Die Schilderung dieses überaus mühsamen Uebergangs über die Pamir bildet eins der interessantesten Capitel in dem Berichte unseres Venetianers. Möge darum seine Darstellung hier in der alten deutschen Uebertragung eingereiht werden.
„So man von dannen (nämlich von Wakhan) gegen auffgang zeucht, so mus man drey gantz tag vbersich ziehen, bis man auff ein hohen berg kumbt, der kein höhern jn der welt hat. Daselbst findt man ein ebne zwischen zweyen bergen, darin fleußt ein schön lustig wasser, das gibt gute weyden darumb, also das ein mager pferdt oder rindt jn zehen tagen feyßt dauon wirt.“
„Man findt auch vil wildbrets da, zuuor etlich wilde wider (Ovis Poli) oder castrone, die haben lange hörner, daraus macht man mangerley geschiir, dise ebne ist so lang, das man jr in zwelff tagen kein end finden kan und heyßt Pamer (andere Lesart Pamier). So man aber weyter zeucht, so wirt es wie eine wüsteney, vnd hat keins menschen wonung mer, auch kein grün gras mehr. Darumb müssen die leut mit jnen führen, was jnen von nötten ist zur erhaltung. Es ist auch kein vogel da, vmb der kelten willen, vnd grosser Höhe des erdtrichs, das dem vich kein futter tragen kan.“[27]
„So man ein feur da anzündt, so ist es nicht so hell, vnnd so krefftig, als an anderen orten von wegen der vberschwencklichen kelten des lands.[28] Von dannen geth der weg durch die berg gen auffgang vnd mitnacht, da findt man berg vnd thal, vnd vil wasser da zwischen, aber keins menschen wonung, vnd kein kraut. Das landt heyßt Belor, das zeigt ein ewigen winter an. Derselb anblick weret viertzig tagreysen lang.[29] Fur so viel tag mus man auch prouiand bey sich haben, doch sicht man auff den allerhöchstn bergen, hin vnd her etlicher leut wonungen, die seind aber vberaus bös vnd grewlich, so seind sie auch abgöttisch, die geleben des weidwercks vnd bekleyden sich mit den heutten von den thieren.“
Außer Wood haben das Hochland auf zum Theil verschiedenen Wegen durchkreuzt 1861 der britische Agent Abdul Medschid auf dem Wege nach Kokan, und Mirza 1868/9 über den Tschitschiklikpaß nordöstlich von Taschkurgan, welchen Trotter und wahrscheinlich auch schon Polo überstiegen. Den gewaltigen Unterschied zwischen den unwirthlichen, menschenleeren Höhen und den blühenden Oasen in Ost-Turkestan empfanden die venetianischen Kaufleute sofort und Marco Polo verleiht der Wahrnehmung Worte, wenn er mit Befriedigung von den herrlichen Weinbergen, Fruchtgärten und „anderen Ackergütern“ erzählt. Während auf der Pamir sich einzelne Gipfel bis zu 8000 Meter erheben, ist der tiefste Thalboden im Tarimbecken kaum 700 Meter über See gelegen. Nur an den von der Umwallung der alpinen Hochketten aus Norden, Westen und Süden ablaufenden Gewässern ist durch künstliche Befeuchtung des Bodens um feste Städte eine oasenartige Kultur entstanden, die sich an die Gebirge anlehnt. Das Tarimsystem wird im Norden und Süden von den Schneegebirgen des Tienschan und Kwenlun begleitet, welche, fast parallel, weit gegen Osten streichen. Daher haben sich, weil an der Rinne des Tarim selbst wenig anbaufähiges Land sich findet, zwei Städtereihen im Norden und Süden entwickelt, durch welche der Weg nach China führt. Während in unsern Tagen die belebteste Karawanenstraße durch die nördliche Städtereihe Kaschgar, Aksu, Turfan und Komul geht, lief zu Polo’s Zeit die Route durch die südlichen Plätze Yarkend, Iltschi (Choten), Tschertschen und an den Lopnor, das Sammelbecken aller Gewässer Ost-Turkestans. Den Weg der Venetianer hat kein europäischer Reisender wieder verfolgt, nur durchkreuzt hat ihn in jüngster Zeit der kühne russische Oberst Prschewalsky, welcher nach Polo auch zuerst den Lopsee erreichte. Im Gebiet von Choten oder Iltschi erwähnt unser Reisender den grünlichen Chalcedon, der dort unter dem Namen Jade bekannt ist. Die Chinesen schätzen ihn als Yu-stein, die Perser nennen ihn Yaschin, woraus unser „Jaspis“ geworden ist. Ueber die Stadt Tschertschen (bei Polo Ciarcian, ein lange vergeblich gesuchter Ort), welche nach den Erkundigungen von Prschewalsky am Tschertschen-Darja liegt, wurde die Oase Lop erreicht, wo man sich von der beschwerlichen Wüstenreise eine Zeit lang erholen konnte und den Thieren Rast gönnte, ehe man die große Wüstenreise zu der ersten chinesischen Stadt antrat. Der Wüstensand liegt hier in beweglichen Massen, die vom Winde aufgewirbelt werden. Bei den Chinesen war dieser Wüstenstrich in früherer Zeit unter dem bezeichnenden Namen Lu-scha, d. h. fließender Sand, bekannt. Er bildet die westliche Fortsetzung der bekannten Scha-mo, d. h. Sandmeer.
