In gleicher Weise lagerte sich über dem Nordsaum des Gürtels ein kalter, unwirthlich rauher Erdstrich, der sich gegen Norden in dem geheimnißvollen „Lande der Dunkelheit“ verlor.

Daher richteten sich von jeher die Blicke mehr nach Osten und Westen, als nach Norden und Süden. Die Gegensätze zwischen Osten und Westen sind zuerst am Mittelmeer schon in ältester Zeit schärfer ins Auge gefaßt und lassen sich auf die Fahrten seetüchtiger Phönizier zurückführen. Die Unterscheidung der Erdtheile Asien und Europa, wie sie zuerst an den gegenüberliegenden Küsten des schön gegliederten ägäischen Meeres haftete, besagt ursprünglich im Kern des Wortes açu (Asien) ereb (Europa) wohl nichts anderes als Morgen und Abend, das Land im Morgen und das Land im Abend. Und diese Bezeichnungen wiederholen sich in verschiedenen Sprachen, so lautet bei den Griechen der Gegensatz: Anatolien (noch jetzt ist Kleinasien als Anadoli bekannt) und Hesperien, im Lateinischen mit erweitertem Begriff Orient und Occident, im Italienischen Levante (worunter man vorzugsweise die asiatischen Küsten des Mittelmeeres verstand und versteht) und Ponente (eine Gegenüberstellung, wie sie in kleinem Maßstabe an der Riviera von Genua noch gültig ist), und endlich im Deutschen: Morgenland und Abendland, Bezeichnungen, welche die beiden fraglichen Erdtheile so ziemlich decken. Ein solcher Reichthum der Benennungen hat sich naturgemäß für Norden und Süden, für die mitternächtliche und mittägige Seite nicht gebildet. Die Reisen und Entdeckungszüge nehmen thatsächlich vorwiegend auch die Richtung gegen Morgen und gegen Abend und wir sind daher wohlberechtigt, auch unsere Darstellung der Geschichte der Entdeckung in diesem Sinne zu gruppiren.

Wir stellen die Morgenseite voran. Daß diese Seite gegen Sonnenaufgang noch mehr Bedeutung hatte als die Abendseite, daß der Blick voll Verlangen, hier den Schleier zu lüften, sich mehr der Sonne zuwandte, lag in den natürlichen Verhältnissen, in der unermeßlichen Ausdehnung der Länder und in dem Reichthum an kostbaren Produkten begründet, die aus unbekannter Ferne selbst bis zu den Häfen des Mittelmeeres gelangten. Die alten Staaten und Länder Vorderasiens bis nach Persien hin, standen mit den classischen Völkern des Alterthums in directer Verbindung; aber noch weiter hinaus lagen weite herrliche Länder, die in den Schleier des Geheimnißvollen gehüllt, von der erregten Phantasie zu wahren Wunderländern umgewandelt wurden, und unter denen immer der Name Indien vorklang. Wir dürfen nicht vergessen, daß im Alterthum Indien eigentlich das einzige bekannte Tropenland war, das unter dem Hauche des feuchten Monsun von wunderbarem Segen triefte. Indien war von jeher ein sehr weiter Begriff. Indien war das äußerste Land. So weit wir sichere Kunde haben, sagt Herodot (III. 98), sind die Menschen, die zunächst gegen Morgen und Sonnenaufgang in Asien wohnen, die Indier.

Diesen äußersten Enden der Welt sind die kostbarsten Produkte eigen. (III. 106). Dieselbe Ansicht wiederholt Strabo (p. 685): Indien ist das erste und größte Land im Osten. Ktesias hielt Indien für ebenso groß als das ganze übrige Asien, Onesikritos für den dritten Theil der bewohnten Erde. (Strabo, p. 689).

Indien war und blieb ein sehr weiter Begriff, ohne bestimmte Grenzen, so daß Strabo auch die langlebenden Serer mit einrechnen konnte. Zwar scheidet Ptolemäus dieselben wieder aus und weist ihnen jenseit des Himalaya einen nach Norden und Osten ins dunkle Land sich verlierenden Wohnsitz an; doch beginnt bei diesem großen Geographen schon eine Gliederung Indiens in die beiden Theile: Indien diesseit und Indien jenseit des Ganges, welche etwa unserm Vorder- und Hinter-Indien entsprechen mögen. Doch dabei blieb es nicht. Der Begriff Indien dehnte sich im Mittelalter immer mehr und umfaßte schließlich fast alle Gestade am südlichen Meere von Habesch bis nach China. Ja es wurde sogar an die Stelle von Asien geschoben, wenn z. B. Alcuin die ganze Welt in Europa, Afrika und Indien theilt. Für die beiden asiatischen Halbinseln wählte man die Bezeichnung: Groß- und Klein-Indien. Da man sich aber schon frühzeitig der Ansicht zuneigte, Abessinien zu Indien zu rechnen, wie auch bereits Procop von Cäsarea den Nil in Indien entspringen läßt, so entstand denn für jenes afrikanische Alpenland die verwirrende Benennung „das dritte Indien“ oder gar „Mittel-Indien“.

