Rubruck und Marco Polo hielten den Fürsten „Ungchan“ der Keraiten in der östlichen Mongolei für den Johannes und verwechselten denselben mit Yeliutasche. Die Verwechselungen und Verschiebungen dieser mythischen Gestalt eines Priesterkönigs dauerten auch im 14. Jahrhundert weiter, wo man ihn in dem christlichen König von Habesch glaubte richtig entdeckt zu haben; im 15. Jahrhundert wurde er dort von Heinrich dem Seefahrer gesucht. Es gingen noch am Ende dieses und selbst im nächsten, im 16. Jahrhunderte, portugiesische Gesandte an den Priester Johannes ab. Im Abendlande hat man sich lange an dieser Erscheinung erbaut und fand etwas tröstliches darin, fern im Osten einen unbekannten, aber mächtigen Bundesgenossen sich vorzustellen, der den bedrängten Christen Hilfe bringen könne.
3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient.
Der Plan, mit der mongolischen Welt direct in Verkehr zu treten, wurde zuerst vom Pabste Innocenz IV. auf dem Concil zu Lyon 1245 gefaßt. Er entschloß sich, zwei verschiedene geistliche Gesandtschaften nach dem Morgenlande abzuordnen. — Werfen wir zur Orientirung zunächst einen Blick auf die politische Gestaltung der mongolischen Staaten.
Nach Tschingischagans Tode verblieb die oberste Gewalt seinen Söhnen, einer unter ihnen empfing den Titel Kaan (Chagan), die andern hießen Chan. Das Weltreich zerfiel in vier Staaten.[22] Ostasien umfaßte das Gebiet des Kaan. Dazu gehörte China, Tibet, die östliche Mongolei und die Mandschurei. Die Residenz war Kaanbaligh, d. h. die Stadt des Kaan, jetzt Peking. Der Name wurde im Abendlande bald in Cambalich, bald in Kambalu verändert.
Westlich von diesem Staate lag auf beiden Seiten der Hochebene Pamir, also Theile von Ost- und West-Turkestan umfassend, das Reich Dschagataï oder das Reich der Mitte. Dasselbe erstreckte sich vom Altai bis zum westlichen Himalaja und obern Indus, schloß Afghanistan ein und reichte bis zum Amu-Darja im Südwesten. Die Hauptstadt Almalik lag am obern Iliflusse, der sich in den Balchasch ergießt, in der Nähe der heutigen Stadt Kuldscha. Noch weiter gegen Südwesten lag das persisch-medische Reich der Ilchane. Dasselbe umfaßte Persien, Armenien, Mesopotamien und Theile von Kleinasien; seine Hauptstadt war Tebris. Dieser Staatencomplex zerfiel am schnellsten. Den äußersten Westen nahm das Reich der goldnen Horde (Kiptschak) ein, welches sich über die Flachlandschaften Asiens und Europas ausbreitete und sich vom Westfluß des Altai durch die Kirgisensteppe über Südrußland bis an den Waldgürtel der Karpaten ausdehnte. Der Fürst residirte in Serai an der untern Wolga. Durch dieses Reich zogen die meisten abendländischen Gesandtschaften an den Hof der Mongolenkaane und gingen belebte Handelswege durch das Herz Asiens bis zum Ostrande der alten Welt. So bildete Kiptschak den willkommenen Vermittler zwischen Abend- und Morgenland.
Es war um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als verschiedene Umstände den wohl schon früher gehegten Gedanken verwirklichen halfen, von Seiten des Abendlandes direct mit dem Weltreich der Mongolen in Verbindung zu treten. Zunächst war die asiatische Steppenmacht 1241 am weitesten nach Westen, bis nach Schlesien, also ins Herz Europas vorgedrungen. Dann traten in den nächsten Jahren wiederum die schwersten Bedrängnisse für den christlichen Besitz im heiligen Lande ein, indem von Osten her aus Turan türkische Söldnerschaaren vor den Mongolen zurückweichen mußten, über Syrien hereinbrachen und Jerusalem im Jahre 1244 eroberten.
In Folge dieser Ereignisse beschloß Pabst Innocenz IV. auf dem denkwürdigen Concil zu Lyon 1245 zwei Gesandtschaften auf verschiedenen Wegen ins Morgenland zu entsenden.
Man bezeichnete damals die Mongolen allgemein mit dem Namen Tartaren (richtiger Tataren) nach einem ihrer tapfersten Stämme, den Tata; ursprünglich verstand man darunter eine kleine Horde, welche zwischen dem Kuku-nor und den Quellen des Hwangho ihren Sitz hatte, und in Europa als die Avantgarde des Mongolenschwarms sich durch Verwüstung und Brand einen gefürchteten Namen gemacht hatte. Sie galten als eine Ausgeburt der Hölle, als dem Tartarus entlaufene Teufel und wurden demnach in doppelter Beziehung Tartaren genannt. Aber indem man dann alle ins christliche Abendland eingebrochenen turanischen und mongolischen Stämme unter dem einen Namen zusammenfaßte, hat man auf lange Zeit die ethnologischen Verhältnisse Asiens verwischt und durch diese falsche Auffassung eine wahre Völkerverwirrung herbeigeführt.
Zu diesen Tataren entsendete nun der Pabst zwei Botschaften, eine aus Dominikanern, die andere aus Franziskanern bestehend.
Beide brachen in demselben Jahre auf, die Dominikaner zogen der Richtung entgegen, aus welcher die türkischen Söldner über Syrien hergefallen und Jerusalem geplündert hatten; die andern durch die Steppen Rußlands und durch jenes große Völkerthor, aus welchem seit alter Zeit die beweglichen innerasiatischen Steppenhorden über die Kulturlandschaften des Westens ausgebrochen waren.