Eine Abschrift dieses Briefes ließ Chodscheh Atar an Albuquerque übermitteln. Albuquerque bestand aber auf der Zahlung des Tributs und erklärte die Briefe des Vicekönigs für untergeschoben, weil sie dessen Unterschrift nicht trügen. Atar erklärte dagegen, die Stadt werde bereit sein, in Friedenszeiten den auferlegten Tribut von 15,000 Scherafinen zu zahlen; wenn aber ihr Handel gelähmt werde, könne sie die Summe unmöglich aufbringen. Die Briefe seien echt, des Königs Siegel und des Vicekönigs Unterschrift bürgten dafür. — Man weiß, welche Achtung man im ganzen Orient dem Siegel und Namenszuge eines Mannes zollt. Albuquerque setzte darauf die Blokade noch eine zeitlang fort und beunruhigte die Stadt in kleinen Gefechten; da er aber die Gewißheit hatte, daß ihm von Indien her keine Unterstützung kommen werde, und da er sah, daß es seinen Schiffen immer schwieriger wurde, sich zu halten, weil sie leck geworden waren, so entschloß er sich endlich den Kampf abzubrechen und nach Indien zu gehen. Ohne Zwischenfälle erreichte er die Andjediven, machte dort drei Tage halt und segelte dann nach Kananor, wo er den Vicekönig fand (im Dec. 1508). Leider mußte er hier erfahren, daß Almeida zwei von seinen rebellischen Capitänen in Freiheit gesetzt, und den dritten, um sich zu rechtfertigen, nach Portugal entsendet hatte. Da er zum Nachfolger im Commando ernannt worden war, so verlangte er die Uebergabe des Oberbefehls; aber Almeida, augenblicklich in der Ausrüstung seines Zuges gegen Goa begriffen und begierig, noch vor Ablauf seines Regiments die vor Tschaul den portugiesischen Waffen zugefügte Niederlage und den Tod seines Sohnes zu rächen, erklärte, er werde sein Amt nicht vor dem Schluß des laufenden Jahres niederlegen, auch sei das Schiff, auf dem er, der von Portugal ergangenen Weisung gemäß, zurückkehren solle, noch nicht angelangt. Dieses Schiff aber war, wie bereits berichtet ist, an der ostafrikanischen Küste gescheitert und untergegangen. Mißmuthig wartend zog sich Albuquerque nach Kotschin zurück.
Kurz darauf, am 12. December 1508 brach Almeida mit neunzehn Segeln gegen Norden auf; später stießen noch vier Schiffe zu ihm, so daß seine Flotte nun dreiundzwanzig Schiffe mit 1600 Mann Truppen zählte. Noch vor Ablauf des Jahres wurde die Stadt Dabul erstürmt und entsetzlich verwüstet, so daß die Zerstörung dieser Stadt im Orient noch lange mit Schaudern erzählt und sprichwörtlich wurde als ein Beispiel unerhörter Vernichtung.
Erst am 2. Februar 1509 kam das Geschwader vor Diu an. Im Hafen lagen die Flotten der Aegypter und des Statthalters von Diu, Melek Eias, vereinigt; auch der Samudrin hatte eine Anzahl bewaffneter Fusten zu Hilfe gesendet. Aber die drei Parteien trauten einander nicht, besonders Melek Eias spielte eine zweifelhafte Rolle. Am folgenden Tage drang Almeida in den Hafen ein und richtete seinen Angriff lediglich auf die ägyptischen Schiffe. Eins nach dem andern wurde geentert und versenkt, so daß der Flottenführer Hussein nur mit Noth dem allgemeinen Verderben entrinnen konnte. Er verließ heimlich sein Schiff, bestieg am Lande ein Pferd und jagte flüchtig nordwärts nach Kambaya. Als die Schiffe von Diu und Kalikut sahen, daß der Ausgang des Kampfes nicht mehr zweifelhaft blieb, und daß man sie vorläufig schonen wollte, zogen sie sich bei Zeiten zurück. Auch hatte sich Almeida dafür entschieden, Melek Eias vor Diu nicht anzugreifen, obwohl derselbe die Hauptursache gewesen, daß sein Sohn Lourenço gefallen war. Der Vicekönig mochte auch befürchten, durch einen Angriff auf Diu den Oberherrn des Landes, den König