Auf dem Rückwege traf Nay am 16. August mit den Amsterdamer Schiffen zusammen, welche unter Capitän Willem Barendsz. von Kildin nach Nordosten gesegelt waren. Am 4. Juli sah dieser unter 73° 25′ n. Br. die Westküste von Nowaja Semlja und ging an derselben bis zum 78° n. Br., wo am Eiscap ein mächtiges Eisfeld ihn zur Umkehr nöthigte. Daß vor ihm Russen schon so weit die Küsten des „neuen Landes“ kannten, bewiesen die unter 77° 55′ n. Br. auf einer Insel an der Küste errichteten Kreuze.
Die Schiffe traten gemeinschaftlich den Rückweg an und langten am 16. September wieder in Holland an.
Die Resultate dieses ersten Versuches erschienen den Unternehmern keineswegs entmuthigend. Namentlich hielt man die Beobachtung Nay’s, daß er ein offnes Meer bis Tabin entdeckt habe, für so günstig, daß man sofort in dieser Richtung weiter zu gehen beschloß; aber man wollte sich den Eingang sichern und faßte schon den Plan ins Auge, die Nassaustraße durch Befestigungen zu sperren, damit man nicht mit fremden Nationen den Gewinn theilen müßte.
So wurde ein zweites, noch größeres Geschwader, auf Staatskosten ausgerüstet „zur nördlichen Schifffahrt nach den Königreichen China und Japan“ (opte navigatie benoorden om, naeden Coninckrycken van China ende Japan).[555] Man war diesmal so fest überzeugt, das Ziel zu erreichen, daß man nicht blos die ansehnliche Zahl von sieben Segeln (je zwei von Amsterdam, Seeland und Enkhuizen und eins von Rotterdam) entsendete und theilweise mit Kaufmannsgütern für den Handel mit China befrachtete, sondern auch zwei kleineren Schiffen der Flotte den Auftrag ertheilte, die Nachricht von der erfolgten Umschiffung Tabins sofort nach den Niederlanden zurückzubringen. Cornelis Nay wurde wieder zum Oberbefehlshaber, Tetgales als zweiter Capitän und Barendsz. zum Obersteuermann ernannt. Linschoten, der bekannte Geschichtsschreiber dieser Nordostfahrten,[556] sowie Hermskerck und Rijp nahmen als Commissarien an dem Schiffszuge theil, dessen Ziel der von Polo’s Zeiten her bekannte Seehafen Quinsay (haeven ende stadt van Guinsay) war. Aber man hatte mit der Ausrüstung der großen Flotte so viel Zeit verloren, daß man erst am 2. Juli von Texel in See gehen konnte. Am 10. August war man am Nordcap, am 17. stieß man schon auf Treibeis. Zwar gelang es noch am 24., durch die Nassaustraße ins karische Meer zu kommen; aber das dichte Eis trieb die Schiffe nach der Waigatschinsel zurück. Vergebens machte Barendsz. noch mehrere Versuche, den Eisgürtel zu durchbrechen, aber die Jahreszeit wurde immer ungünstiger und am 15. September mußte man schweren Herzens die Hoffnung aufgeben, vorwärts zu kommen. Man erfuhr zwar, daß die Russen noch über den Ob hinaus nach einem Flusse namens Gillissy (Jenissei) Handel trieben, aber man konnte ihnen wegen der vorgerückten Jahreszeit nicht mehr folgen.[557]
Erst im November kamen die Schiffe nach Holland zurück. Aber die Unternehmungslust der Kaufleute war durch diesen Miserfolg keineswegs gedämpft. Namentlich Linschoten forderte zu neuen Anstrengungen auf und wies darauf hin, wie lange sich die Portugiesen abgemüht hatten, bis sie das Südende Afrika’s erreichten. Ihre Ausdauer sei glänzend belohnt. Eine nordöstliche Durchfahrt nach China und Indien bestehe ganz sicher, als Beweis führte er die Fahrten der Russen nach dem Ob und Jenissei an. Aber man kenne die Temperatur- und vor allem die Eisverhältnisse des Nordens noch nicht genügend, um die richtige Jahreszeit zu treffen. Er rieth daher, zeitig im Frühjahr zwei kleine Schiffe nach Waigatsch zu senden, welche dort das Aufbrechen des Eises abwarten sollten und dann den Spuren der russischen Lotjen nach dem Ob folgen könnten. Am Jenissei sollten dann die Schiffe überwintern, von den Anwohnern Erkundigungen einziehen und im nächsten Jahre ihre Reise fortsetzen. Die Generalstaaten freilich wollten neue Mittel für Schiffe nicht bewilligen; um jedoch die Unternehmungen nicht ganz fallen zu lassen, setzten sie eine Prämie von 25,000 Gulden auf die erste glückliche Vollendung der Fahrt nach China.[558] Dagegen faßte der Rath der Stadt Amsterdam den Beschluß, aus den Mitteln der Stadt zwei Schiffe von 50 bis 60 und 30 Lasten auszurüsten und darauf bis zu 12,000 Gulden zu verwenden.