Verfolgen wir nun weiter die verschiedenen Anregungen, welche Columbus in sich aufnahm, so müssen wir neben den Schifferberichten und den dieselben beglaubigenden Seekarten auch eines damals verbreiteten geographischen Werkes gedenken, welches der Genuese schon während seines Aufenthaltes in Portugal sehr fleißig las und auch später auf seinen Reisen mit sich führte. Es ist die Imago mundi (Weltbild) des Cardinal von Cambray, Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco), welche um 1410 geschrieben ist. Dieses Werk stellt sich als eine ziemlich mittelmäßige Compilation aus früheren scholastischen Arbeiten heraus, ex pluribus auctoribus recollecta, wie der Titel der ältesten Ausgabe besagt. d’Ailly bemühte sich, das Wissen der Vergangenheit zusammenzufassen und citirte sowohl Lateiner und Griechen als auch Araber, von jenen den Seneca, Plinius, Solinus, Osorius, Augustin, Isidor und Beda, ferner den Aristoteles, Ptolemäus, Hegesippus, Johannes Damascenus, von diesen den Alfragani und Albategna. Aber er schreibt ziemlich ohne eignes Urtheil und stellt die Ansichten der classischen Autoren höher, als die Resultate neuerer Forschung. Den Namen Marco Polos erwähnt er nirgend. Aus ihm aber schöpfte Columbus den ganzen Vorrath seiner kosmographischen Vorstellungen, namentlich seine Auffassung von der Größe der Erde, von der Schmalheit des Oceans, von der Lage und Natur des Paradieses und von dem bevorstehenden Weltuntergange.[166]

Vor allem auffällig ist die Abhängigkeit des Columbus zu erkennen, wenn wir das 8. Capitel der Imago, über die Größe der bewohnbaren Erde, prüfen. Aus diesem Abschnitte entlehnte der Genuese in seinem Briefe aus Haiti, auf seiner dritten Reise (1498), einen längeren Abschnitt. d’Aillys Darstellung ist etwa folgende.[167] Wenn man wissen will, wie viel von der Oberfläche der Erde bewohnbar ist, so hat man theils das Klima, theils das Wasser zu berücksichtigen. Ptolemäus meinte, etwa ein Sechstel der Erde sei Land, das übrige mit Wasser bedeckt. Im Almagest (lib. II.) modificirte er seine Ansicht, und hielt ¼ der Erdoberfläche für bewohnbar. Aristoteles nahm einen noch größeren Länderraum an und lehrte, daß zwischen der Westküste Spaniens und der Ostküste Indiens das Meer (unser atlantischer Ocean) nur schmal sei. Ueberdies sagt Seneca im 5. Buche der Naturgeschichte, daß man bei günstigem Winde in wenig Tagen über dieses Meer segeln könne. Aehnlich spricht sich auch Plinius aus, so daß man daraus folgern darf, daß das Meer unmöglich ¾ der Erdoberfläche bedecken kann.

Dazu kommt noch der gewichtige Ausspruch Esra’s (Esdra) im 4. Buche, welcher behauptet, es sei nur 1⁄7 der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt.

Im 49. Capitel, welches von der Verschiedenheit der Gewässer und namentlich vom Ocean handelt, kommt d’Ailly noch einmal auf dieses Thema zurück und betont, daß sowohl Aristoteles als auch sein Commentator Averroes darauf aufmerksam gemacht, daß der Abstand zwischen der Westküste Afrikas und der Ostküste Indiens (d. h. Asiens) nicht sehr groß sein könne, weil man in beiden Ländern Elephanten finde. Wie groß aber der Abstand ist, weiß man noch nicht, denn er ist weder in unseren Zeiten gemessen, noch finden wir darüber bei den alten Schriftstellern genauere Angaben. Aber, fügt er im 51. Capitel hinzu, soviel ist gewiß, daß die Ausdehnung der bewohnten Erde von Spanien ostwärts bis Indien viel größer ist als der halbe Umfang der Erde.

