In England ließ man, trotz des ersten Erfolges, das große Ziel, auf dem eingeschlagenen Wege bis nach Indien vorzudringen, nicht aus den Augen. Zu gleicher Zeit mit Chancellor wurde auch Stephen Burrough[547] wieder entsendet, aber mit dem weitergehenden Auftrage, die Mündung des Ob aufzusuchen, als nächsten Schritt zur Auffindung der Nordostpassage (intending the discovery of the north-east passage). Cabot überwachte persönlich die Ausrüstung und nahm auf dem Schiffe von Burrough Abschied, welcher am 27. April von Gravesend in See ging.

Am 11. Juni traf dieser jenseit des Nordcaps an der lappländischen Küste mit russischen Lotjen (kleine Ruder- und Segelböte) zusammen und ließ sich von ihnen den Weg zur Petschora zeigen. Da aber die Lotjen schneller segelten als das englische Schiff, so mußten sie oft die Segel einziehen, um Burrough nachkommen zu lassen. Diese Fahrgeschwindigkeit der russischen Böte bestätigt die Annahme, daß jene nordischen Seeleute weithin mit den Küsten des Eismeers bekannt sein konnten. Am 15. Juli lief Burrough in die Mündung der Petschora ein und ging von da fünf Tage später grade nordwärts nach dem südlichen Rande von Nowaja Semlja. Unter diesem Namen kannten die Russen bereits jene langgestreckte Doppelinsel, welche das karische Meer gegen Westen abschließt. Statt nach Osten sich zu wenden, verfolgte Burrough die Küste nach Westen, wo ihn eine russische Lotje belehrte, daß er, um nach dem Ob zu gelangen, eine entgegengesetzte Richtung einschlagen müsse. Auch gab der russische Schiffer den Engländern weitere Andeutungen über die einzuhaltende Route. Burrough kam bis zur Waigatschinsel, lag dort einige Zeit vor Anker, wurde, als er ins karische Meer einzusegeln versuchte, am 23. August von einem schweren Sturm betroffen, der ihn zur Umkehr zwang. Er hatte die Absicht, an der Dwina zu überwintern und im nächsten Jahre die Fahrt nach dem Ob zu vollenden, aber führte den Plan nicht aus, sondern ging nach England zurück.

Die moskowitische Handelsgesellschaft ließ vorläufig die Pläne, nach dem Ob und weiter die Route zu entdecken, fallen und beutete die neu eröffneten Handelsbeziehungen an der Dwina aus. An dem Stillstande der Entdeckungen war wohl auch der 1557 erfolgte Tod Cabot’s schuld. Erst als Frobisher (s. oben [S. 511–514]) sich in den Jahren 1575–77 vergebens abgemüht hatte, eine Nordwestpassage zu finden, kehrte man zu Cabot’s Idee zurück und schickte 1580 noch einmal zwei Schiffe nach dem Ob und nach Cathai.[548] Arthur Pet, welcher schon die erste Fahrt unter Chancellor als Matrose mitgemacht, und Charles Jakman befehligten die Schiffe, welche am 30. Mai von Harwich abgingen. Jenseit des Nordcaps trennten sich die beiden Schiffe, um sich später bei der Waigatschinsel wieder zu treffen. Pet ging allein nördlich um diese Insel herum durch die karische Straße, und nach Südosten am Lande hin zwischen der Küste und einem ausgedehnten Eisfelde, bis er nothgedrungen in einem Hafen auf der Ostseite von Waigatsch Zuflucht suchen mußte. Dort traf er wieder mit Jakman zusammen. Da beide Schiffe vom Eise beschädigt waren, so beschlossen sie umzukehren und das karische Meer, welches sie zuerst betreten, wieder zu verlassen. Pet kam am 26. October wieder nach England, Jakman überwinterte an der Küste Norwegens und ging im nächsten Jahre auf einem dänischen Schiffe nach Island. Dort ist er verschollen.

„Pet und Jakman waren die ersten Nordostfahrer, welche sich ernstlich in das Treibeis wagten. Sie benahmen sich dort mit Entschlossenheit und Umsicht, und in der Geschichte der Schifffahrt kommt ihnen die Ehre zu, die ersten Fahrzeuge geführt zu haben, welche vom westlichen Europa in das karische Meer eingedrungen sind.“[549] Mit Unrecht erklärt Barrow sie für unbedeutende Seeleute;[550] denn ihre Leistung ist in diesem Gebiete von keinem englischen Schiffer mehr übertroffen, und mit dieser Expedition hörten die englischen Expeditionen zur Nordostpassage fast ganz auf, nachdem die Holländer in ihre Fußtapfen getreten waren.

