Vor Alexander dem Großen war kein Grieche nach Indien gelangt. Herodot, welcher zuerst die Baumwolle nennt, berichtete nur nach Hörensagen. Erst die Zeitgenossen des makedonischen Königs schildern uns als Augenzeugen das Land. Megasthenes gab die erste klare Vorstellung von der Gestalt und Begrenzung Indiens. Die Halbinselform tritt klar hervor. Onesikritos kennt schon die wichtige Insel Taprobane (Ceylon). Beide berichten, daß im südlichen Indien das Gestirn des großen Bären allmählich unter dem Horizonte verschwinde, und daß der Schatten nach Süden falle. Verhängnißvoll war es für die kartographische Darstellung, daß der berühmte Eratosthenes, durch falsche Anwendung von Distanzentfernungen veranlaßt, die Gestalt Vorder-Indiens derart verzerrte, daß die Halbinselfigur fast gänzlich verwischt wurde. Und als seiner Autorität mehrere Jahrhunderte danach auch Ptolemäus folgte, blieb diese irrige Auffassung maßgebend bis ins 16. Jahrhundert. Außerdem verschuldete Eratosthenes auch, daß der Abstand von Alexandrien bis zur Indus-Mündung um mehr als 200 deutsche Meilen zu groß angenommen wurde und daß im weiteren Verlaufe später die äußersten bekannten Küsten Asiens viel zu weit nach Osten verlegt wurden: eine Verzerrung, die im späteren Mittelalter, als man die Reiserouten Marco Polos bis nach China kartographisch niederzulegen suchte, sich dermaßen ins Ungeheure steigerte, daß der Ostrand Asiens bis nahe vor die Küste von Californien und Cipango (Japan) in Mexiko hineinreichte. So nach der Darstellung auf dem Globus Martin Behaim’s 1492.

Den Haupthandel nach dem Osten trieben die griechischen Kaufleute Aegytens schon seit der Ptolomäerzeit. Ihnen verdanken wir im 1. und 2. Jahrhundert die Kenntniß der Insel Java und die erste directe Berührung mit China. Der äußerste Punkt, den der griechische Kauffahrer Alexandros im 1. Jahrhundert n. Chr. erreichte, war das vielbesprochene Cattigara, ein Handelshafen, der wahrscheinlich nicht fern von der Mündung des Jangtsekjang lag[3]. Das war die äußerste Grenze des Wissens im Alterthum und blieb’s, wenigstens bei den Europäern, auch bis zum Ende des Mittelalters, bis zum Ausgange des 13. Jahrhunderts.

Der Name China oder Tschina, mit dem besonders der südliche Theil des Landes belegt wurde, ist uralt und höchst wahrscheinlich durch malaische Seefahrer den westlichen Schiffern mitgetheilt. Wir werden in dieser Annahme noch bestärkt durch die Wahrnehmung, daß uns auch jetzt noch die meisten Küstenlandschaften des südöstlichen Asien in malaischer Form geläufig sind, wie Birma, Pegu, Siam, Cambodja, Kotschi (Cochinchina), Maluka, Burnei (Borneo) u. a.

Ceylon bildete den Sammelplatz der Handelsschiffe, dort trafen chinesische Händler mit Persern, Arabern und selbst Byzantinern zusammen, welche letztere auf äthiopischen Schiffen Indien erreichten. Zur Zeit der Herrschaft der Ptolomäer in Aegypten war der Canal vollendet worden, welcher den Nil mit dem rothen Meere verband. Auch der Kaiser Hadrian hat im 15. Jahre seiner Regierung für die Wiederherstellung dieses wichtigen Wasserweges gesorgt, und der Hafen Klysma am rothen Meere trat an die Stelle der alten Emporien von Myos-Hormos und Berenike. Mindestens bis ins 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung war der Canal in brauchbarem Zustande, denn noch um 590 n. Chr. berichtet Gregor von Tours davon, und erst nach der Mitte des 8. Jahrhunderts wurde er, bereits versandet, zugeschüttet. Von Klysma gingen griechische Schiffe direct nach Indien, und auf ihnen besuchte der griechische Hafenbeamte jährlich das Heimatland der Gewürze. Justinian versuchte sogar, wenn auch vergebens, den Seidenhandel statt über Persien durchs rothe Meer nach Klysma zu ziehen. So erhielt sich die Beziehung zum fernen Morgenland bis zum 7. Jahrhundert, wenn auch die geographischen Kenntnisse keine Bereicherung erfuhren. Die Gründung des Islam und die Herrschaft der Araber in Aegypten änderte die Sachlage wesentlich, denn der unmittelbare Verkehr der Byzantiner und damit des Abendlandes mit Indien mußte seit jener Zeit eingestellt werden.

Es blieb sonach nur der schwierige Landweg übrig. Die Handelsrouten vom Mittelmeer nach Indien und China haben naturgemäß mit viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als der Seeverkehr. Nicht allein die bedeutende räumliche Entfernung der Länder und die durch den langwierigen Transport der Waaren gesteigerten Kosten schränkten die Handelsbewegung ein. Es wurden zwar bei der Unwegsamkeit der Hochgebirge, die zu übersteigen waren, bei der Wüstennatur weitgedehnter Landstriche, die zu überwinden war, verschiedene Wege eingeschlagen, bequemere Paßübergänge gesucht. Allein es spielten hier auch die politischen Ereignisse in Innerasien eine hervorragende Rolle, indem sie die Wegelinien entweder verschoben oder den Durchgang zu Kriegszeiten gänzlich sperrten. Trotzdem hat das kostbarste Produkt Chinas, die Seide, immer wieder ihren Weg nach dem Abendlande gefunden, seitdem ihre Vorzüge dort erkannt und geschätzt worden waren. Der Seide verdanken wir die frühesten Aufhellungen des asiatischen Hochlandskernes.

