Aus dieser allgemeinen Schilderung des Nordens scheint nicht hervorzugehen, daß Ohthere den Land-Zusammenhang Scandinaviens mit dem Continente von Europa erkannte. Die Ostsee war in ihrem nördlichen Theile noch unerforscht. Der Normanne Wulfstan, dessen Erzählung sich gleichfalls in dem genannten Werke des Königs Alfred findet, kam auf seiner Reise nicht weiter als Elbing. Auch der deutsche Historiker Einhard sagt noch, daß die Länge der Ostsee unbekannt sei. Erst durch Adam von Bremen erfahren wir im 11. Jahrhundert, daß das baltische Meer im Norden geschlossen sei, und daß man zu Fuß von Schweden nach Rußland gelangen könnte, wenn der Verkehr nicht durch die Feindseligkeit der Bewohner gehemmt würde.
Aber noch zu dieser Zeit gelten Fahrten nach dem bottnischen und finnischen Theil der Ostsee als gefährliche Wagnisse und wurden die Namen kühner Seefahrer, wie jener des Normannen Ganund Wolf, für würdig erachtet, der Nachwelt überliefert zu werden.
Weitaus wichtiger indeß waren für die Erweiterung der Kenntnisse die wiederholten Streifzüge der Wickinger durch den nördlichen Ocean, über Schottland und Norwegen hinaus ins Dunkelmeer. Auf den Faröer und auf Island trafen sie irische Mönche und Einsiedler an, so daß es scheinen könnte, als ob britannische Anachoreten die Entdecker gewesen. Und doch muß es als wahrscheinlicher bezeichnet werden, daß die Geistlichen erst, nachdem die Kunde von der zufälligen Entdeckung durch normannische Seefahrer zu ihnen gelangte, sich in die Einsamkeit dahin begeben und später von den Seeräubern wieder verdrängt worden seien. So berichtet Dicuil, der um 825 schrieb,[11] daß vor hundert Jahren Eremiten von Irland aus die Felsklippen der Faröer aufgesucht, aber sich vor den Seeräubern wieder zurückgezogen hätten, so daß diese Inseln, die kein früherer Schriftsteller erwähne, nun menschenleer, aber von unzähligen Schafen und von schwärmenden Seevögeln allein belebt seien. Noch später, etwa in den letzten Jahren des 8. Jahrhunderts hatten Geistliche auch einen Sommer auf Island, (dem Thule Dicuils) zugebracht. Der erste skandinavische Pirat, der ihnen folgte, war Nadodd, der auf der Fahrt von den Faröer nach Norwegen durch Sturm nach Island verschlagen wurde. Da er in dem öden Lande keine Spur von Menschen fand, kehrte er nach den Faröer zurück. Und doch waren einige wenige Mönche dort ansässig gewesen. Nadodds Fahrt fällt wohl ins Jahr 867. Island wurde aber in der nächsten Zeit mehrfach aufgesucht, ja man darf wohl sagen, ein beliebtes Ziel für Auswanderer, so daß bald alles urbare Land seinen Herrn gefunden hatte. Aber die unsteten Gesellen fanden auch hier selten Ruhe. Wie sie vielfach nur aus Noth oder Zwang die Heimat aufgegeben hatten, trieb die innere Unruhe oder der Hang zu abenteuerlichen Fahrten weiter und machte sie zu Entdeckern Grönlands und damit zu den ersten Europäern, die amerikanischen Boden betraten. Der erste, welcher das Land sah und zwar wahrscheinlich im ersten Drittel des 10. Jahrhunderts, war Gunnbjörn; derselbe wurde auf der Fahrt nach Island zu weit westwärts getrieben und entdeckte die nach ihm benannten Gunnbjörn-Scheeren, hinter deren Klippen sich ein großes Land zeigte, Grönland. Etwa 50 Jahre später suchte Snaebjörn die Inselgruppe von neuem auf, und um 985 oder 986 ließ sich Eirik der Rothe zuerst dort nieder. Er hatte wegen Todtschlags aus Norwegen weichen müssen, ging nach