Die niederländisch-ostindische Compagnie, welche, wie sie für den Handel ums Cap und durch die Magalhãesstraße bereits privilegirt war, auch noch die Nordoststraße für sich zu monopolisiren hoffte, gewann darum für 1609 den kühnen englischen Polarfahrer, um in ihrem Interesse den nordöstlichen Weg nach China zu finden. Daß diese dritte Reise Hudsons aber eine ganz andere Richtung nahm, ist bereits ([S. 515]) berichtet. Trotzdem beschloß die ostindische Gesellschaft die Versuche fortzusetzen. Abgesehen von der durch Plancius vertretenen und verbreiteten Lehre, daß in der hohen Polarregion unter der monatelang ununterbrochen andauernden Bestrahlung durch die Sonne das Eis schmelzen und die Luft erwärmt werden, daher ein offenes Polarmeer entstehen müsse, erhielt die niederländisch-ostindische Handelsgesellschaft einen neuen Anstoß, den Weg über den Pol zu versuchen, durch ein merkwürdiges Werkchen eines deutschen Gelehrten Helisäus (Elisée) Röslin, Leibarzt des Grafen von Hanau, zu Buchsweiler im Elsaß, welcher in seinem „künstlichen, philosophischen Tractat: Mitternächtige Schiffarth“ nicht nur den Ansichten Plancius’ beipflichtete, sondern sich auch bemühte, mit astrologischen Gründen zu beweisen, daß Gott die Entdeckung des Nordpols wolle. Dieses Werkchen sandte Röslin 1610 an die holländischen Generalstaaten. Dadurch angeregt, beschloß die Admiralität von Amsterdam 1611 zwei Schiffe auszusenden unter Jan Cornelisz. May und Simon Willemsz. Cat, um über den Nordpol durch die Anianstraße nach China zu segeln. Sie versuchten zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja durchzubrechen, kamen aber des Eises wegen nicht über den 76° hinaus, und wandten sich daher nach der Ostseite von Amerika, dessen Küsten sie zwischen 47 und 42½° n. Br. befuhren. Im Februar des folgenden Jahres kehrte ein Schiff nach Amsterdam zurück. May machte in diesem Jahre noch einen Versuch, Nowaja Semlja zu umsegeln, aber er traf unter 77° wieder den unbezwinglichen Eiswall.[566] Es war also weder Engländern noch Holländern möglich, „um den Norden herum“ nach China zu kommen. Erst in den letzten Jahren 1878 und 1879 ist diese ruhmreiche That auf dem schwedischen Schiffe Vega unter der Führung des kühnen Polarforschers Nordenskiöld und des tüchtigen Capitäns Palander gelungen, und Asien auch im Norden umschifft worden.

Engländer und Holländer hatten sich nun schon über ein Menschenalter abgemüht, die starren Eismauern des Polarmeeres zu durchbrechen, ohne daß mehr als ein scheinbarer Erfolg in Bezug auf das erstrebte Endziel errungen wäre. Dagegen fanden sie theilweise Ersatz für den nicht unbedeutenden Kostenaufwand in der Jagd auf die großen Fischsäugethiere, Wale, Walrosse und Robben, welche namentlich bei Spitzbergen in großer Anzahl angetroffen wurden. Beide Nationen beanspruchten die alleinige Ausbeutung jener Jagdgründe und so entwickelte sich in den ersten Decennien des 17. Jahrhunderts ein lebhafter Kampf um Spitzbergen.

Die Engländer erschienen zuerst auf dem Plan und schickten ihre Schiffe seit 1597 bereits nach dem hohen Norden, aber sie verstanden noch nicht, die Walthiere zu erlegen. Die Basken mußten ihre Lehrmeister werden, baskische Harpuniere wurden in Dienst genommen und gingen auf englischen Schiffen nach Spitzbergen. Der biskaische Wal (Balaena Biscayensis) ist zwar ausgestorben; aber daß die Basken schon seit langen Jahren den Walfang betrieben hatten, läßt sich wohl daraus schließen, daß Städte wie Guipuzcoa, Fuentarrabia u. a. einen Walfisch im Wappen führten.

