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GRÖSSERE BILDANSICHT]

Zweites Capitel.
Die Abendseite der alten Welt.

Wir haben gesehen, wie weit hinaus die Morgenseite der Erde aufgesucht wurde. Man gelangte zur See und zu Lande durch unermeßliche Räume bis zum Ostrande der Landveste; aber in der weiten Entfernung vom Kulturgestade des Mittelmeerbeckens verschwammen die scharfen Contouren immer mehr. Seide und Gewürze waren die Lockmittel langwieriger, beschwerlicher Reisen.

Die Abendseite bot ein beschränkteres Feld, da vom Ausgange des Mittelmeeres die Ufersäume sich bald sowohl rechts als links bei der Ausfahrt in den Ocean in nördlicher und südlicher Richtung weiter erstreckten. Die afrikanische Westseite bot mit ihrer zunehmenden Oede nur sehr geringen Anlaß, an dem schmachtenden, menschenleeren Strande weiter vorzudringen. Wichtiger wurde frühzeitig die oceanische Seite Europas durch das geschätzte Zinn und den räthselhaften Bernstein. Die Aufhellung der Küsten unseres Continents ist diesen Handelswaaren zu danken.

Die kühnen phönizischen Seefahrer monopolisirten anfänglich die Weststraße. Von den spanischen Silbergruben drangen sie durch die Säulen des Herkules ins Weltmeer. Nur beiläufig gedenken wir der von Herodot, aber nicht ohne eignen Vorbehalt, mitgetheilten Entdeckungsreise, welche im Auftrage Nechos um 600 vor Chr. von phönizischen Schiffern rings um Afrika ausgeführt wurde. Wenn diese große nautische That wirklich geschehen ist, hat sie doch keinerlei nachhaltige Resultate erzielt oder in irgend einer Weise das erdkundliche Wissen befördert; denn sie ist spurlos vorübergegangen. Wichtiger jedoch war die Fahrt des Flottenführers Hanno, der von Carthago, in einer nicht sicher zu bestimmenden Zeit, mit einem Geschwader von 60 Schiffen und angeblich 30,000 Colonisten durch die Meerenge segelte, um an der atlantischen Seite Afrikas Colonien anzulegen und nach Vollendung dieser Aufgabe einen Entdeckungszug gegen Süden zu unternehmen. Unzweifelhaft gelangte Hanno an der Mündung großer Ströme (Senegal und Gambia) vorüber bis dahin, wo sich über dem tropischen, von echten Negern bewohnten Flachlande bedeutende Berggipfel erhoben, deren einen er als den Götterwagen bezeichnete. Der Bericht über diese sehr merkwürdige Reise hat sich in griechischer Uebersetzung erhalten, leider die einzige größere nach Süden gerichtete Unternehmung der Carthager, von welcher wir Kunde erhalten. Das punische Monopol in diesen oceanischen Räumen wurde erst mit dem Fall Carthagos gebrochen; zwar drang auch Euthymenes, ein Landsmann des Pytheas, bis zum Senegal (Chremetes) vor, aber die Römer haben, wenn auch Polybios in Begleitung Scipios die mauretanischen Küsten besuchte, doch den Wüstensaum der Sahara nicht überschritten und blieben weit hinter den Erfolgen Hannos zurück. Daß auch die Canarischen Inseln von den Phöniziern aufgefunden sind, läßt sich aus ihrem ursprünglichen Namen, die Inseln des Malkart oder Makar beweisen, ein Name, der bei den Griechen ursprünglich in der Form Μακάρων νῆσοι auftritt, woraus zunächst μακάριαι νῆσοι und lat. Insulae fortunatae wurde, so daß dieselben dann als die glückseligen Inseln gepriesen wurden. Die Gewinnung des Seepurpur (Purpurschnecke) machte diese Inseln den tyrischen Färbern besonders werth.[6]