2. Die Holländer auf dem Nordostwege und der Kampf um Spitzbergen.

Die Holländer folgten den Engländern auf dem nordöstlichen Wege sehr bald nach. Als Stephen Burrough 1557 nach seiner Ueberwinterung in Archangelsk zurückging, traf er jenseits Vardöhuus Holländer an, welche nach Lappland Handel trieben und sich in Kola niederließen. Von hier gingen 1566 zwei Antwerper Kaufleute Simon von Salingen und Cornelis de Meijer an der Küste entlang zu Schiff nach dem Onegafluß, von wo sie als Russen verkleidet zu Lande nach Moskau reisten. Noch wichtiger und für die Entwicklung des holländischen Handels nach dem weißen Meer von bestimmendem Einfluß war das Auftreten des niederländischen Kaufmanns Oliver Brunel aus Brüssel. Derselbe war 1565 mit einem Enkhuizer Schiffe nach Kola gekommen und wagte sich dann auf einer russischen Lotje nach Cholmogory. Auf Veranlassung der eifersüchtigen Engländer als Spion erklärt, wurde Brunel in Jaroslawl an der obern Wolga gefangen gesetzt, bis er durch Vermittlung der russischen Kaufleute, der Gebrüder Anikiew, die Freiheit wieder erhielt, und in den folgenden Jahren in dem Interesse seiner Befreier Handelsreisen bis zur Petschora machte und so den ganzen Norden Rußlands kennen lernte. Da er aber auch im Westen den russischen Waaren Absatz zu verschaffen wünschte, so begab er sich mit Verwandten der Anikiews zu der holländischen Niederlassung in Kola und miethete hier ein niederländisches Schiff nach Dordrecht. Der Erfolg war günstig, und so wurde über Kola eine regelmäßige Verbindung mit Holland angeknüpft. Brunel diente zwischen den Handelsplätzen als Agent.[551] Im Jahre 1577 ging er mit Jan van de Walle, dem Agenten des Handelshauses Gillis van Eychelberg, genannt Hoofman, zu Lande nach Moskau und bewog dieses Haus noch in demselben Jahre das erste holländische Schiff nach der Dwina zu entsenden. Andere niederländische Schiffe folgten und ankerten in der Pudoschemsko-Mündung der Dwina. Als dann auch Melchior de Moucheron als Agent seines Bruders, des reichen Handelsherrn Balthasar de Moucheron, sich an der Dwina niederließ und 1584 den Capitän Adrian Krijt veranlaßte, einen bessern Ankerplatz bei dem Kloster des Erzengel Michael zu suchen, so entstand dort rasch Neu-Cholmogory oder Archangelsk und entwickelte sich so günstig, daß 1591 auch die Engländer ihre Factorei hierher verlegen mußten.

Inzwischen war 1581 Brunel zum zweitenmale in den Niederlanden gewesen, um für die von schwedischen Schiffbauern auf Kosten der Anikiews erbauten besseren Fahrzeuge holländische Matrosen anzuwerben, denn die Schiffe sollten den Handelsweg nach dem Ob eröffnen. Seinen Weg nach den Niederlanden hatte Brunel über die Ostsee genommen und bei dieser Gelegenheit den Kosmographen Johann Balak in Arensberg auf der Insel Oesel besucht, welcher ihm Empfehlungen an den berühmtesten Kartographen seiner Zeit, Gerhard Mercator, mitgab und, nach den Angaben Brunels in einem Brief an den großen Gelehrten, seine Erkundigungen über die Polarregion der alten Welt mittheilte. Wir finden darin die Petschora, Waigatsch, das karische Meer mit den einmündenden Flüssen ganz richtig beschrieben. Jenseit des Ob werden allerdings die Vorstellungen unklar. Der berüchtigte Kataisee, dessen Abfluß der Ob sein sollte, wird nach dieser Auffassung von Karakalmaken umwohnt, die ganz nahe an China grenzen oder bereits diesem Lande angehören (non alia certe quam Cathaya).[552] Pet und Jakman waren im Jahr vorher in das karische Meer eingedrungen, die Angaben Brunels fanden dadurch eine weitere Bestätigung. Dieser scheint nun die Ehre des großen Unternehmens, den Handelsweg nach dem Ob zu eröffnen, aus Patriotismus seinem Vaterlande haben zuwenden zu wollen; denn er trat nicht mehr als russischer Agent in den Niederlanden auf, sondern brachte mit Hilfe seiner Landsleute eine Expedition zustande, an deren Spitze er 1584 das karische Meer zu erreichen suchte. Die Geschichte dieser Fahrt ist dunkel, wir erfahren nur, daß er sein Schiff auf dem Rückwege an der Petschora einbüßte. Brunel kehrte nicht nach Holland zurück; er begab sich vielmehr, da er durch seine Handlungsweise seine Stellung auch in Rußland verloren hatte, in dänische Dienste und erbot sich zu Fahrten nach Grönland. Dann verschwindet er aus der Geschichte, jedenfalls erlebte er die ersten großen holländischen Entdeckungszüge nach dem Nordosten nicht mehr.

