Einzelne Schiffe wagten sich später wieder in die chinesischen Gewässer, wandten sich aber weiter nordwärts nach Ningpo, wo sie sich anfänglich vorsichtiger benahmen, um an dem lebhaften Handel der Stadt theilnehmen zu können. Aber mit den wachsenden Erfolgen stieg auch wieder der Uebermuth der Portugiesen; in Folge dessen sie in den vierziger Jahren wieder vertrieben wurden. Ningpo besaß aber eine lebhafte Verbindung mit Japan, und so gelangten die Portugiesen von hier nach jenem Inselreiche. In der Mitte des Jahrhunderts war China ihnen wieder verschlossen, nur auf Macao wußten sie sich zu behaupten und haben den kleinen Besitz auf der Halbinsel bis heute zu erhalten vermocht, von dem aus sie auch mit Kanton weiterhin in geschäftlicher Verbindung blieben, nachdem sie sich zur Zahlung einer Geldsumme bequemt hatten.
Die erste Bekanntschaft mit Japan machten die Portugiesen im Jahre 1542. Leider fließt hier die wichtigste historische Quelle so trübe, daß Wahrheit und Dichtung schwer zu unterscheiden ist. Es ist der Reisebericht des Fernão Mendez Pinto,[149] welcher 1539 nach Malaka kam, und nachdem er mehrere abenteuerliche Streifzüge nach Sumatra ausgeführt hatte, sich im folgenden Jahre mit Antonio de Faria nach China begab.
Der Piratenzug, an welchem sich Pinto betheiligte, scheint ihn mehrere Jahre in der Nähe und an den Küsten Chinas beschäftigt zu haben. So mochte er vielleicht vernommen haben, daß von der Mannschaft des Diogo de Freitas, welcher sich im Jahre 1542 in der alten Residenz von Siam, in Ayuthia befand, mehrere Leute desertirten und auf einer chinesischen Dschunke versteckt, dem „himmlischen Reiche“ zusteuerten, aber von einem Sturme nordwärts geführt unter dem 32° nördl. Br. bis an die Inseln der Japaner geführt wurden, wo sie auf Nipongi freundliche Aufnahme fanden. Sie waren die ersten Europäer, durch welche die Japaner mit Feuerwaffen bekannt gemacht wurden.
Pinto, dessen Erzählung von Richthofen als „ein Meer von Lügen“ bezeichnet, „in welchem man einzelne Inseln der Wahrheit findet“,[150] eignete sich selbst den Ruhm der Entdeckung zu und behauptete, einer von jenen Matrosen gewesen zu sein, aber er verlegte das Ereigniß um zwei Jahre zu spät. Da aber seine Darstellung und die Angabe von Ortsnamen wirkliche Kenntniß von Japan verräth, so ist es nicht unmöglich, daß er selbst, nachdem er vielleicht in Ningpo die Nachricht von jener ersten Entdeckung erhalten hatte, den südlichen japanischen Inseln, Tamga-sima und Kiusiu einen Besuch abgestattet hat. Eine klarere Vorstellung von jenem Inselreiche gewann man bald, seit Franz Xaver als erster Glaubensbote 1549 das Land betrat und bis 1551 mit großem Erfolge wirkte. Aber über Nippon hinaus nordwärts blieb Meer und Land in Dunkel gehüllt.
Auch China wurde noch in demselben Jahrhundert durch Augustiner- und Franziskanermönche genauer bekannt, welche von den Philippinen her 1577 zuerst in das große Reich eindrangen und ihr Bekehrungswerk begannen. So verdanken wir den Portugiesen nur die Kenntniß der Küsten, den spanischen Geistlichen die Kenntniß des Binnenlandes.
Die Thätigkeit der Portugiesen, welche in den ersten Decennien sowohl in Vorder-Indien als auch im Gebiet der Sunda-Inseln, einen so glänzenden Aufschwung genommen hatte, erlahmte sehr bald. Das kleine Reich hatte sich an Mitteln und Menschen erschöpft, es behauptete den errungenen Besitz nur noch mühsam, bis nach der Vereinigung Portugals mit Spanien im Jahre 1580 und nach der Vernichtung der spanischen Suprematie zur See die Holländer und Engländer in den indischen Gewässern erschienen und die ersten Entdecker der Gewürzländer aus ihrer Domäne verdrängten. Die Holländer übernahmen dann im folgenden Jahrhundert die Weiterführung der Entdeckungsfahrten, einerseits gegen Südosten nach Australien, andererseits gegen Nordosten über Japan hinaus bis an das ochotskische Meer und bis zu den Kurilen.
Zweites Capitel.
Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt.
1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik und das frühere Leben des Christoph Columbus.
Noch ehe die Portugiesen das Ziel ihrer langjährigen Anstrengungen zur See, Indien, zu erreichen vermochten, ja noch ehe sie das ihnen in den Weg geworfene Hinderniß, die plumpe Masse des ungegliederten Erdtheils Afrika, durch glückliche Umschiffung endlich überwunden hatten, tauchte ein anderes Project auf, das durch seine Kühnheit alle Welt stutzig machte und deshalb naturgemäß überall auf Widerspruch stieß, ein Project, das in seinem Kern von ganz richtigen Grundsätzen ausging und unter der damals nicht mehr bestrittenen Annahme von der Kugelgestalt der Erde den geraden Weg nach Westen über das völlig unbekannte Weltmeer als den nächsten und bequemsten Weg nach Indien oder überhaupt nach dem Ostrande der alten Welt vorschlug, deren Gestade, wie man aus den Erzählungen Marco Polos und seiner Nachfolger wußte, gleichfalls von einem unendlich scheinenden Ocean bespült wurden. Der Träger dieses Projects, wenn auch keinesweges der Schöpfer desselben, war ein Italiener Christofero Colombo oder, wie er mit der latinisirten Form seines Namens allgemein genannt wird, Columbus.
Italienern verdanken wir im Mittelalter den ersten folgenreichen Aufschwung der Nautik, Italiener waren die Lehrmeister der Portugiesen gewesen, ein Italiener entwarf zuerst den kühnen Plan einer Westfahrt nach Indien, ein Italiener führte den Gedanken aus, nach einem Italiener erhielt die neue Welt ihren Namen; Italiener waren zur selben Zeit auch die Leiter der Seeunternehmungen, welche von Frankreich und von England aus im westlichen Meere Entdeckungen machen sollten. Aber daß sie niemals in der Heimat eine hochherzige Unterstützung für ihre Pläne fanden, und ihre Ideen nur im Auslande verwerthen konnten, wo sie, nur von Fremden umgeben, und von nationaler Eifersucht bewacht, vielfach auf Widerstand stießen, hat mannigfache Verwicklungen und manche Wechselfälle in dem Leben der leitenden Persönlichkeiten veranlaßt; vor allem in dem tragischen Ausgange des berühmtesten von allen, des Columbus selbst.