Wichtiger und häufiger besucht wurde die Nordseite des oceanischen Weges jenseit der gaditanischen Meerenge. Auch nach dieser Richtung waren die Phönizier zuerst vorgedrungen, auch hier ist uns die Ueberlieferung einer großen Fahrt, vielleicht mit der von Plinius erwähnten Expedition des Himilco identisch, überliefert, die in mehrfachen Ueberarbeitungen und Uebersetzungen uns in der Küstenbeschreibung des spätlateinischen Avienus aus dem 4. Jahrh. n. Chr. erhalten ist. Wir lernen daraus die iberischen und gallischen Küsten bis zu den Zinninseln kennen.[7] Da bereits, und sicher nur aus punischen Quellen, Herodot die Fundstätte des Zinn erwähnt, ohne ihre Lage zu kennen, denn er zweifelt an der Existenz von Zinninseln (III. 115), so muß jene Fahrt schon längere Zeit vor Herodot gemacht sein. Der Vater der Geschichte nennt aber zu gleicher Zeit auch den Bernstein, was uns als Beweis gelten kann, daß zu seiner Zeit die Phönizier auch in die Nordsee eingedrungen waren. Britannien und Germanien, die Heimatsstätten von Zinn und Bernstein, waren für ihn die äußersten Länder. Darüber hinaus ist auch die Schifffahrt weder der Phönizier noch der Griechen gedrungen, und wie das äußerste Land im Osten nach seinem wichtigsten Erzeugniß das Seidenland hieß, so gab’s im äußersten Nordwesten Zinninseln und Bernsteinküsten. Der Zinnhandel scheint sich in älterer Zeit auf der Insel Wight concentrirt zu haben. Die granitenen Scilly-Inseln sind nur aus Unkenntniß der Berichterstatter zu der Ehre gekommen, als die Cassiteriden, d. h. Zinninseln angesehen zu werden. Einen sehr bedeutenden Fortschritt in der Erkenntniß führt die Reise des Pytheas[8] von Massilia herbei, welche in das letzte Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. zu setzen ist.

Pytheas reiste als Kaufmann und Gelehrter; es war eine Entdeckungsreise von hervorragender Bedeutung, welche zu derselben Zeit, als Alexander der Große bis Indien vordrang, den Griechen die ersten zuverlässigen Nachrichten über den äußersten Nordwesten der Erde brachten. Pytheas hat Großbritannien und Irland umsegelt und gelangte nordwärts bis zu den Hebriden, der später so oft genannten und in der Sage vielfach vorkommenden ultima Thule. Die Ursachen der Ebbe und Flut und den Zusammenhang der Gezeiten mit der Stellung des Mondes hat er zuerst erkannt. Er allein hat im hohen Norden astronomische Breitenbestimmungen ausgeführt. Das Ziel, das er sich im Norden setzte, den Polarkreis, hat er zwar nicht erreicht; aber trotzdem hat er zu der Lösung des Problems, die Größe der Erde zu bestimmen, beigetragen. Seine astronomischen Leistungen wurden von den Fachgenossen Eratosthenes und Hipparch in vollem Maße gewürdigt, aber von Strabo und Plinius, welche die meisten, aber leider entstellte Nachrichten von ihm übermittelt haben, nicht verstanden. Pytheas berührt auch die Bernsteinküste an dem deutschen Nordseestrande, aber die Ostsee war zu seiner Zeit noch völlig unbekannt. Kein Grieche hatte eine Ahnung von der Existenz des baltischen Meeres. Erst mit dem Vordringen der Römer nach Deutschland erhalten wir Kunde von jenem größeren Binnenmeere, und durch Plinius, der zuerst die Fundstätte des samländischen Bernsteins nennt, wird auch ein Theil des Gegengestades, der großen scandinavischen Halbinsel, als Insel unter dem Namen Scandinavia (= Insel Skåne) bekannt. Ihren continentalen Zusammenhang im Norden lernte das Alterthum nicht kennen; weder Ptolemäus, noch Procopius von Cäsarea wissen es, selbst noch der im 6. Jahrh. n. Chr. lebende gothische Historiker Jordanus spricht von der Insel Scandza. Und doch hatte Procopius durch sorgfältige Erkundigungen bei den aus dem Norden stammenden Herulern erfahren, daß in jener großen Insel Scandinavia, die er für Thule hielt, im höchsten Norden 40 Tage lang die Sonne im Sommer nicht untergehe und ebenso lange im Winter nicht zum Vorschein komme; auch kannte er die auf Schneeschuhen fahrenden Schrittfinnen. Seine Ermittlungen reichten also weit über das Nordende des bottnischen Meeres und über den Polarkreis hinaus; aber der Landzusammenhang mit dem nördlichen Europa blieb im Dunkeln und wurde erst durch die Fahrten der Normannen aufgeklärt.