Island, wurde auch dort ausgewiesen, wandte sich 982 nach Gunnbjörns Land und belegte es in den folgenden Jahren, um Ansiedler herüberzulocken, mit dem Namen „Grünes Land“, Grönland. Die Niederlassung erfolgte unter nicht unbedeutendem Zuzug von Island. Die neue Küste war bereits von Eskimos bewohnt gewesen, wie man aus den vorhandenen Erdwohnungen ersah. Infolge des lebhaften Verkehrs, der sich von Grönland aus bis nach Norwegen entwickelte, drang die Kunde der Entdeckungen auch bis zu den norddeutschen Seestädten. Adam von Bremen berichtet,[12] daß von der Weser aus friesische Männer eine Fahrt nach dem Norden, die erste deutsche Polarfahrt, unternahmen und daß sie über Island hinaus durch ein von den dichtesten Nebeln bedecktes Meer nach langer beängstigender Fahrt gegen eine Felsenküste geführt wurden, deren im Kreise sich erhebenden Felszinnen den Anblick einer wohlbefestigten Stadt zu bieten schienen. Dort trafen sie Menschen an, welche in Erdhöhlen wohnten. Als aber einer von der Mannschaft von einem riesigen Hunde vor den Augen der erschreckten Genossen überfallen und zerrissen wurde, flohen sie auf die Schiffe und wandten sich zur Heimkehr. Diese merkwürdige Expedition fällt in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts.
Die Normannen hatten inzwischen noch weitere Entdeckungen gemacht. Ari Marsson wurde von Island nach Hvitramannaland (Weißmännerland) oder, wie man es später auch nannte, nach Groß-Irland verschlagen; ebendahin geriethen in gleicher Weise bald darauf Björn Breidvikingakappi und Guðleifr Guðlaugsson. Wir haben unter diesem Weißmännerlande irgend einen nicht näher zu bestimmenden Theil der nördlichsten Küsten Amerikas zu verstehen. Auch Bjarni entdeckte um 986 auf seiner Fahrt von Island nach Grönland neue Länder, welche bald darauf von Leif, dem Sohne Eiriks, weiter erforscht wurden. Zuerst gerieth er, etwa um 1001 oder 1002, an ein klippenreiches Gestade, dem er den Namen Helluland beilegte (von Häll, die Felsenplatte), dann fand er weiterhin bewaldetes Gebiet, welches er daher Markland nannte, zuletzt traf ein Deutscher, der die Fahrt mitmachte, Namens Tyrkir (Dietrich) sogar wilden Wein. Diesen Landstrich taufte man Weinland (Vinland); demnach muß Leif fast bis zu 41° n. Br., also bis an die vorspringende Küste des heutigen Massachusetts vorgedrungen sein. Diese wichtige Entdeckung rief sofort eine Reihe von Versuchen hervor, an jener günstigen Küste Niederlassungen zu gründen. Aber die Angriffe der Eingebornen und die Greuelthaten der wilden Normannen gegen einander vernichteten sehr bald den Keim der Colonisation, doch verbreitete sich die Kunde von jenem Lande bis nach Deutschland, wo auch Adam von Bremen die Insel Winland nennt. Gänzlich hörte indeß der Verkehr dahin auch in der Folgezeit nicht auf, wiewohl die Entdeckungen nun eine andere Richtung einschlugen und im 13. Jahrhundert die Westküste Grönlands enthüllten. Grönländische Geistliche segelten im Jahre 1266 die Baffinsbai hinauf und gelangten, wie man aus den Angaben, welche über den Sonnenstand am 25. Juli jenes Jahres gemacht wurden, schließen kann, vielleicht bis über den 75° n. Br. hinaus. Bald nach der Entdeckung der Polarländer gewann das Christenthum festen Boden. Seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts erhielt Grönland seinen eignen Bischof; der letzte derselben, welcher sein Bisthum selbst verwaltete, war Alfr, von 1368 bis 1378.