Jordanus identificirte das dritte mit der Sansibar-Küste, Benjamin von Tudela nennt Aden am Ausgange des rothen Meeres als eine Stadt in Mittel-Indien und Marco Polo erklärt Habesch für das Hauptland davon, so daß also dieses dritte Indien asiatische und afrikanische Landschaften umfassen sollte, während endlich der 1562 in Venedig gedruckte Ptolemäus die indische Inselwelt als India tercera vorführt. Nach Odorich von Pordenone liegt die persische Küste bei Ormuz in India, quae est infra terram, und wird Südchina (Manzi) Ober-Indien genannt. Auf der andern Seite bezeichnete Nicolo Conti die Chinesen als „innere Indier“.

Drei Indien erscheinen schon auf einer Karte vom Jahre 1118. Und so ging es fort bis ins 16. Jahrhundert (vgl. das beigegebene [Weltbild aus dem Straßburger Ptolemäus], 1513). Kein Wunder, daß auch der beste Kartograph in solcher Verwirrung noch strauchelte, daß Mercator auf seinem ersten Globus von 1543 neben den beiden von Ptolemäus bereits angedeuteten Halbinseln Indiens noch eine weitere Halbinsel nach den Aufnahmen der portugiesischen Entdecker eintrug, so daß wir also auch hier noch mit der Monströsität von drei indischen Halbinseln beschenkt werden.

Aus diesem weiten Indien kamen seit den gemeinschaftlichen Handelsfahrten Salomos und Hirams nach Ophir, welches wir jedenfalls auf der Westküste Vorder-Indiens zu suchen haben, die kostbaren Produkte über das rothe Meer zu den Ländern am mittelländischen Meere. Griechen und Römer bezogen von dort Wohlgerüche und Gewürze, namentlich Pfeffer; ferner Perlen und Edelsteine, Elfenbein und Ebenholz. Der prächtige Pfau, den die Griechen zum Liebling der stolzen Hera erhoben, den die Soldaten Alexanders wild antrafen in indischem Waldgebiete, war nebst den buntfarbigen Papageien schon zu Salomos Zeit im Westen bekannt geworden. Feine baumwollene Gewänder und Zucker kamen aus demselben Gebiete. Den Umsatz in diesen Luxusartikeln gibt bereits Plinius auf etwa 16 Millionen Mark jährlich an.

Aber aus noch weiter entlegenen Ländern kamen kostbare Stoffe unter dem Namen serischer Gewänder nach dem Westen, ohne daß man anfangs das Heimatland gekannt hätte. Daß, wenn auch durch Zwischenhandel, die Seidenstoffe (denn nur diese werden unter serischen Kleidern verstanden) aus China kamen, beweist der Name. Das chinesische Wort für Seide ist sz’ oder sse mit dem in r verkürzten Suffix örr, also sser der Seidenstoff.[1] Nun ist merkwürdig, daß wenn auch am Ende des Alterthums die Kenntniß der griechisch-ägyptischen Kaufleute sich bis zu den chinesischen Strömen erstreckte, und auf dem Wasserwege der Name Thinai oder Sinai bekannt wurde, man dieses Land doch von dem der Serer unterschied; denn die Kunde von diesem letzteren Volke war zu Lande durch Mittelasien nach Westen gedrungen. Geographisch setzte man die große Stadt Sera und das Land der Serer, Serica, stets nördlicher an, als das Land Thinai oder Sinai. Diese Doppelgängernatur wiederholt sich noch einmal im 16. Jahrhundert, als die Portugiesen von ihren Seefahrten den Namen Tschina (China) mit heimbrachten, während schon durch venetianische Kaufleute im 13. Jahrhundert das Reich Kathay (China) bekannt geworden war. Daß beide Benennungen auf das nämliche Land wiesen, erkannten zwar schon im Beginn des 17. Jahrhunderts katholische Glaubensboten, allein man nahm die Thatsache nur zögernd an.[2]

Doch wenden wir uns noch einmal zurück, um die allmähliche Erweiterung der Kenntnisse von Süd- und Ostasien kurz zu skizziren.