Und so legte er mit Genehmigung des Königs am Vorgebirge von Sagres in Algarve, dessen lebenslänglicher Gouverneur er war, das erste astronomische Observatorium in Portugal, das See-Arsenal, die Kosmographenschule und seine Residenz an, in welcher er alle wissenschaftlichen Kräfte seines Landes zu vereinigen strebte, während der nahgelegene Hafen von Lagos seine Flotten barg. Die Klippe von Sagres bildet eine etwa 200 Fuß hohe, kolbig in den Ocean vorspringende Felsenplatte, von der Länge einer Viertelmeile. Diese Felsenbank, von dem Salzschaum des Oceans übersprüht, bietet nur die spärlichste Vegetation, aber sie war wohl geeignet, den Blick von dem Festlande ab ganz allein aufs Meer hinauszulenken und von hier die Befehle zu ertheilen, wie der Schleier, der die Geheimnisse des Saturn bedeckte, sollte gelüftet werden. Zwar hat das furchtbare Erdbeben, welches im Jahre 1755 Lissabon zerstörte, auch die meisten damals noch existirenden Gebäude aus alter Zeit über den Haufen geworfen; allein es lassen sich doch die Umrisse und die wahrscheinliche Lage der wichtigsten Baulichkeiten aus den Zeiten des Seefahrers angeben. An der nördlichen schmalen Einschnürung der kleinen Halbinsel, gegenwärtig durch Befestigungen gedeckt, lag die Kirche, weiter südwärts erhebt sich über dem fundamentalen Rundbau des ehemaligen Observatoriums das Pulvermagazin der Citadelle. Auf der Nordostseite lag der Hafen.
So erscheint uns noch in allgemeinen Zügen der ehemalige Sitz des Prinzen, die Villa do Iffante, wie sie genannt wurde. Hier herrschte der Mann, der eine neue Zeit für die wissenschaftliche Beherrschung der Erde heraufführen sollte, der ein Bahnbrecher wurde durch das pfadlose Weltmeer.
Zeitgenossen haben uns sein Bild getreulich bewahrt. Man beschreibt ihn als einen Mann von hoher Gestalt, kräftigem und starkem Körperbau. Seine Miene war ruhig, seine Rede fest. Sein erster Blick hatte etwas Zurückschreckendes für diejenigen, welche ihn nicht kannten, und etwas Wildes, wenn er in Zorn gerieth, was ihm aber höchst selten widerfuhr. Ehrbarkeit herrschte in seinen Reden und Handlungen, Einfachheit in seiner Kleidung und Hofhaltung. Der Grund davon lag in der Reinheit seines Herzens und seiner Sitten. Asketisch streng enthielt er sich des Weines und des Umgangs mit Frauen. Er besaß viel Beharrlichkeit und Gewalt über seine Leidenschaften; im Glück wie im Unglück war er bescheiden und so geneigt, Fehler zu verzeihen, daß man ihn darüber nicht selten getadelt hat. Aber in wichtigen Unternehmungen zeigte er die größte Entschlossenheit und ein zähes Ausharren.
Er fand großes Vergnügen daran, junge Leute für seine Zwecke heranzubilden und so wurde sein Hof eine Pflanzschule des jungen Adels. Gastfrei gegen Einheimische und Fremde, zog er tüchtige Männer aller Nationen heran und keiner nahm Abschied, ohne Beweise von dem Edelsinn des Prinzen empfangen zu haben. In strengen Anforderungen an sich selbst gab er allen ein leuchtendes Vorbild. Jeder Tag gehörte angestrengter Arbeit, unzählige Male hat er sich sogar den Schlaf geraubt. Die Mittel zu den jahrelang wiederholten Fahrten flossen ihm aus den Einkünften des Christusordens, dessen Großmeister er war. Der Zweck dieses reichen Ordens war die Bekehrung der Heiden, und so ließ er zunächst die Länder der Ungläubigen aufsuchen und zog Erkundigungen ein über das Sudan, erhielt Nachricht von den Karawanen, welche bis zum Senegal oder nach Timbuktu zogen und sendete so seine Schiffe hin, den großen Strom zu finden, den die Eingeborenen Owedesch, die Portugiesen nach dem Volksstamm der Sanaga, oder Azanaghen Sanaga, d. i. Senegal nannten.
Aber die Schifffahrt lag damals bei den Portugiesen noch in der Wiege. Es waren kaum hundert Jahre verflossen, seit durch die ersten Fahrten der Venetianer nach England und Niederland Lissabon zu einer Haltestation auf halbem Wege von Italien nach den Häfen der Nordsee geworden und die Portugiesen durch den fremden Verkehr angeregt, die ersten Versuche auf dem flüssigen Elemente wagten. Aber noch zu den Tagen des Infanten, dem die Nachwelt den Namen des Seefahrers gegeben, hielt man sich bei allen Fahrten ängstlich an der Küste und fürchtete sich, das Land aus dem Gesichte zu verlieren. Zwar war bereits die Kraft und Tugend der Magnetnadel bekannt, ja man besaß sogar Boussolen; aber die Anwendung war noch gering, so lange das Instrument selbst noch unvollkommen und schwankend dem ängstlichen Schiffer kein Zutrauen erweckte.
