In dieser Hinsicht muß man entschieden der Ansicht d’Avezacs beipflichten: „Die Ideen des Columbus entstanden aus einer Summe von Notizen, welche er allmählich aus verschiedenen Quellen geschöpft; aber ein bestimmtes Project kam erst durch den Brief Toscanelli’s zur Reife. Dieser monumentale Brief sichert dem Toscanelli das unzweifelhafte Verdienst, die transatlantischen Entdeckungen angeregt zu haben.“[168]
Diesen Brief lernte Columbus wahrscheinlich erst im Anfange der achtziger Jahre kennen. Bis dahin war er einfach ein Seefahrer gewesen, von da an wurde er Entdecker. Danach ist auch die von Las Casas gemachte Zeitangabe zu verbessern,[169] wonach sich Columbus 14 Jahre bemüht haben soll, den König von Portugal für seine Pläne zu gewinnen. Da wir wissen, daß Columbus noch um 1476 in Genua war, und 1484 nach Spanien ging, so ist die Angabe des Bischofs bestimmt falsch. Avezac (l. c. p. 43) stellt die Vermuthung auf, es könne statt 14 Jahre recht wohl 14 Monate heißen und Columbus habe seinen Vorschlag zuerst im September oder October 1483 gethan, und sei dann gegen Ende des nächsten Jahres nach Spanien übergesiedelt. — Doch wenden wir zunächst unsere Aufmerksamkeit dem Briefe Toscanelli’s zu. Paolo Toscanelli, auch, weil er Arzt war, Paolo fisico genannt (geb. 1397 in Florenz, gestorben 1482), gehörte zu den ausgezeichnetsten Gelehrten seiner Vaterstadt und beschäftigte sich namentlich mit Kosmographie. Durch lebhaften Verkehr stets in Verbindung mit berühmten Reisenden, Seefahrern und Kartenzeichnern, hat er wohl zuerst bei dem Studium des Marco Polo und angesichts der durch persönlichen Verkehr mit Nicolo de Conti (s. oben [S. 77]) weiter bestätigten großen Entfernung Ostasiens von Europa, sowie neuer Beglaubigungen der Berichte von den kostbarsten Produkten, den menschenwimmelnden prachtvollen Städten und großartigen Reichen den Gedanken gefaßt, daß von Portugal oder Italien aus ostwärts die Entfernung bis Quinsay und Zaiton weit mehr als den halben Erdumfang betragen müsse, und weiterhin daraus gefolgert, daß dann der Weg über das Westmeer der nähere sein müsse. Zur Veranschaulichung dieser Idee bedurfte es einer Karte, welche die, wie es scheint, vor ihm noch nie entworfene Wasserseite der Erde darstellte. Denn die Seekarten dienten praktischen Zwecken und stellten daher nur die in der Nähe der großen Handelslinien befindlichen Küsten und Länder dar. Da nun Toscanelli sah, wie sich bereits seit einem halben Jahrhundert die Portugiesen abmühten, die Umfahrt um Afrika zu vollenden, so richtete er 1474 einen Brief an den Canonicus Fernam Martinz in Lissabon, um den König unter Beigabe einer von ihm selbst entworfenen Karte auf seine Idee, das Morgenland durch eine Westfahrt zu erreichen, aufmerksam zu machen. Allein die Portugiesen hatten 1471 glücklich die Goldküste entdeckt (s. oben [S. 104]) und beuteten dieses Gebiet aus, ohne Neigung, sich in unbestimmte kostspielige Unternehmungen einzulassen. Toscanelli’s Aufforderung fand also keinen Anklang; sein Brief galt wohl mehr als Curiosum, denn daß man ein Staatsgeheimniß daraus machte, von dem nichts verlauten dürfe, um nicht andere Unternehmer in dieselben Bahnen zu lenken. So konnte auch Columbus nach Jahren davon Kunde erhalten und sich eine Abschrift dieses Briefes verschaffen, indem er sich direct an Toscanelli wandte. Wir kennen die Briefe des Columbus nicht, sondern nur die Antworten des Florentiner Gelehrten und auch diese in einer sicher nicht authentischen Fassung, da sie nur in der Vida del Almirante sich finden, welche den Wortlaut nicht nur nicht getreu wiedergegeben hat, sondern durch offenbare Einschiebsel den Zeitpunkt des Schreibens zu verrücken sucht, um Columbus zu glorificiren, indem man die Bedeutung des Briefes als maßgebend für den Impuls zu der Westfahrt verminderte und die Initiative allein dem Entdecker beimaß.