[13] Seit der Zeit gab’s nur noch Titularbischöfe, deren Reihe erst 1537 schließt, so daß also noch nach der Reformation der Name Grönland fortlebt, wenn auch das Land thatsächlich wieder verschollen war. Wie unklar und verschwommen die Vorstellung von jenem Lande geworden war, lehrt ein Blick auf die Weltkarte, welche in der berühmten Ausgabe des Ptolemäus, Straßburg 1513 erschien, und in welcher Grönland als eine langgestreckte Halbinsel dargestellt ist, die an Nordeuropa, etwa an die Halbinsel Lappland angesetzt ist und gegen S.-W. sich erstreckend über Scandinavien und Großbritannien hinaus in den Ocean hineinreicht.[14] Noch phantastischer ist im venetianischen Ptolemäus von 1562 auf der Carta marina nuova tabula das nordische Ländergemälde ausgefallen. Auch hier ist Grönland in gleicher Weise mit Scandinavien verbunden, hängt aber auf der andern Seite des westlichen Oceans mit Montagna verde (Vermont) in Nordamerika zusammen, welches wiederum auf breitestem Raume in Ostasien übergeht, so daß man trocknen Fußes von China über Nordamerika nach Scandinavien wandern kann. Möglicherweise ist diese Verzerrung der Küstenumrisse daraus entstanden, daß man im Mittelalter schon von einem Manne zu erzählen wußte, der diesen Weg von Grönland nach Scandinavien wirklich zurückgelegt habe, indem er sich unterwegs von der Milch einer mitgenommenen Ziege nährte.
Jedenfalls leuchtet aus diesen irrigen Auffassungen der Lage Grönlands hervor, daß man die normannischen Colonisationsgebiete im hohen Norden nicht als Theile eines transatlantischen Gegengestades ansah. Daher knüpften auch in späterer Zeit die Entdeckungsfahrten hier nicht an, um an den Küsten weiter tastend, etwa Länderstriche in heißer Zone zu gewinnen.
Indessen belebte sich der atlantische Ocean immer mehr mit allerlei phantastischen Inselgebilden, die man zum Theil geneigt war als Stationen, je mehr gegen Westen desto mehr, zunehmender Glückseligkeit aufzufassen. Das Alterthum kannte nur die Canarischen Inseln als insulae fortunatae. Im Mittelalter bildeten sich aber immer lebhafter die Vorstellungen aus von friedlichen, paradiesischen Eilanden im fernen Westmeere, welche weltflüchtigen Anachoreten zum beneidenswerthen Asyle dienen sollten. Wir wissen bereits, daß irische Christen von der Welt abgeschieden auf den Faröer und auf Island lebten; und ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß die Inselparadiese im Westmeere der Sage nach sollen von Irland aus gefunden sein. Die geographischen Träumereien, welche sich an den erst durch Mißverständniß gebildeten Namen der insulae fortunatae (s. [S. 13]) anlehnten, die man im Mittelalter als die Inseln der Seligen pries, belebten sich namentlich auf den britischen Inseln, von wo ja manche die Einsamkeit aufsuchende Geistliche sich nach entlegenen Inseln flüchteten und wo, wie das Beispiel des irischen Mönches Dicuil im 9. Jahrhundert zeigt, aus den Schriften eines Plinius und Solinus alle Andeutungen zusammengelesen wurden, welche auf die Existenz ferner atlantischer Inseln hinwiesen. Die thatsächlichen Irrfahrten jener frommen Asketen, von denen manche, wie wir gesehen haben, sich über die Faröer hinaus wagten, veranlaßten auch mancherlei mythische Berichte von Wunderreisen. Den Mittelpunkt dieser Sage bildet die Legende von den Schifffahrten des heiligen Brandan oder Brandon, der gegen Ende des 