11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan.
Mit den Söhnen aus dem Reiche der Mitte waren die Portugiesen zuerst in Malaka zusammengetroffen; es war eine durchaus friedliche Begegnung gewesen. Die Chinesen waren ohne Scheu, lediglich im Handelsinteresse, an die fremden Schiffe herangekommen, denn sie hatten sofort die nautische Ueberlegenheit der Portugiesen erkannt, und ebenso war es für diese wohlthuend gewesen, gegenüber dem schleichenden, unzuverlässigen Wesen der Malayen, in den Chinesen eine Klasse von Händlern zu finden, mit denen man auf gleichem Fuße verkehren konnte, und die auch nicht durch irgendwelche religiöse Satzungen an einem ungezwungenen Geschäftsleben gehindert wurden.
Es stand sicher zu erwarten, daß, sowie die Verhältnisse in Malaka etwas geregelter sich gestalteten, man zu weiterer Bekanntschaft gern die Hand bieten würde, um dadurch den begonnenen Handelsverkehr noch mehr zu beleben. Leider sollte man bald die Erfahrung machen, daß der Chinese in der Fremde weit zugänglicher ist als in seinem Heimatlande.
Im Juli 1514 war Jorge d’Albuquerque Befehlshaber in Malaka geworden, im folgenden Jahre sandte er den Rafael Perestrello mit zehn Leuten in einer chinesischen Dschunke nach China, um das Land zu erkunden, von da kehrte er in einer Brigantine, die er auf seine Kosten ausgerüstet hatte, mit reicher Ladung nach Kotschin zurück.[145]
Kurz vorher langte der neue Generalstatthalter Lopo Soarez aus Portugal an; in seiner Begleitung kam Fernão Perez d’Andrade, um auf Befehl der portugiesischen Regierung eine Flotte nach China zu führen.
Andrade begab sich zunächst nach Sumatra, um eine Ladung Pfeffer einzunehmen, welche man in China gegen andere Waaren vertauschen wollte. Leider wurde er durch den Verlust seines besten Schiffes, welches durch Feuer zerstört wurde, genöthigt, sich nach Malaka zu begeben, und brach von hier am 12. August 1516 von neuem auf, obwohl die beste Jahreszeit ihrem Ende entgegen ging; denn es lag dem neuen Statthalter von Malaka, de Brito, daran, zu erfahren, was aus Perestrello geworden sei, von dem man damals noch nichts gehört hatte. Andrade kam aber nur bis zur Küste von Kotschinschina, nahm auf der wichtigen Insel (Pulo) Kondor, welche vor der Mündung des Mechong liegt und gegenwärtig im Besitz der Franzosen ist, Wasser ein, und kehrte, durch Stürme genöthigt, über den Hafen Patani, an der Ostküste der Halbinsel Malaka, nach dem Hafen von Malaka zurück. Nur das Schiff des Duarte Coelho blieb aus; dasselbe lief in die Mündung des Menam in Siam ein, blieb dort während der schlechten Jahreszeit und ging dann von hier aus allein nach China, wo Andrade wieder mit ihm zusammentraf. In der Zwischenzeit war Perestrello hier eingelaufen und dann weiter nach Kotschin gegangen. Der merkantile Erfolg seiner Reise spornte Andrade an, im Juli 1517 zum zweiten Male seine Fahrt nach China anzutreten. Ohne Zwischenfälle erreichte er am 15. August die Küste von Süd-China und ließ an der Insel Tamão (Tamong) die Anker fallen.[146]
Andrade’s Flotte bestand aus vier portugiesischen und vier malayischen Schiffen. An der Küste fand er chinesische Schiffswachten gegen die Piraten postirt. Auch bestand die Einrichtung, daß die Schiffe, welche in den Fluß einlaufen wollten, von den chinesischen Behörden mit Pässen versehen werden mußten. Nach mancherlei Verzögerungen und Plackereien von Seiten der chinesischen Beamten erhielt Andrade Lotsen, welche ihn nach Kanton brachten. Die Absendung einer Gesandtschaft, welche im Namen des Königs von Portugal dem Kaiser von China Geschenke überreichen sollte, zog sich aber in die Länge, weil der Statthalter von Kanton erst am kaiserlichen Hofe um die Genehmigung zur Abfertigung der Gesandtschaft nachsuchen mußte. In dem ungesunden Klima von Kanton starben viele Portugiesen, so daß Andrade es gerathen fand, nach der Insel Tamao zurückzugehen. Von hier sandte er den Duarte Coelho nach Malaka zurück, um über den günstigen Verlauf seines Unternehmens Bericht zu erstatten. Ein anderes Schiff unter Jorge Mascarenhas wurde auf Kundschaft weiter nach Norden geschickt, um Nachrichten über das Land der Lequios einzuziehen. Mascarenhas kam bis nach Tsiuan-tschau an der Fukianstraße, der Insel Formosa gegenüber, und fand in diesem weniger besuchten Hafen viel vortheilhaftere Handelsverhältnisse, da man die chinesischen Artikel viel billiger eintauschen und die mitgebrachten Waaren viel höher verwerthen konnte. Auch erfuhr Mascarenhas dort, daß das Land Lequia, worunter in engerem Sinne die zu Japan gehörigen Liukiu-Inseln und im weiteren Sinne das japanische Reich selbst zu verstehen ist, noch über hundert Meilen weiter nordwärts liege.
