Ueber seine Jugendzeit wissen wir wenig, die Angabe der „Vida“, welche sogar seinen Sohn Fernando als Verfasser nennt, aber sicherlich nicht von ihm geschrieben ist, sind theils legendenhaft, theils geradezu unglaublich, so daß sie vor der historischen Kritik beanstandet worden sind.[159] Man hat ohne Bedenken danach angenommen, daß Columbus die Universität Pavia besucht habe, aber seine Jugend und die für diese Studien verfügbare Zeit sprechen dagegen, da er bereits mit dem 14. Lebensjahre auf die See ging.[160]
Den Ocean scheint er erst im 30. Jahre kennen gelernt zu haben. Es wird nämlich erzählt, daß er im Jahre 1477 und zwar bereits im Februar, wahrscheinlich von Bristol aus, hundert spanische Meilen über Tyle (Thule) hinaus gesegelt sei (vgl. oben [S. 28]). Thule identificirte man mit den Faröern, welche damals unter dem Namen Friesland bekannt waren. Columbus suchte also, wie auch andere seiner Landsleute, sein Glück im Auslande zu machen. Von England begab er sich später nach Portugal, wahrscheinlich zu Ende der Regierung Alfons V., welcher 1481 starb, und machte von hier aus eine Fahrt nach der Küste von Guinea. Da er bei dieser Gelegenheit die portugiesische Niederlassung von St. Jorge de la Mina besuchte, so kann diese Fahrt nicht vor 1482 fallen, in welchem Jahre das genannte Fort an der Goldküste erst angelegt wurde. In Lissabon verheirathete er sich mit der Donna Felipa Muñiz-Perestrello, und zog mit ihr nach dem Besitzthum ihres Vaters auf der Insel Porto Santo. Dort lernte er auch die auf das Seewesen bezüglichen Karten und hinterlassenen Papiere seines bereits verstorbenen Schwiegervaters Perestrello kennen. Aus ihnen schöpfte er wohl auch die ersten dunklen Nachrichten von Inseln und Ländern, welche im westlichen Meere liegen sollten, von denen er dann selbst mit Eifer neue Kunde sammelte.
2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt.
Es lag im Glauben der Zeit, hinter jeder am Horizonte auftauchenden Nebelbank im Ocean ein noch unbekanntes, reiches und gesegnetes Land zu vermuthen. Die Canarien, Açoren und Capverden waren in den letzten Jahrzehnten genauer bekannt geworden, die Fortschritte der portugiesischen Entdeckungen wirkten auf die Seeleute geradezu fieberhaft. Die Matrosen erzählten einander von den Geheimnissen des westlichen Weltmeeres, und Columbus lauschte aufmerksam auf solche Berichte. Die Vida del Almirante führt (Cap. 8) eine Reihe solcher Schiffernachrichten auf, welche gerade durch das Nebelhafte ihrer Umrisse die Phantasie aufzuregen vermochten. Danach hörte Columbus über die Nähe der den westlichen Gestaden der bekannten Welt gegenüberliegen sollenden Küsten mancherlei von solchen Seeleuten, welche häufig die Meere jenseit Madeira und der Açoren befahren hatten. Der portugiesische Pilot Martin Vicente erzählte ihm, er habe 450 Leguas (spanische Meilen) westlich vom Cap S. Vicente ein geschnitztes Holz aufgefischt, welches unter dem mehrere Tage anhaltenden Westwinde herangetrieben sei. Es müsse also in nicht zu großer Entfernung im Westen Inseln oder größeres Land geben. Sein Schwager Pedro Correo theilte ihm mit, daß ein ähnlich bearbeitetes Holz auch in Porto Santo angeschwommen sei. Auf den Açoren waren Stämme von Fichten, wie sie dort nicht wachsen, angetrieben. Auch ein mächtiges Schilfrohr, wie es nur in Indien wachsen konnte, und welches von Knoten zu Knoten 9 Karaffen Wein fassen sollte, war aufgefunden. Auf der açorischen Insel Flores hatten die Bewohner zwei Leichen einer unbekannten Menschenrasse gefunden. Die Ansiedler in der Nähe des Cap de la Virga wollten sogar gedeckte Barken, s. g. Almadias mit fremdartigen Menschen besetzt gesehen haben.
