Nahe der südlichsten Biegung des Stromes wurde der obere Yang-tse-kjang (bei Polo Brius) überschritten und dann die Landschaft Carajang (d. h. schwarzes Jang, nach den schwarzen Bewohnern) erreicht. Es bildet den nördlichen Theil von Yün-nan, dessen Hauptstadt damals Ya-schi, jetzt Yün-nanfu heißt. Der weiter westlich gelegene Hauptort von Carajang trägt auch bei Polo diesen Namen, jetzt Talifu.[34] Auf den südwestlichen Gebirgen, welche die Grenze gegen den modernen Staat Birma bilden, erkennen wir in den Bewohnern, welche ihre Zähne zu vergolden pflegen, die Kakhyens oder Singpho, deren waldiges Bergland Polo unter der persischen Bezeichnung Zardandan, d. h. „Goldzahn“ beschreibt. Jenseit dieser Gebirge, über die man mehrere Tage beständig abwärts reitet, öffnet sich das obere Thal des Irawadi. Polo nennt es Amien, bei den Chinesen heißt Birma oder Ava noch jetzt Mien. Durch das Thal des Schweli stieg der Reisende zum Iravadi hinab nach Alt-Pagan oder Tagoung (Tagong), wo über den Königsgräbern zwei fingerdick mit Gold und Silber belegte Thürme sich erhoben. Weiter scheint unser Reisender nicht vorgedrungen zu sein als bis nach Ta-gang, welches 1283 auch der mongolischen Weltmacht unterthan gemacht war. Nur von Hörensagen berichtet er weiter von den Landschaften Bangala (d. i. Bengalen), Cangigu (d. i. Tung-king, chines. Kiaotschi-kwe), Anin im südlichen Yün-nan,[35] Coloman, d. h. Kolo-barbaren, an der Grenze von Kwei-tschou (Cuiju bei Polo). Von hier aus macht die Vortragsweise Polo wieder den Eindruck, als ob er auf seiner Rückreise aus Südwesten die Schilderung seiner eignen Route wieder aufnehme. Er zog wahrscheinlich von Yünnan-fu auf einem mehr östlich gelegnen Wege gegen Norden, setzte bei Siü-tschou über den blauen Strom und erreichte in Tsching-tu-fu seine frühere Straße wieder, um nun nach Cambalu seine Rückkehr zu vollenden.

Drei Jahre stand Marco Polo dann als Gouverneur in der großen Stadt Yang-tschou nordöstlich von Nan-king, machte darauf mit seinem Onkel Maffeo längeren Aufenthalt in Kantschou in Tangut und hat wahrscheinlich auch Karakorum besucht. In diese Zeit fällt auch des Großfürsten vergeblicher Eroberungszug gegen das blühende Inselreich Zipangu (Japan), dessen Name Dschi-pen-kwe „Land des Sonnenaufgangs“ zur Zeit des Columbus neben Indien und Cathay einen besonderen Lockreiz auf alle abenteuernden Entdecker ausübte.

Die venetianischen Kaufleute weilten bereits über 20 Jahre in China, ehe sie eine günstige Gelegenheit fanden, ihre Heimat wieder zu sehen; denn der Kaan wollte sie ungern entlassen. Diesen günstigen Anlaß zur Abreise bot nun die Entsendung der Prinzessin Kokatschin nach Persien, wo sie mit Argunchan, dem Großneffen Kublais, vermählt werden sollte. Der Kaan gab ihnen 2 goldene Täfelchen als Geleitsbriefe und Empfehlung in allen seinen Landen und beauftragte sie auch noch mit einer Botschaft an die Könige von Frankreich, England und Spanien, sowie an andere Könige der Christenheit. Das Gefolge der Prinzessin bestand aus 600 Personen. Von Cambalu ging die Reise bis zum Seehafen von Zayton zu Land und dann zur See. Auf dieser Landreise, welche Polo gleichfalls beschreibt, sah er die der Ostküste näher gelegenen Provinzen mit ihrem wimmelnden Völkerleben in den Riesenstädten, die alles übertrafen, was das Abendland bieten konnte, die mit ihrem Reichthum, Gewerbfleiß und überaus belebten Handel einen unverlöschlichen Eindruck zunächst auf den Reisenden und nach dessen Erzählungen bei allen Völkern Europas, namentlich den seefahrenden Nationen hervorbrachte, so daß an diesen glühenden Schilderungen sich die Reise- und Entdeckungslust entzündete.

Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.

(Das Original, in Ost-Sibirien gefunden, ist viermal so lang und breit.)

Von Peking ging die Landreise zuerst gerade nach Süden über Hokian-fu (Cacanfu), bei Tsinanfu (Chinangli) erreichte man damals, wie auch heute wieder, den großen Strom, den Hwangho, welcher später und bis vor 30 Jahren südlich um das Bergland von Schantung sich ins gelbe Meer ergoß. Größtentheils auf dem Kaisercanal führt der Weg gegen Südsüdosten durch Kiangsu bis zum Yang-tse-kjang und zur altberühmten Stadt Jangtschen (Yanju, auf der catalanischen Karte von 1375 als Jangio) wo M. Polo auf Befehl des Kaan drei volle Jahre, zwischen 1282 und 1287 die Verwaltung geleitet hatte. In der Nähe dieser Stadt floß bei Tschin-tschou oder I-tschin-tschou (Sinju) der blaue Strom vorüber, auf dem Polo einmal 15,000 Schiffe vor der Stadt liegen sah. Nach den Angaben der dortigen Kaufherren liefen jährlich gegen 200,000 Schiffe den Fluß hinauf. Ueber die großen Plätze Tschang-tschen (Chinginju) und Su-tschen (Suju) zogen sie dann in Hang-tschen ein. Polo nennt diese größte aller Städte Kinsay oder Quinsai, nach dem chinesischen Namen King-sze, d. h. Hauptstadt; denn sie war seit 1127 die Residenz der Song-Dynastie gewesen. Keine Stadt der Welt hat unsern Reisenden mehr in Erstaunen gesetzt als diese, keine hat er so eingehend beschrieben; aber leider hat Polo, indem er das chinesische Wegmaß „Li“ einer Meile gleichsetzt, die Verhältnisse gewaltig übertrieben. Diese schönste Stadt der Welt mit ihren meilenlangen, gepflasterten Straßen sollte 100 Meilen[36] im Umfange haben. Die ganze Stadt lag, von Wasser umgeben, von Canälen durchzogen, in der Niederung, nahe dem Meere; 12,000 Steinbrücken führten über die Canäle. Es gab 1,600,000 Häuser und darunter viele stattliche Paläste. An jedem Hause war auf einer Tafel die Anzahl der Bewohner zu lesen. Die zwölf gewerbtreibenden Zünfte verfügten über 12,000 Häuser mit Arbeitern. In den Hauptstraßen wogte ein unaufhörlicher Verkehr, Wagen folgten auf Wagen. Die Einkünfte, welche der Kaan von hier bezog, sollten sich jährlich auf fast 200 Mill. Mark (!) belaufen. Und um die Größe der Bevölkerung zu veranschaulichen, hatte ein kaiserlicher Beamter erzählt, daß täglich fast 10,000 Pfd. Pfeffer consumirt würden. Der neben der Stadt gelegene Palast hatte 10 Meilen (Li) Umfang, umfaßte 20 in Gold gemalte, große Hallen, gegen 1000 auf das herrlichste geschmückte Zimmer und war von schönen Gärten mit Springbrunnen und Teichen umgeben. Die Stadt lag unfern des Meeres, an welchem Ganfu[37] einen ausgezeichneten Hafen der Stadt bildete. Das ganze Küstengebiet hat seit jener Zeit wesentliche Veränderungen erlitten. Die See ist näher an die Stadt gerückt, die Stätte des Hafens ist unter den Spiegel des Wassers gesunken, und die Metropole selbst hat gegenwärtig nur 35 Li Umfang. Auch nach Polo’s Zeit ist diese Weltstadt von abendländischen und arabischen Reisenden beschrieben, so von Odorich, welcher 1324–27 in China weilte, von Marignolli (1342–47), welcher sie Campsay nennt, von Wassaf, Ibn Batuta u. a.

