man am 8. Januar 1541 gelangte, stieß man auf ein Indianerdorf. Umzukehren war nicht möglich, denn zu Lande gab’s keinen Weg und zu Wasser würde man bei aller Anstrengung, gegen den im untern Laufe allerdings langsam dahinziehenden Strom zu rudern, Monate gebraucht haben. Es blieb ihnen also keine andere Wahl, als der Strömung des Wassers zu folgen und sich bis ans Meer tragen zu lassen, ungewiß wo man es erreichen werde. Da man aber von den Indianern in Erfahrung gebracht, daß man nicht fern von einem sehr großen Strome sei, so beschloß Orellana, um den unbekannten Gefahren auf dem Wasser besser begegnen zu können, noch eine feste Brigantine zu bauen. Am Abend des 1. Februar schifften sie sich wieder ein, nachdem sie durch die Indianer mit allerlei Vorräthen an Schildkröten, Hühnern und Fischen versorgt waren. Die Brigantine besetzten 30 Mann, die Barke 20. Zehn Tage später erreichten sie eine Stelle, wo sich drei Flüsse vereinigten; der von rechts kommende Strom schien sich von Ufer zu Ufer wie ein weites Meer auszudehnen (una amplissima mar. Oviedo l. c. p. 548). Man hatte damit den oberen Marañon selbst erreicht. Am 26. Februar wurde wieder angelegt, um die Schiffe auszubessern. Man blieb bei den freundlich gesinnten Einwohnern bis nach Ostern, nur, wie der die Expedition begleitende Geistliche, Carvajal, klagt, von der „ägyptischen Plage“ der Moskitos belästigt. Weiter stromab stieß man auf kriegerische Stämme, welche die Spanier auch auf dem Wasser mittelst ihrer Canoes angriffen. In der beständigen Feuchtigkeit des Stromthals war aber das Pulver naß geworden, und die Sehnen der Armbrüste hatten ihre Spannkraft verloren; ihre besten, fernhintragenden Waffen waren also unbrauchbar geworden. Die beiden Schiffe hielten sich womöglich in der Mitte des großen Stromes, wo sie am wenigsten belästigt wurden, und erreichten am Abend vor Trinitatis einen von links mündenden Zufluß, dessen Wasser schwarz wie Tinte erschien. Man gab ihm den Namen Rio Negro; es ist der bedeutendste aller linken Zuflüsse des Amazonas. Unterhalb desselben wuchs die Bevölkerung am Ufer ganz bedeutend, man segelte an vielen großen Ortschaften vorbei,[453] von denen die eine sich mit ihren Hütten eine ganze Meile am Strande hinzog. Hier konnte man überall Mais und Hühner erlangen. Am 24. Juni trafen sie ein Dorf, das nur von Frauen bewohnt war, welche keinen Verkehr mit Männern pflegten (sin conversaçion de varones). Diese Weiber erschienen, nach Carvajals Angabe groß und von starken Gliedmaßen, waren von heller Hautfarbe und trugen lange Haarflechten. Mit Bogen und Pfeil griffen sie die Spanier an, verloren aber sieben bis acht Kämpfende. Von dieser Begegnung mit bewaffneten Frauenvölkern, eine selbst in dem Wunderlande der neuen Welt den Spaniern unerwartete Erscheinung, hat der Strom seinen Name Rio das Amazonas (Strom der Amazonen) erhalten.[454] Weiter abwärts zum Meere wohnten Cariben, verabscheuungswürdig, weil sie das Fleisch der Erschlagenen verzehren, aber geschickt in allen Waffen und in Verfertigung schöner Gefäße, die sie verzieren und bemalen.
Trotz häufiger Kämpfe verloren die Spanier doch nur drei Genossen an Wunden, dagegen acht an Krankheiten.
Ehe man ins Meer hinaussteuerte, wurden beide Schiffe mit einem festen Verdeck versehen, die Segel setzte man aus mitgenommenen peruanischen Mänteln zusammen. Mit diesen Vorbereitungen beschäftigt, blieb Orellana 24 Tage in der Nähe der Mündung und steuerte dann am 26. August kühn ins Meer hinaus; ohne Piloten, ohne Compaß wußte er kaum, wohin er steuern sollte. Aber alle sahen es als eine besondere Gnade des Himmels an, daß in der ganzen Zeit, seit sie den großen Strom verlassen und am Lande hin nordwärts segelten, kein Regen fiel und das schönste Wetter sie begleitete. Sonst hätten wohl kaum die gebrechlichen Fahrzeuge die See behaupten können. Zwar wurden sie bei Nacht durch die Strömung des Meeres getrennt, gingen einzeln durch den Pariagolf und durch den stürmischen Drachenschlund, langten aber beide doch glücklich am 11. September auf der Insel Cubagua neben der Perleninsel Margarita an und wurden von ihren Landsleuten freundlich aufgenommen.