von Gudjerat, mit in den Krieg zu verwickeln. Ihm war vor allem darum zu thun, die mohammedanischen Aegypter aus den indischen Gewässern zu vertreiben; mit den einheimischen Fürsten hoffte er dann schon wieder in ein freundlicheres Verhältniß treten zu können. In diesem Bestreben kam ihm sogar das schlaue Verhalten Melek Eias entgegen, welcher sich nicht entblödete, den portugiesischen Sieger wegen seines Erfolges zu beglückwünschen und ihm seine Dienste anzubieten. Almeida begnügte sich daher auch, nur die Auslieferung der Portugiesen zu verlangen, die auf dem Schiffe seines Sohnes zu Gefangenen gemacht waren. Dieselben wurden auch alsbald durch Melek Eias zurückgesandt. Dann kehrte der Vicekönig nach Kotschin zurück. Hier erneuerte Albuquerque wiederum seine gerechte Forderung, ihm den Oberbefehl zu übergeben; aber Almeida zögerte immer wieder, weil das erwartete Schiff noch nicht angelangt sei. Erst als Fernão Coutinho im Oktober 1509 von Portugal mit vierzehn Schiffen in Kotschin einlief und bestimmten Befehl für den Wechsel des Obercommandos mitbrachte, trat Almeida von seinem Amte zurück und schiffte sich am 19. December ein. Aber er sollte die Heimat nicht wieder sehen. Das Schiff ging an der Westküste von Südafrika, in der Saldanhabai, vor Anker um Wasser einzunehmen. Dabei verwickelte sich die Mannschaft in einen Kampf mit den Hottentotten und 150 tapfere Streiter, darunter elf Hauptleute, welche in Indien Wunder der Tapferkeit gethan, wurden sammt dem Vicekönig von den nackten Wilden überwältigt und erschlagen. „Nie,“ so klagt de Barros, „erlitten die portugiesischen Waffen ein größeres Unglück!“[106]
Almeida war ein tüchtiger Soldat, ein uneigennütziger, sittlich reiner Charakter und daher auch bei jedermann beliebt und hochgeachtet. Er sorgte väterlich für die Soldaten, aber er stellte auch an ihre Leistungen hohe Ansprüche. Ihre materielle Lage suchte er zu heben, denn ihr Sold war gering, und daher kamen häufig Desertionen vor. Der König war nur darüber unzufrieden, daß Almeida mit seinen Belohnungen nicht geizte. Dieser aber sah sich vielfach durch die von Portugal ergangenen Befehle in seinen Unternehmungen gekreuzt. Namentlich tadelte er das Verfahren der portugiesischen Verwaltung, ihm Höflinge zu senden, die nichts leisteten, aber in Indien alsbald höhere Stellen beanspruchten, ohne sie verdient zu haben. Dem König schrieb er: „Ich rathe Euch, dem Vicekönig, den Ihr sendet, mehr Vertrauen zu schenken, als mir zu Theil geworden ist, und keine Befehle zu erlassen, ehe Ihr Eure Rathgeber in Indien gehört habt.“
Er wollte alle Macht auf die Beherrschung des Meeres an der Westküste Indiens werfen und die Flotte nicht durch Operationen an der afrikanischen oder arabischen Küste zersplittert sehen. Daher seine Abneigung gegen Albuquerque, in welcher er durch die abtrünnigen Capitäne desselben bestärkt wurde. Als ihm der König befahl, Schiffe nach Malaka zu senden, erwiderte er, dazu habe er noch keine Zeit, in Indien gebe es noch genug zu thun.
So handelte er stets nach einem festen Plane und ließ sich selbst durch directe Befehle, die von Portugal an ihn ergingen, nicht davon abbringen. Daß sein System mit ihm fallen würde, sah er voraus; denn sein Nachfolger schlug ganz andere Bahnen ein und erweiterte den Kampfplatz über die ganze Breite des indischen Oceans. In trüber Stimmung, erhöht durch die Erinnerung an den herben Verlust seines tapferen Sohnes, verließ der erste Vicekönig Indien und fand auf afrikanischem Boden ein tragisches Ende.
7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von Indien.