Von King-sze ging dann die Reise weiter durch die jetzigen Provinzen Tsche-kjang und Fu-kian nach dem Seehafen Fu-tschen (Fuju, aus der catal. Karte Fugio). Die leicht erregbare Bevölkerung dieser Capitale Südchinas mußte stets durch starke mongolische Besatzung niedergehalten werden, da sie zu Revolten geneigt war. Der weiter südlich gelegene berühmte Hafen Zayton (Caiton, Çaiton, auf der catalon. Karte Caxum) war der Sammelplatz der Indienfahrer und einer der größten Handelshäfen der Welt. Wir haben diesen später sprichwörtlich berühmten Hafen südlich von Fu-tschen in der Stadt Tsiuan-tschen zu suchen, doch mögen die Vorhäfen dieses Platzes sich noch bis an das wundervolle, geräumige Hafenbecken von Amoy erstreckt haben. Das östlich gelegene Meer ist das Meer von „Tschin“. Nur an dieser einzigen Stelle (lib. III, cap. 4) nennt Polo den jetzt üblichen Landesnamen China, aber in persischer Form. Ein anderer Name dafür war das Meer von Manzi, d. h. Südchina. Nach Angabe der Seeleute, welche in diesen Gewässern verkehrten, gab es in jenem Meere 7459 Inseln.[38] Von dort kamen weißer und schwarzer Pfeffer und alle anderen geschätzten Spezereien. Jahreszeitliche, regelmäßig wechselnde Winde beförderten den Verkehr mit den Gewürz-Inseln.

Von Zayton aus verließ Polo das Reich der Mitte. Die Namen King-sze und Zayton, Zipangu und Manzi behielten Jahrhunderte lang ihren zauberisch lockenden Klang für die handeltreibenden Völker des Abendlandes. Nachdem man für das Gefolge der Prinzessin, welche nach Persien geleitet werden sollte, im Hafen von Zayton 13 Schiffe, jedes mit vier Masten, ausgerüstet und auf zwei Jahre mit Lebensmitteln versehen hatte, stach man im Anfang des Jahres 1292 in See. Nach einer Fahrt von angeblich 1500 Meilen kam die Ostküste von Hinterindien in Sicht, dort lag das seit 1278 dem Großkaan tributäre Königreich Tschampa (Cyamba) zwischen Tongking und Cambodja. Bei den Arabern hieß es Sanf, und durch das Meer von Sanf führt nordwärts der Seeweg nach China. Um die altberühmte, den Seefahrern bekannte Landmarke der jetzt französischen Inselgruppe Pulo Condor bog der Weg westwärts nach dem an Elephanten, Gold und Farbholz reichen Locac (Siam) ab. Eigentlich bestanden zwei Königreiche dort, von denen das nördliche eigentliche Siam bei den Chinesen Sien-lo, das andere, näher der See gelegene Lo-hoh hieß. Nach der bei Polo mehrfach vorkommenden Vertauschung von h mit c oder k, wurde aus Lo-hoh Lokok und Lococ (d. h. das Königreich Lo). Bei der weiteren Küstenfahrt gewann die Gesandtschaftsflotte bei der Insel Pentam (Bintang, östl. v. Singapur) das Südende Asiens, „wo alle Wälder aus wohlriechendem Holze“ bestehen, und steuerte nun nach Sumatra. Polo nennt hier einen Staat Malaiur; nach der Deutung H. Yules haben wir darin Palembang auf Sumatra zu erkennen, welches auch im 16. Jahrhundert noch bei den Malaien unter dem Namen Malayo bekannt war. Die ganze Insel nennt unser Gewährsmann Klein-Java. An den gewürzreichen Gestaden dieser großen Insel wurde die Expedition längere Zeit aufgehalten, so daß sich Gelegenheit bot, die sechs Königreiche in dem nördlichen Theil der Insel zu besuchen. Eines darunter trägt den Namen Samara, vermuthlich Samatra (Sumatra). Um zu zeigen, wie weit die Gebiete nach Süden gelegen sind, fügt Polo hinzu, daß man hier den Polarstern oder die Sterne des Maestro (großer Bär?) kaum noch zu sehen vermöge. In einem andern Königreiche Fanfur, woher der beste Kampfer stammte, lernte er auch das wohlschmeckende Mehl der Sagopalme kennen. Durch die Malakastraße steuerte das Geschwader nordwestlich zu den von wilden schwarzen Menschen bewohnten Inseln Necuveran (Nikobaren) und Angamanain (Andamanen), deren Bewohner Hundsköpfe haben. Das stupide, prognathe Gesicht jener Negrito ist schon frühzeitig den Abendländern aufgefallen, bereits der Grieche Ktesias spricht davon.

