Dort am Cabo de São Vicente, zugleich dem südwestlichsten Vorsprunge Europas, ist ihm auch in unserem Jahrhundert zum Ehrengedächtnisse ein Marmordenkmal über dem Hauptthore der kleinen Festung Sagres errichtet, welches in der Mitte das portugiesische Wappen, links ein Seeschiff mit vollen Segeln, rechts eine Armillarsphäre zeigt. Darunter ist folgende Inschrift in lateinischer und portugiesischer Sprache angebracht: „Aeternum sacrum! An dieser Stelle hat der große Prinz Heinrich, Sohn Johanns I., Königs von Portugal unternommen, die vorher unbekannten Regionen von Westafrika zu erforschen und so durch Umschiffung Afrikas einen Weg bis zu den entlegenen Theilen des Ostens zu bahnen und hat auf eigne Kosten sein königliches Schloß, die berühmte Schule der Kosmographie, das astronomische Observatorium und das See-Arsenal errichtet und hat dasselbe bis an sein Lebensende mit bewunderungswürdiger Thatkraft und Ausdauer erhalten, gefördert und erweitert zum größten Segen für das Reich, für die Wissenschaft, für die Religion und für das ganze Menschengeschlecht. Als seine Expeditionen den 8. Grad nördlicher Breite erreicht hatten, als manche Insel im Ocean entdeckt und mit portugiesischen Colonien besetzt war, starb dieser große Prinz am 13. November 1460.“[65]

Der Infant Dom Enrique, der später den Beinamen des Seefahrers erhielt, war das fünfte Kind des Königs Johann und am Aschermittwoch, am 4. März 1394 in Oporto geboren. Im Kampfe gegen die Mauren vor Ceuta gewann er 1415 die Rittersporen. Er hatte sich dabei in persönlicher Tapferkeit so hervorgethan, daß der Pabst, der deutsche Kaiser Sigismund, die Könige von Castilien und von England ihn zu gewinnen suchten und seinem Arm die Führung ihrer Truppen anvertrauen wollten. Der Pabst Martin V. wünschte das Schwert des Infanten gegen die Türken zu richten, der Kaiser ließ auf dem Concil zu Constanz durch den portugiesischen Gesandten dem tapferen Prinzen ähnliche Anträge stellen.

Aber Heinrich hatte nach der Eroberung Ceutas seine Aufmerksamkeit auf das weiter südlich gelegene Afrika gerichtet, er wollte Guinea zu erreichen suchen. Allein Guanaja oder Ganaja war ein nur durch dunkle Gerüchte erkundetes Land; keines Europäers Auge hatte es bis dahin gesehen. Aber von dem Reichthum dieses Gebietes berichtet schon die catalanische Karte von 1375. Wir sehen hier im Lande GINVIA bei Tenbuch (Timbuktu) einen Negerfürsten mit Scepter und Reichsapfel thronen, neben welchem sich die Inschrift befindet: Aquest Senyor Negre es appellat Mussemelly, senyor de les Negres de Gineua, aquest rey es lo pus rich e pus noble senyor de tota esta partida per l’abundancia de l’or qual se recull en sua terra. (Dieser Negerherr ist Mussemelly [König von Melli] genannt, Herr der Neger von Guinea, dieser König ist der reichste und vornehmste Herr dieser ganzen Gegend durch die Fülle von Gold, welche man in seinem Lande sammelt.) Die Landstriche jenseits Cap Bojador hatte noch niemand besucht.[66] Es mußte für Portugal vortheilhaft erscheinen, allein unter allen Europäern Handelsbeziehungen mit den Völkern Guineas anzuknüpfen, bei denen kein Mitbewerb drohte.

Prinz Heinrich der Seefahrer.

Nach dem Miniaturegemälde in der 1448–1453 entstandenen Handschrift
„Chronica do descobrimento e conquista de Guiné etc.“

(National-Bibliothek zu Paris.)

Prinz Heinrich hatte dabei noch einen andern Zweck im Auge. Er wollte die Ausdehnung der Macht seiner Landesfeinde, der Mauren kennen lernen. Man hatte nämlich in allen Berührungen und Conflicten mit diesem Gegner nie gesehen, daß ihnen aus weiter südlich gelegenen Gebieten ein Fürst zu Hilfe gekommen war. Er wollte darum erforschen, ob in diesen Ländern nicht christliche Mächte, vielleicht Nachbarn des bekannten Priesterkönigs Johann, säßen, welcher bereits nach der Vorstellung der catalanischen Karte Emperador de Etiopia war. Er wollte versuchen, ob man nicht von Süden her den Krieg gegen die Mauren erregen könne, um sie von zwei Seiten zu fassen; denn es schien ihm nicht unwahrscheinlich, den Beistand jener Fürsten um des Glaubens willen und aus Liebe zu Christo gewinnen zu können. Auch stand das Verlangen des Prinzen dahin, das Licht des Christenthums selbst in die dunkeln Erdstriche zu tragen. Und endlich trat noch ein wichtiges, in jenen Zeiten nicht angezweifeltes astrologisches Moment hinzu. Sein Horoskop wies den Infanten bestimmt auf die Entdeckungen hin. Azurara hat dasselbe mitgetheilt, es lautet danach: „Da sein Ascendent (d. h. das bei seiner Geburt aufsteigende Haus) der Widder war, welcher das Haus des Mars ist, wo die Sonne sich in Exaltation befindet (d. h. den größten Einfluß übt), und da sein Herr (Mars) im eilften Hause (d. h. nahe bei der Sonne) und im Wassermann steht, welcher das Haus des Saturns ist, so bedeutet es, daß er zu großen Eroberungen berufen war und ganz besonders zur Aufsuchung von Dingen, die andern Menschen verborgen waren, denn Saturn ist der Hüter der Geheimnisse. Und da sein Stern von der Sonne begleitet ist, die Sonne aber im Hause des Jupiter steht, so wird damit angedeutet, daß alle seine Thaten und Eroberungen durchaus loyal und zur Zufriedenheit seines königlichen Herrn geschehen sollten.“[67] (Azurara, Chron. cap. VIII p. 48. 49.)