Nachdem schon mehrere Jahrhunderte vor Christo die Seide in Syrien bekannt gewesen war, ohne daß wir den Weg nachzuweisen vermöchten, wie sie dahin gelangte, drangen chinesische Heere siegreich ins Tarimbecken ein. Ihnen folgte im Jahre 114 v. Chr. die erste chinesische Handelskarawane, überstieg die Pässe des Pamirplateaus und gelangte bis zu den turanischen Handelsstädten. Nachfolgende große Handelszüge überschwemmten die Märkte am Amu und Syr Darja derart mit Seidenzeugen, daß diese in ihrer Werthschätzung bedeutend sanken. Aber sie gelangten in Folge dessen weiter und weiter nach Westen, wo die Nachfrage nach den kostbaren Gewändern immer lebhafter wurde. Auf zwei Straßen zog man durch die Steppen und Sandwüsten des Tarimbecken, entweder nördlich vom Steppenflusse Tarim an dem Fuße des Himmelsgebirges, des Tienschan, entlang, eine Straße, die in unseren Tagen die belebtere und fast allein betretene ist, oder südlich vom Lopnor und dem Tarim hin, zur linken die Gehänge des sagenreichen Kwenlun, auf einem Wege, den noch Marco Polo im 13. Jahrhunderte verfolgte, und den der kühnste russische Reisende Prschewalsky erst vor wenig Jahren wieder erreicht hat. Der Terekdawanpaß, nordwestlich von Kaschgar, galt als der bequemste Uebergang über die westliche Umwallung des Tarimbeckens.

Zur selben Zeit, als am Ende des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung das römische Reich seine weiteste Ausdehnung nach Osten gewann, drang ein chinesischer Feldherr im Jahre 95 bis ans kaspische Meer vor. Beide Staaten rückten fast bis zur Grenzberührung gegen einander; aber zu weiterer politischer Beziehung gedieh diese Annäherung nicht, weil kaum ein Menschenalter später die Chinesen aus ganz Turan zurückweichen mußten.[4] Der Name der seideproducirenden Serer wurde zwar bei Griechen und Römern immer geläufiger, aber die Heimat des Volkes selbst lernte man nicht kennen, und dachte sie sich anfänglich viel weiter im Westen, etwa in Turan oder im Tarimbecken. Schon damals waren die persisch redenden Tädjik die Zwischenträger des Seidenhandels bis ins römische Reich. Ueber den Verlauf der Seidenstraße besitzen wir nur einen einzigen, aus einem ausführlichen Bericht gemachten dürftigen Auszug, und wenn wir hinzufügen, daß jener Bericht von den Handelsagenten eines makedonischen Großhändlers Maës Titianus herrührt, und von dem berühmten Geographen Marinus von Tyros aus zweiter Hand empfangen und aufgezeichnet ist und daß Ptolemäus in seinen kurzen Excerpten wieder auf Marinus fußt, welcher ohnehin den von jenem Agenten gemachten Angaben über ihre weiten Reisen keinen rechten Glauben schenkte, weil er meinte, alle Kaufleute renommirten mit der Größe ihre Expeditionen und setzten für die Entfernung der einzelnen Stationen zu große Ziffern an — so kann man aus alledem wohl erkennen, wie schwierig es jetzt ist, den Reiseweg ins Land der Seide zu fixiren.

Glücklicherweise können wir Ausgang und Endziel dieses Itinerars mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Die Agenten des Maës brachen von Baktra auf und nennen als Endpunkt Sera metropolis, die Hauptstadt des Serervolkes, worunter höchst wahrscheinlich nur die damalige Hauptstadt Chinas, Tschan-ngan-fu, jetzt Si-ngan-su, gemeint sein kann. Unerwiesen bleibt indeß, ob sie diese Stadt wirklich erreichten. Sie zogen durch das Reich der Issedonen, östlich vom Pamirplateau in Ost-Turkestan gelegen, auf der Südseite des Tarim gegen Osten nach der chinesischen Sandstadt Scha-tschou, wo die fremden Kaufleute vermuthlich ihren Bedarf an Seidenwaaren einhandelten.

In der Mitte des 2. Jahrhunderts verloren die Chinesen ihre Machtstellung im Gebiet des Tarim und damit die Handelskarawanen ihren Schutz; nur die persischen Kaufleute verstanden es, den Seidenhandel in der Hand zu behalten. Die chinesischen Annalen haben uns zwar die Nachricht erhalten, daß der römische Kaiser Markus Aurelius Antoninus (An-tun bei den Chinesen genannt) eine Gesandtschaft nach China geschickt habe, aus deren Mittheilung wohl auch Pausanias die bisherige irrige Vorstellung über die Gewinnung der Seide berichtigen konnte; allein eine klarere Auffassung der ostasiatischen Länder erfolgte dadurch nicht, denn Pausanias selbst nennt Seria eine Insel im erythräischen Meere. In den Zeiten der Völkerwanderung galt dem Historiker Ammianus Marcellinus Serica als eine persische Provinz, denn die Seide kam ja durch Vermittlung der Perser. Und als unter Justinian die Seidenzucht selbst in Europa eingebürgert wurde, verlor die continentale Seidenstraße allmählich vollends ihre Bedeutung und hüllten sich die centralen Landschaften Asiens mehr und mehr in Dunkel. Auch die nur kurze Zeit dauernden freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Türkenfürsten am Balchaschsee und dem Kaiser Justinian waren in geographischer Hinsicht von geringem Belang, denn schon im 7. Jahrhundert wurden die Türken von den wieder vordringenden Chinesen unterworfen. China erscheint in dieser Zeit bei den Byzantinern unter dem Namen Taugas.