Von da segelte man mit südwestlichem Cours nach der durch ihre Edelsteine und Perlen berühmten Insel Seilan (Ceylon), aus deren Mitte sich über dem Waldlande die Felsenspitze des Adamspik als ein vielbesuchter Walfahrtsort erhob. Von da setzte man nach der Ostküste Vorderindiens über, wahrscheinlich nach Tandschur. Der ganze Landstrich hieß damals bei den Arabern Maabar oder Mabar, d. h. Ueberfahrt, (nämlich nach Ceylon); jetzt trägt die Küste den Namen Koromandel. Hier begegnen wir in der Gegend von Madras auch der sehr alten Ueberlieferung, daß der Apostel Thomas in Indien gepredigt habe und daß durch ihn die Gemeinde der Thomaschristen begründet sei. Dann wurde die zu jener Zeit blühende, jetzt verödete und zu einem Dorf herabgesunkene Handelsstadt Kail (bei Nicolo Conti im 15. Jahrhundert Kahila) besucht. Dieser Hafenplatz lag nahe der Mündung des Tamraparniflusses im District Tinnevelly. Die Südspitze Indiens bildete das Land Comari.[39] Im Reiche Melibar (Malabar) auf der Westküste, die besonders durch den Reichthum von Pfeffer und Ingwer gesegnet ist, war man schon bedeutend wieder nordwärts gerückt, „denn der Polarstern erhebt sich schon zwei Ellen über dem Wasser“. In Gozurat (Guzerat) steht er bereits sechs Ellen hoch. So wurde also eine Umfahrt fast um die ganze indische Halbinsel ausgeführt, ehe man an der öden Küste von Mekran entlang nach Ormuz steuerte. Bevor Polo das Schiff verläßt, wirft er noch einen Blick über die westlichen Regionen und Gestade des indischen Oceans. Hier beruhen seine Mittheilungen nur auf Erkundigungen und enthalten daher manches Irrige oder Falschverstandene. Bemerkenswerth sind seine Angaben über die Christen aus Socotra, welche bereits im 6. Jahrhundert dem Indienfahrer Kosmos bekannt waren, und sogar nach den Angaben des Carmelitermönches Vincenzo noch im 17. Jahrhundert existirt haben sollen. Auch die Insel Sansibar (Zanzhibar) tritt in den Gesichtskreis. Von allen Reisenden zuerst nannte Polo auch die große Insel Madagascar; da er sie aber irrthümlich von Elephanten und Kamelen belebt sein läßt, so liegt die Vermuthung nahe, daß er Nachrichten aus Magadascho auf der Ostküste Afrikas mit Berichten aus Madagascar zusammengeworfen habe.