Die Bevölkerung der Oase[30] Lop (Polo bezeichnet diese als eine große Stadt) hat stets isolirt, wenn auch nicht völlig abgesondert von der übrigen Welt gelebt. Prschewalsky hält den Grundstamm für arisch, mit mongolischem und tatarischem Blute gemischt. Sie war schon zu Polo’s Zeit mohammedanisch. Auffällig ist, daß jetzt Kamele nicht mehr vorkommen, während unser Reisender ausdrücklich betont, daß man sich hier zur Weiterreise mit starken Kamelen versorge, denn die Wüstenwanderung währt einen ganzen Monat, und für diese Zeit muß man sich mit Lebensmitteln und Futter versehen. Trinkwasser findet sich an einigen Stellen, wenn auch nicht immer reichlich. Die größten Gefahren der Reise liegen aber nach der Ansicht unseres Berichterstatters in den Tücken böser Geister, die durch Namensruf und allerlei Geräusch die Reisenden in die Irre führen und ins Verderben locken. Bei Tage klingen diese Geisterstimmen wie „süß tönendes Saitenspiel, Pauken und Trommeln“. Chinesische und arabische Schriftsteller wissen gleicherweise von solchen geheimnißvollen Tönen in der Wüste zu erzählen; auch Capitän Wood vergleicht den Ton der Schritte im beweglichen Sande mit fernem Trommelwirbel und zarter Musik. Daß aber, abgesehen von den ungleich erwärmten in Bewegung gerathenen sogenannten klingenden Sandmassen andere eigenthümliche Sinnestäuschungen in den asiatischen Wüsten zu solchem Gespensterglauben veranlassen können, wie ihn der naive Bericht Polo’s kundgibt, dafür mögen hier die Beobachtungen des Botanikers A. v. Bunge eingeschaltet werden, welcher bei der Expedition Chanikoffs die auch von Polo durchschnittene Wüste Lut in Iran durchzog. „Der Tag war glühend heiß gewesen,“ schreibt Bunge, „die finstere Nacht — die Gewitterwolken waren herangezogen, aber sie schwanden über der dürren Wüste, fast ohne daß ein Tropfen herabfiel — war warm; beim gleichmäßigen Schaukeln auf dem Kamel ängstigte — nicht mich allein — eine eigenthümliche Sinnestäuschung, als ritte man in dichtem Walde zwischen hohen Bäumen und müsse sich fortwährend beugen, um den Zweigen auszuweichen. Schon ehe die Sonne aufging, traten die Erscheinungen der Luftspiegelung ein.“ (Petermann, Mitthl. 1860. 223.) Auch Dr. O. Lenz hat bei seiner ruhmvollen Wanderung durch die westliche Sahara von Marokko nach Timbuktu 1880, die Erscheinungen des tönenden Sandes beobachtet als langgezogene dumpfe Trompetentöne, welche, um das Unheimliche dieser Wüstenlaute zu steigern, bald hier, bald dort, immer aus einer andern Gegend herüberklingen. Lenz sucht die Ursache an der Friction der erhitzten Quarzkörner.
