Werfen wir zunächst einen Blick auf das frühere Leben dieses merkwürdigen Mannes, auf die Zeit, in welcher er das Schicksal so mancher seiner Zeitgenossen und Landsleute, die sich dem Seegewerbe widmeten, theilte.
Auf die Ehre, die Geburtsstätte des Columbus gewesen zu sein, haben viele Orte Italiens Anspruch erhoben: Albisola, Bogliasco, Chiavara, Cogoleto, Nervi, Oneglia, Pradello, Quinto, Savona, Genua; aber Columbus selbst bezeugt in seinem Testamente zweimal, daß er in der Stadt (ciudad de Genova) geboren sei, so daß damit die rechtmäßige Entscheidung gegeben ist.
Er stammte also aus derjenigen Seestadt, welche den weitgehendsten Einfluß auf die Entwicklung des Seewesens in Westeuropa bereits seit mehreren Jahrhunderten gehabt hatte. Denn schon in den Jahren 1116 und 1120 waren genuesische Schiffsbaumeister und Seeleute nach Spanien gerufen, um die Küsten des Landes vor den maurischen Seeräubern zu schützen, und im 13. und 14. Jahrhundert wurden Genuesen zum Range castilischer Admirale erhoben.
Genuesen hatten bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts (s. o. [S. 23]) den Versuch gewagt, einen Seeweg nach Indien, um Afrika herum, aufzufinden, und hatten vielleicht um dieselbe Zeit schon die canarischen Inseln wieder aufgefunden. Der König Diniz III. von Portugal stellte 1307 einen Genuesen an die Spitze der Flotte und noch unter Heinrich dem Seefahrer zeichneten sich die Söhne Genuas bei den Entdeckungsfahrten aus: Perestrello, ein Vorfahr des Schwiegervaters des Columbus, wird als der Wiederentdecker von Porto Santo genannt, Antonio de Noli fand 1460 die capverdischen Inseln (s. o. [S. 96]).
Auch in Frankreich und England nahmen seit dem 13. und 14. Jahrhundert die Könige genuesische Seeleute in ihren Dienst und vertrauten ihnen die Führung von Seegeschwadern an.[151] Diesem selben Zuge der genuesischen Jugend, in den westlichen Ländern am Ocean und auf dem Ocean selbst ihr Glück zu suchen, folgte auch Columbus.
Ueber sein Geburtsjahr ist viel gestritten worden. Man hat dafür die Jahre 1436, 1446 und 1456 angenommen. Die Ursache dieser auffälligen Schwankungen liegt in den einander widerstreitenden Angaben, wobei, je nach der Berechnung der Zeiträume, auch noch die geringeren Abweichungen bezüglich der Jahre 1435 bis 1437 oder 1445 bis 47 vorkommen. Der Beweis für das Jahr 1436 stützt sich vornehmlich auf die Aussage eines zeitgenössischen Geschichtschreibers, welcher persönlich mit Columbus bekannt war, auf Andres Bernaldez (Historia de los Reyes catolicos D. Fernando y Da. Isabel, Sevilla 1870), welcher von 1488 bis 1513 Geistlicher im Städtchen Los Palacios bei Sevilla war, und den Entdecker der neuen Welt bei seiner glücklichen Heimkehr von seiner zweiten Reise als Gast bei sich sah. Bernaldez schreibt, daß Columbus in gutem Greisenalter, im Alter von 70 Jahren etwa gestorben sei. (Murió in senectute bona de edad de setenta años poco mas o menos.) Nach dieser Angabe wäre Columbus also etwa 32 Jahre älter gewesen als sein jüngster Bruder Diego, welcher bestimmt im Jahre 1468 geboren ist. Aber Bernaldez hat sich durch das graue Haar des Entdeckers täuschen lassen und wußte nicht, daß Columbus schon mit 30 Jahren ganz weiß geworden war.
Nach einer zweiten Ansicht, welche besonders von Peschel vertreten wurde,[152] soll Columbus 1456 geboren sein. Columbus schreibt nämlich am 7. Juli 1493, er sei in einem Alter von 28 Jahren in den Dienst der spanischen Krone getreten,[153] und erwähnt am 14. Jan. 1493, daß er den kommenden 20. Januar den katholischen Majestäten gerade 7 Jahre gedient habe.[154] Sein Eintritt erfolgte demnach 1486 und sein Geburtsjahr würde um 1458 zu setzen sein. Andererseits sagt aber der Entdecker am 21. Dec. 1492, er sei fast ohne Unterbrechung 23 Jahre auf See gewesen,[155] also seit 1470. Nimmt man dazu die Angabe der „vida del Almirante“, welche selbst behauptet[156] von seinem Sohne Ferdinand geschrieben zu sein, daß der Vater schon in seinem 14. Jahre auf die See gegangen sei, so mußte Christoph Columbus 1456 geboren sein.
Allein dagegen ist mit Recht eingewendet, daß Columbus von 1483 bis 1492 fast gar keine Seereisen mehr gemacht hat und seit 1486 sich beständig in Spanien aufhielt, daß demnach der Ausgangspunkt, von dem die 23 Jahre ununterbrochener Seefahrten an rückwärts zu zählen sei, in das Jahr 1483 zu setzen sei, so daß also Columbus seit 1460 etwa das Seegewerbe betrieben habe. Dazu stimmt ferner, daß Columbus 1501 erklärt, er befahre nun bereits seit mehr als 40 Jahren das Meer. Kam er nun sehr jung, im 14. Jahre, aufs Schiff, so müßte er 1446 geboren sein.
Diese Ansicht vertheidigt besonders d’Avezac.[157] Den Widerstreit gegen die eigene Angabe des Columbus, er sei in seinem 28. Jahre in spanische Dienste getreten, löst d’Avezac scheinbar gewaltsam, indem er, wie vor ihm bereits Navarrete, die Zahl 28 für einen Schreibfehler erklärt und behauptet, Columbus hätte schreiben müssen, im 38. Jahre.[158]
Aber d’Avezac verstärkt seine Hypothese durch den Hinweis auf eine gerichtliche Urkunde vom Jahre 1472, in welcher Columbus zweimal als Zeuge vor dem Gericht in Savona, wo sein Vater damals wohnte, aufgeführt wird als: Christopherus Columbus, lanarius de Janua, annos Laetoriae legis egressus. Da nun das Lätorische Gesetz sich auf das 25. Lebensjahr bezieht und Columbus 1472 dieses Jahr bereits überschritten hatte, so kann er unmöglich 1456, wohl aber 1446 geboren sein. Auch in den Jahren 1473 und 1476 wird Columbus zusammen mit seinem Bruder noch in den Gerichtsacten Genuas genannt. Es ist immerhin möglich, daß er, wenn er auch zeitweilig das Handwerk seines Vaters, die Wollweberei betrieb, doch daneben auch kleinere Seereisen unternahm, von denen er nach seiner Vaterstadt zurückkehrte.