Die Feststellung des Reiseweges, den er mit Vater und Oheim und in China zu Zeiten allein eingeschlagen, wird in mancher Beziehung erschwert, theils in Folge zu allgemein gehaltener Angaben, theils weil sich die vielfach verstümmelten Ortsnamen nur schwer identificiren lassen. Doch ist gegenwärtig durch die vorzüglichen Arbeiten Pauthier’s[23] und Yule’s[24] über Marco Polo und die durch von Richthofen in Bezug auf China gegebene Ergänzung die Möglichkeit geboten, in den wesentlichen Momenten dem großen Reisenden folgen zu können.
Von Lajazzo am issischen Golf ging die Route zunächst durch Klein-Armenien und Kleinasien wahrscheinlich über Kaisarie, Siwas, Arzingan und Musch, also denselben Weg, den Rubruck auf seiner Rückreise von Karakorum aus eingeschlagen hatte. Weiterhin erwähnt Polo den hohen mit ewigem Schnee bedeckten Berg, auf dem die unnahbare Arche Noahs ruhte; dann wandten sich die Reisenden südwärts nach Mardin und durch das Gebirge der räuberischen Kurden nach Mossul und Baudas (Bagdad). Den Fluß hinunter erreichte man in 18 Tagen Basra, von wo die Seefahrt begann, welche sie an Kisch (Kisi) vorüber nach Ormuz brachte. Die Insel und Hafenstadt Kisch (jetzt Ghes genannt) war lange Zeit ein Haupthandelsemporium, sie war gut bewaldet und mit frischem Wasser versehen. Polo scheint die Stadt nicht besucht zu haben, denn seine Angaben darüber klingen sehr dunkel. Die Ruinen der längst untergegangenen Stadt liegen an der Nordseite der Insel.
Hier beginnen die Schwierigkeiten, den Weg Polos zu fixiren, sich zu mehren. Marco Polo beschreibt uns nämlich den Abstieg vom Hochlande des inneren Iran zur Küste von Ormuz, während wir einen Aufstieg erwarten. Wir können nur annehmen, daß Polo uns einen zweiten Besuch des Hafens während der Heimkehr erzählt. Die Stadt lag damals noch auf dem festen Lande, wurde aber um 1300 durch feindliche Ueberfälle gezwungen, sich auf die Insel zurückzuziehen, wo dieses Emporium eine zweite Blüte erlebte. Die Ruinen von Alt-Ormuz liegen im District von Minao, wo auch Spuren eines langen Hafendammes gefunden sind. Die Landschaft selbst hieß Hormuzdia, woraus unser Reisender Formosa machte. Um eine Probe der Erzählungsweise Polos zu geben, schalte ich hier seine Wanderung nach Ormuz ein, welche ich, um ihr die alterthümliche Färbung zu bewahren, aus einer der ersten deutschen Uebersetzungen entlehne.[25]
„Von dem lustigen veld vnd von der statt Cormos.“
„Die eben do von yetzt gesagt ist, herstreckt sich jnn die funff tagreisen, vnd do sie ein end hat, do hebt der weg an vnder sich zu gohn, vnnd mus man bis jnn die zwentzig meilen stetzs vndersich gohn. Das ist ein vast böser weg, vnd vmb der rauber willen vnsicher. Zu letst kompt man zu eim vberaus hupschen veldt, das ist zwo tagreisen lang, vnd heisset das orth die schöne.“[26] „Jnn disem land seind vil wasser bäch, vnd palmen beum. Es seind auch mangerley vögel mit hauffen do, zuvor papageyen, die disseit des Meeres nicht funden werden. Von dannen kompt man zu dem meer Crean (verdruckt statt Ocean), do ligt am gestaden die statt Cormos, die hat ein guten port, do viel Kaufleut zusammen kommen, die bringen aus India specerey, berlin, edelgestein, gewant von seiden vnd gulden stucken, zeen von helffanten, sambt andern köstlichem ding. Dis ist ein königliche stadt, vnd hatt viel stett vnd schlösser vnder jr. Die landtschafft aber an jr selbs ist heis vnnd schwach. So ein frembder kauffman do stirbt, so nimbt der König als sein gut. Jnn disem landt macht man wein aus dateln vn̄ vō andern köstlichen specereiē, die sein aber nit gwont sind vn̄ erst anhebē zu trincken, den bewegt er dē bauchflus, aber die sein gewont sind, die werden seer feyst douō. Die jnwoner dises lands essen kein weitzen brot, auch kein fleisch, sunder datteln, ziblen vn̄ gesaltzen fisch. Sie haben schiff die sind nit vast sicher, dan̄ sie hefftens nit mit eisen neglen, sunder mit hültzen neglen vnd fedemen, die sind aus rinden gemacht der yndischen nus, die rinde bereit man wie leder, daraus schnidt man darnach fedem, vn̄ aus den fedemen macht man starke seyl, die den gewalt des wassers dulden mögen. Jedes schiff hat nit mehr dann einen mast, ein segel, ein leytruder, vnd ein Decke.“
