1. Die Vorläufer Magalhães’.

Nachdem Amerigo Vespucci im Jahre 1501 auf seiner Entdeckungsfahrt an den Küsten Brasiliens bis zum 25° s. Br. vorgedrungen war (s. oben [S. 332]), faßte er 1503 bereits den Plan auf südwestlichem Wege bis zu den Gewürzländern zu segeln (s. oben [S. 335]), aber das Ungeschick des Capitäns Coelho vereitelte die Ausführung. Er kam nicht so weit nach Süden als zwei Jahre früher. Sicher war aber Vespucci der erste, welcher auf diesen neuen Weg hinwies. Als er im Jahre 1505 ganz nach Spanien übersiedelte, suchte er auch hier seinem Plane Geltung zu verschaffen. Schon im nächsten Jahre hören wir von der Absicht der spanischen Regierung, Schiffe nach den Gewürzländern zu schicken (para descobir la especeria), wobei das Gutachten der beiden erfahrensten Männer, Vicente Yañez Pinzon und Amerigo Vespucci, eingeholt werden solle.[455] Doch scheint die Absendung sich verzögert zu haben, wenigstens ist über eine Fahrt in der angegebenen Richtung und in dem genannten Jahre nichts bekannt. Erst 1508 liefen am 29. Juni zwei Schiffe unter Pinzon und Juan Dias de Solis von San Lucar aus, gingen über die Capverden nach dem Cap Augustin hinüber und kamen bis etwa zum 40° s. Br. Aber die Eifersucht und Uneinigkeit zwischen den beiden Leitern der Expedition vereitelte den Erfolg, die Schiffe kamen Ende October 1509 wieder nach Spanien zurück.

Wenn nun auch dieser erste Versuch resultatlos verlief, so traten doch bald in dem Fortschritt der mittelamerikanischen Entdeckungen so wichtige Momente hervor, daß dadurch ein erneuerter Anstoß gegeben wurde, das Project eines südwestlichen Weges wieder aufzunehmen. Dies war die Entdeckung der Südsee durch Balboa im Jahre 1513 (s. oben [S. 347]). Nun erkannte man, daß sich im Rücken der neuen Welt ein unermeßliches Meer ausdehnte, welches das westliche Indien von dem östlichen Asien trennte. Mit der Entdeckung dieser „Südsee“ trat zugleich der sehnliche Wunsch hervor, einen Wasserweg vom atlantischen Ocean in das neu gefundene Weltmeer aufzuspüren. Da nun die Küste Südamerika’s bis zum 40. Grade nach Südwesten lief, so stand zu erwarten, daß man in dieser Richtung entweder die Continentalmasse in ähnlicher Weise, wie es den Portugiesen um Süd-Afrika herum gelungen war, werde umsegeln können, oder daß man eine Straße finden werde, welche beide Oceane mit einander verbinde.