6. Jahrhunderts mit vielen Genossen von Irland aus nach einem solchen wunderbaren Eilande ausfuhr. Der Glaube an seltsame Inseln taucht schon in Plutarch (Ueber den Verfall der Orakel) auf, welcher berichtet, daß um Britannien herum viel öde Inseln lägen, während die wenigen Bewohner auf andern Eilanden für heilig und unverletzbar gelten. An einer andern Stelle (Vom Gesicht im Monde) schildert er, daß fünf Tagereisen westwärts von Britannien einige Inseln und dahinter ein großes Festland liegen. Die Natur der Inseln und die Milde der sie umgebenden Luft sei wunderbar. — Der heilige Brandan kam nun, wie die Sage berichtet, wirklich zu einer paradiesischen Insel und kehrte erst nach jahrelangen Irrfahrten wieder heim. Die weite Verbreitung dieser Geschichte läßt sich daraus erkennen, daß sie fast in allen Sprachen des Abendlandes auftaucht und daß die Kartenzeichner des Mittelalters sie mehrfach, man möchte sagen zur Ausschmückung des nur spärlich von Inseln belebten westlichen Oceans verwendeten; aber besonders beachtenswerth bleibt dabei, daß die heilige Brandans-Insel im Lauf der Jahrhunderte immer weiter nach Süden rückt. Während wir nach der Sage dieses Elysium der Westsee unter der Breite Irlands suchen müssen, verlegt die Karte des Venezianers Pizigano, von 1367, dieselbe nach Madeira, der Ritter Martin Behaim auf seinem Erdapfel von 1492 südwestlich von den Capverden in die Nähe des Aequators. Die Veranlassung dazu gab die seit dem Wiederauffinden der Canarien immer wieder auftretende Behauptung, daß man am westlichen Horizont von Zeit zu Zeit eine Gebirgsinsel stets in gleicher Gestalt und Lage in weiter Ferne auftauchen sehe. Das Trugbild mag durch eine Nebelbank entstanden sein, allein der Glaube an die Existenz der Insel war so fest, daß sich ein portugiesischer Ritter sogar mit diesem noch erst zu entdeckenden Besitze belehnen ließ und daß selbst bis 1750 immer noch Versuche gemacht worden sind, um sie aufzufinden.
Die Geschichte der Brandans-Insel steht übrigens keineswegs vereinzelt da, wenn es sich um alte Sagen von einsamen, fruchtbaren atlantischen Inseln handelt. Schon Aristoteles und nach ihm Diodor von Sicilien noch ausführlicher wissen von Inseln jenseits der gaditanischen Meerenge, welche von Phöniziern entdeckt und später von den Carthagern ausersehen sein sollten, ihnen für Unglücksfälle, wenn etwa ein vernichtender Schlag ihre Vaterstadt träfe, eine Zufluchtsstätte zu gewähren. Diese Ueberlieferung aus dem Alterthum lebt in einer spanischen Sage wieder auf, wonach zur Zeit, als die Mauren durch den entscheidenden Sieg über die Gothen bei Jerez de la Frontera die Herrschaft über Spanien gewannen, ein Erzbischof nebst 6 Bischöfen sollten, um ihren Glauben zu retten, auf eine entlegene atlantische Insel geflohen sein. Dort gründeten sie sieben Städte, wonach die Zufluchtsstätte die Insel der sieben Städte (sette cidades) genannt wurde. Aber auf den Karten erscheint dieses Phantasiebild nicht vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Man warf es bald mit einem andern Eilande von noch räthselhafterer Benennung, mit der Insel Antillia zusammen, welche erst im Zeitalter des Columbus ihre Bedeutung gewann; daher hier vorläufig nur ihre Erwähnung genügt. Auch die Insel Brasil (Brazie) westlich von Irland kann unter diese wesenlosen Gebilde der Phantasie gerechnet werden, von andern unwichtigeren zu schweigen.