Der große Geschichtsschreiber der Portugiesen João de Barras schildert uns die Fahrweise seiner Landsleute in folgenden Worten: „Der Infant hatte schon mehremale Schiffe auf Entdeckungen ausgesendet, aber sie kamen nicht weiter als bis an das Cap Bojador (das „vorspringende“), welches ungefähr 60 Seemeilen jenseits des Cabo de Não liegt. Sie getrauten sich nicht, dieses Vorgebirge zu umsegeln, theils weil es sich gegen 40 Seemeilen westlicher hinaus erstreckte als die Küsten, die sie bisher befahren hatten, theils weil von dem Vorgebirge über 6 Leguas in das Meer ein Riff hinauslaufen sollte, auf welchem die Brandung so gewaltig schäumte, daß es ihnen Schrecken verursachte,[68] denn da ihnen sonst auf ihren Reisen nach der Levante und zurück die Küste immer statt des Compasses gedient hatte, so verstanden sie noch nicht, so weit in die See hinauszustechen, daß sie das Riff vermieden hätten. Die Capitäne begnügten sich also damit, auf ihren Rückreisen hier und da an den Küsten zu landen, und mit den Mauren zu scharmützen, um mit ihren Siegen dem Infanten Vergnügen zu machen. Allein damit war sein Endzweck nicht erreicht.“
Die physischen Schwierigkeiten, oder richtiger gesagt die technischen Schwierigkeiten waren es keineswegs allein, welche die Expeditionen zur Umkehr trieben. Wir werden noch andere kennen lernen; zunächst aber scheint es angemessen, die Westküste Afrikas, an der die Schiffer ängstlich südwärts schlichen, in ihren allgemeinen Zügen zu charakterisiren.
Wie der ganze Gestadesaum des plumpen Erdtheils auffällig arm an markirten Contouren vorspringender Glieder oder ins Land eindringender Buchten ist, so vor allem und im höchsten Maße die Nordwestküste von den Säulen des Herkules bis zum grünen Vorgebirge. Auf dieser ganzen Strecke von 400 Meilen, mit geringer westlicher Ausweichung in der Richtung von N.-O. nach S.-W. verlaufend, mündet kein Fluß, in welchem ein Schiff ankern könnte, mit Ausnahme des Senegal, 20 Meilen nördlich vom grünen Vorgebirge. Das Aussehen des Landes bleibt sich fast überall gleich: ein flacher Küstensaum, meistens mit Dünen besetzt, zur Hälfte der großen Wüste, der Sahara angehörig, wird gegen Süden immer öder und grauenvoller. Vierzig bis fünfzig Seemeilen in das Meer hinaus lagerte über den allenthalben seichten Fluten eine trübe Atmosphäre. Die Ursache dieser Erscheinung, welche natürlich eine zaghafte Marine, die das dunstverhüllte Land aus den Augen zu verlieren fürchtet, mit steter Besorgniß erfüllte — die Ursache hat man bisher nur den feinen Staub- und Sandtheilchen zugeschrieben, welche aus den Wüsteneien des Innern aufgewirbelt, und dann allmählich übers Wasser hinausgetrieben, hier die schweren Theilchen sinken lassen und das Meer mit Untiefen füllen, die leichteren in dem Luftraum schwebend erhalten, bis sie erst nach Hunderten von Meilen draußen im freien Ocean langsam sich zum Wasserspiegel senken. Indes darf eine zweite Ursache nicht unbeachtet bleiben, daß nämlich durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter Luftschichten nebelartige Dunstbläschen sich bilden, die durch die daran haftenden feinsten Staubtheilchen den Horizont noch mehr umschleiern, trotz der Abwesenheit von schweren Wolkenschichten das Himmelsgewölbe niederzudrücken scheinen und mit eigenthümlich mattem Licht den Schiffer umgeben.
Theobald Fischer[69] macht noch auf einen bisher übersehenen Factor aufmerksam, daß nämlich höchst wahrscheinlich ein kalter, unterseeischer Strom an der Westküste der hesperischen Halbinsel und Afrikas emporsteige, dem die häufigen Nebel von Galicien bis Marokko zu danken seien. Gerhardt Rohlfs fand in Agadir, daß die Sonne den Nebel selten vor Mittag besiegte und erfuhr von den Leuten, daß diese starken Nebel selbst im hohen Sommer bis zur Mittagszeit andauerten.
Die Schrecken eines „Dunkelmeeres“, von dem die Geographie des Mittelalters manches Unheimliche zu erzählen weiß, finden in diesen Erscheinungen ihre Erklärung. Diese dichten Nebel treten namentlich im Winter auf und sind von einem kalten und trocknen Nordost begleitet, der wohl auch die Ursache ist, daß das Tageslicht einer Dämmerung weicht, in welcher noch jetzt Schiffe in der Nähe der Küsten gezwungen sind, vor Anker zu gehen, bis das Wetter sich wieder aufhellt.