Nach der jetzt vorliegenden Fassung des Briefes schrieb nämlich Toscanelli folgendermaßen:
„Ich sehe Eurer edles und großes Verlangen, dahin zu reisen, wo die Spezereien wachsen. Daher sende ich Euch zur Beantwortung Eures Briefes die Abschrift eines andern, den ich vor einigen Tagen an einen meiner Freunde, im Dienste Sr. Maj. des Königs von Portugal, vor den castilischen Kriegen, in Beantwortung eines andern schrieb, welchen er im Auftrage des Königs über die betreffende Angelegenheit an mich richtete, und ich schicke Euch eine andere Seekarte (carta da marear), die mit derjenigen übereinstimmt, welche ich ihm sandte.“
Der castilische Erbfolgekrieg fällt in die Zeit von 1474–1479. Es liegt auf der Hand, daß man den Ausdruck „vor den castilischen Kriegen“ nur gebrauchen kann, wenn der Krieg vollständig beendigt ist, aber weder im Beginn noch im Verlauf desselben. Der Brief Toscanelli’s muß also an Columbus nach 1479 geschrieben sein, der Originalbrief an Martinz vor oder um 1474. Das Datum dieses Briefes lautet auch: Florenz, 25. Juni 1474. Steht dieses fest, dann kann Toscanelli aber nicht an Columbus schreiben, er habe erst „vor einigen Tagen“ den Brief an Martinz verfaßt, denn es lag ein Zeitraum von mindestens 5 Jahren dazwischen. Eine der beiden Zeitangaben ist falsch, die Entscheidung fällt unbedingt gegen den Ausdruck „vor einigen Tagen“. Es soll einerseits durch diesen Zusatz der Plan als geistiges Eigenthum des Columbus hingestellt und der Einfluß Toscanelli’s verdeckt werden; denn wenn der florentinische Gelehrte erst „vor einigen Tagen“ den ersten Brief nach Portugal geschickt hat, kann Columbus noch keine Mittheilung von demselben haben, selbst wenn der Brief direct an ihn selbst gerichtet wäre. Es soll dem Entdecker die Priorität des Gedankens gerettet worden. Andererseits wird der Zeitpunkt, in welchem dem Genuesen der Plan reifte, um wenigstens fünf Jahre zurückgerückt, aber leider in eine Zeit verlegt, welche mit dem angeblich früheren, ständigen Aufenthalte des Columbus in Portugal sich nur schwer vereinigen läßt, da sein Name in den Acten Genuas 1472, 1473 und 1476 erscheint. Wenn dadurch auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß Columbus 1474 sich zu Lissabon aufgehalten, so doch sicher nur als Seemann vorübergehend, und es bleibt die Frage unerledigt, warum er sich nicht direct von Italien aus an den Physiker in Florenz gewandt. Zudem ist auffällig, daß, nach dem zweiten Briefe Toscanelli’s zu urtheilen, dieser Gelehrte nicht zu wissen scheint, daß Columbus ein Italiener ist. Er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, wie aus der Anspielung auf diese Nation hervorgeht. Wenn Columbus nun nach dieser Seite sich nicht deutlich ausgesprochen hat, ist der Schluß nicht unberechtigt, daß er bereits in Portugal seit mehreren Jahren ansässig gewesen und sich also gleichsam als Portugiese gefühlt habe, wie er ja auch in Spanien später seinen ganzen Namen umänderte. Dann aber fällt die Correspondenz mit Toscanelli bereits in den Anfang der achtziger Jahre,[170] was auch am besten zu dem ganzen Verlauf der Angelegenheit in Portugal stimmt.
Glücklicherweise ist von dem ausgezeichneten Forscher der ältesten amerikanischen Literatur, von Harrisse, eine von Columbus selbst geschriebene Copie des Toscanelli’schen Briefes an Martinz in der Colombinischen Bibliothek zu Sevilla aufgefunden und veröffentlicht. Ein Vergleich dieses lateinisch geschriebenen Briefes mit dem in der Vida del Almirante gegebenen Texte zeigt deutlich, daß auch dieses wichtige Document durch die Hand des Biographen des Entdeckers nicht unwesentliche Veränderungen erfahren hat.