Häufiger wurden die Besuche der Engländer in der spitzbergischen See, seitdem 1608 Hudson auf den Reichthum an Walen in jenen Gewässern wieder aufmerksam gemacht. In den Jahren 1609 und 1610 erforschte Jonas Pool die ganze Westküste Spitzbergens. Im folgenden Jahre ertheilte König Jacob I. der moskowitischen Compagnie ein Privilegium, welches alle übrigen Seefahrer, einheimische sowohl als fremde von der Fischerei daselbst ausschloß. Trotzdem erschienen seit 1612 auch die Holländer an jener arktischen Inselgruppe, welche von ihren Landsleuten entdeckt war, um unter Anleitung baskischer Fangmänner (im Jahre 1613 hatten sie zwölf derselben angeworben) an der Walfischerei sich zu betheiligen. Neben ihnen fanden sich auch baskische und französische Schiffe ein. Aber die Engländer waren entschlossen, die fremden Eindringlinge nicht zu dulden. Die moskowitische Gesellschaft schickte 1613 sieben große Schiffe unter Capitän Benjamin Joseph und Baffin als Oberpilot nach Spitzbergen, welche rücksichtslos die fremden Fischer überfielen, ihnen den gemachten Fang wieder abnahmen oder sie verjagten, so daß nur ein holländisches Schiff mit seiner Beute entkam. Damit war der Krieg im Eismeere erklärt, welchen die Niederländer indes muthig aufnahmen. Die betheiligten Unternehmer vereinigten sich, um mit geschlossener Macht energischer auftreten zu können, 1614 zu einer Handelsgesellschaft unter dem Namen der „nordischen Compagnie“ und erhielten von den Generalstaaten das Handelsprivilegium für den ganzen Norden, von der Davisstraße bis nach Nowaja Semlja. So standen die moskowitische und die nordische Compagnie kampfbereit einander gegenüber. Die Holländer blieben zwar im ersten Jahre, 1614, unbehelligt, denn ihre stattliche Flotte von 14 großen Schiffen war durch drei von den Generalstaaten zum Schutz beigegebene Kriegsschiffe gedeckt, so daß die Engländer, welche mit 13 Schiffen und zwei Pinassen erschienen waren, nicht wieder zu Gewaltthätigkeiten zu schreiten wagten. Aber die Briten hatten in den nächsten Jahren doch wieder die Oberhand. Indes ließen sich die Mitglieder der nordischen Compagnie nicht völlig verjagen. Um nun den unsicheren Zuständen, welche den Handel beider Parteien schädigten, abzuhelfen, versuchten die Holländer ein friedliches Abkommen zu treffen, welches nach jahrelangen Verhandlungen erst unter Karl I. 1627 zustande kam, wonach man die Fischereibezirke unter den Rivalen theilte: die Engländer fischten seitdem im Südwesten, die Holländer im Nordwesten von Spitzbergen.


Ueberblicken wir das Gesammtresultat aller Unternehmungen, welche von den europäischen Seemächten ins Werk gesetzt wurden, um das gemeinsame Ziel, Indien und die Gewürzländer, auf verschiedenen Wegen zur See zu erreichen; so sehen wir nur die beiden romanischen Völker, die Portugiesen und Spanier, jene ums Cap der guten Hoffnung, diese durch die Magalhãesstraße ans Ziel gelangen. Es waren also nur der südöstliche und der südwestliche Weg nach Indien offen gefunden. Die Spanier hatten außerdem auf dem Westwege in den reichen Bergländern des tropischen Amerika ein neues Indien entdeckt. Als die beiden Nebenbuhler, nach Umschiffung der halben Welt, an den beiden Gewürzinseln auf einander stießen, geriethen sie um den Besitz derselben in einen lebhaft geführten Streit, welcher 1529 durch einen Vertrag geschlichtet wurde, nach welchem die Portugiesen einstweilen die Molukken und den Gewürzhandel behaupteten.


Geogr.-artist. Inst. v. Runge & Glöckner, Leipzig.

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.