Mochten auch mancherlei Fahrten ins Blaue auf der Jagd nach solchen oceanischen Paradiesen angestellt sein, greifbare Resultate mußten noch ausbleiben, so lange man eines sichern Führers im freien Meere entbehrte. Dieser bot sich aber erst im 13. Jahrhundert dar, seitdem man die polare Richtkraft des Magneten entdeckt hatte. Ohne alle Frage haben die Chinesen diese Kraft viel früher erkannt als das Abendland; aber wir haben keinen Anhalt dafür, es fehlt uns jeder Nachweis, daß die Magnetnadel aus dem Osten Asiens zu uns gewandert wäre. Zwar liegt es nahe, an die vermittelnde Hand arabischer Seeleute zu denken, welche mit der chinesischen Handelsmarine auf dem indischen Ocean in häufige Berührung traten, manche Verbesserungen im Seewesen von jenen Ostasiaten entlehnten und selbst bis nach China ihren Verkehr ausdehnten. Allein dann dürften wir auch erwarten, daß in jenen europäischen Gewässern, wo die Araber wiederum mit den seetüchtigen Völkern des Abendlandes zusammentrafen, auf dem Becken des Mittelmeeres und in den an seinen Ufern gelegenen Seestädten ein für die Schifffahrt so wichtiges Instrument wie der Compaß zuerst erwähnt und gewürdigt worden wäre. Doch dem ist nicht so. Man dürfte auch wohl erwarten, daß der berühmte Marco Polo, der für alles, was den Handel betrifft, ein besonders scharfes Auge besaß, und der seine weiten Seereisen im chinesischen Meere und durch den indischen Ocean auf chinesischen Schiffen ausführte, die Magnetnadel erwähnt und beschrieben haben würde, wenn in den östlichen Gebieten der alten Welt die praktische Verwendung des Instruments bereits eine allgemeine gewesen wäre. Aber Polo gedenkt desselben mit keiner Silbe. Und in Europa treffen wir auf die früheste Erwähnung der magnetischen Kraft gerade in Gegenden, welche von arabischem Einfluß nie berührt sind, nämlich in England und Nordfrankreich. Sonach darf man die Vermuthung aussprechen, daß die Nordweisung der magnetischen Nadel wie am Ostrande der alten Welt, so auch am Westrande derselben selbständig entdeckt ist, gerade so gut, wie das Abendland den Bücherdruck und das Porzellan, auch zwei chinesische Erfindungen, für sich wieder erfunden hat. Die beiden ältesten Gewährsmänner, welche den Magnet erwähnen, sind der Engländer Alexander Neckam, welcher seit 1180 Professor in Paris war, und der nordfranzösische Dichter Guiot aus Provins. Es darf dabei nicht unerwähnt bleiben, daß gegen das Ende des 12. Jahrhunderts mit der Wiederaufnahme des Studiums der physischen Schriften des Aristoteles an der Universität zu Paris das Studium der Naturwissenschaften neu belebt wurde. Wie nahe liegt da der Gedanke, jene neue, wichtige Erfindung, welche wir gleichsam in der Nachbarschaft von Paris zuerst erwähnt finden, sei auch dort wirklich gemacht. Alexander Neckam schrieb seine Abhandlung: de Utensilibus und sein Werk: de Naturis rerum im letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, das satirische Gedicht Guiots, la Bible, wurde im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfaßt. Die ursprünglichste, roheste Art der Anwendung des Magneten, denselben in einem Strohhalm auf dem Wasser schwimmen zu lassen, wich allmählich der verbesserten Methode, den Nordweiser auf eine Nadelspitze zu legen. Dabei muß es befremden, diese ursprüngliche Form noch 1258 erwähnt zu sehen. In diesem Jahre besuchte Brunetto Latini, aus Florenz vertrieben, den berühmten Roger Bacon und schreibt, dieser habe ihm unter andern einen Magneten gezeigt, der die überraschende Eigenschaft besitze, das Eisen anzuziehen. Wenn man eine Nadel darauf reibt und diese nachher an einem Strohhalm befestigt und auf dem Wasser schwimmen läßt, dann dreht sich die Nadel mit der Spitze gegen den Polarstern. Aber wiewohl diese Entdeckung für alle Seereisende von so hohem Werthe zu sein scheint, so muß sie zur Zeit doch noch geheim gehalten werden, weil es kein Schiffscapitän wagen darf, sie anzuwenden, da er sonst sofort in den Verdacht der Zauberei verfiele; auch würde kein Matrose mit ihm gehen, wenn er ein solches Instrument mitnähme, das offenbar unter der Beihilfe höllischer Mächte entstanden.[15] Am Mittelmeere muß also zur Zeit Latinis die Erfindung noch unbekannt gewesen sein, und ans Mittelmeer müßte die Magnetnadel doch zuerst gekommen sein, falls sie uns durch die Vermittelung der Araber sollte aus China überbracht sein.