Den directen Anstoß dazu gab Balthasar de Moucheron. Ende 1593 legte er dem Statthalter Moritz von Oranien und Oldenbarneveldt seinen Plan vor, durch die karische See nach China zu segeln („in wat manieren en by wat middelen de noordsche zee omtrent Waygats tot China toe bevaarbaar zijn zou“).[553] Den vierten Theil der Kosten wollte er selbst tragen. Aber nach längerer Berathung nahmen durch Beschluß vom 16. Mai 1594 die Generalstaaten die Sache selbst in die Hand und machten sie zu einer Staatsangelegenheit. Zwei Schiffe wurden von der Admiralität in Seeland und Nordholland gestellt, das dritte Schiff und eine Yacht fügte, auf Anregung des Kosmographen Peter Plancius, die Regierung von Amsterdam hinzu. Beide Abtheilungen standen unter dem Oberbefehl des Capitän Cornelis Cornelisz. Nay aus Enkhuizen, so lange sie vereinigt bis zur Insel Kildin an der lappländischen Küste gingen. Von hier aus mußten sich die Wege trennen, denn den von den Generalstaaten gestellten Schiffen war der Weg durch die Waigatschstraße ins karische Meer vorgeschrieben, von wo sie dann weiter nach Cap Tabin und der Anianstraße steuern sollten, während die andere Abtheilung des Geschwaders Nowaja Semlja umsegeln sollte, um die karische See zu vermeiden, von der man noch nicht wußte, ob sie mit dem nördlichen Weltmeer zusammenhänge oder nicht. Eine Fahrt um Nowaja Semlja hielt man deshalb für keineswegs schwierig, weil nach der Ansicht Mercators, welcher auch sein Schüler Plancius folgte, das Eismeer wegen des raschen Flutwechsels nicht fest zugefroren sein könne.[554] Cornelisz. Nay kannte jene nordischen Gewässer, da er im Auftrage des Hauses Moucheron bereits mehreremale das weiße Meer besucht hatte. Das zweite Schiff stand unter dem Commando des Capitäns Brandt Ijsbrandtsz. Tetgales ebenfalls aus Enkhuizen. Die Amsterdamer Schiffe befehligte Willem Barendsz. Alle Schiffe gingen am 5. Juni 1594 von Texel ab und langten am 23. Juni zusammen vor Kildin an. Nay ging mit Tetgales am 2. Juli nach der Waigatschstraße, kam am 5. des Monats ins Eis, erreichte aber doch am 18. die Mündung der Petschora und ankerte am 21. vor Waigatsch. Nach mancherlei Aufenthalte segelte er am 1. August durch die jugorische (ugrische) Straße, von den Holländern die Nassaustraße genannt, und gelangte bis in die karische See, wo er zwar anfangs auch noch mit dem Eise zu kämpfen hatte, dann aber unter 71° n. Br., am 11. August, in offenes Wasser kam. Da man die Durchfahrt nach Indien in der „neuen Nordsee“, wie man das karische Meer nannte, meinte gefunden zu haben, so beschloß man, sich mit diesem Erfolg zu begnügen und den Heimweg anzutreten; denn man war überzeugt, an der Mündung des Ob vorbei — die Karabucht wurde dafür gehalten — bis zur Höhe des Vorgebirges Tabin vorgedrungen zu sein.