[559] Jan Cornelis Rijp und Jacob Hendrichsz. Heemskerck führten die Schiffe, Barendsz. ging wieder als Steuermann mit. Am 18. Mai (neuen Stils) liefen sie von Vlieland aus, Rijp steuerte von den Lofoten nach Nordnordost, da er den Nowaja Semlja umlagernden Eismassen auszuweichen wünschte und fand so zunächst am 9. Juni die Bäreninsel,[560] so genannt, weil dort ein großer Bär erlegt wurde, und entdeckte am 17. Juni (nach Barendsz.’s Journal), indem er einen dermaßen nördlichen Cours einhielt, als ob er über den Pol segeln wollte, die Inselgruppe von Spitzbergen. Aber seine Versuche von hier aus, um die Westküsten nach der Nordseite vorzudringen, scheiterten an den unbezwinglichen Eismassen. Die Schiffe kehrten also nach dem Süden zurück und trafen am 1. Juli wieder an der Bäreninsel ein.[561] Hier trennten sich die beiden Schiffe: Barendsz. ging nach Nowaja Semlja, Rijp nördlicher, in der Absicht, auf der Ostseite von Spitzbergen von neuem den Weg über den Pol zu suchen. Aber er fand auch hier eine feste Eismauer, ging an deren Rande nach Westen und kam so zum zweitenmal nach Spitzbergen. Nun erst gab er seinen Plan auf und wandte sich auch nach Nowaja Semlja. Aber da der Sommer zu Ende ging, so gab er, ohne nach dieser Richtung noch etwas erreicht zu haben, den Kampf gegen das Eis verloren und kehrte über Kola nach Hause zurück.
Barendsz. hatte inzwischen am 17. Juli Nowaja Semlja erreicht und war nach langer Arbeit im Eise endlich am 15. August so glücklich, über das Eiscap hinaus zu kommen und am folgenden Tage die nördlichste Spitze des Landes zu umsegeln. Aber im Nordosten wurde das Schiff vom Eise besetzt und mußte im „Eishafen“ überwintern unter 76° 7′ n. Br. Der Aufenthalt währte vom 26. August 1596 bis zum 14. Juni 1597. Man fand am Strande viel Treibholz, baute ein geräumiges Wohnhaus und verbrachte darin unter Leiden und Entbehrungen den Winter. Der Muth und die Ausdauer, mit welcher die Leute eine bis dahin unerhört strenge Ueberwinterung überstanden, erregte die allgemeinste Theilnahme. Die Reiseberichte wurden in alle Sprachen übersetzt, und so wurde diese letzte große holländische Polarfahrt zugleich die populärste. Als im Sommer 1597 die Schiffe aus ihrem Eisgefängniß nicht frei wurden, mußte man sie preisgeben und ging in offnen Böten um Nowaja Semlja herum zur Petschora. Fünf von der aus 17 Köpfen bestehenden Mannschaft starben; auch der edle Willem Barendsz. erlag während der Bootfahrt und fand auf dem neuen Lande sein Grab. Barendsz. war nicht blos ein liebenswürdiger, allgemein geachteter Charakter, er war auch ein gebildeter, ja ein gelehrter, der lateinischen Sprache sogar kundiger Seemann, der von Kindesbeinen an (von sijne kintsche daghen aen) eifrigst bemüht gewesen war, von allen Ländern, die er durchwanderte oder befuhr, Karten zu entwerfen.[562] Mit ihm sank gleichsam die Seele der Polarfahrten ins Grab. Sein Wahlspruch war gewesen: Niet zonder God (nichts ohne Gott). Mit dieser dritten Reise Barendsz.’s und mit seinem Tode hörten die energischen Versuche der Holländer, den Nordostweg nach China zu finden, auf.[563] Man mußte zugeben, daß die Lehren der Kosmographen von einem stets befahrbaren Polarmeere sich als irrig erwiesen hatten. Aber die Anstrengungen und Opfer waren doch nicht vergeblich gewesen, denn einerseits stand in dem Eismeere ein ergiebiger Walfang in Aussicht, andererseits — und dies war weit höher anzuschlagen —, war das Nationalbewußtsein mächtig gehoben. Man verglich in Holland diese arktischen Reisen mit dem Argonautenzuge, oder gar mit Hannibals Uebersteigung der Alpen und mit Alexander des Großen Feldzügen.[564]
Daß man die Nordfahrten vorläufig aufgab, hatte noch einen andern Grund. In demselben Jahre, als Heemskerck mit dem Rest seiner Mannschaft von Nowaja Semlja zurückkehrte, kam Cornelis Houtman mit der ersten Flotte von Indien zurück. Der alte Weg ums Cap der guten Hoffnung war sicher und brachte Gewinn, der Versuch, einen neuen Weg zu finden, hatte nur Opfer gefordert. Nachdem Spanien seit 1580 auch die Hand auf Portugal und seine Besitzungen gelegt, seitdem mit dem Untergange der berühmten Armada die spanische Oberherrschaft zur See erschüttert war, achteten weder England noch Holland mehr auf das alte, vom Pabst verliehene Monopol des indischen Handels, und nach Houtmans erfolgreichem Zuge blühte der Handel nach Indien dermaßen auf, daß bereits 1602 die holländisch-ostindische Compagnie ins Leben gerufen wurde. Man wandte also in den letzten Jahren des 16. Jahrhunderts sein Interesse dieser neuen Richtung zu; aber gerade in der Gründung dieser Handelsgesellschaft lag auch wieder der Keim und Anstoß, die Nordostfahrten wieder aufzunehmen; denn die niederländische Regierung hatte dieser ostindischen Gesellschaft ausschließlich das Recht ertheilt, ums Cap oder durch die Magalhãesstraße mit Indien Handel zu treiben. Alle nicht der Compagnie angehörenden Kaufherren waren ausgeschlossen, und diese eben suchten nun wieder „um den Norden herum“ nach Ostasien zu gelangen.