Nach 1270 wird auch die Strich- oder Windrose mit der Nadel in Verbindung gebracht, und so sehen wir die Bussole (ein Wort holländischen Ursprungs) fertig vor uns. Was für Verbesserungen der so oft als Erfinder des Compasses genannte Flavio Gioja aus dem Herzogthum Amalfi, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelebt haben soll, angebracht haben kann, ist nirgends ersichtlich. Der Compaß war nachweisbar vor seiner Zeit auf den Schiffen allgemein in Gebrauch, was sich vor allem aus dem glänzenden Aufschwung der nautischen Kartographie ergibt, welche uns ganz bestimmt ins 13. Jahrhundert zurückführt. Denn die erste nur mit Hilfe der Bussole in solcher Treue mögliche Darstellung der Küstenumrisse des ganzen Mittelmeeres, welche uns Marino Sanudo um 1320 überliefert hat, setzt jahrzehntelange Specialaufnahmen voraus, aus denen Sanudos Bild zusammengesetzt ist. Und hier ist nicht zu leugnen, daß die Seeleute des Mittelmeeres sich die neue Erfindung am trefflichsten zu Nutze machten und ihren Werth allseitig erkannten. Die Umgestaltung, welche die Kartographie erfuhr, war eine fundamentale. Statt wie im früheren Mittelalter nach dem Paradiese im äußersten Osten, orientirte man sich nach dem Polarstern, auf den die Magnetnadel wies und entwarf danach die Karten. Der Schiffer gewann mit Compaß und Seekarten auf freiem Meere ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und steuerte verwegener in die dunkle Salzflut hinaus. Dauernde, auch der Nachwelt in sicherer Begrenzung überlieferte Entdeckungen wurden erst seit dem 13. Jahrhundert möglich; und schon der Ausgang dieses Jahrhunderts zeigt uns zwei Beispiele eines kühnen Seezuges. Denn im Jahre 1281 machten die Gebrüder Vadino und Guido de Vivaldi von Genua aus den Versuch, um Afrika herum nach Indien zu segeln, ein Unternehmen, das 1291 von Ugolini Vivaldi und Teodosio Doria wiederholt wurde. Allein resultatlos, denn diese Expeditionen sind verschollen.
Wichtiger und folgenreicher, weil „das nächste mit dem nächsten klug verknüpfend“, waren die Fahrten der genuesischen und venetianischen Kauffahrer nach der atlantischen Seite Europas, nach den Niederlanden und Britannien. Erst unter der zuverlässigen Führung der Bussole erwachte der Seeverkehr auf dem Ocean. Dem Alterthume war die Westküste unseres Erdtheils im höchsten Grade unwirthlich erschienen. Zu Strabo’s Zeiten war die Nordseite Spaniens besonders verrufen. „Dieser Strich,“ sagt er, „hat als Oceansküste die Zugabe empfangen ohne Verbindung und Verkehr mit andern zu sein, so daß er sich durch Mißlichkeit der Bewohnung auszeichnet.“ Und auch im Mittelalter tasteten zwar einzelne Pilgerschiffe, die das heilige Land aufsuchten, sich in langsamer Fahrt an den Küsten hin, bis sie in die Säulen des Herkules einliefen; aber von einem regen Verkehr war nicht die Rede.