Erst nach 30 Tagen gelangten die venetianischen Kaufleute zur ersten chinesischen Stadt Scha-tscheu (Saciu) d. h. Sand-ort, einem wichtigen Platze, weil alle Wege, welche von China aus nach Westen gerichtet sind, durch diese Stadt führen. Im Jahre 1292 ließ Kublaikaan, zur Zeit, als Polo sich zur Heimkehr nach Europa anschickte, die Einwohner ins Innere von China schaffen, und 1303 legte sein Nachfolger eine Besatzung von 10000 Mann dahin, um den Platz zu sichern. In weitern 10 Tagen erreichte man Su-tscheu (Succiur, Sukchu), welches 1226 von Tschingiskaan zerstört worden war, und weiterhin in südlicher Richtung Kan-tscheu (Campichu), damals die Hauptstadt von Tangut, jetzt Provinz Kan-su, nördlich vom Kuku-nor. Dann folgten die Städte Liang-tscheu-fu (Eritschu), Sining-fu (Sinju), und Ninghia (Egrigaia)[31]. Nicht weit davon lag die Sommerresidenz der ehemaligen Tangutkönige am Fuß des Alaschan (Calaschan). Von Liang-tscheu folgte Polo einer Reiseroute, die den modernen Postweg zur rechten ließ. Die Straße, welche er zog, heißt seit der Zeit des Kaisers Kang-hi die Courierstraße. Nach Tenduc (jetzt Kuku-choto) verlegte Polo den Sitz des Priesters Johann, den er in dem Ung-chan zu erkennen glaubte. Ihm fielen dort die Mischlinge auf, deren Nachkommen wahrscheinlich in den heutigen Dunganen zu suchen sind. Auf diesem Theil der Reise mußte Polo die berühmte chinesische Mauer berühren, aber er erwähnt sie nicht. Man mußte denn, wie H. Yule (Marco Polo I, 283) meint, eine versteckte Anspielung darauf in den folgenden Worten des Reisenden finden: „Hier ist auch der Ort, den wir das Land Gog und Magog nennen, dort heißt es Unc und Mugul.“ Yule deutet diese Stelle dahin: hier sind wir an der großen Mauer, die als Wall von Gog und Magog bekannt sind. Dort zu Lande nennt man sie nach zwei Volkstämmen Ung[32] und Mongolen, welche mit der Vertheidigung der großen Mauer betraut waren.
Sieben Tage weiter kommt man endlich in das große Land Cathay, welches überall von volkreichen Städten und Dörfern dicht besät ist. Ueber die kunstgewerbreiche Stadt Sindatschu[33], welche unter der Kin-Dynastie als Siwant-tschu bekannt war, und jetzt Siwan-hwa-fu heißt, fünf Meilen südlich von Kalgan, gelangten die Reisenden nach Tschagannor (Ciagannor), einem ums Jahr 1280 erbauten Palaste des Großfürsten, wo der Kaan sich gern aufhielt, um der Jagd auf Wasservögel am See obzuliegen. Tschagannor bedeutet „weißer See“, die Ruinen liegen etwa 6 Meilen nördlich von Kalgan. Noch drei Tagereisen weiter gegen Norden lag die Stadt Tschan-du (Ciandu) oder Schang-tu, d. h. oberer Hof, obere Residenz, wo der Kaan gleichfalls einen prächtigen Marmorpalast hatte errichten lassen, dessen vergoldete Zimmer mit kunstvollen Gemälden geziert waren. Dr. S. W. Bushell hat den Platz 1872 besucht. Die Ruinen liegen etwa unter 40° 22′ n. Br., westlich vom Meridian von Peking. Der jetzt verödete, übergrünte Herrschersitz, den Polo mit besonderer Ausführlichkeit beschreibt, erhob sich am sumpfigen Ufer eines Flusses, der noch jetzt den Namen Schan-tu trägt. Bei den Mongolen heißen die Ruinen Djao-Naiman Sume Khotan, d. h. Stadt mit 108 Tempeln. Marmorfragmente von Löwen, Drachen und anderen Bildwerken zeigen die Stätten der ehemaligen Tempel und des Palastes.
Die bisher genannten Fürstensitze lagen jenseit der großen Mauer auf dem Gebiete der eigentlichen Mongolei. Seitdem China dem mongolischen Weltreiche einverleibt worden, war die erste und größte Residenz, in welcher der Kaiser die Wintermonate, December, Januar und Februar verlebt, hierher verlegt worden. Dieser „große Hof“, als Stadt Tatu oder Taidu genannt, bestand seit 1264. Sein Name Kaan-baligh, „Stadt des Kaan“, war in der abendländischen Form Cambaluc, Canbalu Jahrhunderte lang mit den Vorstellungen größter Fürstenpracht und größten Glanzes verbunden, ehe er dem modernen „Pe-king“ (Nord-Residenz) weichen mußte.