Wegen seiner großen Bedeutung theilen wir den Brief vollständig mit.[171]
„Dem Canonicus Ferdinand Martinz zu Lissabon sendet der Physiker Paul (Toscanelli) seinen Gruß. Von deinem vertrauten Umgange mit Sr. Maj. dem Könige ist es mir um so angenehmer gewesen Kenntniß zu erhalten, als ich mit dir schon früher gesprochen habe über einen kürzeren Seeweg zu den Gewürzländern, als derjenige ist, welcher über Guinea führt. Der König wünscht nun von mir eine noch mehr durch den Augenschein überzeugende Erläuterung, so daß auch der minder Bewanderte diesen Weg begreifen und verstehen kann. Obgleich ich nun weiß, daß man dies an einer Kugel, welche die Erde vorstellt, zeigen könnte, so habe ich mich doch des leichteren Verständnisses und der geringen Mühe wegen, entschlossen, diesen Weg auf einer Seekarte zu erläutern. Ich sende also Sr. Majestät eine eigenhändig entworfene Karte, auf welcher eure Küsten und Inseln eingezeichnet sind, von denen der Weg, immer gegen Abend, beginnt, und die Orte, zu denen man gelangen muß, und wie weit man vom Pol oder vom Aequator abweichen muß, und durch einen wie großen Abstand, d. h. nach wie viel Meilen, man zu jenen Orten kommen muß, welche die größte Fülle von allen Gewürzen und Edelsteinen besitzen. Und wundert euch nicht darüber, daß ich das „westliches“ Gebiet nenne, wo die Gewürze sind, während es gewöhnlich als östliches bezeichnet wird, weil durch Seefahrten immer nach Westen jene Gegenden durch unterirdische (subterraneas) Fahrten gefunden werden, während sie zu Lande und auf dem oberen Wege immer nach Osten aufgesucht werden. Demnach zeigen die geraden in der Länge der Karte eingetragenen Linien den Abstand von Osten nach Westen, dagegen die transversalen Linien die Abstände von Süden nach Norden. Ich habe aber in der Karte verschiedene Orte eingetragen, zu denen ihr nach den genauern Nachrichten der Schifffahrten kommen könntet; sei es nun, daß man durch (widrige) Winde oder durch irgend einen andern Umstand anderswohin gelangte, als man erwartete, theils aber auch, um den Einwohnern zu zeigen, daß sie (die Seefahrer) bereits eine Kenntniß jenes Landes haben, was um so angenehmer sein muß. Es wohnen aber auf den Inseln nur Kaufleute. Es wird nämlich behauptet, daß dort eine so große Menge von Kauffahrteischiffern, wie sie auf der ganzen übrigen Welt nicht sind, sich in dem einen berühmtesten Hafen, Namens Zaiton finden. Man behauptet nämlich, daß in jenem Hafen jährlich 100 große Schiffe mit Pfeffer abgehen, ungerechnet die anderen Schiffe, welche andere Gewürze laden. Jenes Land ist sehr volkreich und sehr reich an Provinzen, Staaten und zahllosen Städten und steht unter einem Fürsten, welcher der Groß-Kan genannt wird, was so viel als König der Könige bedeutet. Sein Sitz und seine Residenz ist meistens in der Provinz Katay. Seine Vorfahren wünschten mit den Christen in Verkehr zu treten. Schon vor 200 Jahren schickten sie zum Papste und baten um mehrere Gelehrte, damit sie im Glauben unterrichtet würden; aber dieselben stießen unterwegs auf Hindernisse und kehrten wieder um. Auch zur Zeit des Papstes Eugen kam einer zu Eugen[172] und bestätigte das große Wohlwollen gegen die Christen; und ich habe selbst ein langes Gespräch mit ihm gehabt über vielerlei, über die Größe der königlichen Paläste und über die Größe der Flüsse in der Breite und wunderbaren Länge und über die Menge der Städte an den Ufern der Flüsse, daß an einem Flusse gegen 200 Städte erbaut sind und marmorne Brücken von großer Breite und Länge, welche allenthalben mit Säulen geziert sind. Dieses Land ist werth, von den Lateinern aufgesucht zu werden, nicht allein weil ungeheure Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen aller Art von dort gewonnen werden können und von Gewürz, welches nie zu uns gebracht wird, sondern auch wegen der gelehrten Männer, Philosophen und erfahrenen Astrologen, und um zu erfahren, mit welchem Geschick und Geist dieses so mächtige und große Land regiert wird und auch Kriege geführt werden. Florenz, 25. Juni 1474.“
„Von Lissabon nach Westen in gerader Linie sind 26 Spatien in die Karte eingetragen, von denen jedes 250 Milliarien umfaßt, bis zu der sehr prächtigen und großen Stadt Quinsay. Dieselbe hat einen Umfang von 100 Milliarien und hat 10 Brücken und der Name bedeutet Stadt des Himmels,[173] und viel Wunderbares wird darüber berichtet von der Menge der Künstler und der Einkünfte. Dieser Abstand beträgt fast den dritten Theil der ganzen Erde. Jene Stadt liegt in der Provinz Mangi, in der Nachbarschaft der Provinz Katay, in welcher die Hauptstadt des Landesherrn liegt. Aber von der auch bekannten Insel Antilia zu der sehr berühmten Insel Cippangu sind 10 Spatien. Jene Insel nämlich ist sehr reich an Gold, Perlen und Edelsteinen, und mit purem Golde deckt man Tempel und Paläste. Und so muß man auf unbekannten aber nicht weiten Wegen den Raum des Meeres durchschneiden.“
Leider ist die Karte Toscanelli’s, welche Columbus auf seiner Reise bei sich hatte und welche später Las Casas in seinem Besitze hatte, nicht bis auf unsere Zeit erhalten. Um ein Bild von derselben zu gewinnen, muß man vor allem die von Toscanelli fixirten Abschnitte oder Spatien prüfen. Es ist besonders wichtig zu betonen, daß der florentinische Astronom nur ein Längenmaß, Milliarien, gebraucht und von diesen römischen Millien 250 auf ein Spatium rechnet. Humboldt[174] und Peschel[175] sind deshalb zu irrigen Resultaten gelangt, weil sie den lateinischen Originaltext des Toscanelli’schen Briefes noch nicht kannten und durch die in den spanischen und italienischen Uebersetzungen jenes Documents eingeschobenen und zum Theil wieder verschriebenen und entstellten Uebertragungen von Millien in Leguas zu falschen Schlüssen verleitet worden.