Die historischen Ereignisse in Vorder-Indien werden wir nicht weiter verfolgen, sondern richten unsere Blicke auf die östlichen Länder und Inseln Asiens, um zu sehen, wie sie allmählich entschleiert wurden, bis die neugewonnene Kenntniß einerseits bis nach Japan, andererseits bis hart an den Continent Australien reichte.
9. Die Portugiesen auf den Molukken.
Im Südosten von Hinter-Indien breitet sich die große malayische Inselflur aus, welche aus der Sundawelt nebst Molukken und Philippinen besteht. Der Flächenraum, welchen die an tropischen Erzeugnissen überaus reich gesegneten und in malerischer Schönheit prangenden Inseln bedecken, ist so groß wie ganz Europa. Die Summe der Landmassen dieses Gebietes, welches in seiner ganzen Breite auf einer Strecke von 35 Meridianen oder 525 Meilen vom Aequator durchschnitten wird, beträgt etwa 36,000 Quadratmeilen; die Bevölkerung wird jetzt auf 35 Millionen Menschen geschätzt, ist also größer als die Einwohnerschaft von ganz Südamerika. Die Sundainseln gehören zu den größten Inseln der Erde: Bórneo nimmt einen größern Flächenraum ein als das deutsche Reich sammt den angrenzenden Staaten Schweiz, Belgien, Niederlande und Dänemark; Sumátra ist so groß wie Preußen und Bayern zusammen, Celebes läßt sich mit Großbritannien vergleichen, und Java steht dem Staatencomplex von Süddeutschland nicht nach. Man macht sich von der Größe des ganzen Gebiets und der Ausdehnung dieser Inseln gewöhnlich eine zu geringe Vorstellung. „Der Reisende,“ sagt Wallace,[126] „segelt Tage, selbst Wochen längs den Ufern einer dieser Inseln, die oft so groß sind, daß deren Bewohner sie für ein ausgedehntes Festland halten. Er erfährt, daß man Touren zwischen diesen Inseln meist nur nach Wochen und Monaten berechnet und daß ihre verschiedenen Einwohner oft so wenig unter einander bekannt sind, wie die Eingebornen des nördlichen Festlandes von Amerika denen des südlichen. Bald gelangt er dahin, diese Region als eine von der ganzen übrigen Welt gesonderte anzusehen, mit ihren eignen Menschenrassen und ihren eignen Ansichten der Natur, mit ihren eignen Ideen, Empfindungen, Sitten und Sprachweisen, mit einem Klima, einer Vegetation, einer Thierwelt, alles von durchaus ihr eigenthümlichem Charakter.“
Nahe dem Ostrande dieses großen Gebietes, genau in einem Abstande von 25 Meridianen, von der Stadt Malaka aus gerechnet, liegen die eigentlichen Molukken oder Gewürzinseln an der Westküste der vielgegliederten Insel Halmahera oder Dschilolo zwischen dem ersten und zweiten Grade nördl. Br. Die wichtigsten darunter sind Ternate und Tidor. Zwei andere Gruppen von Eilanden, welche ebenfalls an Gewürz reich sind, liegen 60 bezüglich 80 Meilen südlich und südöstlich von der zuerst genannten Gruppe. Beide liegen im Süden der langgestreckten Insel Ceram, und zwar die Amboinen und Banda.
Hier ist die Heimat der Gewürznelken und der Muskatnuß. Im Gegensatz zu der namhaften Ausdehnung der Sundainseln gehören die Molukken zu den kleinsten Eilanden, so daß die kostbarsten Güter der Pflanzenwelt nur auf einem sehr beschränkten Raum gedeihen. Tidor umfaßt kaum 1½, Ternate etwas mehr als 1 Quadratmeile, und die Bandagruppe ist auch nicht größer. Dagegen nehmen die Amboinen einen Flächenraum von 17 Quadratmeilen ein. Gegenwärtig beträgt die Bevölkerung nicht ganz 100,000 Seelen, sie entspricht also annähernd der mittleren Dichtigkeit der Bevölkerung im deutschen Reiche.