„Man schmiert sie auch nit mit Bech, sunder mit vischschmalz. So sie dan̄ jnn Jndiam farend vnnd pferd oder andere war mit jnen füren, so verlieren sie vil schiff, dan̄ das selb meer ist vast vngestüm, vnd sind die schiff nit mit eisen verwart. Die jnwoner dieses lands sind schwartz, vn̄ Machumets gsatz vnderworffen. Jm sommer so es vast heis wurt, so wonē sie nit in den stetten, sunder jn wol gewesserten gärten auswendig der stett, do leyten sie das wasser mit düncheln hin und her, doselbst wonen sie, vnd empfliehē der hitz ein wenig. Es geschieht auch etwan, das ein heisser brenner windt von einer wüsteney kompt, do nichts dann sandt ist, der wehet so stark, das so die leut nicht balde flühen, so hersteckte er sie alle mit der hitz.“
„So bald sie prüfen, dz sich derselb wind erhebt so fliehen sie eilend zum wasser, darin erhalten sie sich, bis der windt vberget, also entwichen sie dem brunst den der sand bringt. Sie seehen jnn disem land jm Wintermonat, vn̄ jm Mertzen ernden sie, dan̄ sind auch andere frücht zeittig abzulesen, dan̄ nach dem Mertzen verdorren alle beum am laub vnd gras, vnd findt man den gantzen summer kein grien blat, es sey dan̄ an den wassern. Es ist ein gewonheit jnn disem land, wan̄ ein hausvater stirbt, so beweint jn sein weib vier jar lang allen tag zu eyner bestimbten zeit. Es samlen sich auch des abgestorbenen, gesipte frund jnn sein haus, sambt allen seinen nachbauren, die heulen vnd weynen, vnd machen bittere klagen do.“
Das innere Persien war den Abendländern erst seit der Mongoleninvasion geöffnet. Polo hat es auf dem Hin- und Herwege durchkreuzt. Von Ormuz reitet man 17 Tage über das Gebirge nach Kerman. Der Weg, den die Reisenden machten, entspricht so ziemlich der Route des englischen Major Smith 1866. Von Kerman aus mußte man in nördlicher Richtung die Wüste Lut durchschneiden, in welcher man nur bitteres und salziges Wasser findet. Die von Polo weiterhin genannte Stadt Cobinan dürfte wohl mit der Landschaft Kuh-banan identisch sein. An den nordpersischen Gebirgen wandte er sich ostwärts nach Balch. Hier war damals die Ostgrenze des persischen Reichs.
Diese Stadt war von den Mongolen zerstört, welche auch noch andere volkreiche Plätze im Gebiet des obern Oxus von der Erde vertilgt hatten. In Kunduz, der weiter östlich gelegenen Landschaft, betreten wir die Stufenländer des gewaltigsten aller Hochländer auf der Erde. Es werden noch die Orte Taican (d. h. Talikhan) und Casem (d. i. Kischm, jetzt südlich von der gewöhnlichen Karawanenroute) genannt, und wir gelangen weiter in das Hochgebirgsgebiet von Badachschan. Diese Landschaft lehnt sich im Süden an die Schneekette des Hindukusch, im Osten an den Steilrand der Pamir, der grasigen Hochthäler an den Quellenbächen des Oxus. Die Straße, welche Polo zog, um nach den tiefgelegenen Städten Yarkend und Kaschgar zu gelangen, ist in neuerer Zeit, was den westlichen Theil betrifft, zuerst von dem englischen Reisenden Wood 1838 wieder betreten, während die östlichen Hochpässe über die Pamirsteppen von einem Theil der von Indien nach Kaschgar beorderten englischen Mission unter Douglas Forsyth 1873 zum ersten Male in neuerer Zeit überschritten sind. Die Landschaft Badachschan war ehedem berühmt durch ihren Reichthum an Edelsteinen, namentlich Rubinen. Die Hauptfundgruben liegen am Panjah- oder Hamunflusse (d. i. Amu) in dem früher blühenden und volkreichen Districte von Gharan. Jetzt