Fünf Jahre später nahm aber auch die moskowitische Handelsgesellschaft ihre seit 1580 abgebrochenen Entdeckungen wieder auf und entsandte 1607 Henry Hudson mit einem kleinen Fahrzeuge, um über den Nordpol den Weg nach Japan und China in nordöstlicher Richtung zu eröffnen. Hudson steuerte am ersten Mai von der Themse aus nach Nordwesten und stieß unter 67° n. Br. auf die Ostküste Grönlands. Von hier aus wollte er sich mehr und mehr nach Nordosten hinüberwenden. Die Küste des hohen Schneelandes lief anfänglich von Westen nach Osten, später von Süden nach Norden. Dieser Theil der grönländischen Küste ist auch gegenwärtig noch nur ungenügend bekannt. Er befuhr die Küste bis zum 70° und wandte sich dann nordöstlich nach Spitzbergen hinüber. Mit Sturm, Regen und mit dichten Nebeln kämpfend, welche in einem Zeitraum von drei Wochen (vom 2. bis 21. Juni) nur einmal der Sonne gestatteten, den Dunstschleier zu durchbrechen, kam er unerwartet am 22. Juni noch einmal, unter 72° 38′ n. Br. in die Nähe der hier nicht überall mit Schnee bedeckten, aber hochgebirgigen Küste von Grönland, bis er auf die Eisbarriere stieß, welche in der Regel das Meer zwischen Grönland und Spitzbergen überbrückt. Da er sah, daß sich das amerikanische Land viel weiter nach Osten erstreckte, als er nach seiner (auf Zeno basirenden) Karte annehmen durfte,[565] so ging er nun am Rande der Eismauer nach Spitzbergen hinüber, dessen Küste er am 27. Juni erreichte. Bis zum 13. Juli kreuzte er in dem Eise hin und her, wobei er die Höhe von 80° 23′ n. Br. erreichte. Dann drang er bis auf die Nordseite der Inselgruppe vor, vermuthlich bis zu den „Siebeninseln“, wo das Eis seiner Weiterfahrt ein Ziel setzte. Es gelang ihm also ebensowenig wie früher dem Holländer Rijp, Spitzbergen im Norden zu umsegeln. Er versuchte es dann noch auf der Südseite, mußte aber auch hier des Eises wegen am 27. Juli von seinem Vorhaben abstehen und kehrte nach England zurück. Wichtig wurde für die Folgezeit die Entdeckung zahlreicher Walfische, welche sich damals noch in dem friedlichen Meere von Spitzbergen tummelten. Im folgenden Jahre schickte die moskowitische Compagnie ihn zum zweitenmale aus, den Weg zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja einzuschlagen. Auch diese Reise blieb resultatlos, wahrscheinlich weil sie wieder zu früh im Jahre begonnen war. Hudson ging nämlich schon am 22. April die Themse hinunter zur See und erreichte Ende Mai die Höhe des Nordcaps. Unter 75° 29′ n. Br. gerieth er am 9. Juni ins Eis und mußte sich mühsam, nach Südosten zurückweichend, bis zur Küste von Nowaja Semlja durcharbeiten, welche er unter 72½° zu Gesicht bekam. Da er die Insel im Norden nicht umsegeln konnte, wandte er sich zur Waigatschstraße, aber wegen der in heftiger Strömung bewegten Eismassen wagte er sich nicht hinein und kehrte um. Am 26. August ließ er in Gravesend die Anker fallen. Es galt als eine besonders wichtige Wahrnehmung, daß das Klima von Spitzbergen unter 80° milder war, als bei Nowaja Semlja unter 76°, denn dadurch wurde die Theorie von dem offnen Polarmeere neu bekräftigt.