Der Glaube an das Vorhandensein einer Meerenge fand um so leichter Annahme, als schon Columbus auf seiner vierten Fahrt zwischen den Inseltheilen Westindiens eine offene Wasserbahn nach Westen gesucht hatte. Die Vorstellung fand weitere Nahrung in Schifferberichten, welche wenigstens schon seit 1508 einliefen und sogar bestimmt von der erfolgten Auffindung der Straße erzählten, welche genau in derselben Richtung von O. nach W. laufe und die Landmassen theile, wie die Meerenge von Gibraltar Europa von Afrika scheidet.[456] Möglicherweise datiren derartige Gerüchte noch um mehrere Jahre zurück. Es wird nämlich von glaubhafter Seite versichert, Magalhães habe bei seiner berühmten Fahrt sich auf eine von Martin Behaim (Martin de Boemia) gezeichnete Karte, im Besitz des Königs von Portugal, berufen, auf welcher etwa unter 40° s. Br. eine Straße, wenn auch sehr versteckt (multo occulto) angegeben sei.[457] Da nun Behaim schon 1506 oder 1507 starb, müßte die Straße bereits vor diesen Jahren aufgefunden sein. Daß seine Zeichnung, welche vor der Entdeckung der Südsee durch Balboa entworfen war, anders ausfallen mußte, als ein Jahrzehent später, liegt auf der Hand. Weder in Spanien noch in Portugal hat sich aus dieser Zeit eine Karte mit einer südlichen Meerenge erhalten, wohl aber sind uns derartige Entwürfe aus Italien und Deutschland überliefert, deren Entstehung annähernd gleichzeitig, nämlich in das Jahr 1515 bezüglich 1516 zu setzen ist. Beide Bilder geben die Umrisse der südamerikanischen Insel in fast gleicher Gestalt. Die italienische stammt von der Hand des berühmten Lionardo da Vinci,[458] die deutsche von Johannes Schöner.[459] Die Zeitung aus Presillg Landt war, wie bereits erwähnt ist, von Italien nach Deutschland gekommen, die beiden Darstellungen von Südamerika passen auffällig zu der dort berichteten Fahrt. Es wäre also möglich, daß mit dem Bericht über die dunkle Reise auch eine flüchtige Skizze aus Portugal zuerst nach Italien gelangt und dann ihren Weg nach Deutschland gefunden hätte, denn da Vinci’s Zeichnung bietet nur rasch hingeworfene allgemeine Umrisse, gleichsam um die neuerworbenen Vorstellungen von der Ländervertheilung zu fixiren. Daß aber beide Zeichnungen beeinflußt sind durch den Bericht der „newen Zeytung“, geht mit Gewißheit daraus hervor, daß Joh. Schöner seinem Globus eine kleine geographische Abhandlung beigab, in welcher er mehrere Stellen aus der „Zeitung“ wörtlich aufnahm.

Die Auffindung der Straße war angeblich durch Portugiesen erfolgt; wollten die Spanier nun durch dieselbe sich einen Zugang zur Westseite Amerika’s bahnen, mußten sie selbständig die Meerenge zu entdecken suchen. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß in demselben Jahre, als Schöner seinen Globus veröffentlichte, auch einer der ersten Seeleute Spaniens im Begriff stand, das erwähnte Problem zu lösen und praktisch zu verwerthen. Juan Dias de Solis schloß nämlich im November 1514 mit der Krone einen Vertrag ab, wonach er sich verpflichtete, die nach der Südsee führende Straße zu entdecken und auf die Rückseite des Landes (á las espaldas de la tierra) zu gehen, um sich mit Pedrarias de Avila, dem Statthalter von Darien, in Verbindung zu setzen. Von hier aus wollte er dann noch 1700 spanische Meilen, von der Demarcationslinie an gerechnet, in der Richtung nach den Gewürzinseln vorzudringen suchen, ohne dabei, was bei Todesstrafe verboten wurde, portugiesisches Gebiet zu berühren.[460]

SÜDAMERICA
mit einer südlichen Meerenge,
nach dem
von Joh. Schöner 1515
entworfenen Globus.

Die punktirten Conturen zeigen die richtigen Umrisse des Landes.

Solis stand wegen seiner Leistungen im Seewesen in hohem Ansehen, er bekleidete, nach dem Tode Vespucci’s, das Amt eines Reichspiloten. Er erhielt für seine Expedition drei Schiffe und lief am 8. October 1515 von dem Hafen von Huelva aus, erreichte bei Cap S. Roque die südamerikanische Küste, segelte von da nach Südwesten und drang jenseit des Cabo de Sa. Maria (34° 39′ s. Br.) in die weite Oeffnung des Laplatastromes hinein, welcher damals Rio de Solis genannt wurde, und wagte sich, unvorsichtig, mit einer Caravele, während die beiden andern Fahrzeuge zurückblieben, ans Land. Hier wurde er nebst acht andern Genossen bei der Landung durch versteckte indianische Bogenschützen getödtet und verzehrt.