Facsimile von der angelsächsischen Handschrift König Alfred d. Gr. von Ohtheres Reise. 9. Jahrh. (Cottonian Bibliothek des British Museum zu London)[9]

Das Nordende Europas umsegelte im 9. Jahrhundert zuerst ein normannischer Edelmann Ohthere[10], der an der norwegischen Küste, vielleicht noch jenseit des Polarkreises ansässig war. Alfred der Große von England hat die Geschichte dieser merkwürdigen Entdeckungsreise in seine angelsächsische Uebersetzung von Orosius aufgenommen und überliefert. Ohthere erzählte danach seinem Herrn, dem Könige Alfred, daß er in Halgoland nördlich von allen Normannen an der Westsee ansässig sei. Dieser atlantischen Seite der Halbinsel gegenüber war damals das baltische Meer auch schon unter dem Namen Ostsee bekannt. Der Hauptreichthum der normannischen Edeln bestand in Rennthierherden, woraus auf die hohe nördliche Lage des Besitzes geschlossen werden kann. Das felsige Land erstreckte sich weit nach Norden, war aber mit Ausnahme der wenigen Plätze, wo Finnen wohnten, ganz öde. Diese Finnas (Lappen) beschäftigten sich im Winter mit Jagd, im Sommer mit Fischfang. Ohthere wünschte nun, wie er dem König Alfred berichtet, einstmals zu wissen, wie weit sich das Land noch gegen Norden ausdehne, oder ob jemand noch nördlich von den Einöden wohne. Er begab sich also zu Schiff und steuerte nach Norden, behielt das Meer zur rechten und die See zur linken und segelte drei Tage lang, bis er an die Nordgrenze der Fischereireviere kam. Nach anderen drei Tagen bog das Land nach Osten um, mit günstigem Nordwestwinde schiffte er noch vier Tage bis da, wo die Küste nach Süden vorlief. Südwärts steuerte er fünf Tage, also um die Halbinsel Lappland herum in das weiße Meer und kam zur Mündung eines Flusses, wo die Küsten wieder bewohnt waren, während die nördlichsten Striche, an denen er vorüber gefahren, sich menschenarm zeigten, außer wo ärmliche finnische Fischer, Vogelsteller und Jäger ihr Leben fristeten. Hier an der Mündung eines Flusses, vielleicht des Mesen oder gar der Dwina, wohnten zahlreiche Beorma (Biarmier), dieselben schienen sprachlich mit den Finnen verwandt, ließen aber die Normannen nicht weiter ins Land eindringen, erzählten dagegen mancherlei über ihr eignes Gebiet und die Nachbarländer. Hier erfahren wir auch, daß den kühnen Seefahrer nicht blos Wißbegierde hinausgeführt, sondern daß er sein Absehen auf einen gesuchten Artikel, auf Walroßzähne, gerichtet hatte, die er auch reichlich vorfand. Das bewohnbare Land wird an der norwegischen Küste gegen Norden immer schmäler, dahinter erheben sich die wüsten Gebirge, durch welche man nach einer Wanderung von ein bis zwei Wochen bis nach Schweden gelangt, das im Norden wieder vom Kwenaland (Finnland) begrenzt wird, ein Land, das zwischen den Felswüsten von großen Süßwasserseen durchsetzt ist, welche von Einwohnern mit kleinen leichten Kähnen befahren werden.