Der großartigen Hofhaltung des mongolischen Kaisers widmete Polo die eingehendste Beschreibung. Da die Venetianer von Kublai auch bei diesem ihren zweiten Besuche auf das Huldreichste aufgenommen wurden und sich seiner dauernden Gunst erfreuten, so war der jüngere Marco auch mehr als andere in der Lage, bei der Beschreibung des Hofstaates und tatarischen Regiments in China zahlreiche Einzelbeobachtungen und Wahrnehmungen mitzutheilen. Marco Polo gewann in dem Grade das Vertrauen des Großfürsten, daß dieser ihn in besonderer Sendung nach den südlichen Provinzen Chinas und bis an die Grenzen seines Reiches abordnete. Dadurch wurde dem Abendland zuerst der Blick in die Großartigkeit der chinesischen Welt eröffnet. Die Reise ging von Peking in südwestlicher Richtung durch die Provinzen Schansi, Schensi und Szytschuán bis nach Yün-nan und bog dann nach Osten gegen das Meer ab. Den ersten Theil des Weges hat v. Richthofen 1871 verfolgt und seinen Untersuchungen verdanken wir besonders das neue Licht, das auf die Weglinie des Venetianers gefallen ist. Wir begleiten den kaiserlichen Agenten über Tschou-tschou (Juju) zunächst nach T’aiyüan-fu (Taianfu) der Hauptstadt von Schansi, wo im 8. Jahrhundert die Tang- und später die Ming-Dynastie residirte und wo, bei dem sehr bedeutenden Reichthum an Kohlen und Eisen, seit alter Zeit die Eisenindustrie blühte, welche im 13. Jahrhundert namentlich Waffen fertigte. Sieben Tagereisen weiter folgte die in einem breiten Thal des nordchinesischen Lös gelegene Stadt Pingyang-fu (Pian-fu). Nach Ueberschreitung des Hwang-ho, den Polo unter dem mongolischen Namen Caramoran, d. h. schwarzer Fluß, kennt, gelangt man in 10 Tagen zu einer der merkwürdigsten Städte des Landes, nach Si-ngan-fu (Kenjanfu bei Polo, Kansan bei Odorich von Pordenone). Als die Hauptstadt vieler mächtiger Herrschergeschlechter, von deren Bedeutung auch unser Gewährsmann Kunde erhalten hat, vielleicht schon das Θιναι des Ptolemäus, und im 7. Jahrhundert der Sitz blühender Kirchen, kann man diese Stadt wohl als die berühmteste in der chinesischen Geschichte bezeichnen. Dann führt der Weg durch den von wilden Gebirgen erfüllten südlichen District der Provinz Schensi und jenseits Han-tschung durch das Tsinglinggebirge, wo seit alter Zeit die Straßen in Zickzack in den Felsen gehauen sind. Polo brauchte 20 Tage, um über diese Gebirge nach Tsching-tu-fu (Sindafu), der gegenwärtigen Hauptstadt von Szy-tschuan zu gelangen. Die herrliche Ebene, in welcher die Stadt liegt, die, von 800,000 Menschen bewohnt, jetzt zu den schönsten Städten Chinas zählt, breitet sich am Fuße des plötzlich abfallenden tibetanischen Plateaus aus und hatte damals „vil stett vnd schlösser vnd dörffer“. Die Ostgrenze Tibets war zu jener Zeit viel weiter nach Osten vorgeschoben als jetzt; die Stadt Ya-tschou-fu, welche man in weitern fünf Tagen erreicht, gehörte damals bereits zu Tibet und auch heutzutage liegt sie an der Westgrenze des nur von Chinesen bewohnten Gebietes. Sie bildet den Schlüssel zu dem westlichen Hochlande. Ueber 3000 Meter hohe Pässe ging’s weiter nach Süden, 20 Tage ritt Polo durch menschenleere Gebirge, so daß die Reisegesellschaft genöthigt war, alle Lebensmittel mitzuführen. Jetzt gibt es auch an dieser Straße einige Ansiedlungen und feste Plätze mit chinesischen Garnisonen, welche dem Wanderer gegen die unabhängigen Lolo Schutz gewähren. Kurz vor der Stadt Ning-juan-fu erreichte man wieder eine schöne, von einem Zufluß des Yang-tse-kjang bewässerte Thalebene, welche die Chinesen als eine Art irdisches Paradies preisen. Polo nennt die Stadt und Landschaft Caindu, ein Name, welcher der noch jetzt im Volke üblichen Bezeichnung Kian-tschang entspricht. Polo rühmt hier ein gewürztes Getränk, das aus Weizen, Reis und andern Spezereien bereitet werde. Dieser gewürzte Wein steht noch in gutem Ruf. Auch die Cassiablütenknospen, ein noch jetzt geschätztes Produkt des Thales, werden unter den Landesprodukten als „Gewürznelken“ aufgeführt.