Antonio Leme von Madeira erzählte dem Columbus ferner, er habe 100 Meilen weit gegen Abend drei Inseln gesehen. Dieselben Inseln wurden 1484 wiederum von einem Schiffscapitän aus Madeira gesehen, der sich in Folge dessen nach Portugal begab, um sich von der Regierung eine Caravele zu erbitten, mit welcher er jene Inseln entdecken wollte.
Ein anderer Pilot erzählte ihm in Puerto de Sta. Maria, daß er auf der Reise nach Irland Land gesehen, welches er für den Theil der Tatarei gehalten; schlechtes Wetter habe ihn aber abgehalten daselbst zu landen. Ebenso wollte auch ein Galicier, Pedro Velasques (oder Velasco), westlich von Irland Anzeichen von Land bemerkt haben. Und endlich kam auch der Portugiese Vicente Dias aus der Stadt Tavira in Algarbien mit der Nachricht heim, er habe auf der Rückfahrt von Guinea nach Madeira im Westen unbekanntes Land gesehen. Mit Unterstützung eines reichen Genuesen, Lucas de Cazzana, wurden in Folge dessen mehrere vergebliche Versuche gemacht, dieses Land aufzufinden.
Ob Columbus von der Fahrt des Johann von Kolno[161] gehört hatte, welcher 1476 von dem König Christian I. von Dänemark abgesandt worden, um die Verbindung mit Grönland wieder herzustellen, und welcher wahrscheinlich Labrador und den Eingang der später sogenannten Hudsonstraße sah, ist sehr fraglich, wenn sich auch später die Nachricht von dieser Entdeckung bis nach Spanien und Portugal verbreitete, wie daraus zu ersehen ist, daß Gomara in seiner Geschichte von Indien (Zaragoza 1553, S. 20) dieselbe erwähnt.[162]
Alle diese und ähnliche Mittheilungen über Inseln, welche im fernen westlichen Meere liegen sollten, gehörten aber nicht allein dem Zeitalter des Columbus an, sondern lassen sich bis ins classische Alterthum rückwärts verfolgen, wie bereits oben [S. 22] angedeutet ist.
Wichtiger noch war es, daß solche Angaben auch von den Verfertigern der Seekarten im 14. und 15. Jahrhundert mit verwendet wurden. Vor allem waren es die Italiener, welche, wie sie den Fortschritt der portugiesischen Entdeckungen mit größter Aufmerksamkeit verfolgten, auch die von ihren Landsleuten zuerst gesehenen Canarien und Açoren in die Karten einzeichneten (oben [S. 24]). Gradezu überraschend wirkt die Wahrnehmung, daß Andrea Bianco schon 1448 auf seiner Karte eine Andeutung von den Capverden machte, noch ehe dieselben, nachweisbar, von den Portugiesen betreten waren.[163] Aber daneben erscheinen auch andere Gebilde von Inseln, welche nur einer Sinnestäuschung der Seefahrer ihre Existenz verdankten. Zu diesen gehört namentlich die Insel Antilia, welche seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts auftauchte und uns zuerst auf einer im Jahre 1424 gezeichneten und in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar aufbewahrten Karte entgegentritt.[164] Ebenso findet sich diese Insel auf den Karten des Battista Beccario vom Jahre 1426 (in München) und vom Jahre 1435 (in Parma). Westlich von den Açoren und etwa 15° vom Cap Finisterre in Galicien erstreckt sich auf der letztern (vom Jahre 1435) eine Inselkette von Norden nach Süden, vom Parallel der Gironde bis zu dem von Gibraltar, und führt die Inschrift: Insule de novo reperte. Von den zwei größeren Inseln ist die südliche Antilia genannt.[165] Auch Andrea Bianco wiederholt 1436 das Bild von Antilia (ya de antillia) und fügt hinzu, daß nach der Inselgruppe spanische Schiffe gelangt seien (questoxe mar de spagna). Ihm folgt 1476 Andrea Benincasa von Ancona und zeichnet das Bild der Insel wie Bianco, während Martin Behaim dieselbe auf seinem Globus (siehe Beilage) weiter südlich hart an die Grenzlinie der heißen Zone versetzt.
Diese Insel hat eine gewisse Bedeutung in dem Plane des Columbus gehabt und hat, wenn auch nicht ihre damals bereits ziemlich unbestimmte Existenz, so doch wenigstens ihren Namen gerettet und auf die westindische Inselflur vererbt.