Nachdem Almeida Indien verlassen hatte, traf Albuquerque in Gemeinschaft mit dem Marschall Coutinho seine Vorbereitungen, Kalikut anzugreifen und den Samudrin zu züchtigen; denn König Manuel hatte diesen Angriff dringlich befohlen. Fernão Coutinho ergriff diese Gelegenheit, sich in Indien mit Kriegslorbeeren zu schmücken, mit unverhohlener Freude. So wurde er des lästigen Commandos über die Handelsflotte ledig. „Seine Vorfahren hätten sich nicht mit Handel abgegeben, und er selbst habe auch keine Neigung für solches Gewerbe.“ Er war durch und durch Soldat und blickte mit Verachtung auf die Kriegsleistungen der Indier. Am Abend des 2. Januar 1510 erschien die vereinigte Flotte vor Kalikut, sie hatte, ungerechnet die indischen Hilfstruppen, gegen 2000 portugiesische Soldaten am Bord. Der Samudrin selbst war wahrscheinlich auf einem Feldzuge gegen einen benachbarten Fürsten von seiner Hauptstadt fern, als die drohende Macht vor seiner Residenz erschien. In der Nähe der Stadt, nicht fern vom Meere, lag auf einer Anhöhe das Schloß des Fürsten, welches in der Zwischenzeit durch Erdwälle verschanzt und in eine Festung umgewandelt war. Hieher mußte sich der erste Angriff richten, wenn die unbefestigte Stadt selbst dauernd gewonnen werden sollte.
Coutinho forderte die Führung des ersten Treffens, er hoffte wohl allein mit der feindlichen Streitmacht fertig werden zu können. Albuquerque willigte nur ungern ein, weil er den Marschall als einen Hitzkopf kannte, der mit den indischen Kriegslisten noch zu wenig vertraut war und ohne viel Ueberlegung drauf los ging in der Erwartung, schon beim ersten Waffengange seine Gegner in alle Winde zu verjagen.
Als aber am Morgen des 3. Januar die Ausschiffung der Truppen begann, zeigten sich die Nair doch so zäh im Widerstande und überschütteten ihre Feinde mit einem solchen Hagel von Geschossen, daß die Portugiesen bei ihrem Angriff sich zu theilen beschlossen. So kam es, daß indem beide Feldherren verschiedene Landungsplätze wählten, Albuquerque seine Leute eher ans Land geworfen hatte und zum Sturm überging als sein Waffengefährte. Nach einem erbitterten Kampf um den Wall, bei welchem schon viele Streiter fielen, drang der Generalcapitän zuerst in die Schanzen ein, ließ Feuer in die königlichen Häuser werfen und vertrieb die Indier aus der festen Stellung. Coutinho sah sich dadurch um den ersehnten Ruhm betrogen und nannte, vor Zorn und Schmerz glühend, jenen ein um das andere Mal einen wortbrüchigen Menschen, der anderen keine Ehre und Auszeichnung gönne. Albuquerque blieb bei diesen Schmähungen kaltblütig und wies darauf hin, daß man oft im Kriege gegen den vorgefaßten Plan handeln müsse, wenn der günstige Augenblick es fordere. Auch sei mit diesem ersten Erfolg der Sieg noch keineswegs entschieden. Der Gegner sei zwar zurückgewiesen, aber seine Macht noch nicht gebrochen. Allein Coutinho achtete nicht darauf, in blinder Aufregung gebot er sofort den Angriff auf die Stadt. Hier wollte er der erste sein und die Brandfackel in den großen königlichen Palast schleudern. In einem entfernten Stadttheile lagen auf einem freien Platze, von Mauern umgeben, die weitläufigen Gebäude des Fürstensitzes. Trotz des Widerstandes drangen Coutinho und seine Schaar durch Thor und Mauerlücken ein und legten Feuer an, worauf die Indier zurückwichen. Albuquerque folgte, nachdem er vorsorglich einen Theil seiner Mannschaft am Ufer zur Bewachung der Böte zurückgelassen hatte, durch Kampf in den Straßen der Stadt aufgehalten, langsam nach. Coutinho glaubte schon, im Besitze des Palastes, sich des vollständigen Sieges erfreuen zu können, und gestattete sorglos seinen Soldaten sich zu zerstreuen und die königlichen Schätze zu plündern. Darauf hatten aber die Indier gewartet; sie sammelten sich von neuem und gingen wieder zum Angriff über. Sie umzingelten in hellen Haufen den Palast und drangen endlich trotz der hartnäckigen Gegenwehr des portugiesischen Hauptmanns, dem die Bewachung des einen Thores übergeben war, wieder in den Hof ein und fielen über die zerstreuten Portugiesen her. Albuquerque konnte nur mit Mühe bis in die Nähe des Kampfplatzes vordringen und sandte Boten über Boten an den Marschall, um ihn zu eiligem Rückzuge aufzufordern. Dieser aber verachtete immer noch die drohende Gefahr und erwiderte, der Generalcapitän möge nur ruhig den Abmarsch antreten, er selbst werde folgen, wenn seine Mannschaft sich wieder gesammelt hätte.