Diese Inseln sind Glieder des großen vulkanischen Ringes, welcher von den Philippinen her gegen Süden über Banda hinaus und weiter gegen Westen und Nordwesten über Sumatra hin die größte aller in diesem Gebiete liegende Insel Borneo umfaßt. Sie sind sämmtlich vulkanisch und bestehen eigentlich nur aus 4- bis 5000 Fuß hohen Bergkegeln, in denen die eruptischen Gewalten des Erdinnern noch wach sind, und die theils durch verheerende Ausbrüche, theils durch heftige Erderschütterungen die Bewohner erschrecken. Aber die vulkanischen Aschen und die verwitterten Laven haben, von tropischem Regen getränkt, eine erstaunliche Fruchtbarkeit und eine üppige Baumvegetation erzeugt, welche die Gehänge der Vulkane vollständig umhüllt. Auf den eigentlichen Molukken hat Tidor den größten und vollkommen konisch gestalteten Berg, der Berg auf Ternate ist fast ebenso hoch aber mit einer gerundeten und unregelmäßigen Spitze. Hier erhebt sich unmittelbar hinter der Stadt der riesige Berg, anfangs langsam ansteigend und mit dichten Hainen von Fruchtbäumen bedeckt, bald aber steiler werdend und von tiefen Furchen durchzogen. Fast bis zum Gipfel, dessen Oeffnung stets schwache Rauchwolken entsteigen, ist er mit Pflanzenwuchs bekleidet und sieht so ruhig und schön aus, obgleich er ein Feuer birgt, das gelegentlich in Lavaströmen ausbricht, aber sich häufiger durch Erdbeben bemerkbar macht, welche oftmals die Stadt verwüstet haben.[127]
Ueber den Fruchtbäumen erstreckt sich ein Gürtel von Lichtungen und bebautem Boden, welcher sich den Berg hinauf bis zu einer Höhe von zwei- bis dreitausend Fuß zieht, worauf Urwald folgt, der fast bis zum Gipfel reicht.
Die Küsten dieser kleinen Inseln haben steile, schwarze Gestade aus vulkanischem Sande oder sind mit zerrissenen Massen von Lava und Basalt belegt.[128] Nur hier auf den beiden genannten Inselbergen und den südlich darauf folgenden Inseln, welche ähnlich gestaltet sind, auf Motir und Makkian, sowie auf der südlichsten und größten, Batjan, gedieh die geschätzte Gewürznelke. Der spanische Seefahrer Urdaneta, welcher von 1526 bis 1535 dort weilte, schätzte zu seiner Zeit den jährlichen Ertrag in guten Jahren auf 11,600 Centner (Quintal), in schlechten Jahren auf 5- bis 6000 Centner. Als Urdaneta auf die Inseln kam, kostete ein Bahar (d. h. mehr als 4 Centner) 2 Dukaten, und zur Zeit, als er das Gebiet verließ, bezahlte man in Indien für dasselbe Maß bereits 10 bis 14 Dukaten.[129]
Die zweitwichtigste Gruppe bilden die drei kleinen Bandainseln. Barros[130] nennt sie einen Garten von Muskatbäumen, welche mit zahlreichen Pflanzen und Kräutern zu gleicher Zeit blühen und so die Luft mit einem unvergleichlichen Gemisch von Wohlgerüchen erfüllen. Wallace schildert sie mit gleichem Entzücken, als bedeckt mit einer ungewöhnlich dichten und brillianten grünen Vegetation. Banda ist ein lieblicher kleiner Fleck Erde; die drei Inseln schließen einen sichern Hafen ein, von dem kein Ausgang sichtbar ist, und der so durchsichtiges Wasser besitzt, daß lebende Korallen und selbst die kleinsten Gegenstände deutlich auf dem vulkanischen Sand und in einer Tiefe von 7 bis 8 Faden zu sehen sind. Der immer rauchende Vulkan thürmt seine nackte Spitze an einer Seite auf, während die zwei größeren Inseln mit Pflanzenwuchs bis an den Gipfel der Hügel bedeckt sind. Ungeachtet der Verluste, welche durch Erderschütterungen entstehen, und ungeachtet des geringen Umfanges und der isolirten Lage dieser kleinen Inseln sind sie noch der Haupt-Muskatnußgarten der Erde. Fast die ganze Oberfläche ist mit Muskatnüssen bepflanzt, welche unter dem Schatten der hohen Kanarienbäume (Kanarium commune) wachsen. Der vulkanische Boden, der Schatten und die außerordentliche Feuchtigkeit dieser Inseln, wo es mehr oder weniger jeden Monat im Jahre regnet, scheinen dem Muskatnußbaume gerade zuzusagen, welcher keinen Dünger und kaum der Pflege bedarf. Das ganze Jahr hindurch findet man Blumen und reife Früchte, und dazu sind wenige cultivirte Pflanzen schöner als Muskatnußbäume. Sie sind hübsch geformt und glattblättrig, 20 bis 30 Fuß hoch und tragen kleine gelbliche Blumen. Die reife dunkelbraune Nuß ist von der carmoisinrothen Muskatblüthe oder Macis als Samenhülle umgeben und bietet so einen reizvollen Anblick dar.[131]
Urdaneta schätzte zu seiner Zeit den Ertrag auf durchschnittlich 7000 Centner Nüsse und 1000 Centner Macis (macía). Ein Bahar (hier gleich 5 Centner) Nüsse kostete 5 Dukaten, Macis immer siebenmal soviel. Von beiden Gewürzen gelangten damals nur etwa 500 Centner Gewürznelken, 100 Centner Macis und 200 Centner Muskatnüsse nach Portugal.[132]