ist das Thal mit Dorfruinen besäet. Die 16 englische Meilen nördlich von dem kleinen Dorfe Barschar gelegenen Rubingruben, welche eine Quelle des Reichthums für die Herrscher von Badachschan abgaben, sind nahezu erschöpft. Im Jahre 1873 waren nur noch 30 Arbeiter dort beschäftigt. Im Süden Badachschans, am Fuß des Hindukusch, war die Fundstätte eines andern hochgeschätzten Steines, des Lasursteines oder Lapis Lazuli, welcher im Abendlande nach der Landschaft Badachschan oder Balakschan benannt wurde; Marco Polo schreibt Balaciam. Albertus Magnus kennt den Stein unter dem Namen Balagius, Dante als Balascio. Wood hat diese Fundstätten besucht. Polo rühmt hier zu Lande auch die berühmte Pferdezucht, welche noch gegenwärtig in Blüte steht. In der reinen Luft der Hochgebirgsthäler genas unser Reisender auch von dem Fieber, das er sich in Persien zugezogen und das ihn Jahre lang gepeinigt hatte. Die Schönheit der landschaftlichen Scenerien wird von ihm gepriesen. Von Faizabad zog Polo wahrscheinlich über den Aghirdapaß und durch die Schlucht, welche sich bei Barschar in der Nähe der Rubingruben öffnet, hinab ins Panjahthal und gelangte so ins Gebiet von Wakhan (Vocan), von wo der mühsame Uebergang über die Weidethäler der großen oder der kleinen Pamir erfolgte. Der District von Wakhan erstreckt sich von Westen nach Osten und besteht aus rauhen Hochthälern, welche beständig von heftigen und kalten Winden heimgesucht sind. Capitän Trotter, ein Mitglied der Gesandtschaft des erwähnten Sir Douglas Forsyth, hat denselben Weg, wie Polo, gemacht und ausführlich geschildert (Journal R. Ggr. Soc. Vol. XLVIII, 1878). Das am höchsten gelegene Dorf im Wakhan, Sarhadd, hat eine Seehöhe von 3350 Meter. Weiter aufwärts macht man im Winter die Reise auf dem gefrorenen Spiegel des Bergstroms und führt sie mit geringeren Schwierigkeiten aus, als im Hochsommer, weil dann bei der Schneeschmelze und der Hochfluth der Pfad im Thale vielfach versperrt ist. Dann geht es in beständiger Folge von steilen Auf- und Abstiegen am Gehänge hin; an einer Stelle muß man, wo der Weg abbricht, an einer Steilwand in kürzester Frist 1000 Fuß hinanklimmen. Das von den kirghisischen Hirten jetzt fast ganz verlassene Thal der kleinen Pamir liegt 4000 Meter hoch. Ein kalter Wind bläst so heftig durch das Thal, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die verschneiten Paßhöhen, welche die Grenze zwischen Ost- und West-Turkestan bilden und zugleich die Wasserscheide zwischen den westlichen Abflüssen des Oxus und den östlichen des Tarim bezeichnen, liegen über 4500 Meter hoch. Dann beginnt die Wanderung über das eigentliche Plateau der Pamir, „des Daches der Welt“. Die kühnen, schroffen, himmelanstrebenden Bergformen verschwinden und flachwellige Thäler in einer Höhenlage von über 3000 Meter treten an die Stelle, bewohnt von Kirghisen und belebt von ihren Herden. Ueber dem breiten Thale ragt das altberühmte Taschkurghan („Steinschloß“) empor, der Sitz des Districtgouverneurs. Das Schloß ist uralt, und soll von Afrasiab, einem Könige von Turan, gebaut sein. Eine Zeit lang bestand hier eine blühende Tädschik-Colonie unter einem erblichen Herrscher, der an China Tribut zahlte. Von hier geht der Weg wieder zehn Tage lang durch wilde spärlich bevölkerte Gebirge und gefährliche Pässe. „Die Berge,“ schreibt Trotter, welcher von Kaschgar herüberkam, „sind kahl und unfruchtbar, der Weg ist schlecht und nach Uebersteigung des Toratpasses („Pferdeschweif“), 3400 Meter hoch, gradezu abscheulich. An einer Stelle führt er im Flußbette hin, der, voll großer Blöcke und tiefer Wasserlöcher, zwischen senkrechten Felswänden sich Bahn bricht. Ein paar entschlossene Leute können den Weg gegen eine ganze Armee vertheidigen. Fast ebenso schwierig ist der Abstieg ins Tiefland von Ost-Turkestan nach Yarkend.“