Die größte, schiffbare Stromrinne des südamerikanischen Continentes war so mit einem Schlage aufgefunden. Orellana’s romantische Fahrt läßt sich nur mit Stanley’s staunenerregender Congofahrt in dem jüngst verflossenen Jahrzehnt vergleichen.
Von Cubagua sandte der glückliche Entdecker des Riesenstroms einen Bericht an den König und begab sich dann mit seinen Gefährten nach dem Mittelpunkte der westindischen Welt, nach Haiti, wo er am 20. December 1541 ans Land ging.
Orellana’s Pläne waren aber auf eine Besiedlung des entdeckten Gebietes gerichtet; darum kehrte er im nächsten Jahre nach Spanien zurück und schloß mit der Regierung eine Capitulation, wonach er zur Eroberung des Landes autorisirt wurde. Sehr treffend erhielt es den Namen Neu-Andalusien. Denn wie das spanische Andalusien von dem wasserreichsten „großen Strome“, d. i. dem Guadalquibir, dem größten der ganzen Halbinsel, bespült wird, so Neu-Andalusien von dem mächtigsten Wasser der neuen Welt. Es gelang Orellana für sein Project Theilnahme und Unterstützung zu finden, und so segelte er am 11. Mai 1544 mit vier Schiffen und 400 Mann von San Lucar de Barrameda ab; aber diese Expedition hatte beständig mit Misgeschick zu kämpfen. Drei Monate wurde das kleine Geschwader bei Teneriffa, zwei Monate am grünen Vorgebirge aufgehalten und verlor durch den Tod 98 Personen, während 50 andere davonliefen. Bei der Ueberfahrt über den Ocean jagte der Sturm die Schiffe auseinander, zwei derselben, auf deren einem sich Orellana befand, wurden bis zur Ostspitze Brasiliens getrieben. Von hier gingen sie dann an der Küste des Festlandes nach Nordwesten bis zum mar dolce und fanden endlich die Mündung des großen Stromes wieder, welchem Orellana seinen Namen beilegte. Aber dort wurde der größte Theil der Mannschaft an der ungesunden Küste bald von Fiebern hinweggerafft; und als auch Orellana ins Grab sank, löste sich die Unternehmung auf, und die Ueberlebenden wandten sich nach San Domingo.
Alle Eroberungszüge der Spanier in der neuen Welt, so weit sie durch die Entdeckungsfahrten des Columbus angeregt waren, bewegten sich fast ausschließlich in den Grenzen des heißen Erdgürtels und nahmen von der Inselflur Westindiens als der natürlichen Eingangspforte zu diesen Regionen ihren Ausgang. Der Reiz der Neuheit der sie umgebenden Naturprodukte, die Romantik der wunderbarsten Abenteuer, welche das Leben zu einem Roman gestalteten, die Befriedigung, welche die Einen in der Aufspürung und Erbeutung edler Metalle und die Andern in der Bekehrung unzähliger Menschenstämme zum Christenthum fanden, rief unter den Spaniern ein wahres Auswanderungsfieber und einen unglaublichen Entdeckungs-Schwindel hervor, welcher das Mutterland zu entvölkern drohte. Fand doch der venetianische Gesandte Andrea Navagiero, welcher 1525 Spanien bereiste, in Sevilla, dem Sitze des indischen Amtes, so wenig Männer vor, daß er meinte, die Stadt sei fast ganz den Weibern überlassen.
Die großartige Erweiterung des Horizontes und der Umschwung der ganzen Weltanschauung, welche Europa’s Kultur dadurch gewann, wurde leider durch den Untergang origineller Bildungselemente in der neuen Welt und durch die Vernichtung unzähliger Menschenleben erkauft, welche unter der harten Hand der Eroberer trotz aller Bemühungen der Geistlichkeit und aller Gesetze der Regierung zu Grunde gingen.