Mit diesen und ähnlichen Gründen wollte Columbus später die leichte Ausführbarkeit seines Planes einer Westfahrt erhärten. Mit Recht bemerkt Humboldt (Kosmos II, 281) dazu: „Sonderbares Zeitalter, in welchem ein Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles und Averroes, des Esra und Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich mit der der Continentalmasse den (spanischen) Monarchen die Ueberzeugung von der Sicherheit eines kostspieligen Unternehmens geben konnte.“

Außer diesen Hauptstellen hatte Columbus auch noch andere Vorstellungen aus den Lehren d’Ailly’s sich angeeignet. Dahin gehört die Behauptung des Cardinals (Cap. 12), daß, wie schon Augustin gelehrt habe, die heiße Zone von menschlichen Ungeheuern belebt sei. Es geht dies hervor aus einer Aeußerung aus dem Tagebuch der ersten Reise des Entdeckers, wo derselbe verwundert bemerkt, die erwarteten Ungeheuer habe er noch nicht gefunden. Ferner die Auffassung von der Lage des irdischen Paradieses. Dasselbe liegt, schreibt d’Ailly Cap. 55, nach der Angabe des Isidor, Johannes Damascenus, Beda u. a. in der lieblichsten Gegend des Ostens, weit von unserm bewohnten Gebiet entfernt auf einem erhabenen Ort, so daß es fast bis in die Mondsphäre reicht und von den Wassern der Sündflut nicht bedeckt werden konnte. Von diesem hohen Berge stürzen nun die Gewässer mit gewaltigem Brausen herab und bilden einen großen See. Eine ebenfalls von Columbus benutzte Ansicht und eine Ergänzung des obigen über die Natur des Paradieses finden wir bereits im 7. Capitel, wo gelehrt wird, daß das im Osten gelegene Paradies, auch wenn es in der Nähe des Aequators liege, doch wegen seiner bergehohen Lage ein sehr mildes Klima besitze.

Endlich gehört hieher noch ein Ausspruch d’Ailly’s, in seinem Vigintiloquium de concordia astronomicae veritatis cum theologia, p. 181, worin er die Dauer der Erde von der Schöpfung bis auf die Geburt Christi, nach Ermittlung Bedas, auf 5199 Jahre berechnet, so daß also bis 1501 nach Christi 6700 Jahre verflossen seien. Da aber das jüngste Gericht 7000 Jahre nach Christi eintreten wird, ist der Weltuntergang nahe bevorstehend. Obwohl Columbus in den Zahlen etwas abweicht, so hat er den Grundgedanken doch in seinen Plan verwebt.

3. Das Project Toscanelli’s.

Wenn nun auch alle diese Meinungen und Lehrsätze d’Ailly’s einen großen Einfluß auf die Gestaltung des Planes gehabt haben, so waren sie, weil im allgemeinen zu verschwommen, nicht kräftig genug, um einen wirklichen Impuls auszuüben, die Fahrt zu unternehmen. Denn welcher Seemann konnte nach solchen allgemeinen, vagen Vorstellungen seinen Cours einschlagen, welcher Fürst und welcher Staat würde zu einem solchen Zuge ins Blaue die Mittel verschwendet haben? Darum kann ich Humboldt darin nicht beistimmen, daß die Imago Mundi mehr Einfluß auf die Entdeckung von Amerika geübt, als der Briefwechsel Toscanelli’s (Kosmos II, 286). Grade die ganz bestimmte Direction, welche dieser ausgezeichnete Astronom und Physiker den Ideen seines Landsmannes gab, man kann sagen, die von ihm ganz genau vorgeschriebene Segelroute war es, welche einerseits den noch unklaren Vorstellungen des Columbus den richtigen Stützpunkt gab und andererseits auch die Monarchen ermuthigte, die Kosten zu wagen.