Nach einem Aufenthalte von vierzehn Monaten entschloß sich Andrade, China wieder zu verlassen. Dazu nöthigte ihn besonders die Nachricht, daß Malaka wieder von den malayischen Fürsten der Nachbarschaft ernstlich bedroht sei. Ehe er wieder in See ging, ließ er in Kanton und im Hafen von Tamao ausrufen, daß, wenn irgend ein Chinese von den Portugiesen geschädigt sei, derselbe sich melden und seine Entschädigung erhalten solle. Dieses Verfahren wurde von den Chinesen ihm hoch angerechnet und gab ihnen einen Begriff von der Gerechtigkeitsliebe der Fremden.[147] Der portugiesische Gesandte Thomas Perez blieb auf Tamao zurück, bis er endlich, nach dreimaliger Anfrage, die Erlaubniß erhielt, an dem kaiserlichen Hofe zu erscheinen. So konnte er erst im Januar 1520 seine Reise antreten. Inzwischen war aber im August 1519 Simão d’Andrade, der Bruder des Fernão Perez, mit einem zweiten Geschwader vor Tamao erschienen. Thomas Perez fuhr zuerst zu Schiffe bis an die südliche Grenze der Provinz Fukian und begab sich dann zu Lande nach Nanking und von da weiter nach Peking. Da der Kaiser sich aber zu jener Zeit noch in den nördlichen Grenzländern aufhielt, so erfolgte die Audienz erst im Jahre 1521. Während dieser Zeit waren aber über das Benehmen der Portugiesen höchst ungünstige Nachrichten eingelaufen, welche mit der von dem Fernão Perez d’Andrade laut verkündigten Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in grellem Widerspruche standen. Simão d’Andrade, unvorsichtig und rücksichtslos, hatte die Zeit benutzt, um sich, ohne dazu von den chinesischen Behörden die Erlaubniß zu haben, auf Tamao zu befestigen, angeblich, um sich dadurch gegen die Angriffe von Seeräubern zu decken. Sodann wurde gemeldet, daß Simão d’Andrade vor seiner Abreise einige Kinder angesehener Eltern, allerdings ohne zu wissen, daß dieselben ihrer Familie gestohlen waren, aufgekauft und mit nach Indien genommen hatte. Endlich waren auch Abgesandte des Fürsten der Insel Bintang bei Malaka erschienen, welche ihren Herren als einen Lehnsmann des Kaisers bezeichneten, welcher ein Recht auf die Hilfe der Chinesen habe, da die Portugiesen ihm einen Theil seines Reiches genommen hätten, und welche erklärten, daß die letzteren nur zum Zweck der Eroberung ihre Fahrten bis China ausdehnten. Die Folge dieser Nachrichten war, daß der Kaiser Befehl gab, den portugiesischen Gesandten nach Kanton zurückzuschaffen und dort als Gefangenen zurückzuhalten, bis die Portugiesen in allen Stücken Ersatz geleistet hätten. Ihre Schiffe wurden gleichfalls mit Beschlag belegt und kein Portugiese mehr in einen Hafen zugelassen, denn der Kaiser wollte solche eigenmächtige, streitsüchtige und habgierige Leute in seinen Landen nicht dulden.[148]
Darum wurde Duarte Coelho, als er im Juni 1521 wieder mit zwei Schiffen vor Tamao erschien, von den Chinesen angegriffen. Er wies zwar mit seinen Kanonen den feindlichen Angriff zurück und befreite noch eins der portugiesischen Schiffe, aber Perez und sein Gefolge blieben als Gefangene zurück und wurden nicht freigegeben. Der abenteuernde Reisende Mendez Pinto wollte sogar im Jahre 1550 noch einige davon am Leben getroffen haben. Dagegen behauptet Barros, Thomas Perez sei mit allen seinen Mitgefangenen etwa ums Jahr 1523 hingerichtet. Ebenso schlug ein erneuter Versuch, welchen Martin Affonso de Mello Coutinho 1522 wagte, vollständig fehl, die Beziehungen zu China wieder anzuknüpfen. Die Chinesen griffen sein Geschwader von fünf Schiffen an, eroberten eins derselben und sprengten ein zweites in die Luft, so daß Coutinho die übrigen mit Mühe nach Malaka zurück rettete. So hatte also das unüberlegte Verfahren Simãos d’Andrade auf längere Zeit die nachtheiligsten Folgen.